Nachhaltige Wissenschaft – Wie kommen wir voran? Dokumentation zur Veröffentlichung des Memorandums der Deutschen UNESCO Kommission

Forderungen

Eine entscheidende Forderung besteht nach einhelliger Meinung des Podiums darin, dass die transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung möglichst rasch Gütestandards etablieren müsse, damit sich eine Peer-Community mit Fachgemeinschaften usw. bilden kannDas seit 200 Jahren übliche, disziplinär geprägte Wissenschaftssystem hat Kriterien entwickelt, was in einer Disziplin als gute bzw. exzellente Forschung gilt und was nicht, was legitime Methoden und Fragestellungen sind und was nicht. Aus der Mitte der so designierten Peers rekrutieren sich dann die Berufungskommissionen und Gutachterpanels. Etwas Vergleichbares gibt es für transdisziplinäre Forschung aufgrund von nur 20 Jahren Geschichte und völlig neuen Normen noch nicht, d.h. weder die klar ausdifferenzierten Kriterien noch in der Folge die klar designierten Peers; daran arbeiten bereits mehrere Wissenschaftler, das Projekt ist aber noch lange nicht abgeschlossen. Eine große, noch offene Debatte besteht aber darin, ob dieser Prozess so weit zu treiben ist, dass Transdisziplinarität am Ende selbst eine ‚Disziplin‘ ist – damit stellt man nämlich die Grundidee in Frage. Es kann laut Daniel Lang nicht der richtige Weg sein, wie in klassischer Wissenschaft einen festen Wissenskanon zu bilden, anhand dessen man zitiert und Karrieren entwickelt; die Nachhaltigkeitsforschung sollte so offen und anschlussfähig wie möglich bleiben. Es werde immer mehr transdisziplinäre Experten geben, aber ebenso immer mehr Forscher, die nur projektweise transdisziplinär arbeiten werden, weil sie das Prinzip verinnerlicht haben. Was Mainstream ist und was Nische, könnte sich in den nächsten 20 Jahren erheblich verändern.

Diese erste Forderung ist zwar von der transdisziplinären Forschung selbst zu beantworten, braucht aber strukturelle Unterstützung, damit sich Karrieren in diesem Feld überhaupt erst entwickeln können, und diese Personen zusammen schließen können usw. Gerade deshalb lautet die zweite entscheidende Forderung, die heutige Forschungsförderung zu ändern, die in der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung zwar Experimente unterstützt, aber nicht deren Verstetigung und keine Strukturbildung. Es müssten gerade auch von den großen Förderprogrammen Forschungslinien statt episodenhafte Forschung über nur drei Jahre gefördert werden. Nachhaltigkeitsforschung sei mit der Erwartungshaltung konfrontiert, in wenigen Jahren alle Fragen gelöst zu haben – ganz im Gegensatz zu Großforschungseinrichtungen wie dem CERN, welche eine mehr oder weniger langfristige Förderung kaum erläutern müssten. Dass eine langfristige Förderung der Nachhaltigkeitsforschung nötig sei, haben kürzlich auch die European Science Foundation und COST in einer Studie vorgeschlagen. Aktuell wird im SÖF-Memorandum u.a. ein Forschungskolleg genau zum Zweck der Auswertung der Erfahrungen und Entwicklung der Kriterien gefordert; diese Forderungen der Unterstützung der Strukturbildung, u.a. auch für internationalen Austausch, richten sich sowohl an BMBF als auch an DFG. Laut Thomas Jahn gebe es in den unterschiedlichsten Organisationen wie vielerorts anderswo schon einzelne Mitstreiter, aber der Durchbruch zur Strukturbildung fehle.

Eine dritte entscheidende Forderung ist die Herausbildung einer originären Wissenschaftspolitik in Deutschland, die sich nicht nur durch ökonomische oder gesellschaftliche Relevanz legitimiert. „Wissenschaftspolitik muss sich Nachhaltigkeit als Leitbild für die Entwicklung von Wissenschaft selbst aufs Panier schreiben“, so Thomas Jahn, Politiker wie Ulla Burchardt haben aber zuwenig Mitstreiter, quer durch alle Parteien. Aus dem Publikum wurde auch die Hoffnung artikuliert, dass problemorientierte Forschung irgendwann einmal ein politisches Thema würde, das vom Mainstream nicht mehr ignoriert werden könne, bis auf die wenigen Ausnahmemomente, wo grundsätzliches Versagen des partizipativen Ansatzes wie bei Stuttgart21 deutlich werde.

Als mögliche Stellschraube wurde genannt, dass automatische Aufwüchse in den Etats der großen Forschungsorganisationen künftig für strukturelle Innovationen im Forschungsprozess und der Lehre ausgegeben werden müssten. Auch der WBGU-Vorschlag einer ‚transdisziplinären Exzellenzinitiative‘ wurde begrüßt. Als Hürde wurde hingegen genannt, dass es zwar interessante Finanzierungsquellen gebe für die transdisziplinäre Forschung, diese Mittel aber nicht im selben Maße anerkannt würden von universitären Gremien wie Mittel der DFG.

