Nachhaltige Wissenschaft im Koalitionsvertrag Niedersachen verankert

Die neu gewählte Landesregierung Niedersachsens nimmt die Förderung einer Nachhaltigen Wissenschaft explizit in ihrer am 13.02.2013 veröffentlichten Koalitionsvereinbarung „Erneuerung und Zusammenhalt – Nachhaltige Politik für Niedersachsen“ mit auf. Die wissenschaftspolitische Umsetzung des, am vergangenen Wochenende entwickelten, Koalitionsvetrags wird von der neuen Wissenschaftsministerin Dr. Gabriele Heinen-Kljajic (Bündnis 90/ Die Grünen) verantwortet.

„Nachhaltigkeit soll in Forschung und Lehre eine der Leitideen zukünftiger Hochschulentwicklung sein. Die bisher technologisch ausgerichtete Innovations- und Forschungsförderpolitik Niedersachsens soll weiterentwickelt werden. Herausforderungen wie demografischer Wandel, Energiewende, Mobilitäts- Ernährungs- und Agrarwende können nur inter- und transdisziplinär bearbeitet werden. Die rot-grüne Koalition wird:

  • über die Grenzen der Fachdisziplinen hinweg eine Wissenschaftskultur fördern, die auch notwendige soziale und institutionelle Innovationen mit in den Blick nimmt,
  • für den VW-Vorab eine Förderlinie „Nachhaltige Wissenschaft“ vorschlagen.“ (Koalitionsvereinbarung, S. 41)

Für die Nachhaltigkeits-orientierten Aktivitäten im Land Niedersachsen bringt diese Entwicklung entscheidenden Rückenwind. Niedersachsen hat bereits eine Reihe von Hochschulen, die sich für die Etablierung von Nachhaltigkeit in Forschung, Lehre und Campusverwaltung engagieren. Neben der Leuphana-Universität Lüneburg, die auch Mitglied der Nawis-Runde ist, existieren an der Universität Göttingen das „Interdisziplinäre Zentrum für Nachhaltige Entwicklung“ (IZNE) oder die Initiative „Sustainable University“ an der Universität Hildesheim.

Bereits im vergangenen November hatte Frau Dr. Heinen-Kljacic auf einer Veranstaltung der Reihe „Transformatives Wissen schaffen“ mit verschiedenen Hochschulrektoren und Vertretern zivilgesellschaftlicher Organisationen diskutiert, welche Perspektiven eine Transformative Wissenschaft für Niedersachsen bringt und welche Anreizsysteme geeignet sind eine Wissenschaft für die großen Herausforderungen zu fördern.

Ein Gedanke zu „Nachhaltige Wissenschaft im Koalitionsvertrag Niedersachen verankert“

