Nachhaltigkeitsaktivitäten der Universitäten in den USA

Aktivitäten in Verwaltung/Administration: Hier gibt es endlos viele einzelne Aktivitäten bezüglich der o.g. einzelnen Ziele, mit unterschiedlichen Schwerpunkten an den einzelnen Unis. So gibt es Unis mit einer ausgeprägten Radfahrkultur, was für US Verhältnisse ziemlich ungewöhnlich ist, in denen es hauptamtliche Fahrrad-Verkehr Manager gibt, welche die Radströme intelligent bewältigen (z.B. mit Service Stationen, welche unentgeltlich Werkzeug bereithalten). Unis, in denen man auf abfallarme Esskultur mit lokaler Nahrung setzt (auch wegweisend umgesetzt, in Davis zahlt man einmal „Eintritt“ in die Mensa und kann dann aus einer Vielzahl leckerer Speisen selbst die Mengen auswählen, Geschirr wird gespült). Unis, in denen man auf Energiesparen bedacht ist und mit Visualisierungen des Verbrauchs, mit intelligenten Schaltungen den Verbrauch reduziert (etwa in Berkeley, Davis und Stanford). Aus unserer Sicht bei dem riesig hohen Ausgangsniveau des Verbrauchs vielleicht nicht besonders aufregend, aber wenn man die US Maßstäbe anlegt ist das schon revolutionär, dass man überhaupt anfängt, zu fragen, ob denn ständig entweder Kühlung oder Heizung an sein müssen. Erneuerbare Energien sind im Kommen, spielen aber bis auf wegweisende Einzelprojekte in der Breite bislang nur eine marginale Rolle, weil die Investition sich aufgrund der immer noch sehr niedrigen Strompreise (für Unis als Grosskunden oft unter 10 Cent/kwh) erst nach Jahren vielen auszahlt. Immerhin: In Davis baut man einen Campus-Teil für 5000 Studis, der soll emissionsfrei werden, indem man Energie aus Photovoltaik und Biogas nutzt (aus den 20 t bio-waste, die pro Tag auf dem Campus-Gelände anfallen). In Santa Cruz wurde gerade das erste Windrad mit vertikaler Achse an der gesamten US Küste errichtet, und in San Diego wurde mir eine PV Solaranlage gezeigt mit unglaublich hohem Wirkungsgrad von 30% (Nachführung und Brennglastechnik). In LA und San Diego wird Klärgas und Deponiegas in einer Brennstoffzelle (2.4 MW, derzeit die größte der Welt) bzw. einem Blockheizkraftwerk enrgetisch verwertet. Mir fiel die sehr gute Öffentlichkeitsarbeit auf. In allen Unis waren Aktionen zu Nachhaltigkeitsaspekten öffentlich präsent, mit Plakaten auf dem Uni-Gelände, in Werbebroschüren der Uni, in einigen Mensen wurde mit großen Infotafeln auf Herkunft der Nahrung und Nachhaltigkeitsaspekte dabei verwiesen, etwa auf Nebenkosten bei Importen aus fernen Ländern. Einige Unis haben Gärten, in denen ökologische Anbaumethoden praktiziert werden, teilweise mit Permakultur-Elementen, z.B. in Santa Cruz, wo schon seit den 1970ern organic farming auf dem Campus betrieben wird und mit PV experimentiert wird.

Aktivitäten in der Lehre: Es gibt zahlreiche punktuelle Aktivitäten, einzelne Kurse mit Nachhaltigkeitsinhalten und Praktikumsangebote. In einigen Unis (Santa Barbara, Redlands) gibt es Wahlpflichtangebote (general education courses) für alle Studierenden, welches Nachhaltigkeitsaspekte beinhaltet. Ein Master- oder PhD Curriculum, welches sich explizit Nachhaltigkeitsanliegen in der vollen Breite widmet, gibt es an den besuchten kalifornischen Unis noch nicht, aber schon an einigen anderen US Unis, z. B. an der State University of San Diego oder der University of Oregon („Leadership in sustainability“ graduate certification programme, olis.uoregog.edu). An der Uni New Mexico (an die ich ebenfalls eine Einladung erhielt, die ich aus Zeitgründen nicht annehmen konnte), wird ebenfalls gerade an einem entsprechenden Curriculum gearbeitet, das in Kürze starten soll (sust.unm.edu). Alle Befragten waren sich einig, dass ein solches Curriculum erforderlich sei. An der Uni Santa Barbara wird an einem solchen Curriculum gearbeitet, es soll 2013 einsatzbereit sein (Interdisciplinary PhD, initiated by the faculty senate sustainability working group, ca. 20 departments sollen beteiligt sein). In Redland ist ein Minor zu Sustainability in Planung.

An der UC Santa Cruz finden ähnlich wie Girschners LOCO Initiativen in Göttingen interne Sustainability-Sensibilisierungs- bzw. Weiterbildungskurse statt, bei dem letzten 3 tägigen off-campus Treffen waren 100 Studierende und 20 Persoinen vom Staff beteiligt.

