Die Imboden-Kommission, wissenschaftspolitische Jubelchöre und ein fehlender Plan A2

Warum sich der Erfolg des wissenschaftspolitischen Establishments für die Wissenschaft noch rächen kann – ein Kommentar von Uwe Schneidewind

Am letzten Freitag hat die „Imboden“-Kommission ihre lang erwarteten Empfehlungen zur weiteren Ausgestaltung der deutschen Exzellenzinitiative vorgelegt. Sie verknüpft ein beherztes Bekenntnis zur Spitzenforschung mit eleganten Formeln zur weiteren Finanzierung von Eliteuniversitäten: Eine längere und vom Umfang her flexiblere Finanzierung der Exzellenzzentren wird verbunden mit einer an zehn Universitäten unbürokratisch – nämlich gemessen an ihren bisherigen Erfolgen – ausgezahlte „Exzellenzprämie“.

Noch am selben Tag begrüßten viele Hochschul- und Wissenschaftsorganisationen sowie fraktionsübergreifend die Wissenschaftspolitik auf Bund und Länder-Ebene die Ergebnisse der Imboden-Kommission fast einstimmig (Vgl. zum Überblick die idw-Tickermeldungen vom 30.01.2016).

Dabei bergen die Empfehlungen der Kommission und die erwartbare Reibungslosigkeit, mit der sie jetzt die weiteren wissenschaftspolitischen Entscheidungen leiten werden, große Gefahren für die Zukunft des Wissenschaftssystems in sich.

Die Herausforderung der horizontalen Differenzierung bleibt ungelöst

Die Vorschläge zementieren eine rein vertikale Strukturierung des Wissenschaftssystems, d.h. eine an einem sehr engen wissenschaftlichen Exzellenzverständnisses orientierte Sortierung von Hochschulen nach „besser“ oder „schlechter“. Diese Orientierung war von Beginn an der Ausgangspunkt der Exzellenzinitiative und führte dazu, dass jede Hochschule zumindest ein wenig an dem Glanz der Exzellenzinitiative teilhaben wollte, um nicht als zweitklassig zu gelten.

Die Vorschläge der Imboden-Kommission verfestigt diese Strukturierung des Hochschulsystems. Die Formel der zehn nach den klassischen wissenschaftlichen Leistungen auszuschüttenden Exzellenzprämien hält in fast jedem (größeren) Wissenschaftsbundesland die Hoffnung wach, auch künftig dazu gehören zu können. Das erklärt die breite Zustimmung der Wissenschaftsministerien in den meisten Ländern.

Dabei verbaut die vertikale Orientierung den Weg zu etwas, was das Wissenschaftssystem eigentlich braucht: eine horizontale Differenzierung sowohl zwischen als auch innerhalb von Hochschulen. Angesichts wachsender gesellschaftlicher Herausforderungen, heterogener Studierendenzusammensetzung oder den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung benötigt es eine Vielfalt von Exzellenz: Hochschulen, die sich konsequent und strategisch an gesellschaftlichen Herausforderungen, an neuen Formen transdisziplinärer Forschung oder an Lehre im digitalen Zeitalter ausrichten und dies zum Kern ihrer strategischen Mission machen. Dies wird solange nicht geschehen, solange dies nicht Anerkennung und Reputation auf gleicher Augenhöhe ermöglicht. Die Exzellenzinitiative hätte mit ihrem Reputationskapital die Chance geboten, hier erste wichtige Akzente auszusenden.

Die Empfehlungen der Imboden-Kommission zementieren aber die bisherige einseitige vertikale Orientierung. Dies kommt schon in ihrem engen Verständnis von horizontaler Differenzierung zum Ausdruck. Sie bezieht sich alleine auf die „Fokussierung der Hochschulen in der (Spitzen-)Forschung auf eine begrenzte Anzahl von Forschungsthemen“ (S. 35 des Imboden-Berichtes). Damit bleiben alle anderen Dimensionen der horizontalen Differenzierung ausgeblendet.

