Rio+20 und die Wissenschaft

Transformative Forschung und die veränderte Rolle der Wissenschaft

Das Scheitern in Rio ist nach Ansicht vieler Expert_innen auch ein Scheitern der Wissenschaft und sollte daher von der wissenschaftlichen Community ernst genommen werden. Im Hinblick auf die große gesellschaftliche Transformation, kommt der Wissenschaft eine Schlüsselrolle zu, die das klassische Wissenschaftsverständnis in Frage stellt und ein verändertes Selbstverständnis erfordert. Der WBGU hat diese Art der Wissenschaft Transformative Forschung genannt. Neben der Erforschung technologischer Innovationen werden transdisziplinäre Forschungsprojekte zu sozialen Bewegungen und gesellschaftlichen Veränderungen benötigt. Transformationswissen wird in allen Bereichen einer nicht-nachhaltigen Entwicklung benötigt. Es sollten gezielter Erkenntnisse über Transformationstrategien und Übergänge auf kommunaler, nationaler und globaler Ebene generiert werden.

Das gilt insbesondere für eine ökonomische Forschung jenseits einer einfach gedachten „Green Economy“:

Unter welchen Bedingungen kann ein neuer Wohlstandsindex nicht nur entwickelt, sondern auch gesellschaftlich/politisch umgesetzt werden?
Wie kommt es zu dem enormen Erfolg der vielen transition town Initiativen weltweit und welchen Beitrag können Sie für eine gesellschaftliche Transformation leisten?
Wie kann ein suffizienter Lebensstil breit adaptierbar und salonfähig gemacht werden?

Forschung zu diesen und ähnlichen Fragestellungen ist in einem hohen Maß kontextualisiert, d.h. spezialisiert und rückbezogen auf den jeweiligen Kontext des Forschungsfeldes. Neben dem transdisziplinärem Ansatz und der damit einhergehenden konsequenten Beteiligung gesellschaftlicher Akteure im Forschungsprozess – könnte sich eine Transformative Forschung rückbeziehen auf klassische Modelle der Aktions- und Handlungsforschung. Der gezielte Eingriff der Wissenschaftler_innen in den Kontext des Untersuchungsfeldes markiert das Ziel der Aktionsforschung – die Lösung gesellschaftlicher Problemstellungen.

Im Rahmen einer Kontextualisierung von Forschung, wäre zu überlegen, ob Forschung zu gesellschaftlichen Transformationsprozessen nicht viel stärker auf der jeweiligen Ebene der Betrachtung der gesellschaftlichen Wandlung anzusiedeln ist: lokale Forschung zu lokalen Fragestellungen, nationale Forschung zur Untersuchung nationaler Wandlungsprozesse und globale Forschung bspw. zu den Blockaden globaler Aushandlungsprozesse. Dies sprengt jedoch die klassische Differenzierung der Wissenschaft in ihre Disziplinen und die damit verbundenen spezialisierten Fachgemeinschaften. Die transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung hat in der Überwindung der Disziplingrenzen entscheidende Entwicklungen vorangetrieben, auch in der Integration verschiedener methodischer Ansätze. Die Transformative Forschung kann hier noch einen Schritt weitergehen und Modelle einer Forschung für Übergänge und Transformationen entwickeln.

Mut für neue Kooperationen und Allianzen

Die ernüchternden Ergebnisse von Rio öffnen den Weg für neue Kooperationen und Allianzen mit einer Mentalität des „Selbst-in-die-Hand-nehmens“. Transformative Bildung und Transformative Forschung können dabei entscheidende Werkzeuge für diejenigen sein, die diese neuen Allianzen gestalten. Die Akteure ziehen sich quer durch das Wissenschaftssystem. In Deutschland ist das NaWis-Netzwerk aus Hochschulen und außeruniversitären Instituten (nachaltigewissenschaft.blog.de nur ein Beispiel dafür. Weitere Erfolgsgeschichten sind das Netzwerk Wachstumswende – ein transdisziplinärer Think Tank von Nachwuchswissenschaftler_innen für eine Postwachstumsgesellschaft – sowie das Netzwerk Nachhaltigkeitsinitiativen, in dem sich Studierende und Promovierende für die Gestaltung einer nachhaltigen Hochschulandschaft einsetzen (nachhaltige-hochschulen.de).

Diese Kooperationen zeigen eine neue Qualität von wissenschaftlichen Netzwerken für die große Transformation, die es zu nutzen und auszubauen gilt. Die gerade erst veröffentlichten Memoranden von führenden Wissenschaftler_innen in der sozial-ökologischen Forschung und der UNESCO zeigen diese Kraft der Kooperation.

Vielleicht gilt es 20 Jahre nach der ersten Rio Konferenz das Thema der Nachhaltigkeit und Wissenschaft noch einmal auf den Kopf zu stellen: lokal forschen und denken, global (fair)handeln – könnte dazu ein hilfreiches Label sein.