Baden Württemberg: Erdrückt von Exzellenz

Baden Württemberg ist als der eindeutige Sieger aus der Exzellenzinitiative vorgegangen. Vier der neun gekürten Eliteuniversitäten stammen von hier (Karlsruhe, Konstanz, Freiburg, Heidelberg). Angesichts dieser geballten Kraft klassischer wissenschaftlicher Exzellenz, haben es Perspektiven einer eher thematischen Ausrichtung des Wissenschaftssystems schwer – auch wenn an vielen der ausgezeichneten Universitäten starke Bereiche einer mindestens interdisziplinären Umweltforschung (z.B. am KIT, Karlsruhe oder dem Zentrum für Erneuerbare Energie (ZEE) an der Universität Freiburg) präsent sind.

Einige kleinere Hochschulen (z.B. die vom Stifterverband ausgezeichnete Fachhochschule Rottenburg) nutzen dies für ganz bewusste Nischenstrategien. Mit dem Öko-Institut Freiburg verfügt Baden Württemberg zudem über die Pionierinstitution im Bereich der nachhaltigkeits-orientierten freien Forschungsinstitute.

Man wird in den kommenden Jahren sehen, ob es bei solchen Nischenstrategien bleibt oder Baden-Württemberg außer Hochdeutsch wirklich alles kann – eben auch seine Spitzenforschung noch stärker auf die gesellschaftlichen Schlüsselherausforderungen des 21. Jahrhunderts hin auszurichten.

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2 Gedanken zu „Baden Württemberg: Erdrückt von Exzellenz“

  1. Die Fokussierung auf die Exzellenzinitiative ist hier in der Tat sehr zu spüren und anhand der beschriebenen Potenzialen ist es sehr schade, dass die Nachhaltigkeitsforschung keine größere Rolle an den Hochschulen spielt, bzw. sehr technisch geprägt ist. Dies ist umso bedauerlicher, da hier bei vielen Mittelständlern ein großes Interesse an Themen der Nachhaltigkeit besteht. Mir ist dies schon bei zahlreichren Gesprächen hier in der Region Ulm mit Stiftern meines Lehrstuhls und darüber hinaus deutlich geworden. Auch bei der Bevölkerung in den Städten stößt das Thema auf eine große Resonanz. Das car2go Projekt von Daimler hier in Ulm ist dafür ein schöner Beleg. Die Hochschulen im „Ländle“ sollten mehr darüber nachdenken, ob eine Hochschule nicht auch eine regionale Funktion und Aufgabe hat. Mir gegenüber wurde immer wieder geäußert, dass viele kleine Mittelständler sich eine aktivere Rolle der Hochschulen wünschen würden. Die Frage ist natürlich, ob eine dies bei allem streben nach Exzellenz überhaupt möglich/wünschenswert ist?

    Martin Müller
    Stiftungslehrstuhl Nachhaltiges Wissen, nachhaltige Bildung, nachhaltiges Wirtschaften, Universität Ulm

  2. Die Frage ist, von was man sich bei der Beurteilung der Aktivitäten in den Bundesländern leiten lässt. Vom Lehrangebot? Von der Forschung? Von den Strukturen mit entsprechenden populären Nachhaltigkeitslabel?

    Zum Lehrangebot:
    Es gibt im Ländle einiges zum Thema Umwelt & Nachhaltigkeit zu studieren, gerade auch an den Fachhochschulen. Aber zugegeben: Andere Bundesländer sind hier offensiver. Wichtig ist jedoch, wie stark das Thema auch in den klassischen Fächern innerhalb der Curricula aufgegriffen wird, im Maschinenbau, in der BWL oder in der Chemie. Und da sehe ich ein beträchtliches Angebot in Baden-Württemberg, gerade auch durch die Exzellenz! Schließlich die Frage: Sind wir wirklich schon so weit, dass wir ein eigenes Studium zu Nachhaltigkeitswissenschaft etc. anbieten können? Oder bedarf es nicht einer soliden methodischen Verankerung in den klassischen Disziplinen?

    Zur Forschung:
    Hier ist auf die Landesprogramme BWPLUS oder die Vorläufer PEF, PAÖ etc. hinzuweisen. Besonders die Aktivitäten im KIT stellen einen Aktivposten dar! Aber auch hier gilt wieder: Man müsste die konkreten Forschungsleistungen in den verschiedenen Fachdisziplinen abgreifen, die mit Umwelt und Nachhaltigkeit zu tun haben, es aber nicht unter diesen Stichworten primär kommunizieren. Da gibt es nämlich viel in BW – gerade auch im Ingenieursbereich.

    Zu den Strukturen:
    Öko-Institut Freiburg und ifeu Heidelberg waren vor über 30 Jahren die ersten unabhängigen Umweltinstitute überhaupt – außerhalb der Hochschulstrukturen. Die Auswirkung dieser Entwicklung und die Wechselwirkungen zw. außer-universitärer und universitärer Forschung wären bestimmt spannend, mal zu untersuchen. Andere Bundesländer haben hier andere Wege beschritten, z.B. durch Gründung solcher Zentren wie dem Wuppertal-Institut. Ich kann mich noch an Diskussionen im Umweltministerium erinnern, wo von einer solchen „Verstaatlichung“ der Umweltforschungsstruktur abgeraten wurde, weil dadurch die Vielfalt und Existenz der bestehenden Institutionen in Baden-Württemberg gefährdert worden wäre.

    Fazit:
    Die Analyse müsste man schon etwas detaillierter durchführen. Landesspezifika sind zu berücksichtigen. Ich sehe für Baden-Württemberg eine gute, aber natürlich verbesserbare Bilanz.

    Mario Schmidt
    Professur für ökologische Unternehmensführung
    Hochschule Pforzheim

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