Die wenigen kritischen Kommentierungen der Kommissionsvorschläge, die einfach mehr Grundförderung für alle Hochschulen fordern, lösen das Problem auch nicht. Während die Imboden-Kommission eine viel zu enge Form der Differenzierung forciert, lehnen diese Stimmen Differenzierung letztlich ganz ab.

Was moderne Gesellschaften im 21. Jahrhundert aber brauchen, ist eine intelligente Differenzierung ihrer Hochschulsysteme, um der neuen Bedeutung von Wissen und Wissenschaft in Gesellschaften des Umbruchs gerecht zu werden.

Die Bedingungslosigkeit der Mittelzuwendung wird ein Problem werden

Der Bericht der Imboden-Kommission verstärkt eine weitere Gefahr: die Bedingungslosigkeit, mit der Spitzenforschung Geld vom Staat einfordert. Die allein wissenschaftsgeleiteten Kriterien der Mittelvergabe wurden aus dem Wissenschaftssystem immer wieder gefordert. Mit ihrem Verteilungsvorschlag für die „Exzellenzprämie“ übersetzt die Imboden-Kommission diese Forderung in ein administrativ einfach zu handhabendes System. Die von wissenschaftlichen Peers festgestellte Exzellenz entscheidet darüber, wer auch künftig viel Geld bekommt.

Auch wenn die Ablehnung politisch durchgesetzter Regional-Proporze bei der Mittelvergabe berechtigt scheint, ist es gefährlich daraus abzuleiten, dass sich Wissenschaft, Politik und Gesellschaft gegenüber gar nicht zu rechtfertigen habe.

Denn „Gesellschaftsorientierung“ meint nicht einfache Lösungsorientierung, sondern die Bereitschaft, Wissenschaft umfassend auf gesellschaftliche Herausforderungen zu beziehen, sich kritisch einzumischen, sich bewusst zu sein, dass Wissenschaft in modernen Wissenschaftsgesellschaften auch besondere gesellschaftliche Aufgaben und Verantwortung zukommen. Dafür reicht es nicht, dies als individuelles Bewusstsein einzelner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu formen oder hier und da als Nische in einer einzelnen Hochschule zu kultivieren, wie es aktuell passiert.

Eine umfassende Gesellschaftsorientierung braucht institutionelle Formen, muss sich niederschlagen in transdisziplinären Forschungsprogrammen, in angepassten Studienprogrammen, in Reputations- und Qualitätssicherungsmechanismen. Das alles wird nur gelingen, wenn einzelne Hochschulen dies systematisch zu einer strategischen Orientierung ausbauen und damit Impulse in das Gesamtsystem senden – so, wie es aktuell die „Eliteuniversitäten“ für klassische Formen exzellenter Forschung tun.

Die fünf Milliarden Euro, die in den kommenden zehn Jahren zusätzlich ins Hochschulsystem fließen, wären eine Chance gewesen, hier einen Akzent zu setzen.

Schuldenbremse und wachsende gesellschaftliche Problemlagen verlangen einen Plan A2 für das Wissenschaftssystem

Mit der auf zehn Jahre angelegten Runde der Exzellenzinitiative fühlt sich die etablierte Wissenschaft auf der sicheren Seite. Die Laufzeit der nächsten Runde der Exzellenzinitiative „durchtunnelt“ nicht nur mehrere Legislaturperioden auf Bundes- und Landesebene, sondern auch die ab 2020 greifende Schuldenbremse auf Landesebene.

Doch diese Sicherheit ist trügerisch. Aktuell erleben wir eine Phase fast singulärer ökonomischer Prosperität und gefüllter (Bundes-)Haushalte in Deutschland. Die aktuellen internationalen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Umbrüche deuten an, wie brüchig diese Stabilität ist. Und die immer wieder beschworene Formel „Unabhängige Spitzenforschung ist auch Garant für einen prosperierenden Technologiestandort Deutschland“ ist alles andere als belastbar – gerade in Phasen globaler ökonomischer Neuorientierung.

