Veranstaltungsbericht Buchvorstellung „Freie Bürger – Freie Forschung – Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm“ von und mit Peter Finke u.a.

Am 08.06. fand im ProjektZentrum Berlin der Stiftung Mercator die öffentliche Buchvorstellung des neuen Citizen Science Bands von Peter Finke „Freie Bürger-Freie Forschung – Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm“ (erschienen am 04.06. im oekom Verlag) statt. Veranstalter waren die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW e.V.), das Wuppertal Institut, der BUND, der NABU, die Zivilgesellschaftliche Plattform Forschungswende, der oekom Verlag und das Netzwerk Wachstumswende. Rund 70 BesucherInnen aus Wissenschaft, Medien, Politik und Zivilgesellschaft nahmen an der Buchvorstellung teil und repräsentierten damit den Facettenreichtum der Bürgerwissenschaft, die sich auch in dem Sammelband entfaltet.

Nach einer Eröffnung durch Uwe Schneidewind gab Peter Finke Einblicke in die rund 30 Kapitel des Buches und liess die sieben anwesenden Ko-AutorInnen ihre jeweiligen Beiträge vorstellen. Die einzelnen Artikel reichen von einer Darstellung der Citizen Science in einzelnen Bereichen (z.B. dem Artenschutz oder der Oral History) über wissenschaftstheoretische Perspektiven zur Legitimation der Bürgerwissenschaft als wichtiges Element gelebter Demokratie bis hin zu biographischen Erzählungen über die Auseinandersetzung mit dem „Mainstream der Wissenschaft“. In der sich anschließenden Diskussion zeigten sich vor allem auch die Kontroversen, die mit dem Leitbild der Bürgerwissenschaft verknüpft sind. Kritisiert wurde u.a. eine unscharfe Trennlinie zwischen Bürgerwissenschaft und konventioneller Wissenschaft, da diese eine Grenze zwischen beiden Wissenschaftsformen ziehe anstatt Brücken zu bauen. Weiterhin wurde angemerkt, dass klassische Citizen-Science Projekte in spezifischen Disziplinen sehr viel stärker verbreitet sind als in anderen und die Frage gestellt inwieweit Citizen Science ein Programm für alle Disziplinen sein kann. Eine weitere Ausdifferenzierung nach Disziplin-spezifischen Fragestellungen, die auch gemeinsam mit oder selbstorganisiert durch BürgerInnen bearbeitet werden können, scheint hier in Zukunft nötig. Nicht zuletzt thematisierten die Redner aus dem Publikum, dass ein politisches und gesellschaftliches Programm zur weiteren Diffusion einer besonders kritischen und starken Bürgerwissenschaft weitgehend aussteht und die bisherigen Initiativen (beispielsweise die Plattform „Bürger schaffen Wissen“) zu stark den Modus einer einseitigen Kommunikation aus der Wissenschaft in die Gesellschaft darstellten. Der eigentlich emanzipative Charakter einer nicht institutionell angebundenen und durch engagierte Laien vorangetriebenen Forschungspraxis steht erst am Anfang.

2 Gedanken zu „Veranstaltungsbericht Buchvorstellung „Freie Bürger – Freie Forschung – Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm“ von und mit Peter Finke u.a.“

  1. Drei Kommentare in einem
    (1) Ich halte es für notwendig, das Buch, wie es jetzt vorliegt, kritisch zu inspizieren. Und zwar daraufhin, welche Wegweisungen es für die weitere Ausformung der zivilgesellschaftlichen Bürgerforschung in den nächsten drei Jahren enthält und von wem sie wie und wann implementiert werden.
    (2) Zwei Veranstaltungen in dieser Woche in Berlin geben Anlaß, darüber nachzudenken, wie Citizen Science-Ansätze von außen in die Formate etablierter Wissenschaft hineingetragen werden können. Eine Art Science-Hijacking oder Wissenschafts-Hausbesetzung. Die Events sind das Haus der Zukunft (Grundsteinlegung) und das Humboldt-Forum (Richtfest). Die Bürgerforscher sollten nicht auf Einladungen von dort warten, sondern sich jetzt schon überlegen, wie sie die diese beiden Fazilitäten für ihre Absichten aktiv nutzen.
    (3) Mir persönlich liegt es sehr am Herzen, und das ist auch der Kern meines Beitrags im Buch, dass die Bürgerforscher anders mit dem Wissenschaftsjournalismus umgehen als es die etablierte Wissenschaft tut. Letzterer ist es ziemlich egal, ob der unabhängige Wissenschaftsjournalismus durch das Zeitungssterben zugrunde geht. Man setzt allenfalls noch leichenfleddernd ein paar Untergangs-Forschungsprojekte drauf, damit man die Situation zwar gut erklären kann, aber nichts zu ändern braucht. Bürgerforschung sollte sich eine eigene Öffentlichkeit aufbauen, die sich in neuen Formaten gesellschaftlicher Kommunikation über Citizen Science austauscht und gemeinsames Handeln vorbereitet. Ein typischer Fall für ein Real-Labor. Im Kontext der Forschungswende war sowas bisher nicht möglich, weil das der öffentliche Geldgeber nicht wollte. Über dieses Stöckchen müßte gesprungen werden. Ich mache schon mal den Anlauf.

  2. Zweiter Versuch:
    Mein Kommentar vom 12.6. wurde nicht veröffentlicht. Ich habe ihn aber auch hier stehen:
    https://www.facebook.com/manfred.ronzheimer/posts/932036876848362

    Drei Kommentare von mir zu dem Buch Freie Bürger – Freie Forschung“

    (1) Ich halte es für notwendig, das Buch, wie es jetzt vorliegt, kritisch zu inspizieren. Und zwar daraufhin, welche Wegweisungen es für die weitere Ausformung der zivilgesellschaftlichen Bürgerforschung in den nächsten drei Jahren enthält und von wem sie wie und wann implementiert werden.

    (2) Zwei Veranstaltungen in dieser Woche in Berlin geben Anlaß, darüber nachzudenken, wie Citizen Science-Ansätze von außen in die Formate etablierter Wissenschaft hineingetragen werden können. Eine Art Science-Hijacking oder Wissenschafts-Hausbesetzung. Die Events sind das Haus der Zukunft (Grundsteinlegung) und das Humboldt-Forum (Richtfest). Die Bürgerforscher sollten nicht auf Einladungen von dort warten, sondern sich jetzt schon überlegen, wie sie die diese beiden Fazilitäten für ihre Absichten aktiv nutzen.

    (3) Mir persönlich liegt es sehr am Herzen, und das ist auch der Kern meines Beitrags im Buch, dass die Bürgerforscher anders mit dem Wissenschaftsjournalismus umgehen als es die etablierte Wissenschaft tut. Letzterer ist es ziemlich egal, ob der unabhängige Wissenschaftsjournalismus durch das Zeitungssterben zugrunde geht. Man setzt allenfalls noch leichenfleddernd ein paar Untergangs-Forschungsprojekte drauf, damit man die Situation zwar gut erklären kann, aber nichts zu ändern braucht. Bürgerforschung sollte sich eine eigene Öffentlichkeit aufbauen, die sich in neuen Formaten gesellschaftlicher Kommunikation über Citizen Science austauscht und gemeinsames Handeln vorbereitet. Ein typischer Fall für ein Real-Labor. Im Kontext der Forschungswende war sowas bisher nicht möglich, weil das der öffentliche Geldgeber nicht wollte. Über dieses Stöckchen müßte gesprungen werden. Ich mache schon mal den Anlauf.

    Manfred Ronzheimer, 12.6.2015

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