Rio+20 und die Wissenschaft

Auf der Jahreskonferenz des Nachhaltigkeitsrates der Bundesregierung – Konferenz „WegeWissenWirkungen“ am 25.06. präsentierten sich vor allem Unternehmensvertreter als engagierte Avantgarde zur Umsetzung der Agenda einer ambitionierten Nachhaltigkeitsagenda. Der Konzern PUMA beispielsweise treibt als erster Sportartikelhersteller eine vollständige Erfassung der ökologischen und sozialen Kosten im Produktionsprozess vor

Neue Kooperationen, mit neuer Kapazität und neuen Strategien – so könnte man den Dreiklang der hier nur beispielhaft skizzierten Veranstaltungen zusammenfassen. Die öffentliche Agenda – nicht nur in Deutschland – und die zahlreichen konstruktiven Side-Events in Rio sind Ausdruck einer neuen kraftvollen Bewegung zivilgesellschaftlicher und wirtschaftlicher Akteure. Vorreiter-Allianzen und Pioniere des Wandels gestalten eine Agenda des Wandels jenseits der gescheiterten internationalen Verhandlungen. Diese gilt es zu stärken, denn die notwendigen Impulse werden derzeit vor allem aus nicht-staatlichen Sektoren generiert.

Transformative Bildung für die Pioniere des Wandels

Ein Grund für die Konzentration der Treiber auf nicht-staatliche Akteure mag sein, dass es bei den anstehenden Veränderungen hin zu einer globalen Verantwortung nicht um eine bloße politische Reform, sondern um eine tiefgreifende strukturelle Transformation bestehender gesellschaftlicher Systeme geht. Das machte zuletzt der WBGU in seinem Gutachten „Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation“ deutlich. Als wesentliche Strategie für diese strukturellen Wandlungsprozesse führt der WBGU die Konzepte der Transformativen Bildung und der Transformativen Forschung ein. Die Transformative Bildung beschreibt der WBGU als eine Bildung zur Teilhabe, die auf einem fundierten Verständnis der globalen Handlungsnotwendigkeiten basiert und gleichzeitig Strategien für mögliche Handlungsperspektiven entwickeln lässt. Die Transformative Forschung unterstützt Prozesse des gezielten Umbaus in relevanten Sektoren, von der Konsumforschung bis hin zur Forschung zu innovativen Effizienztechnologien. Beide Strategien zusammen können den jetzt engagierten Akteuren entscheidende Werkzeuge an die Hand geben um ihre Herausforderungen anzugehen.

Notwendig ist sowohl eine kurzfristige Professionalisierung von „leaders for sustainable development“/ Pionieren des Wandels, als auch ein langfristiges Lernen für einen umfassenden Wertewandel für große Teile der Bevölkerung.

Pioniere des Wandels, also Akteure, die gesellschaftliche Veränderungen vordenken und etablieren wollen, brauchen neben Fachwissen auch Zielwissen, Systemwissen und Transformationswissen. Eine gezielte Aus- und Weiterbildung von Pionieren der großen Transformation erfordert den Erwerb von leadership Kompetenzen. Neben normativen Kompetenzen und der Kompetenz vorausschauend denken zu können, benötigen die Pioniere vor allem auch strategische Kompetenz. Im Mittelpunkt steht die interpersonelle Kompetenz, die es ermöglicht Kooperation zu gestalten und Netzwerke aufzubauen. Transformative Bildung in diesem Kontext bezieht sich also vorrangig auf die Entwicklung, Verinnerlichung und Anwendung eines Wissens über Transformationsprozesse.

Konsum- und Lebensstile, die sich an Prinzipien der Generationengerechtigkeit oder der Suffizienz orientieren, erfordern jedoch auch von dem Großteil der Menschen in den Industrie- und Schwellenländern einen Bewusstseinswandel, der das eigene Sein in der Welt massiv und kontinuierlich in Frage stellt. In diesem Sinn ermöglicht eine Transformative Bildung einen tiefgreifenden strukturellen Wandel in den grundlegenden Ansichten, Gefühlen und Handlungen eines Menschen. Dieser Bewusstseinswandel kann mit Theorien des Transformativen Lernens beschrieben werden. Der Mensch, der sich in einen transformativen Lernprozess begibt, erfährt ein „In-Beziehung-stehen“ mit der menschlichen und natürlichen Umwelt.

Eine Folge dieses „In-Beziehung-Stehens“ kann die stärkere Wahrnehmung der Verbindung zu den natürlichen Lebensgrundlagen und der menschlichen Umwelt, die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die Folgen der eigenen Handlungen und eine damit einhergehende Verbesserung der eigenen Reflexivität. Der oder die Lernende erlebt eine permanente Verschränkung von Reflexion und Handlung. Eine Transformative Bildung ist aus diesem Grund eine Bildung der Offenheit und des experimentellen Lernens, die langfristig dazu führt, dass Lernende motiviert werden einen sozialen Wandel aktiv zu gestalten. Transformative Bildung kann daher entscheidend dazu beitragen die Pioniere des Wandels dazu zu befähigen das aktuelle globale Politikversagen zu kompensieren.

Bildung wird nicht zuletzt seit dem Ausruf der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung 2005-2014 als ein Schlüsselfaktor für die große Transformation betrachtet, der auch im Abschlussdokument von Rio+20 breit diskutiert wurde.