Wohin läuft das Wissenschaftssystem? – Ein Kommentar zur Veranstaltung am 07.05.2012 im ProjektzentrumBerlin der Stiftung Mercator

Was in der von Thomas Korbun vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung wieder äußerst sachkundig moderierten Diskussion gefallen hat, war die Offenheit aller Beteiligten. Keine Seite verschwieg die Defizite, die in allen in den letzten Jahren gestarteten Initiativen immer noch sichtbar werden: Armin Grunwald und Wolfgang Rohe thematisierten den „Double Bind“ zwischen gesellschaftlicher Relevanz und disziplinärer Forschungsexzellenz aller großen auf Transformation zielender Vorreiterverbünde ganz offen. Und gerade die besonders ambitionierten Vorhaben wie die Helmholtz-Allianz zur Energiewende werden dabei argwöhnisch als Experiment beobachtet – im Wissen, dass ein Scheitern gute Gründe liefert, es mit der Transdisziplinarität erst einmal wieder ruhig angehen zu lassen. Auch Eugen Huthmacher machte deutlich, dass die Agendakonferenzen und Beteiligungsverfahren für neue Forschungsprogramme bei weitem noch nicht das Maß an (zivilgesellschaftlicher) Einbindung erreicht haben, das man sich wünscht. Und auch Dieter Lenzen konnte die Enttäuschung nicht vollständig verbergen, dass das Hamburger Zukunftskonzept für eine „Nachhaltige Universität“ als äußerst innovativ von den Gutachtern der Vorrunde der Exzellenzinitiative gewürdigt wurde, man aber die Bewerbung der Uni dennoch aus dem Wettbewerb nahm, da man von der klassischen Exzellenzsubstanz der Universität nicht überzeugt war.

Daher zeigt sich umso deutlicher: In diesem Wissenschaftsjahr Nachhaltigkeit und ein Jahr nach Fukushima und Energiewende ist einiges losgetreten in Richtung gesellschaftsrelevante und nachhaltiger Wissenschaft. Aber die Gefahr der fehlenden Verstetigung liegt in der Luft. Zu groß ist die Tendenz, dass das System schon bald in seine alte Potenzialmulde zurückfällt – durch die Sorge um Exzellenzverstetigung und Bewältigung des Studierendenberges getrieben.
Die Diskussion im ProjektZentrumBerlin konzentrierte sich daher auch darauf, von wo die Impulse für eine Verstetigung herkommen können. Wer kann künftiger Motor für eine transformative Wissenschaft sein?
Eine häufig genannte Antwort in Berlin war: die Zivilgesellschaft. Diese ist wissenschaftspolitisch aufgewacht. Sie hat erkannt, dass sich Gesellschaftspolitik nur machen lässt, wenn man auch Einfluss darauf nimmt, welche Köpfe und welches Wissen in den Universitäten und Forschungseinrichtungen prägend sind. Die erstmalig im Jahr 2012 prominent formulierten Wissenschaftspositionen der großen Umweltverbände sind Ausdruck davon. Gleichzeitig war allen Beteiligten in Berlin klar, dass es noch einen erheblichen Aufbau von „wissenschaftspolitischer Literacy“ in der Zivilgesellschaft braucht, um sich auf gleicher Augenhöhe in die wissenschaftspolitischen Diskussionen einzumischen. Hier kann auch das BMBF einiges dazu beitragen, indem es zivilgesellschaftliche Akteure bei den Möglichkeiten und dem Fähigkeitsaufbau zu aktiver wissenschaftspolitischer Teilhabe unterstützt.
Ein ähnlicher Impetus kann von den Fachpolitikern ausgehen. Umwelt-, Agrar-, Verkehrs- und Wirtschaftspolitiker in den politischen Fraktionen merken immer mehr, dass sie die Bedeutung des Themas Wissenschaftspolitik für die konkrete Gestaltung ihrer Themenfelder unterschätzt haben. Hier beginnt langsam ein Umdenken. Denn letztlich bestimmen die Köpfe und Forschungskapazitäten im Wissenschaftssystem, welche Handlungsoptionen für konkrete Politikfelder überhaupt substantiell vor- und durchdacht werden. Dies kann zu einem neuen Stellenwert einer inhaltsorientierten Wissenschaftspolitik in der politischen Debatte führen.

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