Konferenzbericht zur Tagung „Neue Governance der Wissenschaft“ am 10./ 11. Oktober im WZB Berlin

 

Am zweiten Konferenztag stand die Medialisierung im Kontext der Governance der Wissenschaft im Mittelpunkt. Prof. Dr. Frank Marcinkowski von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster referierte über die „Neue Governance und die Öffentlichkeit der Hochschulen„. Die verschiedenen Beziehungen der Hochschule zu Staat, gesellschaftlichen Stakeholdern und anderen Hochschulen wurden von ihm und seinem Team auf die Funktionen und Wirkungen der Medien hin untersucht. Seine Ergebnisse lassen auf eine umfassende Medialisierung der Hochschulen auf struktureller (bspw. die Etablierung von neuen PR-Abteilungen), prozessualer (veränderte Entscheidungsstrukturen) und mentaler (in den Einstellungen von EntscheidungsträgerInnen) Ebene fest. Aus diesem Prozess der Medialisierung folgt eine stärkere Abhängigkeit von der öffentlichen Beobachtung durch die Medien. Marcinkowski’s Analyse der Presse-Resonanz der größten überregionalen Zeitungen und einiger ausgewählter lokaler Berichterstattungen zeigt, dass die Forschung und Expertise dabei die größte Aufmerksamkeit in den Zeitungen erfahren. Einzelereignisse (wie das Scheitern von Bauvorhaben oder Plagiatsfälle) können die Reputation einer Hochschule langanhaltend schädigen. Strukturelle Rahmenbedingungen (wie die Entfernung zur nächsten überregionaler Zeitung) sind jedoch wirkmächtiger als alle PR-Bemühungen. „Die Ausgangsbedingungen im Aufmerksamkeitswettbewerb sind daher hochgradig assymetrisch und die Fähigkeit zum selbstständigen Management des medienöffentlichen Erscheinungsbildes ist – trotz der Medialisierung –äußerst limitiert.“ (Zitat von PPT, Prof. Dr. Marcinkowski)

Prof. Dr. Bernd Blöbaum  von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster warf in seinem Referat „Medien, Fächer und Politik. Wie Medien forschungspolitische Entscheidungen in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen beeinflussen“ die Frage auf, wie unter den Bedingungen von Medialisierung Forschungspolitik betrieben werden kann. Welchen Einfluss haben Medien auf forschungspolitische Entscheidungen? Das System Wissenschaft und Politik, sowie der Journalismus beobachten sich gegenseitig, antizipieren die gegenseitigen Handlungen und leiten ihre eigenen Handlungen aus diesen Beobachtungen ab. In Herr Blöbaums Befragung von VerteterInnen aus Politik, Wissenschaft, Förderorganisationen, Ressortforschungs- Einrichtungen und Journalismus wurde die mediale Berichterstattung in verschiedenen Fächern positiv und nutzbringend dargestellt. Die gesellschaftliche Relevanz von Forschungsprojekten wird jedoch nach Aussage der Befragten als Auswahlkriterien für die Forschungsförderung zunehmend wichtiger. Viele der medialen Botschaften von Wissenschaft addressieren überwiegend die Politik und politische Entscheidungsträger wiederum nutzen Medienberichte als Reflexionsscheibe für eigene Informations- und Konstellationsstrukturen. In der Quintessenz wird über diese Kommunikationswege eine gute Medienarbeit über Forschungsprojekte mehr oder minder verwoben mit der originären Forschungsförderung.

Prof. Dr. Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich diskutiertein seinem Vortragdie „Medialisierung der Neurowissenschaften: Bedeutung journalistischer Medien für die Wissenschafts-Governance„. Die Massenmedien haben nach ihm ein Legitimierungspotential für die Wissenschaft, wobei sich aus Sicht der Neuro-WissenschaftlerInnen die Print-Medien und die Online-Seiten großer Zeitungen signifikant bedeutsamer für die Meinungsbildung erweisen als Social Media. Es gibt es unter den von Herrn Peters befragten NeurowissenschaftlerInnen eine große breite Bereitschaft zur Nutzung von Medienkontakten – abhängig von bestimmten Bedingungen (seriöse Medienformate oder einschlägige Expertise, die von den Medien angefragt wird). Gleichzeitig nehmen die NeurowissenschaftlerInnen die Selektivitäten der Medien wahr und bedienen diese Selektivität zumindest in Teilen in ihrer Selbstdarstellung. Nach Aussage der Befragten ist dieser mediale aber für den Forschungsalltag nicht prägend. Herr Peters resümmierte jedoch den Einfluss der Medien folgendermaßen: es gibt vermutlich einen zutreffend unterstellten Selektionsvorteil für medial attraktive Forschung und medien-affine Forscher haben in der Konkurrenz um Ressourcen und persönliche Vorteile bessere Chancen.

