Veranstaltungsdokumentation „Schafft Wissenschaft die große Transformation?“ online

„Forschungsstrategie Fortschritt NRW“ – Grußwort von Wissenschaftsministerin Svenja Schulze/Nordrhein Westfalen

In Nordrhein-Westfalen, erklärte Wissenschaftsministerin Svenja Schulze, sei man mit der Forschungsstrategie „Fortschritt NRW“ einen großen Schritt gegangen. Ziel dabei sei, dass Nachhaltigkeit alle Bereiche der Wissenschaft durchdringen solle. Sämtliche Mittel jenseits der Grundfinanzierung würden in „Fortschritt NRW“ fließen, sodass Nachhaltigkeit nunmehr Voraussetzung für sämtliche Förderungen durch das Wissenschaftsministerium sei. Dies sei nicht ganz einfach durchzusetzen, doch sei man optimistisch, dass auf Dauer die Richtigkeit dieses Schritts erkannt werde. Es sei nur logisch, dass das Land in seine Zukunft investiere. Schulze betonte die wirtschaftlichen Vorteile von Nachhaltigkeit. Gerade das Ruhrgebiet wolle und könne ein Vorreiter in der Welt sein für eine nachhaltige Umgestaltung von Wirtschaft und Lebensraum. Zu beachten sei dabei stets das Umsetzungs- und Verbreitungsproblem. Nordrhein-Westfalen habe hier verschiedene Instrumente aufgelegt. So würden regionale Innovationsnetzwerke beispielsweise zur Gebäudeenergieeffizienz und zum gesunden Altern für konkret räumlich verankerte Strukturen sorgen. Auf Vorbildwirkung und Öffentlichkeitsarbeit setze man mit den Auszeichnungen „Orte des Fortschritts“, und „Foren des Fortschritts“ würden für Austausch und gemeinsames Verständnis verschiedenster Akteure sorgen. Das Land werde einen Strategierat einrichten, um einen Überblick zu gewährleisten, doch gehe es um ein Umdenken im gesamten System.

Die Wissenschaft, so Ministerin Schulze, müsse sich auf die berechtigen Erwartungen der Gesellschaft einstellen und das Wohlergehen der Menschen in den Mittelpunkt stellen. Es brauche Systeminnovation entlang der gesamten Wertschöpfungskette nach sozialen und ökologischen Maßgaben. Dafür sei Kooperation über nationale Grenzen und akademische Disziplinen hinweg zentral. Es sei Aufgabe der Politik, hierfür verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Sie plädierte, wie schon Ministerin Bauer, für einen umfassenden Begriff von Nachhaltigkeit, der ökologische, soziale und ökonomische Dimensionen umfasse und keinesfalls in einem Widerspruch zu Wirtschaftlichkeit stehe.

Die konkrete Umsetzung, so die beiden Wissenschaftsministerinnen, sei in beiden Ländern bereits in einer Vielzahl von Initiativen angelaufen. Die Politik müsse nun für die systematische Vernetzung, Bündelung und gezielte Förderung sorgen. Schulze und Bauer stellten sich uneingeschränkt hinter den Wandel in der Wissenschaft.

Wissenschaft zwischen Forschungsfreiheit und großer Transformation – Keynote von Prof. Peter Weingart mit anschließender Podiumsdiskussion

Peter Weingart beschrieb in seinem einführenden Vortrag zwei wesentliche Dimensionen zu der Frage, wie eine transformative Wissenschaftspolitik mit der Wissenschaftsfreiheit vereinbar ist: Die Perspektive der Wissenschaftspolitik und die des Verfassungsrechts. Anknüpfend daran fand eine Podiumsdiskussion unter der Moderation von Jan-Martin Wiarda (Die ZEIT) statt, an der neben Weingart auch Dr. Rainer Grießhammer (Mitglied der Geschäftsführung des Öko-Instituts), Prof. Dr. Dieter Lenzen (Präsident Universität Hamburg) und Dr. Steffi Ober (Koordination Zivilgesellschaftiche Plattform Forschungswende, VDW) teilnahmen. Darin wurden zunächst die rechtliche Konzipierung der Wissenschaftsfreiheit und die Implikationen für das Wissenschaftssystem erörtert, wobei das angelsächsische und das deutsche Modell verglichen wurden. Auch wurde der Nachhaltigkeitsbegriff genauer beleuchtet. Zum einen wurde Nachhaltigkeit sehr allgemein an der Vorgabe des Gemeinwohls orientiert gesehen. Auch die WBGU-Definition der ökologischen, sozialen und ökonomischen Gerechtigkeit wurde genannt, ebenso wie die Brundtland-Formel zur Nachhaltigkeit. Letztere bedeutet auf den Wissenschaftsbereich übertragen, dass keine Dinge erlaubt sein sollten, deren Folgen irreversibel sind. Lenzen sah hier vier wesentliche Dimensionen, die die Universität Hamburg konkret im Alltag umzusetzen versuche: Forschungsgegenstände, Forschungsmethodologie, Unterricht und Führung der Universität.

Die Forschungsfinanzierung wurde als eines der Kernprobleme identifiziert. Dies betraf sowohl Finanzierungsstrukturen als auch Finanzierungsbegründungen. Bei letzterem stünden sich interne Selbststeuerung von Themen und Vorgaben bei externen Mitteln gegenüber. Dass Nachhaltigkeit inzwischen mehr in die Mitte der Wissenschaft gerückt sei, wurde weithin begrüßt. Die langjährige impulsgebende Rolle einer Vielzahl kleinerer Institute und Akteure wurde ebenso herausgestellt wie neue Initiativen großer Wissenschaftsorganisationen. Es wurde für Pluralität und Austausch zwischen kleineren und großen Akteuren plädiert. Zudem müsse beachtet werden, dass neben naturwissenschaftlicher und technischer Forschung auch die sozial- und geisteswissenschaftlichen Institute für eine große Transformation zentral seien und nicht vernachlässigt werden dürfen. Der Prozess der Transformation habe und werde weiterhin Geduld und Engagement erfordern. Zugleich wurde angemahnt, man müsse mit Nachhaltigkeit auch in die Universitätssysteme selbst hineingehen, denn nur so werde sie auch in der Lehre auftauchen. Auch müsse dafür gesorgt werden, dass an der Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft der Gemeinwohlaspekt stärker beachtet werde.

Ein weiterer wichtiger Diskussionspunkt war die Frage, welche Rolle Expertentum und Interdisziplinarität spielen. Interdisziplinären und transdisziplinären Zusammenarbeiten wurde eine wichtige Rolle für die Beantwortung problemorientierter Fragestellungen zugewiesen. Zugleich sei jedoch Fachexpertise notwendige Voraussetzung. Es wurde deutlich, dass Strukturen für Interdisziplinarität eine Schlüsselrolle spielen. So wurde die Frage diskutiert, ob bereits ausreichend Strukturen vorhanden seien, oder ob die Bildung zentraler Einrichtungen noch immer zu schwierig sei. Auch seien territoriale Interessen der Disziplinen oft hinderlich. Zudem müsse Interdisziplinarität auch hinsichtlich der Publikationsmöglichkeiten dringend verbessert werden.

Aus dem Publikum kam abschließend die Anregung, dass der Wissenschaft oftmals die Praxis durch nachhaltige Referenzprojekte fehle. So könne man beispielsweise an Schulen praktische Umsetzungen erproben und bereits Schüler damit zu innovativ denkenden Menschen bilden.