Daher kann es früher als gehofft passieren, dass Wissenschaft nach ihrem gesellschaftlichen Beitrag gefragt wird. Gerade dann, wenn Bundes- und insbesondere Landeshaushalte enger werden und andere gesellschaftliche Anliegen wie z.B. die Flüchtlingsintegration oder Fragen der inneren Sicherheit in der gesellschaftlichen Debatte an Finanzierungspriorität gewinnen.

Eine Wissenschaft, die nur auf ihre Kraft als Selbstzweck verweist, wird es da schwer haben. Dabei könnte sie so viel mehr: Sie könnte sich strategisch einbringen in die Fragen gesellschaftlicher und ökonomischer Veränderungen, der Flüchtlingsintegration, der Auseinandersetzung mit vielen anderen gesellschaftlichen Herausforderungen. Das passiert heute durchaus, aber immer nur vereinzelt und nie im Sinne einer strategischen Mission von Hochschulen.

Es ist schade, dass die Chance zu einer solchen wirklichen Ausdifferenzierung des Hochschulsystems in dem aktuellen fantastischen Gelegenheitsfenster durch die eindimensionale Verstetigung der bisherigen Exzellenzorientierung vergeben wird. Dabei wäre noch nicht einmal ein Plan B notwendig gewesen, der Spitzenforschung in Frage stellt. Bedurft hätte es nur eines Plan A2, der einen starken Impuls in Teile der Hochschullandschaft gegeben hätte, sich konsequent auch an gesellschaftlichen Herausforderungen auszurichten und damit eine wirkliche horizontale Differenzierung auf den Weg zu bringen.

2 Gedanken zu „Die Imboden-Kommission, wissenschaftspolitische Jubelchöre und ein fehlender Plan A2“

  1. Vielen Dank für den Kommentar, den ich an vielen Stellen nachvollziehen und unterstützen kann. Es sind auch viele gute Vorschläge im Bericht enthalten, die auch entsprechend zu würdigen wären.

    Ich finde es schon mal einen guten Vorschlag die Exzellenzprämie auf erbrachte Leistungen aufzubauen statt auf Antragsprosa. Die Listea der Kriterien kann und sollte noch Gegenstand weiterer Diskussionen sein, ganz im Sinne einer horizontalen Diffeenzierung. Allerdings ist mir nicht klar, in wie weit DFG-Drittmittel und ERC-Grants Kriterien im Sinne erbrachter Leistung sein können. Diese Kriterien beruhen doch wieder auf Antragsprosa und beschreiben nur, was in das Wissenschaftssystem hineinfließt und nicht was herauskommt. Wird denn auch der Wirkungsgrad als Kriterium für Exzellenz betrachtet?

  2. Vielen Dank Uwe Schneidewind für diese unverzügliche Einordnung und Kritik der sog. Evalutation der Exzellenzinitiative. Die Ergebnisse waren ja eigentlich nicht überraschend, denn bei der Zusammensetzung der Kommission hätte eine kritische Bestandsaufnahme der bisherigen Ausrichtung dieser Initiative – zumindest mich – überrascht. Das bedeutet aber nicht, dass diese primär selbstreferenzielle Bewertung bisheriger Exzellenzorientierungen unangreifbar und im politischen Raum allein wirkmächtig bleibt. Größeres politisches Gewicht einer Kritik der Exzellenzorientierung und einer notwendig veränderten Ausrichtung der Hochschul- und Wissenschaftspolitik bedarf jedoch einer wahrnehmbaren und nicht vereinzelter – berechtigter – Kritik. Wichtig wäre also nun, die unterschiedlichen Kritikpositionen zusammen zu bringen und öffentlich wahrnehmbar zu gestalten.

    Harald Büsing

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