Diskussionsbeitrag: Wie weit muss die Reform des Wissenschaftssystems gehen? Uwe Schneidewind antwortet auf den Aufsatz von Jürgen Mittelstraß in der FAZ vom 22.09.2014

Die gesellschaftliche Dimension von Wissenschaft mitdenken und ihre institutionelle Bedingungen stärken

Diese gesellschaftliche Funktion von Wissenschaft darf aber nicht alleine auf ökonomische Wohlstandsmehrung reduziert werden. Genau hier liegt der blinde Fleck in der Argumentation von Jürgen Mittelstraß. Spätestens seit der Aufklärung hat Wissenschaft immer auch eine kritische und damit eine emanzipatorische Funktion gehabt. Sie war  Motor der Aufklärung und Keim des Infrage-Stellens von staatlicher und kirchlicher Herrschaft. Ohne die emanzipatorische Kraft von Wissenschaft wäre die gesellschaftliche Erneuerung der 60er und 70er-Jahre im letzten Jahrhundert genauso wenig denkbar gewesen wie die Entstehung der modernen Umweltbewegung.

Gesellschaftlich gewinnt die emanzipatorische Funktion von Wissenschaft derzeit wieder an Bedeutung – sei es bei der Auseinandersetzung mit der ökonomischen Krise moderner Wohlstandsgesellschaften, den Gefahren der Informations- und Kommunikationstechnologien oder der Antwort auf den globalen Umweltwandel.

Institutionell wird die emanzipatorische Funktion von Wissenschaft aber im Wissenschaftssystem derzeit kaum abgebildet – im Gegenteil: Die aktuellen Strukturen drängen sie eher zurück: Eine dramatische Abnahme an kritischen Köpfen und Fachdenominationen angesichts von Drittmittel-Orientierung und disziplinärer Engführung, die Verschulung des akademischen Unterrichts, die kleinteilige Spezialisierung statt einer umfassenden Problemorientierung. Das alles sind Tendenzen im Wissenschaftssystem, die die emanzipatorische Kraft von Wissenschaft bremsen statt sie zu befördern.

Dabei wird diese gerade in einer Phase des erheblichen Orientierungsbedarfes mehr denn je gebraucht und gesellschaftlich auch immer stärker eingefordert: von Ökonomie-Studierenden, die neue Orientierung suchen, von Umweltverbänden und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die ein einer eigenen Plattform „Forschungswende“ mehr Mitsprache der Zivilgesellschaft in Wissenschaftsprozessen einfordern oder von Landesregierungen wie in Nordrhein-Westfalen, die ihre Hochschulen und Forschungseinrichtungen auf die konsequentere Orientierung an gesellschaftlichen Herausforderungen verpflichten.

Dabei zeigt sich, dass die Umsetzung einer umfassenden Gesellschaftsorientierung von Wis-senschaft eigene institutionelle Anforderungen an das Wissenschaftssystem stellt: Problemorientierung, Auseinandersetzung mit Wertfragen, Inter- und Transdisziplinarität, gemeinsame Definition und Umsetzung von Forschungsvorhaben zusammen mit der Gesellschaft.

Viele Fragen sind dabei ungeklärt: Wie bleiben Hochschulen Orte für kritisches und heterodoxes Denken? Wie organisiert sich Pluralität von Perspektiven im Wissenschaftsprozess? Wie werden gesellschaftliche Gruppen in den Wissenschaftsprozess einbezogen? Wir orientiert man Wissenschaft auf gesellschaftliche Schlüsselfragen, die sich einer disziplinären Logik oft entziehen? Welche Rolle spielen unabhängige Forschungsinstitute für eine emanzipatorische Wissenschaft?

Eines ist dabei klar. Die institutionellen Konsequenzen für die Umsetzung der Gesellschaftsorientierung von Wissenschaft sind erheblich: Fakultätsstrukturen und Curricula müssen überdacht werden, es braucht kritische Thinktanks und geschützte Inseln der Heterodoxie in Hochschulen. Die bestehenden Potenziale kritischer Wissenschaft sind produktiv mit dem etablierten Wissenschaftssystem in Beziehung zu setzen. Es gilt neue Formen von wissenschaftlich begleiteten Experimentierräumen zu schaffen.

Die Diskussion über institutionelle Veränderungen im Wissenschaftssystem ist unvollständig, wenn sie diese erweiterte Vision von Wissenschaft nicht mitdenkt. Dabei geht es nicht um die Verdrängung der einen durch die andere Idee von Wissenschaft, sondern um die Ermöglichung der vielstimmigen Melodie von Wissenschaft, die moderne Wissensgesellschaften benötigen. Erst dann werden die Verhältnisse in einer Form tanzen, die der Bedeutung von Wissenschaft in der Gesellschaft gerecht wird.