  1. Der Gedanke ist richtig, dass der traditionelle Denkstil keine wirkliche Nachhaltigkeit in den Umgangsformen erlauben kann, da er selbst – als Art, Wissenschaft zu betreiben – den Kern der Problematik bildet. Die Frage ist also, wie Wissenschaftlichkeit im strengen Sinne nachhaltig werden kann.
    Schneidewind schlägt vor, sich am kantschen Imperativ zu orientieren. Das ist gewiss ein Fortschritt im Vergleich zum üblichen Vorgehen. Für Nachhaltigkeit im strengen Sinne ist es aber nötig, die Grundlage radikaler zu fassen. Zwar ist sie erfolgreich: die Mehrheit der heutigen Wissenschaftlichkeit verläuft in Formen des Beobachtens und Beschreibens.
    Jeder Form des äußerlichen Herantretens hat unweigerlich die Crux, die als ‚blinder Fleck‘ bekannt ist – vor allem in der Formalisierung von Logiken mit Autoren wie Francisco Varela, Gotthard Günther, Heinz von Förster, oder Rudolf Kaehr. Es liegt darin, dass z.B. ein Beobachter alles beobachten kann außer seinem eigenen Beobachtungsakt, oder dass alles gemessen werden kann außer Prinzipien wie das Messen.
    Das Problem ist die vollständige Selbstbezüglichkeit. Es reicht aber nicht aus, etwa mit Aristoteles festzustellen, dass das Denken des Denkens erreicht werden sollte (Metaphysik XII, 1071b – 1073a), oder mit Schelling die Einheit von Sein und Denken (Abhandlung über die Quelle der ewigen Wahrheiten, Berlin 1850), weil damit noch nicht geklärt ist, wie in kategorial homogener Weise zugleich die denkende Instanz ¬zu fassen ist. In der Subjekt-Objekt-Relation ist sie prinzipiell aus der Erfassbarkeit ausgeschlossen, da ein auf Objekte bezogenes Denken seine eigene Denk-Aktivität nicht als Objekt betrachten kann: kategorial schließen sich Akt und Ergebnis aus, sie können nur als Entweder-Oder in Betracht gezogen werden, und der Akt nur als ein äußerer. Aristoteles gelangt zum ‚unbewegten Beweger‘ als für ihn begrifflich erforderliches Konzept, und Schelling setzt Gott an die Stelle des kategorial zu bewältigenden Gesamtzusammenhangs.
    Dass in der einen oder anderen Vorgehensweise von der Betrachtung bloß äußerer Objekte abgerückt wird, weil die Unzulänglichkeit dieser Perspektive geahnt wird – etwa im Fortschritt, der sich gegenüber der üblichen Wissenschaftlichkeit seit den Arbeiten von Nietzsche, Husserl, Heidegger, Gadamer, Merleau-Ponty, Ricoeur, Waldenfels und Schmitz einstellte – ist nicht per se ein Garant für totale Selbsttransparenz. In der genannten Linie wurde nur das Objekt vom Einzelnen zum Ganzen hin verschoben – mit Heidegger als Sein bzw. Seyn, oder mit Merleau-Ponty als Leiblichkeit im allumfassenden Sinne, usw.. Damit ist noch nicht systematisch der Gesamtzusammenhang angesprochen – und somit auch nicht völlig transparent gemacht – der im rein begrifflichen Bereich aus dem Verbund besteht von Gegenstand und Denken, das ihn aktuell denkt. Dann muss (mit Heidegger) die Doppeltheit von Offenbarung und Verbergung als unhintergehbar erscheinen und das Ungefasste als scheinbar Verborgenes ‚entborgen‘ werden – was aber nie ganz gelingen kann, da die Struktur des gewählten Vorgehens es ja selbst erzeugt hat. Wer Wirklichkeit als das erachtet, was sich verbirgt – nicht das in Betracht ziehend, was einst weitere Zusammenhänge unbedacht verborgen hat – erzeugt sich ein Problem, weil Erscheinungen ihre Eigengesetzlichkeit prinzipiell nicht zeigen können. Der ‚Schleier der Isis‘ besteht nur für jene, die ihr Denken im Halbdunkel lassen; mit der Selbsttransparenz fällt der Schleier. Das ist auch Heideggers Stoßrichtung, aber es entgeht ihm sein eigener blinder Fleck (das ist die Eigenschaft von blinden Flecken). In einer vergleichbaren Weise steht (mit Merleau-Ponty) zwar die Leiblichkeit immer ausführlicher vor uns, aber es wird nicht ganz klar, was diese im Innersten heranbildet und zusammenhält; es ‚fungiert‘ dann eine Intentionalität, von der nur die mensch¬liche Form verständlich werden kann, jedoch nicht die systematisch streng allgemeine.
    Ein ‚blinder Fleck‘ kann sich je nach der Art von Beobachtung und Beschreibung in vielen Bereichen und Formen manifestieren. Die Eigenart von blinden Flecken ist es aber stets, das Faktum nicht bemerken zu können, dass sie überhaupt bestehen. Das je wirksame vorbegriffliche und begriffliche Gefüge kann nicht erkennbar machen, dass es nicht erkennbar machen kann, was es nicht erkennbar machen kann – nämlich die Parado¬xie, dass es den Gesamtzusammenhang in Eigenes und Fremdes scheidet und sich einerseits von dieser Unterscheidung unterscheiden muss, innerhalb der Unterscheidung aber als Bestandteil und damit als Objekt einer Bezugnahme beste¬hen muss. Wo Beobachter andere Beobachter beim Beobachten beobachten – in der so genannten ‚Beobachtung zweiter Ordnung‘ (second order cybernetics) – kann die Paradoxie etwas gemildert werden. Manche begnügen sich damit; so baut Luhmann seine Systemtheorie auf. Weil er aber axiomatisch etwas Bezeichnetes postuliert, das apriorisch vorliegt (die Struktur, ein System zu sein), während