Wichtiger Sprung nach vorne – eine erste Bewertung des vom Wissenschaftsrat beschlossenen Positionspapieres „Zum wissenschaftspolitischen Diskurs über Große Gesellschaftliche Herausforderungen“

Sieben Desiderate für die weitere Debatte – auf dem Weg zu einer dritten Mission der Wissenschafts- und Forschungspolitik

Der Wissenschaftsrat wählt den eleganten Weg über sieben „Desiderate“ (S. 19 ff.), um den weiteren Klärungsprozess zur Bedeutung gesellschaftlicher Herausforderungen für das Wissenschaftssystem zu klären. Jedes dieser Desiderate gibt Wissenschaft, Wissenschaftspolitik und Gesellschaft jedoch klare Hausaufgaben auf:

(1) Große gesellschaftliche Herausforderungen in offenen und pluralistischen Prozessen identifizieren – ist die Aufforderung für die enge Kommunikation zwischen Wissenschaft und gesellschaftlichen Akteuren bei der Definition Gesellschaftlicher Herausforderungen.

(2) Wissenschaftliches Wissen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen – fordert neue und ausgebaute Formen interdisziplinärer und transdisziplinärer Kooperation incl. der damit verbundenen institutionellen Konsequenzen für das Wissenschaftssystem.

(3) Grenzen wissenschaftlichen Wissens erkennen und offenlegen – ist die Anforderung verstärkter wissenschaftlicher Selbstreflexion und Kritik sowie offenen Umgang mit Interessenslagen.

(4) Verschiedene Koordinationsmechanismen nutzen – lehnt die Idee zentraler Koordinations- und Kopplungsinstanzen für die Bearbeitung Großer gesellschaftlicher Herausforderungen ab und fordert eine Vielfalt der Koordinationsmechanismen zum Umgang mit großen gesellschaftlichen Herausforderungen ein.

(5) Vielfalt und Selbstkorrekturfähigkeit des Wissenschaftssystems erhöhen – ist ein Plädoyer für den Erhalt von Vielfalt des Wissenschaftssystems und der Stärkung der Selbstbeobachtungsfähigkeit des Systems durch regelmäßige Sachstandsanalysen zu den Großen gesellschaftlichen Herausforderungen.

(6) Instrumente zur Beteiligung von Akteuren außerhalb der Wissenschaft erproben – ist die Aufforderung zu einer sehr viel stärkeren Einbeziehung gesellschaftlicher Akteure in den Wissenschaftsprozess sowohl bei der „Entwicklung von Forschungsagenden und Förderprogrammen sowie der Definition und praktischen Durchführung von Forschungsprojekten“ (S. 26).

(7) Globale Perspektive stärken – fordert einen stärkeren Einbezug der Perspektiven und Interessen von anderen Mitgliedern der Weltgesellschaft in die „Formulierung von Forschungsfragen und die Erarbeitung von Lösungsvorschlägen“ (S. 28)

Mit diesem ambitionierten Programm etabliert der Wissenschaftsrat eine dritte Mission für die künftige Wissenschafts- und Forschungspolitik, die die anderen beiden Missionen der „Grundlagenforschung“ und der „Innovationsförderung“ nicht dominieren, aber gleichberechtigt neben sie treten soll. In den Worten des Wissenschaftsrates: „Die Bedeutung anderer wissenschaftspolitischer Zielvorstellungen wie der Grundlagenforschung und Innovationsförderung wird durch das Hinzutreten der Bewältigung Großer gesellschaftlicher Herausforderungen als neue Zielvorstellung nicht gemindert.“ (S. 30).

Wer ist nun gefordert?

Was folgt aus dieser hervorragenden Vorlage des Wissenschaftsrates? Wer muss den Ball für nächste Schritte aufnehmen? Der Wissenschaftsrat selber verweist auf die „gemeinsame Verantwortung wissenschaftlicher und politischer Akteure“ (S. 18). Darin steckt angesichts der Komplexität der Herausforderung eine Gefahr gegenseitiger Verantwortungsverschiebung. Umso wichtiger ist es, dass alle angesprochenen Seiten die Vorlage des Wissenschaftsrates als Auftrage sehen:

(1) Für die Politik auf Bundes- und Landesebene bedeutet das, der neuen Zielvorstellung von Wissenschaft konsequent neben den anderen, lang etablierten Zielvorstellungen einen festen Raum zu geben. Sowohl in der Landes-Wissenschaftspolitik als auch auf Bundesebene gibt es hierzu vielfältige Möglichkeiten. Die Ausgestaltung der nächsten Runde der Exzellenzinitiative ist dafür ein ganz konkreter Lackmustest.

(2) Für die zivilgesellschaftlichen Akteure ist das Positionspapier eine klare Aufforderung ihre Einbeziehung in Wissenschafts- und Wissenschaftspolitikprozesse weiterhin ambitioniert einzufordern. Die Bewältigung Großer gesellschaftlicher Herausforderungen ist geradezu darauf angewiesen.

(3) Für Hochschulen und Forschungsgemeinschaften und –Institute genauso wie für die wissenschaftlichen Akademien eröffnet das Positionspapier ein weites Feld neuer Profilierungs- und Ausdifferenzierungsmöglichkeiten. Einige davon deutet der Wissenschaftsrat im Papier selber an. Vorreiterinstitutionen sollten diese Chance nutzen.

(4) Dem Wissenschaftsrat selber ist zu empfehlen, die von ihm für die Großen Herausforderungen entwickelte Idee eines regelmäßigen „Sachstandsberichtes“ auf die notwendigen Veränderungen im Wissenschaftssystem anzuwenden. Ein solch regelmäßiger Bericht zum Stand des Umgangs des Wissenschaftssystems mit den Großen Herausforderungen könnte ein wichtiges Instrument zur kritischen Reflexion und Selbstkorrekturfähigkeit des Wissenschaftssystems werden.

Ein Gedanke zu „Wichtiger Sprung nach vorne – eine erste Bewertung des vom Wissenschaftsrat beschlossenen Positionspapieres „Zum wissenschaftspolitischen Diskurs über Große Gesellschaftliche Herausforderungen““

  1. Wenn Uwe Schneidewind das WR-Papier als einen Schritt in Richtung „Third Mission“ begreift: Ich kann das so nicht herauslesen. Das Papier reagiert in erster Linie auf einen neuen Terminus, der von relevanten Fördermittelgebern (BMBF, EU) kreiert wurde. Wie verstehe ich diesen Terminus, um besser an ich an diese Euro-Töpfe zu kommen? Das ist m.E. die Leit-Intention des WR-Papiers. Und weniger: wie mache ich Wissenschaft gesellschaftsnützlich? Letzteres müßte vor allem von der Zivilgesellschaft formuliert und artikuliert werden. Aber das ist leider seit einem Jahr Sendepause.

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