Wichtiger Sprung nach vorne – eine erste Bewertung des vom Wissenschaftsrat beschlossenen Positionspapieres „Zum wissenschaftspolitischen Diskurs über Große Gesellschaftliche Herausforderungen“

Nach zweijähriger Vorbereitung durch eine Arbeitsgruppe und über einjähriger Beratung im Rat selber hat der Wissenschaftsrat am 25.04.2015 das Positionspapier „zum wissenschaftspolitischen Diskurs über Große Gesellschaftliche Herausforderungen“ beschlossen. Der Aufwand hat sich gelohnt. Entstanden ist ein Papier, das die Debatte über die Rolle Großer gesellschaftlicher Herausforderungen für das Wissenschaftssystem nach vorne bringt. Jetzt sind Wissenschaft, Politik und Gesellschaft aufgefordert den Ball aufzunehmen.

Differenzierte Einordnung der Debatte über große gesellschaftliche Herausforderungen in der Wissenschaftspolitik

Die Diskussion über die Bedeutung „Großer gesellschaftlicher Herausforderungen“ ist in den letzten Jahren teilweise zu einem Kampffeld geworden, in dem sich grundsätzliche wissenschaftstheoretische, methodische, allgemein- und institutionen-politische Positionen miteinander vermischten. Die große Leistung des vorliegenden Positionspapieres ist die Abgrenzung und Einordnung dieser Dimensionen in der Debatte über die „Großen gesellschaftlichen Herausforderungen“. Das Positionspapier leistet das in mehrfacher Hinsicht:

(1) Es liefert eine umfassende historische Einordnung der Diskussion (S. 7 ff.) – beginnend mit dem Klimadiskurs seit Ende der 80er-Jahre, der Debatte über Modus-2-Forschung und Transdisziplinarität in den 90er-Jahren sowie den richtungsweisenden Arbeiten der ERA-Expertengruppe auf Europäischer Ebene im Jahr 2008, die die Grundlagen für das an „Grand Challenges“ orientierte EU-Forschungsrahmenprogramm „Horizon 2020“ schuf.

(2) Vor dem Hintergrund dieses historischen Abrisses nähert sich das Positionspapier dem unscharf verwendeten Begriff der „Großen Herausforderungen“ durch die Herausarbeitung zentraler Charakteristika (S. 15 f.): Jenseits geläufiger Aufzählungen einzelner Herausforderungen sind es insbesondere formale (hohe Komplexität, Vernetztheit, Zielpluralität, Unschärfe) und inhaltliche Kriterien (globale und transnationale Verortung, soziale Innovationen neben Produkt- und Prozessinnovationen, umfassender Begriff des Gemeinwohls, gleichzeitiges Gefordertsein von Natur-, Ingenieurs-, Lebens- und Sozial- und Kultur- incl. der normativen Wissenschaften), über die sich „Große gesellschaftliche Herausforderungen“ kennzeichnen lassen. Der Wissenschaftsrat verzichtet im Positionspapier bewusst auf eine explizite Definition. Er fordert vielmehr dazu auf, „die wissenschaftspolitische und alltagssprachliche Begriffsverwendung kritisch zu hinterfragen“ und  „einen nachvollziehbaren Umgang mit dem Begriff (…) zu entwickeln“ (S. 17).

(3) Damit löst er ein, was in der Position vorher überzeugend herausgearbeitet wurde: Große gesellschaftliche Herausforderungen zeichnen sich aus durch „wechselseitige Abhängigkeiten zwischen Lösungsversuchen und Problemdefinitionen sowie (dem) Einfluss (streitiger und sich ändernder) normativer Wertungen auf das Verständnis und Lösung dieser Probleme.“ (S. 16). Große gesellschaftliche Herausforderungen sind Moving Targets, mit denen nur durch „Vielfalt und Selbstkorrekturfähigkeit des Wissenschaftssystems“ (S. 25 f.) adäquat umgegangen werden kann.

Ein Gedanke zu „Wichtiger Sprung nach vorne – eine erste Bewertung des vom Wissenschaftsrat beschlossenen Positionspapieres „Zum wissenschaftspolitischen Diskurs über Große Gesellschaftliche Herausforderungen““

  1. Wenn Uwe Schneidewind das WR-Papier als einen Schritt in Richtung „Third Mission“ begreift: Ich kann das so nicht herauslesen. Das Papier reagiert in erster Linie auf einen neuen Terminus, der von relevanten Fördermittelgebern (BMBF, EU) kreiert wurde. Wie verstehe ich diesen Terminus, um besser an ich an diese Euro-Töpfe zu kommen? Das ist m.E. die Leit-Intention des WR-Papiers. Und weniger: wie mache ich Wissenschaft gesellschaftsnützlich? Letzteres müßte vor allem von der Zivilgesellschaft formuliert und artikuliert werden. Aber das ist leider seit einem Jahr Sendepause.

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