Impressionen der Tagung „Interfaces of Science and Policy and the Role of Foundations“

6. Science Funding: Dealing with political expectations
In der zweiten Podiumsdiskussion des zweiten Konferenztages stand die konkrete Forschungsförderung im Mittelpunkt. Prof. Dr. Gordon Marshall, Geschäftsführer der Leverhulme Trust, einer Stiftung zur Finanzierung von Forschung und Bildung in Großbritannien, argumentierte in seinem Tagungsbeitrag dass eine ausgewogene Mischung aus anwendungsorientierter Forschung und Grundlagenforschung gefördert werden solle. Neue Forschungsschwerpunkte können zwar politisch forciert werden, aber die Auswahl konkreter Forschungsprojekte solle entsprechenden Gremien aus WissenschaftlerInnen vorbehalten sein. Was die Politik wirklich brauche, ist eine schnell verfügbare Expertise für gesellschaftliche Problemstellungen. An dieser Stelle könne eine Stiftungsbasierte Forschungsfinanzierung ansetzen. Prof. Dr. Joshua Rosenbloom, Programmleiter in der US-amerikanischen National Science Foundation, verwies in seinem kurzen Statement darauf, dass einerseits die Unterscheidung von wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Zielen nicht so eindeutig sei, wie in der bisherigen Debatte häufig skizziert und dass andererseits in der Geschichte der staatlichen Forschungsförderung immer auch gesellschaftliche Fragestellungen aufgenommen wurden. Gerade die nationalen Forschungsförderinstitutionen hätten ein starkes Interesse daran eine „use-inspired basic research“ zu ermöglichen, die im Sinne der nationalen Interessen wichtige gesellschaftliche Themen aufgreife. Stiftungen können demgegenüber durch eine eigene Forschungsförderung vor allem einen Schutz der reinen Grundlagenforschung darstellen, denn sie haben im Vergleich zur staatlichen Förderung die Möglichkeit auch risikoreichere Forschung zu fördern. Prof. Dr. Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, erläuterte dass die politischen Erwartungen an die Wissenschaft heterogen, unabgestimmt und teilweise widersprüchlich sind. Auch aus diesem Grund ist eine zu starke Orientierung an „gesellschaftliche relevanter Forschung“ ein ambivalentes Unterfangen. Eine öffentliche Forschungsförderung ist paradoxerweise dann besonders erfolgreich, wenn sie Projekte fördert, deren Ergebnisse nicht prognostizierbar waren und damit eine „Neugier-Forschung“ stärkt. Stiftungen können demgegenüber Forschung über spezielle Problem- und Sachzusammenhänge (wie mit dem MCC oder dem IWF Bonn) institutionalisieren und in der Folge eine komplexere, integriertere und differenziertere Erforschung dieser Probleme ermöglichen.
Die anschließende Diskussion mit dem Publikum kreiste um die Fragen der Chancen und Grenzen wissenschaftlicher Evaluationskriterien und die mögliche Integration eines societal impact neben dem scientific impact. Hierfür wäre es wichtig mehr Wissenschaftsforschung an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik zu betreiben. Außerdem wurde aus dem Publikum noch einmal angemahnt, auch die Länder außerhalb der OECD in den Blick zu nehmen um die Frage nach den „Grand Challenges“ aus einer umfassenderen Perspektive jenseits der nationalen Innovationsstrategien zu beleuchten.
7. Foundations als players: Working at the science-policy interface
In der abschließenden Diskussion wurde explizit noch einmal die Rolle der Stiftungen thematisiert. Dr. Martin Ahbe, Policy Support Coordinator in der Europäischen Kommission, erläuterte die Charakteristiken der aktuellen Europäischen Forschungsförderung in der Ermöglichung einer gesellschaftsorientierten Forschung. Aus seiner Perspektive können Stiftungen vor allem in drei Schwerpunkten aktiv werden: behaviour studies, foresights studies und knowledge management. Mit diesen Schwerpunkten würden sie die europäische Forschungsförderung gut ergänzen. Prof. Dr. Helmut Anheier, Dekan der Hertie School of Governance, differenzierte in seinem Impuls die verschiedenen Arten von Stiftungen. In der Form von privaten Stiftungen, die ihre eigenen Mittel verwalten können, haben sie eine einzigartige Unabhängigkeit von Wirtschaft und Staat. Sie sollten diese Rolle nutzen um nur Projekte zu finanzieren, die kein anderer Akteur fördern würde. Prof. Dr. Paul Brest vom Stanford Center on Philantrophy and Civil Society wies auf die Gefahr hin, dass Stiftungen gleichzeitig Lobbyarbeit für politische Interessen betreiben und politikrelevante Forschung fördern. Sein Vorschlag aus dieser doppelten Rolle herauszukommen, war die Förderung stärker auf Evaluationen von Evidenz-basierter Forschung auszurichten. Prof. Dr. James Wilsdom, Professor für Wissenschaft und Demokratie an der Sussex University, machte dagegen besonders die Kapazität von Stiftungen deutlich als Agenten für die öffentlichen Debatten zu fungieren. Im Bereich des Klimawandels hätten sie dieses Potential mit dem Report „Design to Win – Philantrophy’s Role in the Fight against Global Warming“ bewiesen. Entscheidend dafür sei ein langfristiges und systematisches Capacity Building in gesellschaftlichen Brennpunkten, das die öffentliche Debatte öffnen und bereichern kann. Auch er plädierte für eine stärkere systematische Analyse der Wissenschaft über wissenschaftliche Politikberatung. Darüber hinaus können Stiftungen neue Dialog-Räume für gesellschaftliche Diskurse öffnen und wissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Stakeholder konkret zusammenbringen.
In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde noch einmal die Frage der Legitimierung der Stiftungsarbeit und die Gefahr eines Monopols von Stiftungen in der Bearbeitung gesellschaftlicher Problemstellungen kontrovers diskutiert. Von verschiedenen Podiumsteilnehmern wurde sich daher für die Vielfalt von unterschiedlichen Förderstrategien und Politiken, sowie die intelligente Ergänzung von öffentlicher Förderung und Stiftungsengagement als eine wirksame Strategie zur Vermeidung dieser Monopol-Stellung vorgeschlagen.
Insgesamt war die Veranstaltung eine inspirierende und theoretisch diverse Aufarbeitung der Debatte um wissenschaftliche Politikberatung und die sonstigen Schnittstellen von Wissenschaft und Politik. Die Podien waren dabei nur mit wenigen PolitikerInnen besetzt und das System der Politik wurde zu häufig in einer zugeschriebenen Eigenlogik des Machterhaltes diskutiert. In folgenden Veranstaltungen die politischen EntscheidungsträgerInnen stärker in ihrer Funktion der Kanalisierung gesellschaftlicher Bedürfnisse und Entwicklungen zu beleuchten, könnte eine weitere Veranstaltung bereichern. Die Stiftung Mercator hat mit ihrer Veranstaltung jedoch einen entscheidenden Beitrag für die zunehmende systematische Betrachtung der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik geleistet und es darf gespannt darauf gewartet werden, welche Schwerpunkte und Strategien sie in den folgenden Jahren in diesem Bereich entwickeln wird.