Diskussionsbeitrag: Plädoyer für eine Bürgeruniversität – Beitrag von Uwe Schneidewind in der Deutschen Universitätszeitung

Genau hier setzt die Vision einer Bürgeruniversität an:
• Sie begeistert Studierende und ihr Umfeld, weil sie Forschungsfragen aufgreift, die gesellschaftlich bewegen. Studierende motiviert sie, Fragestellungen, ihre Verknüpfungen und die Methoden zu ihrer Bearbeitung zu verstehen. Egal, ob es um alternative ökonomische Modelle, die Verbreitung dezentraler Energien oder Antworten auf den demographischen Wandel oder die zunehmende Diversität in Städten und Regionen geht.
• Die Bürgeruniversität mobilisiert zur Beantwortung nicht nur die Wissensbestände ihrer vielfältigen Disziplinen, sondern bezieht auch betroffene Akteure und deren Wissen mit ein. Damit wird sie zur öffentlichen Wissensplattform und rückt in die Mitte der Gesellschaft. Ein wichtiger Schlüssel dafür sind „Reallabore“, d.h. Veränderungsräume, die von Hochschulen aktiv begleitet werden.
• „Forschendes Lernen“ wird in der Bürgeruniversität zur Realität. Sie verwirklicht eine Kultur des Wissensaustausches auf Augenhöhe. Das disziplinäre Expertenwissen von Wissenschaftlern begegnet den Wissensbeständen und Fragen von Studierenden und der Gesellschaft auf einer Ebene. Dies zeigt sich insbesondere in Forschungsprojekten im interkulturellen Bereich.
• All dies hilft der Bürgeruniversität sich aus der Selbstbezüglichkeit einer disziplinären Logik zu befreien und eine Identität als gesamte Universität zu entwickeln, um damit auch zum Identifikationsort für ihr gesellschaftliches Umfeld zu werden.

Die gerade skizzierten Kernbausteine einer Bürgeruniversität sind seit vielen Jahren ausgearbeitet in den Programmen einer transdisziplinären Wissenschaft, der Idee einer „Modus 2“ (Nowotny)-Wissenschaft. Das globale „Future Earth“-Forschungsprogramm spricht von „Co-Design“ und „Co-Production“ von Wissen im Forschungsprozess. Die Europäische Union definiert im Rahmen ihres Programmes Horizon 2020 die „großen gesellschaftlichen Herausforderungen“ als Ausgangspunkt künftiger Forschung. Der Wissenschaftliche Beirat für Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat den Begriff einer „transformativen“ Wissenschaft geprägt, d.h. einer Wissenschaft, die gesellschaftliche Veränderungsprozesse aktiv begleitet. Und all das ist dabei kein Abgesang auf die Qualitätskriterien exzellenter disziplinärer Wissenschaft. Es bettet diese vielmehr in gesellschaftliche Herausforderungen ein und erweitert den Umfang der im praktizierten Wissensintegration.

Dennoch gibt es diese Formen der Wissenschaft im Wissenschaftssystem bisher nur als zarte Pflänzchen- – von inspirierenden Formen des „Service-Learning“ über eine Reihe beispielgebender transdisziplinärer Projekten bis hin zu einigen wenigen Universitäten, die den Mut haben, ihre Fakultätsstrukturen neu überdenken (wie z.B. die Leuphana Universität in Lüneburg) oder Ausbildungsgänge konsequent problemorientert durchzudeklinieren wie z.B. die Mediziner-Ausbildung in der Wittener Didaktik.

Ein konsequent umgesetztes Programm einer Bürgeruniversität fehlt bisher. Es ist ein voraussetzungsvolles Programm:
• Es braucht engagierte Lehrende und Forscherinnen und Forscher, die sich auf von außen gestellte Forschungsfragen einlassen und die Mühen der Verständigung und Kooperation mit z.T. weit entfernten Disziplinen und Praktikerinnen einlassen.
• Es braucht offene Studierende, die eigene Fragen haben und die Antworten auf diese Fragen selbstbewusst von ihrer Universität einfordern.
• Es braucht den Mut, Fakultäts- und Universitätsstrukturen neu zu denken.
• Es braucht ein offenes Umfeld, das über die klassischen Wirtschaftskontakte von Hochschulen hinausgeht. Ein Umfeld, das Vertrauen in die Orientierungs- und Lösungskompetenz „seiner“ Hochschule hat und diese einfordert.
• Es braucht innovative öffentliche und private Förderinstitutionen und –formate, die eine solche Form der Forschung mit all ihrem Aufwand unterstützt.
• Es braucht eine gute Nachwuchsqualifizierung und Qualitätssicherung, um den Anspruch einer Bürgeruniversität auf hohem Niveau und nachhaltig einzulösen.

Eine Reihe ausgewählter Forschungsinstitute setzt ein solches Programm heute in der Forschung um. Vollständig eingelöst werden kann der Anspruch an die Wissenschaft aber letztlich nur in und von Universitäten: denn eine bürgerorientierte Wissenschaft ist mehr als die Summe einzelner Forschungsprojekte. Sie ist eine Haltung, mit der Wissenschaft der Gesellschaft gegenübertritt. Sie muss sich niederschlagen in der Ausbildung von Studierenden und in der wissenschaftlichen Nachwuchsqualifizierung. Und dies kann nur die Universität leisten.

Insofern lohnt es sich den Weg einzuschlagen: Denn die Idee einer Bürgeruniversität würde die Universität wirklich in den Mittelpunkt der Gesellschaft rücken – zum Vorteil von Wissenschaft und Gesellschaft.

Der Beitrag ist erschienen in: Deutsche Universitätszeitung DUZ, Magazin 08/2013, Seite 30f.

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