er den blinden Fleck für die Form hält, die Unterscheidungen und Kausalitäten erst zu formulieren erlaubt, rechtfertigt er den primären Knoten, anstatt ihn klären. Darum gelingt Luhmann keine prinzipielle Lösung des Problems vom blinden Fleck. Ähnlich will Günter Dux in der sozialen Prozessualität den problematischen Begriff ‚Geist‘ als Seinsbasis durch konstruktivistische Annahmen vermeiden. Damit kommt die Grundunterscheidung von Konstruiertem und Konstruierendem ins Spiel, wo unentscheidbar bleiben muss, ob sie selber etwas Konstruiertes ist oder die konstruierende Aktivität kennzeichnet. Dass auf dieser Glaubensannahme eine Ontologie aufgebaut werden kann, welche die Wirklichkeit leidlich gut abbildet, ist kein Beweis für ihre absolute Geltung. Sogar Kant argumentiert aus einer Grundunterscheidung – empirisch vs. transzendental – aber es ist unentscheidbar, ob diese Entscheidung ihrerseits empirisch oder transzendental ist. Jeder Denkansatz hat seinen eigenen Stil im Ausweichen auf eine Lösungsphantasie. Jedes Beharren führt zu Paradoxien, die stets beliebig weiter verschoben werden können und dadurch immer neue Forschungsbereiche gebären. Ein anderes Beispiel ist das Prinzip des Messens. Es kann durch keine Form von Messung erfassbar werden; am Ende tauchen nur paradoxale Folgerungen auf, wie in der heutigen Physik. Keine Messung ist möglich ohne Festlegung der Einheit oder des Akts für Vergleiche, aber das Universum bietet keine feste Grundeinheit. Es gibt keine elementare Naturkonstante, die theoretisch absolut relevant sein könnte. Viele erblicken solche im planckschen Wirkungsquantum, der Lichtgeschwindigkeit im Vakuum, der Elementarladung (kleinste frei existierende elektrische Ladung), der Elektronenmasse, und der Protonenmasse. Diese Größen sind aber bloß Früchte des Messenwollens als Herangehensweise an die Wirklichkeit insgesamt. Erfreulich klar ist Hegel in seiner Diskussion von Qualität und Quantität (Enz. §§84-107): keine Quantität kann für sich selber stehen, alle gründen in vorangegangenen qualitativen Bestimmungen. Die Abhängigkeit steht nicht im Widerspruch zur relativen Selbständigkeit von Quantitäten, die frei in Bezug gesetzt werden können zu Quantitäten von anderen Qualitäten. Auch zeitliche Abläufe sind empirisch kein objektiv sicheres Mittel, um dem Problem zwischen scheinbar fester Gegenständlichkeit und scheinbar unfassbaren Relationsformen prinzipiell zu entgehen. Wenn etwa die Zeit selbst leicht variieren würde, würden wir und alle Messapparaturen sich mit-verändern – und nichts wäre empirisch feststellbar.
    Die Problematik ist dennoch auflösbar – wo der Wille dafür aufgebracht wird. Der Grundgedanke ist, jede Form von Vor-Urteil wegzulassen und erst dann Dingliches zu beurteilen, wenn völlige Klarheit erreicht ist in Bezug auf das Instrumentarium, durch das die Urteilsbildung erfolgt. Das war immer schon das Ansinnen in Theorien über die Erkenntnis und des Wissens, aber weil sie sich nur zu oft in einer Form des Beobachtens und Beschreibens bewegten, konnten sie nicht kompromisslos genug sein.
    Wir können uns befreien von den selbsterzeugten Grenzen sobald wir uns der Grund-Fragerichtung bewusst werden, die wir verfolgen wollen und wir bemerken, dass erst präzis bestimmbare Grundbegriffe ein vollständiges Begreifen (‚Intelligibilität‘) in der jeweiligen Grund-Fragerichtung erlauben. Sie treten als in sich polare Begriffs-Paare auf, deren logische Notwendigkeit aus der Befragungsrichtung folgt. So wird z.B. das Begreifen von ‚Veränderung‘ erst möglich durch ‚Form‘ und ‚Stoff‘, wie dies Aristoteles vorgeschlagen und weitgehend ausgelotet hat. Für jede Frage-Perspektive sind präzis erkennbare Begriffspaare geeignet, weil genau sie das Begreifen des Phänomens unter der befragten Perspektive erlauben. Es sind rein theoretische Begriffe, analytische Begriffe. Die Wirklichkeit des betrachteten Phänomens wird von den beiden Aspekten bestimmt, die also darin kombiniert zu sein scheinen, die aber das Denken klar unterscheiden muss, um das Phänomen als Ganzes begreifen zu können. Analytische Klarheit erlaubt eine wirklich geeignete Theoriebildung zu leisten, womit wir uns immer zwangloser ins Naturgeschehen eingliedern können, eine immer kompromisslosere Nachhaltigkeit garantierend. Die empirisch gefärbten Begriffe, in denen üblicherweise gedacht wird, können nie zielführend werden, weil sie die kurz umrissenen Grenzen nach sich ziehen.
    Eine ausführliche Darlegung des vorgeschlagenen Ansatzes liegt vor in Schaerer [2011] Systematische Ganzheitlichkeit – Eine methodologische Vermittlung zwischen Perspektivität und Universalität, mit einem Grundriß der Anwendbarkeit dieses Ansatzes auf die Geowissenschaften, Würzburg: Königshausen & Neumann. Darin ist ein Artikel enthalten, in dem spezifisch auf die Problematik der Nachhaltigkeit eingegangen wird; er ist auch online zu finden auf
    http://www.fs.fed.us/rm/pubs/rmrs_p042/rmrs_p042_960_990.pdf

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