Veranstaltungsdokumentation „Schafft Wissenschaft die große Transformation?“ online


Podiumsdiskussion: Der Beitrag der Wissenschaft zur Lösung großer Zukunftsfragen: Das Beispiel Wirtschaftswissenschaften

In einer zweiten Podiumsdiskussion, moderiert von Jan-Martin Wiarda, diskutierten Prof. Dr. Ernst-Ludwig von Thadden (Rektor der Universität Mannheim), Ullrich Petschow (Institut für ökologische Wirtschaftsforschung), Dr. Angelika Zahrndt (Rat für nachhaltige Entwicklung), Dominic Egger (Arbeitskreits Real Economics) und Prof. Dr. Lambert Koch (Rektor der Universität Wuppertal) über die Rolle der Wirtschaftswissenschaften beim bisherigen und künftigen Umgang mit großen Zukunftsfragen. Die Hauptargumentationslinien verliefen dabei entlang der kontrovers debattierten Frage, inwieweit es Aufgabe einer wissenschaftlichen Disziplin ist, gestalterisch in Politik, Gesellschaft und Wirtschaftssystem hineinzuwirken.

Von seinen Kritikern wurde dem Mainstream der Ökonomik einige Weltfremdheit attestiert, die sich darin äußere, dass er der Gesellschaft viel zu oft nicht die Fragen beantworte, die ihr unter den Nägeln brennen würden. In wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen würden Rechenmodelle dominieren und kritische Diskussionen verschiedener Ansätze und Sichtweisen wie beispielsweise der ökologischen Ökonomik deutlich zu kurz kommen. Die Forschungslandschaft in den Wirtschaftswissenschaften habe sich dahingehend verändert, dass man heute unter anderem erheblich weniger Wirtschaftsethik, Wirtschaftspsychologie, Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie als früher darin finde. Dies führe zu einem Mangel an Reflexion, weshalb die Ökonomik Hilfe von außen, unter anderem durch Kooperation mit anderen Fächern, brauche. Die deutlichste Kritik bezog sich darauf, dass die Ökonomik zu wenig getan habe, um an einer Umgestaltung der Wirtschaftsweise der Industrieländer nach Rio 1992 daraufhin mitzuwirken, dass ihre Produktions- und Konsummuster umwelt- und sozialverträglich und auf andere Teile der Welt übertragbar würden. Die Wirtschaftswissenschaften seien historisch an Problemen der Zeit gewachsen und dürften sich dieser Herausforderung heute weniger denn je versperren, sondern müssten Verantwortung übernehmen.

Dem gegenüber stand die Sichtweise, dass die Ökonomik bereits viel Sinnvolles getan habe und tue, um die großen Fragen der Zeit zu beantworten. Sie stehe zwar oft vor dem Problem, dass ihre Inhalte stark formalisiert seien und für andere Disziplinen teils schwer verständlich seien, doch arbeite sie sehr detailliert an realen Problemen. Dabei sei ihre Aufgabe jedoch nicht, Probleme zu lösen oder Entscheidungen für die Gesellschaft zu treffen. Die Wirtschaftswissenschaft solle lediglich die Probleme beschreiben, deren Lösungen aber Aufgabe von Politik und Gesellschaft seien. Zwar nehme die Politik die gegenwärtigen Wähler zu wichtig und kümmere sich zu wenig um künftige Generationen, doch nehme die Masse der Menschen im Land dies für kurzfristige Vorteile gerne in Kauf. Das hätten nicht die Wirtschaftswissenschaften sondern die Gesellschaft so beschlossen.

Die Kritiker forderten dagegen eine Ökonomik, die in ihr Selbstverständnis auch den engen Zusammenhang zwischen Ökonomie und Ökologie sowie sozialen Fragen einschließt. Die Maxime des Wirtschaftswachstums müsse hinterfragt werden und eine Auseinandersetzung damit stattfinden, wie das System in einer veränderten Welt aussehen könne. Ökonomen komme hier die Funktion von Vordenkern zu. Man dürfe sich nicht auf einen vermeintlich naturwissenschaftlich-objektiven Standpunkt zurückziehen, sondern müsse bedenken, dass das Untersuchungsobjekt der Ökonomik die Komplexität menschlichen Handelns sei. Man brauche andere ökonomische Denkweisen, um die Ziele wirtschaftlichen Handelns umzudefinieren, beispielsweise bei der Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum. Genannt wurden unter anderem das Konzept der Commons und die ökonomische Glücksforschung. Auch sei eine grundsätzliche Umstellung auf Problemorientierung sinnvoll.

Hingewiesen wurde auf den Umbau der Wirtschaftswissenschaften vor der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. Transformation und Transition seien da bereits eingeflossen, beispielsweise am Wuppertal Institut. Die Wirtschaftswissenschaften sollten einerseits aus der Universität heraus interdisziplinär Themenfelder setzen und interdisziplinäre Zentren gründen. Zugleich würden sie durch die gesellschaftliche Relevanz in bestimmte Richtungen gezogen. Es brauche erstens einen gesellschaftlichen Konsens zur Nachhaltigkeit, ehe zweitens der Weg dahin gestaltet werden könne. Unabhängig von der Rolle der Ökonomen brauche es hier, so war man sich einig, vor allem auch die Politik.