Konferenzbericht zur Tagung „Neue Governance der Wissenschaft“ am 10./ 11. Oktober im WZB Berlin

Auf dem abschließenden Podium wurden wissenschaftlichs-politische Implikationen aus den Forschungsprojekten generiert. Prof. em. Dr. Peter Weingart stellte zunächst einige Thesen vor, die einen konzeptionellen Rahmen um alle Forschungsprojekte spannten. Wissenschaft steht unter einem sich stetig steigernden externen Erwartungsdruck, der ein Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftlicher Relevanz und Exzellenz von Forschung eröffnet. Die Medialisierung als Kontextbedingung von Wissenschaft hat dabei einen zunehmenden, doch weitgehend unerforschten, Einfluss. Die Thesen sowie die auf der Konferenz vorgestellten Forschungsprojekte wurden anschließend von Prof. em. Dr. Freidhelm Neidhardt aus der Perspektive der Wissenschaft und Prof. Dr. Wolfgang Marquardt, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, aus der Perspektive der Politik kommentiert. Eine zentrale Aussage aus diesen Kommentaren war, dass der Bedarf an Wissenschaftspolitik-Beratung deutlich angestiegen ist, nicht zuletzt dadurch dass die gesellschaftlichen Nutzenerwartungen und die Partizipationsforderungen der Zivilgesellschaft steigen. Der Wissenschaftsrat kann dabei nur selten auf die Wissenschaftsforschung zurückgreifen, weil die aktuelle Datenlage kein Gesamt-Bild aller relevanten Messgrößen zulässt. Daher sollte – aus Sicht des Wissenschaftsrates – die Wissenschafts- und Hochschulforschung in den kommenden Jahren an Bedeutung und Ressourcen gewinnen. Nicht zuletzt soll dies durch die Zusammenlegung des bisherigen Hochschulinformationssystems (HIS) und des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (IFQ) lanciert und institutionell begleitet werden.

Was lässt sich  aus der Perspektive einer Nachhaltigen Wissenschaft aus der Konferenz „Neue Governance der Wissenschaft“ lernen? Insgesamt haben die vorgestellten Projekte eine differenzierte und empirisch gut abgesicherte Perspektive auf die Entwicklung des deutschen Wissenschaftssystems gegeben. Dieses Wissen kann für die aufgeklärte Diskussion über die Möglichkeiten einer Öffnung der Hochschulen und Forschungseinrichtungen hin zu gesellschaftlichen Schlüsselherausforderungen von strategischer Bedeutung sein.

  1. Eine Nutzung der neuen Steuerungsinstrumente zur Integration Nachhaltiger Entwicklung kann beispielsweise entscheidende Erfolge zeigen, wenn sie von einer engagierten Landespolitik flankiert wird. Dies wird besonders für die Bundesländer bedeutsam, die sich in ihrer Wissenschaftspolitik zukünftig an dem Leitbild Nachhaltiger Entwicklung ausrichten wollen oder dies aktuell schon realisieren.
  2. Die regionale Vernetzung der Hochschulen spielt eine zunehmend größere Rolle und Hochschulleitungen werden hier in den vergangenen Jahren deutlich aktiver. Insbesondere lokale, zivilgesellschaftliche Akteure können diesen Umstand nutzen und Kooperationen anstoßen, erneuern oder vertiefen.
  3. Die „uneingeladene“ Partzipation der zivilgesellschaftlichen Verbände in den vergangenen Jahren, bspw. im Rahmen der Plattform Forschungswende, hat in anderen Forschungsfeldern (bspw. der Forschung über seltene Krankheiten) ähnlich statt gefunden. Sie hat letztlich nicht nur zu einer einer größeren Robustheit der Forschungsergebnisse geführt, sondern auch zu einer stärkeren Legitimierung der Forschung und damit auch zur Einlösung eines gesellschaftlich legitimierten Partizipationsanspruches geführt.
  4. Die stärkere mediale Berichtserstattung führt scheinbar zu einer Öffnung der Hochschulen und Forschungsthemen für medial anschlussfähige Themenstellungen. Dies kann sowohl zu einer Marginalisierung der „schlechter kommunizierbaren“ Themen führen, als auch zu einer größeren Orientierung der Forschung und Lehre an den Schlüsselherausforderungen einer Gesellschaft. Für die wissenschaftpolitische engagierte Zivilgesellschaft ist diese Tendenz besonders wichtig.

