Impressionen der Tagung „Interfaces of Science and Policy and the Role of Foundations“

2. Scientific advice: Approaches and limitations – insights for the German system
In der anschließenden Podiumsdiskussion skizzierte Dr.Robert Doubleday, Geschäftsführer des Centre for Science and Policy an der Cambridge University, einige Erfahrungen aus der Perspektive Großbritanniens. Dort hat jedes Fachministerium einen eigenen Science Advisor. Obwohl mit diesem Modell das Ziel eines pluralistischen Beratungssystems gleichberechtiger BeraterInnen angestrebt wird, lässt sich in der Praxis häufig eine Hierarchie der Disziplinen konstatieren. Darüber hinaus sei es entscheidend, die kulturellen Unterschiede in den nationalen Wissenschaftssystemen zu analysieren und anzuerkennen, wenn Empfehlungen zu einer Weiterentwicklung der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik generiert werden sollen. Prof. Dr. Kenneth Prewitt, Carnegie Professor an der University of Columbia und Mitherausgeber des Buches „Using Science as Evidence for Public Policy“ verdeutlichte sehr bildlich, wie die verschiedenen Zutaten und Gewürze einer wissenschaftlichen Politikberatung ein Ergebnis schmackhaft machen und gleichermaßen geschmacklich verderben können. Die Interessen der verschiedenen wissenschaftsfördernden Institutionen aus Politik und Privatsektor zu beleuchten, sei daher ebenso zentral, wie eine wissenschaftlich-systematische Untersuchung der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik.
In der folgenden Diskussion mit dem Publikum kristallisierten sich u.a. Debatten über die individuellen Sichtweisen und Vorurteile von WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen heraus. Beide Gruppen agieren aus unterschiedlichen Systemlogiken heraus und es komme daher darauf an, konkrete Formate zu entwickeln, in denen ein systematischer und dialogisch orientierter Austausch über den Wert der jeweils anderen Vorgehensweisen entstehen kann. Ein weiterer Streitspunkt der Debatte war die Frage der Wert-Freiheit wissenschaftlich generierten Wissens. Ottmar Edenhofer betonte, dass letztlich jedes wissenschaftlich produzierte Faktum die Konsequenz einer theoretisch und nicht zuletzt epistemologischen Entscheidung der ForscherInnen ist. Die rational-diskursive Auseinandersetzung über diese theoriegeleiteten (und letztlich Wert-gebundenen) Entscheidungen zu führen, könne die Gefahr einer reinen Instrumentalisierung der Wissenschaft durch andere Interessensgruppen zumindest eindämmen.
3. Grand Challenges: A common concept for science and policy?
Im zweiten Panel standen die „Grand Challenges“ als ein boundary object zwischen Wissenschaft und Politik im Mittelpunkt. Prof. Dr. Marquardt, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, berichtete über die Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrates Wissenschaftsbasierter Umgang mit großen gesellschaftlichen Herausforderungen am Beispiel der Energieforschung und die damit zusammenhängenden Diskussionen im Wissenschaftsrat. Da sich die Grand Challenges als (1) faktisch, (2) zeitlich und (3) gesellschaftlich komplexe Problemstellungen mit einer Reihe von Unsicherheiten entfalten, werden sie von WissenschaftlerInnen nur zögernd aufgegriffen. Damit sich Wissenschaft wieder in einem deliberativen Prozess über die Aushandlung dieser „Grand Challenges“ verorten kann, brauche es einen kulturellen Wandel im Wissenschaftssystem. Maritta Koch-Weser, Präsidentin der Initiative Earth 3000, machte an dem Beispiel der Wiederaufforstung deutlich, wie Wissenschaft ganz konkret zur Lösung eines gesellschaftlichen Problems beitragen kann. Denn obwohl 12 bis 15% der jährlichen globalen CO2 Emissionen auf die Abrodung von Wäldern zurückgeführt werden können, fehlt das wissenschaftliche Wissen über eine politisch legitimierte ökologisch-verträgliche Bewirtschaftung und Wiederaufforstung der Wälder. Prof. Dr. Reinhard Hüttl, Leiter des Geoforschungszentrums Potsdam und Präsident der Acatech, räumte eine dass strukturelle Öffnungen des Wissenschaftssystem notwendig seien und skizzierte anhand von verschiedenen laufenden Wissenschaftspolitischen Initiativen und Institutionen (8. Forschungsrahmenprogramm der EU Horizon 2020, nationale Akademien, Dialog-Formate und Ansätze wie das Forschungsforum Energiewende) dass sich der Ansatz der Grand Challenges als Innovationsstrategie zunehmend bewährt. Andreas Kraemer, Geschäftsführer des Ecologic Institute, wies auf die Vorreiter-Funktion der unabhängigen Institute im Ecornet hin, die gerade durch ihre Rolle außerhalb des etablierte Wissenschaftssystems wichtige Impulse zur  Reform des Systems geben. Am Beispiel der Energiewende, die als umfassender gesellschaftlicher Wandlungsprozess bereits 1980 in einem Buch vom Öko-Institut skizziert wurde und der Forschung zu Wiederaufforstung von Wäldern, die im Vergleich bspw. zur Forschung über CO2 Abspaltungstechnologien, nur wenig Förderung erhalte, zeige sich nach Kraemer, dass das Wissenschaftssystem den gesellschaftlichen Herausforderungen hinterherhinke und dass die Ecornet-Institute  einen wichtigen Beitrag zu einer gesellschaftsrelevanten Forschung leisten.
In der anschließenden Diskussion oszillierten die Beiträge um die Frage von wem und wie der notwendige Wandel im Wissenschaftssystem zu einem Mehr an Forschung über „Grand Challenges“ initiiert werden solle. Während einige Panel-Teilnehmer (Prof. Marquardt) die Meinung vertraten, dass die Orientierung an der „Grand Challenges“ vor allem aus dem Kreis der WissenschaftlerInnen selbst kommen soll und damit ein kultureller Wandel erreicht werden, betonten andere (Peter Gluckmann), dass disziplinäre Wissenschaftsgemeinschaften in der Regel sehr resistent seien, wenn es um die eigene Transformation gehe. Peter Weingart wies darauf hin, dass der kulturelle Wandel nur schwer von der eigenen Gemeinschaft ausgeführt werden kann, weil sie selbst betroffen ist und dass es darum auch um eine Veränderung der institutionellen Infrastrukturen gehe, bspw. der disziplinären Organisiertheit von Universitäts-Instituten.

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