Konferenzbericht zur Tagung „Neue Governance der Wissenschaft“ am 10./ 11. Oktober im WZB Berlin

 

PD. Dr. Gläser von der TU Berlin referierte in seinem Vortrag „Reaktionen auf Evaluationen: neue Möglichkeiten und fortbestehende Einschränkungen“ die Ergebnisse einer qualitativen Studie, die die Wirkungen von Evaluationen (bspw. CHE Ranking, Leistungsorientierte Mittelvergabe und Exzellenzinitiatvie) anhand vergleichender Fallstudien von 6 Universitäten erfasste. Hier zeichnete sich ein nuancierteres Bild, das drei Typen der Reaktion von Universitätsangehörigen auf die externe Anforderung „Evaluation“ unterscheiden lässt: (1) keine Reaktion, (2) Kampf gegen die Evaluation und (3) Veränderung der Forschung durch die Evaluation. Das letzte Reaktionsmuster zeigte sich vor allem in den Fällen, in denen das jeweilige Landesministerium ein hohes Interesse an den Evaluationsergebnissen zeigte und gleichzeitig die Aufnahme der Evaluationsergebnisse Konsequenzen für die Hochschule hatte.

Dr. Henning Kroll vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) skizzierte die Ergebnisse eines Forschungsprojekt zur „regionalen Vernetzung von Hochschulen„. Er beschrieb zunächst allgemein eine Tendenz zur stärkeren Bedeutung von zusätzlichen Funktionen der Hochschulen, wie dem Wissenstransfer in die Region und der Förderung von Entrepeneurship. Diese gesteigerte Bedeutung zeigt das Bild einer „engagierten Universität“, die auch soziale Aktivitäten und eine regionale Führungsverantwortung übernimmt: „Regionales Engagement von Hochschulen ist kein Selbstzweck, sondern trägt wesentlich zur Erreichung hochschuleigener Zielsetzungen bei. Die Erwartungshaltung des regional-politischen Umfeldes hat zugenommen und eröffnet neue Perspektiven für regionales Engagement. Hochschulleitungen können kaum direkte Anreize setzen, bzw. Aktivitäten steuern

Prof. Brigitte Riegraf thematisierte eine „Governance der Wissenschaft unter einer Gender-Perspektive„. Die Herausforderung in der aktuellen Gleichstellungspolitik an Hochschulen stellt der prozentuale Einbruch von Frauen nach der Promotionsphase dar, weswegen über neue Anreizsysteme in der Gleichstellungspolitik nachgedacht wird. Brigitte Riegraf nahm ein Screening von zentralen Wissenschaftssteuerungs-Instrumenten, wie der Exzellenzinitiative, der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie den Leistungsorientierten Mittelvergabesystemen der Bundesländer vor. Ihre Essenz: materiell gut ausgestattete Programme und große Institutionen wie die DFG können Veränderungen initiieren und durch ihre Anreize zu einer prozentualen Steigerung der Frauen auch in den späteren Karrierestufen führen. Beispielsweise gab es an den Universitäten, die in der Exzellenzinitiative erfolgreich waren, neue Handlungsspielräume für die Gleichstellungsarbeit.

2 Gedanken zu „Konferenzbericht zur Tagung „Neue Governance der Wissenschaft“ am 10./ 11. Oktober im WZB Berlin“

  1. Mein erster Kommentar zum dritten Konferenzblock „Medialisierung“:

    Mir ist besonders aufgefallen, wie wenig die dort vortragenden Medienforscher den realen Wandel in der Medienlandschaft wahrnehmen. Sie stellen fest, dass wissenschaftspolitische Berichterstattung in der Presse vor allem für Ministerien und Hochschulleitungen von großer Bedeutung ist. Aber diese Berichterstattung des kritischen Wissenschaftsjournalismus – speziell über die Wissenschafts- und Hochschulpolitik – ist in Deutschland rasant am Sterben. Die Forscher werten etwa Wissenschafts-Artikel der Financial Times Deutschland und der Frankfurter Rundschau aus. Längst auf dem Friedhof! Was bringt solche Forschung, wie es gestern war, für heutiges Handeln? Auf der anderen Seite die unfassbare Hochrüstung der Wissenschaftskommunikation von der Angebotsseite. Ein Mißverhältnis, das im Moment keine Wahrnehmung findet. Die seit zwei Jahren geheim tagende Weingart-Gruppe „Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit“
    http://www.lemmens-online.net/wissenschaftspolitik/details/artikel/oeffentlichkeit-als-geheimnis.html
    hat das in 30 Studien, die sie in Auftrag gegeben hat, herausgefunden und war selber verblüfft über das Ausmaß der Wissenschafts-PR in Deutschland. Diese Einschätzung färbte auch die letzte, 13. These Weingart, in der er von der Gefahr des Glaubwürdigkeitsverlustes durch exaltierte Wissenschaftskommunikation sprach.
    Wenn ich in der Diskussion noch drangenommen worden wäre, hätte ich aus der Welt des Real-Journalismus darauf hingewiesen, dass dieser „Shift“ sich abzeichnet: Während die Öffentlichkeitsarbeiter der Wissenschaftsorganisationen eine riesige Potemkinsche Schokoladen-Kulisse der süßen Wissenschaft aufbauen, müssen die Wissenschaftsjournalisten in den Medien, um zu überleben und gehört zu werden, genau auf diesen Duktus verzichten. Sie müssen nicht mehr wie bisher freundschaftliches Sprachrohr der Wissenschaftler sein, sondern sie müssen neutraler und kritischer werden. Das ist die Folge der PR-Aufrüstung: In den unabhängigen Medien wird die Wissenschaftskritik zunehmen. Eine solche Einlassung von mir wäre ein guter und realitätsgesättigter Input in der WZB-Konferenz gewesen. Aber die Wissenschaftsforscher mussten ganz schnell zum Mittagessen.

    Nachtrag: Das dollste ist da – aus meiner Sicht als Wissenschaftsjournalist – der „Siggener Denkanstoß“.
    http://www.wissenschaft-im-dialog.de/wissenschaftskommunikation/weiterentwicklung/siggener-denkanstoss.html
    An dem werde ich mich noch abarbeiten, selbst wenn der TELI-Vorsitzende da mitgemacht hat.

    Manfred Ronzheimer

  2. Vielen Dank für Ihren kritischen Kommentar.
    Selbst als Wissenschaftler tätig kann ich das nur bestätigen. Kommuniziert wird gern alles Positive. Überhaupt sind ja alle Projekte grundsätzlich erfolgreich, wichtig und nur aufgrund der einzigartigen Leistung des jeweiligen Instituts möglich.
    Ist eben alles Marketing.

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