Besondere Hoffnung setzte das Podium in den wissenschaftlichen Nachwuchs; falls Ansätze wie zum Beispiel der Universität Lüneburg gelängen, Bildung für nachhaltige Entwicklung möglichst breit und früh in den Hochschulen zu verankern, halte die kommende Generation von Forschern transdisziplinäre Forschung für die Norm, und nicht die Ausnahme; heute lernten hingegen Forscher interdisziplinäres Arbeiten meist erst als Doktoranden kennen. Dennoch sei überraschend, wie viele gerade der jüngeren Forscher sich innerhalb ihrer Disziplin verstärkt an konkreten Forschungsproblemen unter dem Gesichtspunkt der Anschlussfähigkeit orientierten: „Was aus meiner Disziplin könnte interessant sein für andere Forscher, die unter einer anderen Perspektive sich mit dem selben Gegenstand beschäftigten? Wie kann ich deutlich machen, wo mein disziplinäres Wissen aufhört?“ Gerade diese Selbstbeschränkung des Wissensanspruch sei eine wichtige Voraussetzung für transdisziplinäres Arbeiten, welche laut Thomas Jahn mit Anreizen wie Preisen zu unterstützen sei. Nicht jedes Fach, nicht jede Problemannäherung müsse an den Hochschulen transdisziplinär werden, der Nachwuchs müsse jedoch unbedingt, in allen Fächern, zum transdisziplinären Arbeiten befähigt werden.

Zugleich wiederholte das Podium den Aufruf des Memorandums an die Universitäten, Fakultäten und den einzelnen Wissenschaftler, die heute schon gegebenen Freiräume und Gelegenheiten für transdisziplinäre Forschung zu nutzen. Auch auf nationaler Ebene gesehen, gebe es sehr viele Anknüpfungspunkte an Institutionen, die durch eine andere Aufmerksamkeit oder Wertschätzung vergleichsweise einfach gestärkt und ausgebaut werden könnten – nicht wenige Forscher arbeiten bereits transdisziplinär, ohne es zu wissen; zugleich nehme die strukturierte Kooperation in Clustern erheblich zu. Es gehe nicht um Abgrenzung zwischen ‚Disziplinären und Transdisziplinären‘, sondern um die Herstellung von Anschlussfähigkeit. Entscheidend ist, dass die Zusammenarbeit, auch mit Trägern nichtwissenschaftlichen Wissens, methodengeleitet sein muss.

Im internationalen Vergleich wurde entsprechend der DUK-Broschüre vor allem das Beispiel des Schweizerischen Nationalfonds noch einmal expliziert, der für interdisziplinäre Projekte eine spezielle interdisziplinäre Kommission neben den Fachkommissionen eingerichtet hat, die anhand spezieller Kriterien arbeitet. Auch das Stockholm Resilience Center wurde als gutes Beispiel einer Institution genannt, die sich hinter einem abstrakten Prinzip, nicht einem Forschungsgegenstand wie Energie, sammelt – und die von einer Stiftung finanziert wird. Als deutlich größere ‚Schwester im Geiste‘ der Universität Lüneburg wurde die Arizona State University vorgestellt, die seit zehn Jahren gemäß acht Prinzipien auf dem Weg zur ‚New American University‘ ist. Zugleich wurde aber festgehalten, dass auch Länder wie die Schweiz und die USA noch einen langen Weg vor sich haben – eine noch hypothetische, aber analoge große neue Universität könnte eine Bundesuniversität sein, wie vom WBGU vorgeschlagen, oder sich aus bestehenden Universitäten wie Lüneburg entwickeln.

Heike Leitschuhs Frage, ob auch für Wissenschaft eine stärkere Kontrolle durch die Zivilgesellschaft nötig sei, wie in der Agenda 21 im Hinblick auf Unternehmen und Politik vorgesehen, wurde positiv aufgegriffen. Ein ‚ScienceWatch‘ könnte Rankings zur gesellschaftlichen Verantwortung erstellen, die neben Rankings gemäß klassisch-disziplinärer Exzellenz in Forschung und Lehre treten könnten.

Ein Gedanke zu „Nachhaltige Wissenschaft – Wie kommen wir voran? Dokumentation zur Veröffentlichung des Memorandums der Deutschen UNESCO Kommission“

  1. „Ein Beispiel ist die Frage warum die steigende Umweltwahrnehmung nicht zu anderen Verhaltensarten führt.“
    In ihrem Buch „Die emotionale Matrix. Grundlagen für gesellschaftlichen Wandel und Innovation“ haben Maik Hosang, Stefan Fränzle und Bernd A. Markert zu dieser Frage schon wichtige wichtige Antworten geliefert. Denken und Handeln – auch von Wissenschaftlern – sind maßgeblich von Emotionen beeinflusst.

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