Wissenschaftsrat legt „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“ vor – aus Sicht einer gesellschaftsorientierten Wissenschaft eine Enttäuschung

Der Wissenschaftsrat hat am heutigen Montag offiziell seine Empfehlungen zu den „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“ vorgestellt. Sie waren vom Wissenschaftsrat am Freitag in Braunschweig nach einem langen Diskussionsprozess verabschiedet worden. Hochschulrektorenkonferenz und Leibniz-Gemeinschaft begrüßen das „gelungene Ensemble gut abgestimmter Maßnahmen, die das deutsche Wissenschaftssystem insgesamt stärken werden“ und fühlen sich durch die Empfehlungen „bestätigt und gestärkt“.

Aus der Sicht einer gesellschafts-orientierten Wissenschaft enttäuschen die Empfehlungen. Zwar werden im Analyseteil mit dem Titel „Wissenschaft im Kontext des beginnenden 21. Jahrhunderts“ neben der „Globalisierung“, der „Beschleunigung“,  der „Demographie“, der „Innovationsfähigkeit“ und dem „Investitionsbedarf“ unter dem Punkt „Komplexität“ (S. 20) auch die „großen gesellschaftlichen Herausforderungen“ und die Bedeutung der Wissenschaft zur ihrer Bewältigung angesprochen. In den weiteren Empfehlungen findet dies aber keinen Niederschlag.

Letztlich sind die Empfehlungen durch ein reines „Weiter so!“ geprägt – eben nur auf möglichst besserer finanzieller Basis. Dies gilt insbesondere für die beiden neuen vorgeschlagenen Förderinstrumente: (1) die Merian-Professuren und (2) die Liebig-Zentren. Merian-Professuren sollen 200-250 besonders gut ausgestattete (ca. 1 Mio. Euro pro Jahr) Professuren sein, die Schwerpunktbereiche in Universitäten stützen. Liebig-Zentren sollen ein neues Instrument der strukturellen Schwerpunktbildung werden. Gedacht ist an rund 50 Liebig-Zentren, die mit durchschnittlich 8 Mio. Euro pro Jahr gefördert werden sollen.

Hinter diesen Instrumenten verbergen sich faktisch nur Ansätze zur Verstetigung der Finanzierungen aus der Exzellenzinitiative. Die Chance, mit der Einrichtung dieser Förderansätze auch wissenschaftspolitisch neue Akzente auszulösen, wird in den Empfehlungen nicht angenommen. So würde sich das Instrument der Merian-Professuren geradezu anbieten, eine bestimmte Zahl gezielt transdisziplinär forschender Professorinnen und Professoren prominent an Hochschulen zu verankern. Ähnliches gilt für Liebig-Zentren. Hier sollten eine Reihe von Liebig-Zentren aufgesetzt werden, die transdisziplinäre, gesellschaftsorientierte Ansätze in vorbildlicher Weise umsetzen.

Neben der Perspektiven-Arbeitsgruppe hat der Wissenschaftsrat im Jahr 2012 auch eine Arbeitsgruppe zur Frage der „Bedeutung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen“ für das Wissenschaftssystem eingesetzt. Sie wird voraussichtlich Ende des Jahres 2013 ihre Empfehlungen vorlegen. Es ist zu hoffen, dass mit den Ergebnissen dieser Arbeitsgruppe die „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“ etwas weiter gedacht werden als im am Freitag verabschiedeten Perspektivpapier.

2 Gedanken zu „Wissenschaftsrat legt „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“ vor – aus Sicht einer gesellschaftsorientierten Wissenschaft eine Enttäuschung“

  1. (1) Hier eine Zitatensammlung von mir aus dem Gutachten mit Bezug zum Leistungsbereich „Transfer“ (Gesellschaftstransfer)

    http://www.facebook.com/manfred.ronzheimer/posts/576275589091161

    (2) Die Bewertung von Uwe Schneidewind berücksicht m.E. zu wenig, dass die Instrumente Liebig und Merian ausdrücklich an die Profil-Strategie der jeweiligen Hochschule geknüpft sind. Unis, die in Richtung Nachhaltigkeit und Transformation marschieren wollen, bekommen damit sehr gute Umsetzungs-Hebel. (Wenn es die Jury durchläßt)

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