Neben diesen Erkenntnissen aus der Hochschulforschung für die Debatte um eine Nachhaltige Wissenschaft, kann auch die Hochschulforschung von der Nachhaltigkeit-Community etwas lernen. Hier offeriert sich ein innovatives und lose gekoppeltes thematisches Netzwerk, das bereits einen reichen Erfahrungsschatz an Implementierungsstrategien vorweisen kann. Die Nachhaltigkeits-Community kann daher eine Blaupause für die Integration externer Anforderungen in die Wissenschaft darstellen.

2 Gedanken zu „Konferenzbericht zur Tagung „Neue Governance der Wissenschaft“ am 10./ 11. Oktober im WZB Berlin“

  1. Mein erster Kommentar zum dritten Konferenzblock „Medialisierung“:

    Mir ist besonders aufgefallen, wie wenig die dort vortragenden Medienforscher den realen Wandel in der Medienlandschaft wahrnehmen. Sie stellen fest, dass wissenschaftspolitische Berichterstattung in der Presse vor allem für Ministerien und Hochschulleitungen von großer Bedeutung ist. Aber diese Berichterstattung des kritischen Wissenschaftsjournalismus – speziell über die Wissenschafts- und Hochschulpolitik – ist in Deutschland rasant am Sterben. Die Forscher werten etwa Wissenschafts-Artikel der Financial Times Deutschland und der Frankfurter Rundschau aus. Längst auf dem Friedhof! Was bringt solche Forschung, wie es gestern war, für heutiges Handeln? Auf der anderen Seite die unfassbare Hochrüstung der Wissenschaftskommunikation von der Angebotsseite. Ein Mißverhältnis, das im Moment keine Wahrnehmung findet. Die seit zwei Jahren geheim tagende Weingart-Gruppe „Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit“
    http://www.lemmens-online.net/wissenschaftspolitik/details/artikel/oeffentlichkeit-als-geheimnis.html
    hat das in 30 Studien, die sie in Auftrag gegeben hat, herausgefunden und war selber verblüfft über das Ausmaß der Wissenschafts-PR in Deutschland. Diese Einschätzung färbte auch die letzte, 13. These Weingart, in der er von der Gefahr des Glaubwürdigkeitsverlustes durch exaltierte Wissenschaftskommunikation sprach.
    Wenn ich in der Diskussion noch drangenommen worden wäre, hätte ich aus der Welt des Real-Journalismus darauf hingewiesen, dass dieser „Shift“ sich abzeichnet: Während die Öffentlichkeitsarbeiter der Wissenschaftsorganisationen eine riesige Potemkinsche Schokoladen-Kulisse der süßen Wissenschaft aufbauen, müssen die Wissenschaftsjournalisten in den Medien, um zu überleben und gehört zu werden, genau auf diesen Duktus verzichten. Sie müssen nicht mehr wie bisher freundschaftliches Sprachrohr der Wissenschaftler sein, sondern sie müssen neutraler und kritischer werden. Das ist die Folge der PR-Aufrüstung: In den unabhängigen Medien wird die Wissenschaftskritik zunehmen. Eine solche Einlassung von mir wäre ein guter und realitätsgesättigter Input in der WZB-Konferenz gewesen. Aber die Wissenschaftsforscher mussten ganz schnell zum Mittagessen.

    Nachtrag: Das dollste ist da – aus meiner Sicht als Wissenschaftsjournalist – der „Siggener Denkanstoß“.
    http://www.wissenschaft-im-dialog.de/wissenschaftskommunikation/weiterentwicklung/siggener-denkanstoss.html
    An dem werde ich mich noch abarbeiten, selbst wenn der TELI-Vorsitzende da mitgemacht hat.

    Manfred Ronzheimer

  2. Vielen Dank für Ihren kritischen Kommentar.
    Selbst als Wissenschaftler tätig kann ich das nur bestätigen. Kommuniziert wird gern alles Positive. Überhaupt sind ja alle Projekte grundsätzlich erfolgreich, wichtig und nur aufgrund der einzigartigen Leistung des jeweiligen Instituts möglich.
    Ist eben alles Marketing.

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