Nachhaltigkeitsaktivitäten der Universitäten in den USA

Nachhaltigkeitsverständnis: Der Fokus liegt auf ökonomischen Aspekten (und hier insbesondere auf Effizienz- und Ressourcenreduktionseffekten, die sich leicht mit Wirtschaftlichkeitskriterien der Unis vereinbaren lassen) sowie auf ökologischen Aspekten (save the nature). Nach sozialen Aspekten, betreffend internationale Verteilungsfairness habe ich überall gefragt: Das Problem der ungerechten Verteilung ist allen bewusst, aber entsprechende Lösungsideen werden als blinder Fleck der Nachhaltigkeit gesehen. Immerhin kommen fair-trade gehandelte food-Produkte zunehmend in den Blick, also ein guter Anfang. Wenn ich „voluntary simplicity“ als potentiellen Lebensstil explizierte, wie ihn Duane Elgin in seinem Lebenswerk beschreibt und als Lösung des Suffizienz Aspektes der Nachhaltigkeit vorschlägt – (ihn hatte ich auch besucht) – , stiess ich weitgehend auf Skepsis, ob man das dem hochgradig konsum-orientierten Durchschnitts-US-Amerikaner schmackhaft machen könne. Ich verwies dann auf Elgins Schätzung, nach der bereits 20% der jetzigen US Amerikaner diesen Lebensstil anstreben, und letztlich bezeugen ja auch bereits die tausenden radfahrenden Studenten in Davis oder Irvine Ansätze dieses Lebensstils. Am Rande: Über das genaue Ausmaß an CO2 Emissionen pro Kopf und Jahr wusste niemand meiner Gesprächspartner genau Bescheid. Ich habe die Durchschnittswerte für Europa/Deutschland (10 Tonnen) sowie die für Jühnde (4 Tonnen) genannt. Nach den durchschnittlichen Wert der US Amerikaner (m.W. 20 Tonnen) hat niemand gefragt.

Entstehung der Nachhaltigkeitsaktivitäten: Initiator der Aktivitäten waren Mitte des vergangenen Jahrzehnts Studierendengruppen an mehreren Universitäten. Es gelang ihnen, mehrere Uni-Leitungen und auch das Präsidium der 10 UC Campuses in Oakland von Sinn und Notwendigkeit von Nachhaltigkeitsaktivitäten in Lehre und im Uni-Alltag zu überzeugen. „If you preach that we all are responsible for future generations, then we all have to start to behave accordingly today.“ Einige der Leiter der Studierendeninitiativen sind heute selbst in den neu geschaffenen „full-time-sustainability management positions“ tätig: Matt St. Clair ist Sustainability Manager im Office of the President der Univiersities of California in Oakland oder Fahmida Ahmed ist jetzt Leiterin des Office of Sustainability der Stanford University.

Formelle Struktur der Aktivitäten: Seit etwa fünf Jahren gibt es an allen besuchten Universitäten Nachhaltigkeitsabteilungen, welche mit Personalstellen und Räumlichkeiten ausgestattet sind. Am umfangreichsten schien mir die Ausstattung an der University of Santa Cruz zu sein: Hier sind auf einer ganzen Büroetage vier Personen full-time beschäftigt und für acht Praktikantenstellen gibt es das nötige Büroinventar, weitere 32 Praktikanten sind mit Nachhaltigkeitsanliegen auf dem Campus unterwegs. Die Stellen sind meist der Admistration zugeordnet, von wo aus sie dann mit Schwerpunkt Operations (also uni-interne Aspekte bzgl. energy, food, transportation, waste reduction, climate protection, fair trade) teilweise auch Koordinationsaufgaben bezüglich Lehre, Forschung und Studierendenaktivitäten übernehmen. An einigen Unis (z.B. UC Santa Barbara) gibt es zusätzlich Chancellors Advisory Commitees on Sustainable Development, also direkt dem Präsidium unterstellte Beiräte, die sich regelmäßig treffen, um Ziele, Strategien und Evaluationen zu beraten.

Im UC Verbund gibt es einen Nachhaltigkeitsverantwortlichen im Office of the President in Oakland, welcher für die Weiterentwicklung eines Vereinbarungspapiers aller 10 UCs zuständig ist. In diesem Dokument „Sustainable Practices Policy“ sind die Zielvereinbarungen und Kriterienlisten für alle 10 UCs bezüglich „green building design, clean energy, climate protection practices, sustainable transportation, sustainable buildings operations, recycling and waste management, environmentally preferable purchasing practices” sowie „sustainable foodservice practices” festgehalten.