2 Gedanken zu „Konferenzbericht zur Tagung „Neue Governance der Wissenschaft“ am 10./ 11. Oktober im WZB Berlin“

  1. Mein erster Kommentar zum dritten Konferenzblock „Medialisierung“:

    Mir ist besonders aufgefallen, wie wenig die dort vortragenden Medienforscher den realen Wandel in der Medienlandschaft wahrnehmen. Sie stellen fest, dass wissenschaftspolitische Berichterstattung in der Presse vor allem für Ministerien und Hochschulleitungen von großer Bedeutung ist. Aber diese Berichterstattung des kritischen Wissenschaftsjournalismus – speziell über die Wissenschafts- und Hochschulpolitik – ist in Deutschland rasant am Sterben. Die Forscher werten etwa Wissenschafts-Artikel der Financial Times Deutschland und der Frankfurter Rundschau aus. Längst auf dem Friedhof! Was bringt solche Forschung, wie es gestern war, für heutiges Handeln? Auf der anderen Seite die unfassbare Hochrüstung der Wissenschaftskommunikation von der Angebotsseite. Ein Mißverhältnis, das im Moment keine Wahrnehmung findet. Die seit zwei Jahren geheim tagende Weingart-Gruppe „Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit“
    http://www.lemmens-online.net/wissenschaftspolitik/details/artikel/oeffentlichkeit-als-geheimnis.html
    hat das in 30 Studien, die sie in Auftrag gegeben hat, herausgefunden und war selber verblüfft über das Ausmaß der Wissenschafts-PR in Deutschland. Diese Einschätzung färbte auch die letzte, 13. These Weingart, in der er von der Gefahr des Glaubwürdigkeitsverlustes durch exaltierte Wissenschaftskommunikation sprach.
    Wenn ich in der Diskussion noch drangenommen worden wäre, hätte ich aus der Welt des Real-Journalismus darauf hingewiesen, dass dieser „Shift“ sich abzeichnet: Während die Öffentlichkeitsarbeiter der Wissenschaftsorganisationen eine riesige Potemkinsche Schokoladen-Kulisse der süßen Wissenschaft aufbauen, müssen die Wissenschaftsjournalisten in den Medien, um zu überleben und gehört zu werden, genau auf diesen Duktus verzichten. Sie müssen nicht mehr wie bisher freundschaftliches Sprachrohr der Wissenschaftler sein, sondern sie müssen neutraler und kritischer werden. Das ist die Folge der PR-Aufrüstung: In den unabhängigen Medien wird die Wissenschaftskritik zunehmen. Eine solche Einlassung von mir wäre ein guter und realitätsgesättigter Input in der WZB-Konferenz gewesen. Aber die Wissenschaftsforscher mussten ganz schnell zum Mittagessen.

    Nachtrag: Das dollste ist da – aus meiner Sicht als Wissenschaftsjournalist – der „Siggener Denkanstoß“.
    http://www.wissenschaft-im-dialog.de/wissenschaftskommunikation/weiterentwicklung/siggener-denkanstoss.html
    An dem werde ich mich noch abarbeiten, selbst wenn der TELI-Vorsitzende da mitgemacht hat.

    Manfred Ronzheimer

  2. Vielen Dank für Ihren kritischen Kommentar.
    Selbst als Wissenschaftler tätig kann ich das nur bestätigen. Kommuniziert wird gern alles Positive. Überhaupt sind ja alle Projekte grundsätzlich erfolgreich, wichtig und nur aufgrund der einzigartigen Leistung des jeweiligen Instituts möglich.
    Ist eben alles Marketing.

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