Nachhaltige Wissenschaft – Wie kommen wir voran? Dokumentation zur Veröffentlichung des Memorandums der Deutschen UNESCO Kommission

Manche Einwände zu „Wissenschaft für Nachhaltigkeit“ sind inzwischen im Konsens widerlegt und konnten auf der Veranstaltung routiniert gekontert werden. Zum Beispiel der Einwand, die im Grundgesetz verankerte Wissenschaftsfreiheit widerspräche der Orientierung auf gesellschaftlich vereinbarte Ziele. Richtig ist, dass die Ausrichtung der Forschung auf außerwissenschaftliche Ziele heute und immer schon üblich ist. Aktuelles Beispiel ist die Ausrichtung auf die Steigerung der wirtschaftlichen Innovationsfähigkeit (zum Beispiel im Rahmen der Lissabon-Strategie). Der Einwand zur Wissenschaftsfreiheit bedeute oft, sich aus der gesellschaftlichen Verantwortung zu stehlen, die ihr zukommt.

Ein weiterer üblicher Einwand besteht darin, transdisziplinäre Forschung abzulehnen, weil sie sich nicht dem wissenschaftlichen Exzellenzstandard stellen wolle; hier wird unterstellt, es handele sich um beliebige oder gar schlechte Forschung. Richtig ist vielmehr, dass Leistungsfähigkeit und Qualität von inter- und transdisziplinärer Forschung natürlich anhand von Kriterien beurteilt werden können und müssen, jedoch anhand von anderen als von disziplinär vereinbarten und etablierten Kriterien. Nachhaltigkeitsforschung stellt ganz zentral ab auf Kernelemente des Forschungsdrangs, Neugier, Kritik und Überraschung. Auch wenn die Kritik am Exzellenzbegriff, nämlich die Gefahr der Hierarchisierung und Disziplinierung durchaus gesehen wurde, argumentierte das Podium unzweideutig für den Exzellenzbegriff, aber innerhalb eines ganz anderen Wissenschaftsverständnis‘. Es sei auch international seltener ein Gegensatz zwischen einer Vorreiterrolle bei Transdisziplinarität und klassischer Exzellenz zu beobachten, etwa seien Harvard oder die ETH Zürich unter den Vorreiter-Universitäten in der Nachhaltigkeitsforschung.

Ein dritter üblicher Einwand besteht darin, Nachhaltigkeitsforschung lehne technische Lösungen ab. Richtig ist hingegen, dass transdisziplinäre Forschung darauf hinweist, dass ausschließlich technisch-ingenieurwissenschaftliche Ansätze zu oft an der Lösung von Nachhaltigkeitsproblemen vorbeizielten. Zu oft werden Sozialwissenschaften nur als Begleitforschung verstanden, um technisch ausformulierte Ansätze in die Gesellschaft besser einzupassen, zu vermitteln bzw. zu „vermarkten“, anstatt dass Sozialwissenschaftler und Stakeholder schon in die Definition der Forschungsfrage einbezogen würden. Technische Lösungen werden gebraucht, aber nur gemeinsam mit der Praxis lässt sich klären, wofür, wozu und wie. Daniel Lang nannte es: „Das Problem ins Zentrum setzen, die Wissenschaft vom Kopf auf die Füße stellen“; ausgehend vom Problem müsse entschieden werden, welches Wissen und welche Wissenschaften zur Lösung einzubeziehen sind. Kritisiert wird von Seiten der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung zudem, dass für sehr stark technisch geprägte Förderprogramme, z.B. gegenwärtig zur Energiewende, so erheblich mehr Mittel bereit stünden als für klar transdisziplinäre Förderungen. Mit Blick auf die Gesamtförderung im F&E Bereich erscheinen einzelne Programme wie die SÖF ggf. sogar nur als vernachlässigbare Zugeständnisse, um an den Grundstrukturen nichts ändern zu müssen.

Oft kommt auch die Vermutung vor, Auftraggeber von Forschung lehnten transdisziplinäre Forschung als zu aufwändig und evtl. sogar als zu ‚esoterisch‘ ab. Laut Thomas Jahn ist das Gegenteil der Fall bei Auftraggebern wie Kommunen oder öffentlichen Unternehmen – gerade die Orientierung am konkreten Problem mache die transdisziplinäre Forschung für diese Auftraggeber interessant. Leider sei das aber nicht der Fall bei den großen Forschungsföderern.