Finanzierung der Aktivitäten und Motive der Uni-Leitungen: Die Stellen werden aus Uni-Mitteln (z. B. Chancellors Green Fund Fonds) sowie an einigen Unis aus TGIF Mitteln („the green initiative fund“, von Studierendengremien beschlossene Abgaben der Studierenden für Nachhaltigkeitsanliegen, z.B an der UC San Diego 3 Dollar je Studierenden pro Semester – bei 28 000 Studis summiert sich das auf 84 000 Dollar pro Semester) bezahlt. Die Motivierung der Unileitungen, Geld bereit zu stellen erklärt sich zum einen aus erwarteten Einsparungen (wenn z.B. in Berkeley die Energieeinsparmaßnahmen die erwarteten 10% erreichen, sind mehrere Millionen Dollar pro Jahr, die für Strom und Wärme eingespart werden), zum anderen aus dem in den USA bereits bestehenden Gruppendruck, welcher durch die Teilnahme der Mehrzahl und vor allem der namhaften Unis an entsprechenden Aktivitäten entstanden ist. Auch die Erwartungen und Wünsche der angehenden Studierenden („they are our clients!!!“), für die Nachhaltigkeitsaspekte bei der Entscheidung für eine Universität immer wichtiger werden, wurden als Motiv von Uni-Leitungen genannt. Eine Princeton-Studie vergleicht seit einigen Jahren die stetig zunehmenden Nachhaltigkeits/Umwelt-Motive der Studis und entsprechende Leistungen aller US Unis. Last not least darf man auch von einer intrinsischen Nachhaltigkeits-Motivation in einigen Uni-Leitungen ausgehen, anders läßt sich zumindest der Beginn dieses Prozesses schwerlich erklären. An einigen Unis wurde mir bestätigt, dass die Uni-Leitungen die Aktivitäten nicht nur dulden, sondern aktiv unterstützen (an der UC Merced unterstützt die Präsidentin eine OCCUPY Gruppe, welche seit November freie Bildung und eine extra tax für Reiche fordert).

Ziele: Im UC Dokument „Sustainable Practices Policy“, letzte Fassung vom August 2011 sind folgende aktuelle Ziele genannt (Beispiele): green building design: Neue Gebäude sollen dem LEED „silver” Standard genügen (das ist nach Einschätzung von E.U. von Weisäcker nicht sehr ehrgeizig, selbst der „gold“ Standard ist bezüglich Dämmung nur halb so gut wie sein Haus im Schwarzwald), clean energy: bis 2014 10 MW Renewable Energy, climate protection practices: bis 2020 die GHG emissions auf den Stand von 1990 zurückbringen, sustainable transportation: hier werden effizient vehicles und alternative fuels genannt, aber keine konkreten Vorgaben gemacht, sustainable buildings operations: Jeder Campus soll ein pilot building nach LEED-EBOM zertifizieren lassen und campusweit bis Juli 2012 die Zertifizierung mehrerer Gebäude vorbereiten, recycling and waste management: zero-waste goal bis 2020 (municipal solid waste, das scheint mir das anspruchsvollste Ziel zu sein, hier stöhnten mehrere Gesprächspartner auf, als ich sie nach Details fragte), environmentally preferable purchasing practices: Maximierung des Anteils entsprechender Produkte, sowie sustainable foodservice practices: 20% sustainable food products bis 2020

Motivierung durch Preise und Wettbewerbe: An mehreren Unis werden intern Preise für vorbildliches Verhalten ausgelobt. Zwischen den Unis organisierte Wettbewerbe nach unterschiedlichen Kriterien scheinen recht wirksam zu sein, man wirbt z.B. in Stanford damit, als eine von 4 UCs bzw. von 22 US Unis als „Real Food Pioneer“ ausgewählt worden zu sein. In Stanford wurde außerdem als wichtiges Motiv für Nachhaltigkeitsaktivitäten genannt, man sei nach einigen Jahren in Führung von Harvard überholt worden, also müsse man wieder mehr tun.

Aktivitäten in der Forschung: Hier wurden mir unterschiedlichste interdisziplinäre Projekte genannt. Auf meine Frage nach Kooperationen mit Praxispartnern ausserhalb der Universität wurden mir Kooperationen mit Industriepartnern genannt, z.B. ein Bio-Treibstoff Forschungsinstitut in Berkeley, das mit 500 Mio Dollar von einem Ölkonzern gesponsort wurde. Aktionsforschung in der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Interessengruppen in kommunalen/regionalen Projekten, wie wir sie machen, habe ich in Ansätzen in Santa Cruz, Los Angeles, Redlands und Riverside (Kooperation mit der Stadtverwaltung in EE Projekten) sowie Irvine und Davis (gerade entstehende Kooperationen mit „Transition Town“ Gruppen) wahrgenommen, an den anderen Unis nicht.