Konferenzbericht zur Tagung „Neue Governance der Wissenschaft“ am 10./ 11. Oktober im WZB Berlin

 

PD Dr. Peter Wehling von der Universität Augsburg diskutierte die „Uneingeladene Partizipation der Zivilgesellschaft – ein kreatives Element der Governance von Wissenschaft„. Dazu zog er Beispiele aus der Medizin (Patientenvereinigungen) und der Nanotechnologie (Umwelt- und Verbraucherschutzverbände) heran. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war ein polyzentrisches (d.h. von verschiedenen Kraftzentren und Akteuren ausgehendes) Verständnis von Wissenschaft. Diese polyzentrische Wissenschaft lässt das zu regelnde Problem oder die zu klärende Frage gemeinsam aushandeln und somit Teil des Governance-Prozesses werden. Mit Brian Wynne unterschied Peter Wehling die eingeladene (zeitlich begrenzte Teilnahme der zivilgesellschaftlichen Akteure an organisierten und formalisierten Partizipationsverfahren) und die uneingeladene (die faktische, selbstorganisierte, durch eigene Interessen und Ziele motivierte Beteiligung zivilgesellschaftlicher Gruppen) Partizipation der Zivilgesellschaft. Unabhängig von der Form der Partizipation kann die Zivilgesellschaft für die Wissenschaft zentrale Leistungen erbringen: „(1) die Mit-Gestaltung der Forschungsagenda, (2) die Bereitstellung wichtiger Ressourcen unter epistemischen, organisatorischen und legitimatorischen Aspekten und (3) ein epistemisches Korrektv für die wissenschaftliche Forschung“ (ZITAT Peter Wehling PPT). Ausgehend von diesen Erkenntnissen wurde von Herrn Wehling die wissenschaftspolitische Leitorientierung einer „Reflexiven Autonomie“ der Wissenschaft empfohlen. Außeneinflüsse auf die Wissenschaft sind hier wichtig, um innerwissenschaftliche (thematische, theoretische, methodische) Schließungsprotesse korrigieren zu können. In der forschungspolitischen Umsetzung empfiehlt er darüber hinaus eine Verknüpfung der Vorzüge und Stärken von „eingeladener“ und „uneingeladener“ Partizipation. Einige Beispiele dafür sind strukturierte, partizipative Prozesse des „research agenda setting“, ein eigenständiger Forschungsfond für Zivilgesellschaftliche Organisationen (wie es auch im 7. Rahmenprogramm der EU angelegt ist), sowie neuartige, offene und experimentelle Partizipationsformate, wie z.B. eine „societal interface group“.

Nadine Fromm von der Universität Flensburg präsentierte in ihrem Vortrag „Auch Breiten- statt nur Spitzenförderung – Warum EPSCoR  ein Vorbild für die DFG sein könnte“ ein alternatives Instrument zur Drittmittelvergabe. Der Hintergrund für diese Diskussion war zunächst, dass die zunehmende Bedeutung von Drittmitteln erwiesenermaßen zu einer Konzentration auf sowieso schon starke Hochschulstandorte führt. Dies forciert eine Ungleichverteilung der Drittmittel und einen damit einhergehenden Mattheus-Effekt: der hat, dem wird gegeben. Je besser Fachbereiche und Hochschulen personell ausgestattet sind, desto stärker sind ihre Erfolgschancen im Wettbewerb um Forschungsgelder. In den USA hat die National Science Foundation (eine DFG-adäquate Förder-Institution) vor einem ähnlichen Hintergrund ein Programm mit einem explizit regional-politischen Schwerpunk konzipiert: EPSCoR (Experimental Program to Stimulate Competitive Research). Die Berechtigung zur Teilnahme an den EPSCoR Ausschreibungen erhalten nur diejenigen US-Bundesstaaten, die in den anderen Forschungsvergabeprogrammen der US-Regierung signifikant unterrepäsentiert sind. Die Zusammenarbeit der geförderten Bundesstaaten mit der NSF zielt auf ein universitäres capacity building. Ein deutsches Adäquat könnte der niedersächsische VW-Vorab darstellen.

2 Gedanken zu „Konferenzbericht zur Tagung „Neue Governance der Wissenschaft“ am 10./ 11. Oktober im WZB Berlin“

  1. Mein erster Kommentar zum dritten Konferenzblock „Medialisierung“:

    Mir ist besonders aufgefallen, wie wenig die dort vortragenden Medienforscher den realen Wandel in der Medienlandschaft wahrnehmen. Sie stellen fest, dass wissenschaftspolitische Berichterstattung in der Presse vor allem für Ministerien und Hochschulleitungen von großer Bedeutung ist. Aber diese Berichterstattung des kritischen Wissenschaftsjournalismus – speziell über die Wissenschafts- und Hochschulpolitik – ist in Deutschland rasant am Sterben. Die Forscher werten etwa Wissenschafts-Artikel der Financial Times Deutschland und der Frankfurter Rundschau aus. Längst auf dem Friedhof! Was bringt solche Forschung, wie es gestern war, für heutiges Handeln? Auf der anderen Seite die unfassbare Hochrüstung der Wissenschaftskommunikation von der Angebotsseite. Ein Mißverhältnis, das im Moment keine Wahrnehmung findet. Die seit zwei Jahren geheim tagende Weingart-Gruppe „Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit“
    http://www.lemmens-online.net/wissenschaftspolitik/details/artikel/oeffentlichkeit-als-geheimnis.html
    hat das in 30 Studien, die sie in Auftrag gegeben hat, herausgefunden und war selber verblüfft über das Ausmaß der Wissenschafts-PR in Deutschland. Diese Einschätzung färbte auch die letzte, 13. These Weingart, in der er von der Gefahr des Glaubwürdigkeitsverlustes durch exaltierte Wissenschaftskommunikation sprach.
    Wenn ich in der Diskussion noch drangenommen worden wäre, hätte ich aus der Welt des Real-Journalismus darauf hingewiesen, dass dieser „Shift“ sich abzeichnet: Während die Öffentlichkeitsarbeiter der Wissenschaftsorganisationen eine riesige Potemkinsche Schokoladen-Kulisse der süßen Wissenschaft aufbauen, müssen die Wissenschaftsjournalisten in den Medien, um zu überleben und gehört zu werden, genau auf diesen Duktus verzichten. Sie müssen nicht mehr wie bisher freundschaftliches Sprachrohr der Wissenschaftler sein, sondern sie müssen neutraler und kritischer werden. Das ist die Folge der PR-Aufrüstung: In den unabhängigen Medien wird die Wissenschaftskritik zunehmen. Eine solche Einlassung von mir wäre ein guter und realitätsgesättigter Input in der WZB-Konferenz gewesen. Aber die Wissenschaftsforscher mussten ganz schnell zum Mittagessen.

    Nachtrag: Das dollste ist da – aus meiner Sicht als Wissenschaftsjournalist – der „Siggener Denkanstoß“.
    http://www.wissenschaft-im-dialog.de/wissenschaftskommunikation/weiterentwicklung/siggener-denkanstoss.html
    An dem werde ich mich noch abarbeiten, selbst wenn der TELI-Vorsitzende da mitgemacht hat.

    Manfred Ronzheimer

  2. Vielen Dank für Ihren kritischen Kommentar.
    Selbst als Wissenschaftler tätig kann ich das nur bestätigen. Kommuniziert wird gern alles Positive. Überhaupt sind ja alle Projekte grundsätzlich erfolgreich, wichtig und nur aufgrund der einzigartigen Leistung des jeweiligen Instituts möglich.
    Ist eben alles Marketing.

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