Diskussionsbeitrag: Zum Erhalt der Vielfalt im Wissenschaftssystem: Diskussionsbeitrag zur Schließung der Interfakultären Koordinationsstelle für Allgemeine Ökologie an der Universität Bern

1. Das Strukturproblem und die institutionelle Legitimation inter- und transdisziplinärer Forschung

Nicht nur die transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung, sondern ganz allgemein interdisziplinäre Forschung und Lehre bedürfen einer kontinuierlichen und angemessenen strukturellen Einbettung in die Hochschulen. Studien haben gezeigt, dass allein die projekt-orientierte Förderung interdisziplinärer Forschung nicht automatisch zu deren Mainstreaming führt (Lyall/Fletcher 2013). Die Abgrenzung und kontinuierliche Diskussion über die interdisziplinären Forschungsthemen sowie der Aufbau und die Pflege der erforderlichen theoretischen und methodischen Expertise zur Gestaltung erfolgreicher inter- und transdisziplinärer Forschung und Lehre sind anspruchsvoll und erfordern mehr Aufmerksamkeit, als dies bei lediglich punktuellen Projekten möglich ist. Interdisziplinäre und transdisziplinäre Forschung und Lehre sind daher besonders abhängig von institutioneller Unterstützung in den Hochschulen. Im Rückblick auf interdisziplinäre Zentren in Deutschland konstatiert Peter Weingart (2014), dass diese entweder an der fehlenden strukturellen Einbettung in den Hochschulen und/oder an der unzureichenden Bearbeitung gesellschaftlicher Schlüsselprobleme und damit zusammenhängend einer fehlenden Legitimierung gescheitert sind. Hier kann eine konsequent umgesetzte transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung von ihrer gesellschaftlichen Rückkopplung profitieren. Um ihre Art und die damit verbundene Besonderheit jedoch zu erhalten, ist es notwendig, ihre institutionelle Existenz durch eine angemessene und disziplinenunabhängige strukturelle Verankerung zu sichern (dazu s. z.B. die Befunde von Röbbecke et al. 2004) – nur diese strukturelle Verankerung schafft im „Ökosystem Hochschule“ den intellektuellen Nährboden für die Ansprüche der transdisziplinären Forschung. Besonders wichtig scheint zudem die Auseinandersetzung mit methodologischen Fragen und Aspekten der Qualitätssicherung transdisziplinärer Forschung – in beiden Fällen hat die IKAÖ Beiträge geleistet (z.B. Defila/Di Giulio 1999 oder Defila/DiGiulio/Scheuermann 2006).

2. Innovation in der Lehre und Wirkung durch Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE)

Mit Blick zum einen auf die gesellschaftliche Wirkung und zum anderen auf die innerwissenschaftliche Wirkung muss der akademischen Lehre eine große Aufmerksamkeit geschenkt werden (als Beispiel dafür mögen auch die entsprechenden Aktivitäten des ISOE dienen). Auch hier ist die Analyse der Allgemeinen Ökologie aufschlussreich: Durch den Minor Allgemeine Ökologie (B.A. und M.A.) konnte die IKAÖ entscheidend zur inter- und transdisziplinären Ausbildung mehrerer Generationen von Studierenden beitragen, die inzwischen in vielfältigen Praxisfeldern bzw. in der Wissenschaft tätig sind. Ruth Kaufmann-Hayoz und Elisabeth Lauper (2012) haben dazu eine Evaluation zu den Berufs- und Karrierewegen der IKAÖ-AbsolventInnen angefertigt. Nach dieser Studie befassen sich 56 % der AbsolventInnen in ihrer beruflichen Tätigkeit gelegentlich, häufig oder vorwiegend mit Umweltfragen. Insgesamt scheinen den AbsolventInnen – unabhängig vom Umweltbezug in ihrem Berufsfeld – die im Studiengang erworbenen Kenntnisse im interdisziplinären Arbeiten wichtig. Der Minor leistete hier also eine wesentliche Ergänzung zur fach-disziplinären Ausbildung. Des Weiteren erinnern sich die Studierenden überwiegend gern an die interdisziplinäre Projektarbeit im Minor – ein innovatives Element des aktiven und forschenden Lernens, das sich deutlich von anderen Lehrangeboten der Universität Bern absetzte. Die Quantität, Qualität und Wirkung der (Aus-)Bildungsprozesse in inter- und transdisziplinären Zentren zeigt, dass ein solch intellektuell angereichertes „Ökosystem“ auch den geschützten Raum für die Pflege des Nachwuchses „bedrohter Arten“ im Wissenschaftssystem bieten kann. Der Beitrag der IKAÖ zur interdisziplinären und nachhaltigkeits-bezogenen Ausbildung zukünftiger EntscheidungsträgerInnen und MultiplikatorInnen wirkt in dieser Form nach und ist gleichzeitig beispielhaft für viele Studienangänge im Kontext einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung (beispielweise auch das Leuphana Modul Verantwortung der Universität Lüneburg).