Heike Leitschuh stellte die Frage, warum nach knapp 20 Jahren transdisziplinärer Nachhaltigkeitsforschung man immer noch darauf bestehe, ‚neu‘ zu sein. Mit dem Blick auf die Gesamtgeschichte des Wissenschaftssystems ist aber laut Daniel Lang ein solcher Zeitraum nicht lang, wenn berücksichtigt wird, dass nun ernst gemacht werden soll mit der Zusammenarbeit sich historisch komplett getrennt entwickelt habender Forschungsdisziplinen und mit der Zivilgesellschaft. Thomas Jahn betonte, dass im Hinblick auf die heutigen finanziellen Ressourcen und das Personal schon viel erreicht sei. Wir stünden aber noch ganz am Anfang, wenn der Maßstab der mögliche Beitrag der Wissenschaft zur Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung sei. Er erinnerte daran, dass sich Nachhaltigkeit als gesellschaftliches Leitbild lange Zeit an Wirtschaft und Politik richtete; außerdem habe nach Johannesburg die Gefahr bestanden, dass Nachhaltigkeit von der Tagesordnung verschwinde, nur der Schulterschluss mit der Klimadebatte um 2007 herum habe das einerseits verhindert und zugleich die wissenschaftliche Dimension der Nachhaltigkeit in den Vordergrund geschoben. Laut Thomas Jahn fiel die Katalysatorwirkung des Nachhaltigkeitsbegriffs, nämlich verschiedene, teils gegensätzliche Schwerpunkte wie Ökologie, soziale Anliegen oder die Entwicklung der ‚Dritten Welt‘ neu zusammen zu denken, leider zeitlich zusammen mit dem Reformdiskurs an den Hochschulen unter einem anderen Leitbild – dem der unternehmerischen Universität – was die Reformprozesse stark festgelegt und viele offene und dynamische Strukturen an der Universität gerade nicht unterstützt habe. Laut Thomas Jahn habe die Exzellenzinitiative mit der Clusterbildung zwar erfolgreich Strukturen aufgebrochen, aber zugleich entlang einer rein disziplinär verstandenen und auf eine sehr enge Vorstellung von „Leistung“ eingeengte Exzellenz auch völlig falsche Anreize gesetzt.

Daniel Lang beschrieb die Wissenschaft als ein System von Machtstrukturen großer und verschränkter Institutionen, mit der besonderen Rolle der Förderorganisationen. Diese „großen Schiffe“ hätten zwangsläufig Strukturen geschaffen, die sich nicht so schnell ändern lassen. Wenn man gemäß dem Drei-Ebenen-Modell der Transformationsforschung die Wissenschaftslandschaft mit ihren Regimen und Nischen betrachtet, ist Nachhaltigkeitsforschung heute noch eine – sehr lebhafte – Nische. Vieles sei schon erreicht, es wurden Journale geschaffen, es sind Studienangebote entstanden. Die Kernaussage des Memorandums sei, dass eine expansive Nachhaltigkeitsforschung sich nicht in das bestehende System einfügen, sondern das System der Forschung, Forschungsbewertung und Forschungsförderung insgesamt verändern solle. Konkret werde diese Frage gerade an der Universität Lüneburg diskutiert, nämlich anhand der Frage, ob man Mitglied der DFG werden wolle. Insofern sei Forschung für Nachhaltigkeit kein neues Thema, das additiv zum Kanon der bestehenden Forschungsthemen hinzutrete, sondern eines, das das System in toto in Frage stelle. Aber die Forschung für Nachhaltigkeit muss heute schon beginnen und nicht auf eine Systemänderung warten, eine Möglichkeit sei die Kooperation mit neuen Förderern wie der Gates Stiftung.

Ein Gedanke zu „Nachhaltige Wissenschaft – Wie kommen wir voran? Dokumentation zur Veröffentlichung des Memorandums der Deutschen UNESCO Kommission“

  1. „Ein Beispiel ist die Frage warum die steigende Umweltwahrnehmung nicht zu anderen Verhaltensarten führt.“
    In ihrem Buch „Die emotionale Matrix. Grundlagen für gesellschaftlichen Wandel und Innovation“ haben Maik Hosang, Stefan Fränzle und Bernd A. Markert zu dieser Frage schon wichtige wichtige Antworten geliefert. Denken und Handeln – auch von Wissenschaftlern – sind maßgeblich von Emotionen beeinflusst.

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