Wichtiger Sprung nach vorne – eine erste Bewertung des vom Wissenschaftsrat beschlossenen Positionspapieres „Zum wissenschaftspolitischen Diskurs über Große Gesellschaftliche Herausforderungen“

Nach zweijähriger Vorbereitung durch eine Arbeitsgruppe und über einjähriger Beratung im Rat selber hat der Wissenschaftsrat am 25.04.2015 das Positionspapier „zum wissenschaftspolitischen Diskurs über Große Gesellschaftliche Herausforderungen“ beschlossen. Der Aufwand hat sich gelohnt. Entstanden ist ein Papier, das die Debatte über die Rolle Großer gesellschaftlicher Herausforderungen für das Wissenschaftssystem nach vorne bringt. Jetzt sind Wissenschaft, Politik und Gesellschaft aufgefordert den Ball aufzunehmen.

Differenzierte Einordnung der Debatte über große gesellschaftliche Herausforderungen in der Wissenschaftspolitik

Die Diskussion über die Bedeutung „Großer gesellschaftlicher Herausforderungen“ ist in den letzten Jahren teilweise zu einem Kampffeld geworden, in dem sich grundsätzliche wissenschaftstheoretische, methodische, allgemein- und institutionen-politische Positionen miteinander vermischten. Die große Leistung des vorliegenden Positionspapieres ist die Abgrenzung und Einordnung dieser Dimensionen in der Debatte über die „Großen gesellschaftlichen Herausforderungen“. Das Positionspapier leistet das in mehrfacher Hinsicht:

(1) Es liefert eine umfassende historische Einordnung der Diskussion (S. 7 ff.) – beginnend mit dem Klimadiskurs seit Ende der 80er-Jahre, der Debatte über Modus-2-Forschung und Transdisziplinarität in den 90er-Jahren sowie den richtungsweisenden Arbeiten der ERA-Expertengruppe auf Europäischer Ebene im Jahr 2008, die die Grundlagen für das an „Grand Challenges“ orientierte EU-Forschungsrahmenprogramm „Horizon 2020“ schuf.

(2) Vor dem Hintergrund dieses historischen Abrisses nähert sich das Positionspapier dem unscharf verwendeten Begriff der „Großen Herausforderungen“ durch die Herausarbeitung zentraler Charakteristika (S. 15 f.): Jenseits geläufiger Aufzählungen einzelner Herausforderungen sind es insbesondere formale (hohe Komplexität, Vernetztheit, Zielpluralität, Unschärfe) und inhaltliche Kriterien (globale und transnationale Verortung, soziale Innovationen neben Produkt- und Prozessinnovationen, umfassender Begriff des Gemeinwohls, gleichzeitiges Gefordertsein von Natur-, Ingenieurs-, Lebens- und Sozial- und Kultur- incl. der normativen Wissenschaften), über die sich „Große gesellschaftliche Herausforderungen“ kennzeichnen lassen. Der Wissenschaftsrat verzichtet im Positionspapier bewusst auf eine explizite Definition. Er fordert vielmehr dazu auf, „die wissenschaftspolitische und alltagssprachliche Begriffsverwendung kritisch zu hinterfragen“ und  „einen nachvollziehbaren Umgang mit dem Begriff (…) zu entwickeln“ (S. 17).

(3) Damit löst er ein, was in der Position vorher überzeugend herausgearbeitet wurde: Große gesellschaftliche Herausforderungen zeichnen sich aus durch „wechselseitige Abhängigkeiten zwischen Lösungsversuchen und Problemdefinitionen sowie (dem) Einfluss (streitiger und sich ändernder) normativer Wertungen auf das Verständnis und Lösung dieser Probleme.“ (S. 16). Große gesellschaftliche Herausforderungen sind Moving Targets, mit denen nur durch „Vielfalt und Selbstkorrekturfähigkeit des Wissenschaftssystems“ (S. 25 f.) adäquat umgegangen werden kann.