Studentische Aktivitäten: In allen Unis sind dutzende Gruppen von Studierenden aktiv, welche sich Umwelt- und Nachhaltigkeitsaktivitäten widmen. In Berkeley ist z.B. kürzlich ein von Studenten betriebener Laden mit fair gehandeltem Öko-Food eröffnet worden. Diese Gruppen arbeiten meist wenig koordiniert nebeneinanderher, nur an wenigen Unis werden diese Gruppen von den Nachhaltigkeitsverantwortlichen koordiniert.

Uni-übergreifende Veranstaltungen/Aktivitäten: 2012 findet bereits der 9. US-weite „Sustainability Summit“ statt, mit 2000 Teilnehmern bereits ein „Riesen“- Kongress. Es gibt einen Newsletter von AASHE.org, der mehrfach im Monat differenziert und gut sortiert über die Aktivitäten in den USA berichtet. In Kalifornien selbst gibt es einschlägige Kongresse, z.B. 2012 einen Higher Education Sustainability Congress mit 1000 erwarteten Teilnehmern, was auf die Bedeutung des Themas allein in diesem US-Staat verweist.

Fazit: Beim Blick Richtung USA fallen vielen Europäern zuerst die eminenten Treibhausgasemissionen und die dahinterliegende vermutete allgemeine Sorglosigkeit vieler US Bürger gegenüber Klima- und Nachhaltigkeitsfragen ins Auge. Nun scheint es an der Zeit zu sein, diesen ersten Eindruck, zumindest für den Bereich der Universitäten, zu differenzieren. Was ich in den besuchten Universitäten an nachhaltigkeitrelevanten Aktivitäten beobachtet habe, stellt die Entwicklungen an vielen deutschen Universitäten, in denen Nachhaltigkeitsthemen noch nicht systematisch behandelt werden, weit in den Schatten. Auch wenn nach einem strengen Nachhaltigkeitsmaßstab noch nicht alle Aspekte ausgeleuchtet werden (unterbelichtet scheinen mir Suffizienz- und soziale Fairness-Aspekte), darf nach meiner Ansicht die aufwendige und öffentlichkeitswirksame Sensibilisierung der Studierenden für die vielen nachhaltigkeitsbedeutsamen scheinbar kleinen Aspekte des alltäglichen Lebens, vom Transport über regionale Nahrung, Wasser- und Energiesparen bis hin zu fair gehandelten Produkten, darf die Einbindung von Studis in entsprechende Aktionen sowie deren Verknüpfung mit Lehraktivitäten (Universität als Laboratorium für zukunftsfähige Lebensmuster) für viele deutsche Unis derzeit als vorbildlich gelten. Solcherart Entwicklungen, bei denen Universitäten auch miteinander bezüglich ihrer Bestrebungen zu Nachhaltiger Entwicklung in Wettstreit treten, sind in Deutschland bislang trotz der Kopernikus Charta in den 1990er Jahren sowie des HRK Beschlusses für Nachhaltige Entwicklung erst in einigen „Pionier“- Hochschulen in Gang gekommen. Während an den besuchten Unis in Kalifornien die dortigen Absolventen, Entscheidungsträger von morgen, mit Inhalten der Nachhaltigkeitsdiskussion zumindest grob vertraut sind, kann man in Deutschland derzeit noch an vielen Unis studieren, ohne mit Nachhaltigkeitsfragen in Berührung zu kommen.

Man darf m.E. erwarten, dass die Entwicklung in Deutschland und Europa dem US amerikanischen Muster folgen wird und dass Universitäten, welche sich als erste Nachhaltigkeitsaspekten auf den unterschiedlichen Ebenen in Lehre, Forschung und Administration ernsthaft öffnen, mehr Studierende anziehen werden und somit auch unmittelbare Wettbewerbsvorteile erwarten dürfen.

Ausblick: Für die Entwicklung des Master-Studienganges „Nachhaltigkeitsmanagement“ an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, an der ich beteiligt bin, können die Erfahrungen dieser Reise als Signal verstanden werden, dass wir in Eberswalde auch international ein sehr attraktives Angebot schaffen, das möglicherweise auch weltweit Studierende anzuziehen in der Lage sein wird, da es Angebote in der von uns geplanten Breite bislang auch in den USA kaum gibt. An der Uni Göttingen gibt es mit dem IZNE und einigen weiteren Pionieren bedeutsame Kristallisationspunkte, den Bachelorstudiengang Ökosystemmanagement, das geplante Studium Ökologicum, das geplante Mastercurriculum „Nachhaltigkeitswissenschaft“, die Permakulturgärten-Aktivitäten, die Verbindungen zur Transition Town Göttingen Initiative sowie dem Dialogdorf Diemarden oder den fünf Bioenergiedörfern im Landkreis. Wenn die Koordination und der weitere Ausbau dieser Aktivitäten seitens der Universitätsleitung in einer Weise Unterstützung fänden, wie dies an einer wachsenden Zahl US amerikanischer Unis bereits der Fall ist, dürfte das zu einer Sicherung der guten Position der Göttinger Uni in der deutschen Universitätslandschaft beitragen und deren Attraktivität für die wachsende Zahl nachhaltigkeitssensibilisierter Studierender und Lehrender aus Deutschland aber auch aus dem Ausland deutlich steigern.