„Wieviel und welche Innovationen braucht das Land?“ – Diskussionsbeitrag von Prof. Dr. Hartmut Kopf zum Forschungsgipfel „Perspektiven für Wirtschaft, Wissenschaft und Innovation“

Die Vision und der Nutzen für die Regionen:Bereits heute verfügen einige Regionen (z.B. die Metropolregion Rhein-Neckar) über exzellente soziale, wirtschaftliche und wissenschaftliche Infrastrukturen. Sie könnten sich allerdings weiterentwickeln zu „Social Innovation Modellregionen“ i.S. der Entwicklung einer unternehmens-, branchen- und sektorübergreifenden „Regional Social Responsibility“ („Corporate Social Responsibiliy plus“) mit nationaler und internationaler Ausstrahlung.

Nutzen für Wirtschaft/ For Profit Business: Soziale Innovationen haben größer werdende wirtschaftliche Relevanz

Unternehmen können und sollen soziale Innovationen (mit)entwickeln, um die Herausforderungen zu adressieren, die sie selbst betreffen (Wertewandel, Fachkräftemangel, demografischer Wandel). Im besten Fall lösen soziale Innovationen gesellschaftliche Probleme und helfen den Unternehmen, sich die Märkte und Mitarbeiter von Morgen zu sichern. Das Konzept „Soziale Innovation“ ist ein neuer Referenzrahmen, um gesellschaftliches Engagement und Kerngeschäft zu integrieren („CSR plus“), neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle an gesellschaftlichen Herausforderungen zu orientieren, Potenziale nicht-technischer Innovationen zu erschließen, Sektor-übergreifend in eine Ko-Produktion mit zukünftigen Kunden und anderen Akteuren einzusteigen, und die Potenziale junger Branchen wie der Kreativwirtschaft zu nutzen (z.B. „Design Thinking“).

Nutzen für Zivilgesellschaft/Non Profit Business: Dritter Sektor hat stark wachsende gesellschaftliche Bedeutung

Vor dem Hintergrund des partizipatorischen Innovationsverständnisses der Bundesregierung, für das die Mobilisierung der Problemlösungskompetenz der BürgerInnen zentral ist („Bürgerdialog“), gewinnt zivilgesellschaftliches Engagement auf kommunaler und regionaler Ebene zunehmende Bedeutung: Die über 600.000 zivilgesellschaftlichen Organisationen mit 2,3 Millionen Arbeitsplätzen (9 Prozent der Beschäftigten in Deutschland) bieten 17,5 Millionen Menschen Gelegenheit, sich zu engagieren. Sie sind die stärkste Triebfeder für Soziale Innovationen. Insbesondere die Sozialwirtschaft der Freien Wohlfahrt spielt aufgrund der Größe, ihrer Vor-Ort-Verankerung sowie etablierter Strukturen in zweifacher Hinsicht eine wichtige Rolle für Soziale Innovationen: Zum einen Förderung von intern entwickelten Sozialen Innovationen: Die Freie Wohlfahrt hat mit rund 1,4 Millionen hauptamtlich Beschäftigten und schätzungsweise 2,5 bis 3 Millionen ehrenamtlich Engagierten und mit ihrem engen Kontakt zu verschiedensten Zielgruppen ein enormes Potenzial, soziale Innovationen selbst zu entwickeln, zu testen und zu verbreiten. Zum anderen Verbreitung und Skalierung von extern entwickelten Sozialen Innovationen: Die freie Wohlfahrt kann mit ihren etablierten Strukturen und ihrer Reichweite zur Verbreitung erprobter und extern entwickelter Ideen beitragen. Dabei können Ideen z.B. von kleineren Social Entrepreneurs oder aus der Zivilgesellschaft kommen.

Nutzen für die Wissenschaft: Transferkompetenz bislang nur bei technologischen Innovationen

Die Wissenschaft spielt bereits eine zentrale Rolle bei der Entwicklung und Erprobung technologischer Innovationen. So wurde in Deutschland eine im internationalen Vergleich herausragende Infrastruktur zum Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis aufgebaut und die systematische Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft in beeindruckender Weise vorangetrieben. Im Mittelpunkt des Interesses stehen dabei die Natur- und Ingenieurwissenschaften. Dagegen spielt die Wissenschaft bei der Entwicklung, Erprobung und gesellschaftlichen Verbreitung sozialer Innovationen als Transformationstreiber für Wirtschaft und Gesellschaft bisher nur eine marginale Rolle. Zwar gibt es inzwischen an vielen Orten einzelne Projekte, in denen sich wissenschaftliche Einrichtungen in Kooperation mit Praxispartnern – häufig auch aus der Zivilgesellschaft – aktiv in sozialen Innovationsprojekten engagieren.  Eine systematische Beschäftigung mit dem Thema „Transfer Sozialer Innovationen“ an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen mit Blick auf den aktuellen Transformationsprozess in Wirtschaft und Gesellschaft ist bisher jedoch (noch) die Ausnahme.