Die Beteiligung der organisierten Zivilgesellschaft am Wissenschaftsprozess – neue Anforderung an das Wissenschaftsmanagement?

Bild Mandy Singer-Brodowski
Wuppertal Institut für Klima, Energie und Umwelt
bild Dr. Steffi Ober
Projektleiterin „Forschungswende“ für die
Vereinigung der Deutschen Wissenschaftler e.V.
Schneidewind Prof. Dr. Uwe Schneidewind
Wuppertal Institut für Klima, Energie und Umwelt
Diskussionbeiträge zur Reihe Transformatives Wissen schaffen

Wissenschaft im 21. Jahrhundert differenziert sich zunehmend aus. Sie erforscht komplexer werdende gesellschaftliche und naturwissenschaftliche Phänomene und ist aufgerufen, entscheidend zur Lösung großer Herausforderungen wie dem Klimawandel oder der Sicherstellung der Ernährung von 9 Milliarden Menschen beizutragen.

Durch diese Orientierung an gesellschaftlichen Herausforderungen gewinnen neue Wissensformen an Bedeutung: Neben „Systemwissen“ gewinnt „Zielwissen“ und kontextspezifisches „Transformationswissen“ an Bedeutung. Ein solches „transdisziplinäres“ Wissen lässt sich nicht mehr allein im wissenschaftlichen Elfenbeinturm erzeugen. Es erfordert die enge Einbeziehung der Akteure, die Veränderungsprozesse mitgestalten.

Aus diesem Grund gewinnt die Partizipation zivilgesellschaftlicher Akteure im Wissenschaftssystem eine besondere Bedeutung. Die Diskussion über die Energiewende zeigt dies deutlich deutlich: Technologische Innovationen mit einer nachgeschalteten Akzeptanzforschung alleine reichen nicht aus, um diese Transformation zum Erfolg zu bringen. Es gilt hier technologisches und sozialwissenschaftliches Transformationswissen zur Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderungen zu generieren.

Deswegen fordern zivilgesellschaftliche Verbände die Beteiligung in wissenschaftspolitischen Entscheidungsprozessen zunehmend ein (Vgl. z.B. BUND-Position). Die Breite der interessierten Akteure zeigt die neu gegründete Plattform „Wissenschaftspolitik“ aus Vertretern der Kirchen, Umweltverbänden, Verbraucherschutzorganisationen und Gewerkschaften, die in den kommenden Jahren unter dem Dach der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW e.V.) organisiert wird. Der Ausschuss für Forschung und Technologieentwicklung sowie einzelne Parteien haben die Diskussion über die Beteiligung der Zivilgesellschaft im Wissenschaftssystem aufgenommen, wie ein Fachgespräch im Bundestag am 27.06. 2012 deutlich zeigte. Eine Frage bleibt jedoch: Wie wird diese Beteiligung zivilgesellschaftlicher Akteure in Wissenschaftspolitik und -praxis organisiert? Welche Anforderungen erwachsen darauf für das Wissenschaftsmanagement und für die Politik?

Wohlwissend, dass sich hinter der „Zivilgesellschaft“ ein breites Spektrum an Organisationen und Initiativen verbringt, scheint es wichtig, sich diesen neuen Beteiligungsformen zu stellen. Dabei ist sowohl die einzelne Forscherin und Forscher gefragt als auch Wissenschaftsorganisationen als Ganzes und die Wissenschaftspolitik. Konkrete Aufgaben sind dabei z.B.:

  • die Entwicklung und Umsetzung neuer Qualitätsstandards für eine partizipative Forschung,
  • die Konzipierung gemeinsamer Forschungsdesigns,
  • die Moderation der Kommunikationsprozesse von wissenschaftlichen Partnern unterschiedlicher Disziplinen und außerwissenschaftlichen Partnern,
  • die Integration partizipativer Forschungsdesigns in der Lehre.

Hier entsteht ein wichtiges neues Aufgabenfeld für das Wissenschaftsmanagement an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, das künftig an Bedeutung gewinnen wird.