Nachhaltige Wissenschaft – Wie kommen wir voran? Dokumentation zur Veröffentlichung des Memorandums der Deutschen UNESCO Kommission

Aus Sicht der Wissenschaftsministerien der Länder wurde moniert, dass der Begriff Nachhaltigkeit zu schwammig sei für die Operationalisierung in der Administration (ähnlich wie es Jahrzehnte gedauert habe, die Gender-Dimension sinnvoll zu operationalisieren): Berichte zur Nachhaltigkeit würden gemäß den Zielvereinbarungen durchaus umfänglich aus den Hochschulen eintreffen, weil sich keine Fakultät dem Thema verweigern könne. Aber das fast beliebig Gesammelte und Berichtete sei heterogen, von einem zu schwammigen Nachhaltigkeitsbegriff geprägt und kaum verwertbar. Auch Heike Leitschuh sah in der tatsächlichen oder vorgeblichen Schwammigkeit vor allem das Problem, dass sich Institutionen nicht selbst fordern und nicht selbst in Frage stellen. Darauf entgegnete das Podium erstens, dass gerade die Wissenschaft in der Lage ist, die Trivialisierung des ‚semantischen Felds‘ Nachhaltigkeit aufzubrechen und den Begriff verfügbar zu machen für die unterschiedlichen Gesellschaftsbereiche. ‚Schwammigkeit des Begriffs‘ sei eine Entschuldigung, die der Wissenschaft vorzuwerfen sei. Zweitens zeige dieser praktische Einblick in die Verwaltungspraxis die drängend Bedeutung der Entwicklung von Qualitätskriterien für ‚Wissenschaft für Nachhaltigkeit‘, dies sollte am besten an Universitäten erfolgen.

Thomas Jahn unterstrich, dass eine Schlüsselfrage der ‚Wissenschaft für Nachhaltigkeit‘ noch kaum prägnant gestellt worden sei: Welche Bedeutung hat das Leitbild der Nachhaltigkeit für Wissenschaft, wie erneuern sich die Funktionen und der Eigensinn von Wissenschaft für eine (nachhaltige) Gesellschaft – und wie können diese Funktionen dauerhaft gesichert werden? Er warb dafür, ein zu konkretes Nachhaltigkeitsbild, das z.B. ausgeht von knappen oder nicht-knappen Ressourcen, zu überwinden; vielmehr ginge es darum, zu fragen, „was muss erhalten bleiben dass Entwicklung möglich ist, und wie wollen wir das Erreichbare gerecht verteilen“. Wissenschaft für Nachhaltigkeit sei „Teil der Selbstaufklärung der Gesellschaft darüber, wie Wissen erzeugt, bewertet und angewendet wird“.

Thomas Jahn als einer der Autoren des parallel veröffentlichten Memorandums zum SÖF-Programm wies darauf hin, dass jenes Dokument einen klaren Forschungsbezug habe und innerhalb der Nachhaltigkeitsforschung versuche, die wirklich „essenziellen Nachhaltigkeitsherausforderungen an der Nahtstelle von Natur und Gesellschaft“ zu identifizieren, wo zugleich der Wissensbestand am geringsten sei. Er betonte jedoch die hohe Bedeutung des DUK-Memorandums, das eine ganz ähnliche Stoßrichtung verfolge. Besonders sei das DUK-Memorandum durch den starken Querbezug zur Bildung für nachhaltige Entwicklung und durch die Einordnung in internationale Prozesse, vor allem der UNESCO.

Konsens bestand dazu, dass es entscheidend ist, den Anlass des Wissenschaftsjahres 2012 dazu nutzen, getrennte Diskurse zusammen zu führen und neue Bündnisse zu schmieden, zwischen verschiedensten Wissenschaftlern sowie Institutionen sowohl des Wissenschaftssystems als auch jenseits davon. 

Memorandum
„Wissenschaft für Nachhaltigkeit: Der Durchbruch muss gelingen“

Interviews:
Was ist nachhaltige Wissenschaft?
Interview mit Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie

Nachhaltige Wissenschaft und Transdisziplinarität: Was ist zu tun?
Interview mit Prof. Dr. Gerd Michelsen, Vorsitzender des Fachausschusses Wissenschaft der DUK und Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls „Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung“ an der Leuphana Universität Lüneburg

DUK/Mühlenfeld (CC BY-NC-SA)

Ein Gedanke zu „Nachhaltige Wissenschaft – Wie kommen wir voran? Dokumentation zur Veröffentlichung des Memorandums der Deutschen UNESCO Kommission“

  1. „Ein Beispiel ist die Frage warum die steigende Umweltwahrnehmung nicht zu anderen Verhaltensarten führt.“
    In ihrem Buch „Die emotionale Matrix. Grundlagen für gesellschaftlichen Wandel und Innovation“ haben Maik Hosang, Stefan Fränzle und Bernd A. Markert zu dieser Frage schon wichtige wichtige Antworten geliefert. Denken und Handeln – auch von Wissenschaftlern – sind maßgeblich von Emotionen beeinflusst.

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