Diskussionsbeitrag: Zum Erhalt der Vielfalt im Wissenschaftssystem: Diskussionsbeitrag zur Schließung der Interfakultären Koordinationsstelle für Allgemeine Ökologie an der Universität Bern

3. Diversität und Mainstreaming in der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung

Unverändert lässt sich ein Defizit in der sozial- und geisteswissenschaftlichen Forschung zur Mensch-Natur-Beziehung konstatieren (s. z.B. BUND 2012, S. 8f.; Schneidewind/ Singer-Brodowski 2014, S. 49 ff.), d.h. die Forschung zu dieser Thematik ist unverändert dominiert durch natur- und ingenieurwissenschaftliche Zugänge. Auch in diesem Bereich leistete die IKAÖ einen wesentlichen Beitrag zur transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung. Die Forschung der IKAÖ war sozial- und geisteswissenschaftlich geprägt. Die Drittmittel-Akquise der IKAÖ umfasste im langjährigen Mittel ca. 1 Mio Schweizer Franken pro Jahr; die Forschungsprojekte reichten von Grundlagenforschung bis hin zu anwendungsbezogenen Fragestellungen, die zum Teil auch in Zusammenarbeit mit außeruniversitären Akteuren erforscht wurden. Mit dem Schließen der IKAÖ verstummt diese Stimme im Konzert der Wissenschaften. Die rund 25jährige Tätigkeit bleibt jedoch auch in dieser Hinsicht sicher nicht wirkungslos: Sowohl die zuletzt an der IKAÖ tätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als auch diejenigen, die die IKAÖ bereits vor Jahren verlassen haben, nehmen die transdisziplinäre Expertise, die sie während ihrer Tätigkeit an der IKAÖ entwickelt haben, mit und tragen somit auch zu einem Mainstreaming der Nachhaltigkeitsforschung bei. Die an der IKAÖ aufgebaute Expertise wird sich jedoch nur fruchtbar machen lassen, wenn die Trägerinnen und Träger dieser Expertise diese in ihrem jeweiligen Arbeitsumfeld entfalten können. Damit sind zwei Punkte angesprochen, die von Bedeutung scheinen für eine längerfristige Verankerung der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung in der Deutschen Hochschullandschaft: Zum ersten, dass der Pluralismus der Zugänge gewahrt bleibt. Zum zweiten, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die eine Expertise in der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung aufgebaut haben, entsprechende Karrieremöglichkeiten vorfinden und dem Wissenschaftssystem nicht verloren gehen. Im Prozess der „Auswilderung bedrohter Arten“ von einem geschützten „Ökosystem“ in die „freie Natur“ muss also sichergestellt werden, dass genügend Nischen vorgefunden werden, dass auch ein langfristiges Überleben gesichert ist.

Was zeigt die Bilanz des Wirkens einer strukturell, didaktisch und wissenschaftlich so gut aufgestellten Institution wie der IKAÖ? Auf den ersten Blick scheint es ernüchternd, dass besonders jene anspruchs- und zugleich wirkungsvollen Einrichtungen einer gesellschaftsorientierten Forschung und Lehre von einem allgemeinen „Artensterben“ im Wissenschaftssystem bedroht sind. Auf den zweiten Blick darf jedoch konstatiert werden, dass eine Relevanzorientierung im Wissenschaftssystem zunehmend mehr Rückenwind gewinnt. Die Förderung einer transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung und -lehre ist längst kein Nischenthema einer kleinen Gruppe von Pionieren und Pionierinnen mehr. Das Wissen um den Wert und die spezielle Schutzbedürftigkeit der besonderen Art der Nachhaltigkeitswissenschaften ist heute stärker verbreitet denn je. Dazu wiederum haben Einrichtungen wie die IKAÖ entscheidend beigetragen.

Eine Pressemitteilung zur Auflösung der IKAÖ sowie weitere Informationen dazu können hier eingesehen werden.

Literatur:

BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) (2012): Nachhaltige Wissenschaft. Plädoyer für eine Wissenschaft für und mit der Gesellschaft. Ein BUND-Beitrag zum Wissenschaftsjahr „Zukunftsprojekt Erde/Nachhaltigkeit“. BUND Diskussionspapier 2, Februar 2012. BUND.

Defila R., Di Giulio A. (1999): Transdisziplinarität evaluieren – aber wie? Evaluationskriterien für inter- und transdisziplinäre Forschung. In: Panorama. Sondernummer 1999.

Defila R., Di Giulio A. (2007): Institutionalisierung und Charakteristika der Allgemeinen Ökologie an der Universität Bern. In: Di Giulio A., Defila R., Hammer Th., Bruppacher S. (Hrsg.): Allgemeine Ökologie – Innovationen in Wissenschaft und Gesellschaft. Festschrift für Ruth Kaufmann-Hayoz. Bern, Stuttgart, Wien: Haupt. S. 19-47.

Defila R., Di Giulio A., Scheuermann M. (2006): Forschungsverbundmanagement. Handbuch für die Gestaltung inter- und transdisziplinärer Projekte. Zürich: vdf Hochschulverlag an der ETH Zürich.

Kaufmann-Hayoz, Ruth; Lauper, Elisabeth (2012): Kompetenzen und Karrieren. Die Absolventinnen und Absolventen 1992-2008 der Studiengänge in Allgemeiner Ökologie der Universität Bern. Arbeitspapiere aus der IKAÖ, Nr. 4, Universität Bern, März 2012. [www.ikaoe.unibe.ch/publikationen/arbeitspapier_04.pdf]

Lyall, Catherine; Fletcher, Isabel (2013): Experiments in interdisciplinary capacity-building: The successes and challenges of large-scale interdisciplinary investments. In: Science and Public Policy, Jahrgang 40 (1), S. 1–7

Röbbecke, Martina; Simon, Dagmar; Lengwiler, Martin; Kraetsch, Clemens (2004): Inter-Disziplinieren. Erfolgsbedingungen von Forschungskooperationen. Berlin: Edition Sigma. Schneidewind, Uwe; Singer-Brodowski, Mandy (2014): Transformative Wissenschaft. Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem. 2. Auflage. Marburg: Metropolis

Schneidewind, Uwe; Singer-Brodowski, Mandy (2014): Transformative Wissenschaft. Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem. 2. leicht aktualisierte Auflage. Metropolis: Marburg

Weingart, Peter (2014): Interdisciplinarity and the New Governance of Universities. In: Weingart, Peter, Padberg, Britta (Hrsg.): University Experiments in Interdisciplinarity. Obstacles and Opportunities. Transcript: Bielefeld, S. 151-174