Wissenschaftsrat verschiebt seine Empfehlungen zur Bedeutung großer gesellschaftlicher Herausforderungen für das Wissenschaftssystem ein weiteres Mal – ein Kommentar

Eigentlich hatte der Wissenschaftsrat für heute, den 2.2.2015 zur Pressekonferenz geladen, um über die Ergebnisse seiner Wintersitzung am 29./30.01.2015 zu berichten. Diese Pressekonferenz wurde kurzfristig abgesagt. Ein Grund dafür: Ein weiteres Mal gelang es dem Gremium nicht, das Positionspapier „Große gesellschaftliche Herausforderungen als wissenschaftspolitisches Leitbild“ zu verabschieden.

Das Positionspapier hat inzwischen eine lange Vorgeschichte. Im Juli 2012 setzte der Wissenschaftsrat eine Arbeitsgruppe ein, um sich mit dem Thema „Bedeutung großer gesellschaftlicher Herausforderungen für das Wissenschaftssystem“ zu beschäftigen. Die Arbeitsgruppe legte unter Leitung des damaligen Wissenschaftsratsvorsitzenden Wolfgang Marquardt einen umfassenden Empfehlungsentwurf vor. Dieser wurde vom Wissenschaftsrat im April 2014 erstmalig diskutiert und an die Geschäftsstelle des Wissenschaftsrates zur Überarbeitung zurückverwiesen. Es entstand eine erheblich verkürzte Fassung, die ursprünglich für die Sitzung des Wissenschaftsrates im Herbst 2014 vorgesehen war, endgültig auf der jetzt gerade stattgefundenen Januar 2015-Sitzung diskutiert wurde. Hier fiel die Entscheidung zu einer weiteren Vertagung auf den April 2015. (Vgl. zum Papier und seinen Hintergrund auch den Bericht in der aktuellen Ausgabe der Deutschen Universitätszeitung (DUZ): http://www.duz.de/duz-magazin/2015/02/experten-entwerfen-leitbild-fuer-berater/294).

Vermutlich ist die Verschiebung sogar eine gute Nachricht. Sie zeigt, dass die Diskussion darüber, wie sich Wissenschaft gegenüber den gesellschaftlichen Schlüsselherausforderungen des 21. Jahrhunderts positionieren soll, einen Nerv trifft. Wenn selbst der Wissenschaftsrat, der häufig schon zukunftsweisender Impulsgeber für die Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems in den letzten Jahrzehnten war, hier keinen gemeinsamen Nenner findet, wird deutlich, wie tief die Diskussion über das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft das Wissenschaftssystem und seine aktuelle Aufstellung herausfordert.

Die fehlende „weise“ Empfehlung des Wissenschaftsrates schafft Raum, diese Debatte in der nötigen Intensität zu führen. Sie ist eine Einladung an die vielen Akteure und gesellschaftlichen Gruppen, die sich längst in diese wissenschaftspolitische Debatte eingemischt haben, sich weiterhin intensiv einzubringen. Sie ist auch eine Aufforderung an Vorreiter-Einrichtungen – ob Institute, Hochschulen, Citizen-Science-Organisationen, Stiftungen oder Forschungsförderer-  einer gesellschaftsorientierten Wissenschaft, noch plastischer werden zu lassen, wie eine inter- und transdisziplinäre Wissenschaft aussehen muss, die sich in ein produktives Verhältnis zu großen gesellschaftlichen Herausforderungen stellt.

Und egal wie die Position des Wissenschaftsrates im April 2015 – oder wann immer sie kommt – aussehen wird, durch die vielen Verschiebungen ist eine intensive Diskussion über diese Position sicher.

Die Debatte um eine transformative Wissenschaft gewinnt an Schärfe – Prof. Dr. Günter Stock warnt vor den Gefahren einer „transformativen Wissenschaft“ auf dem Leibniztag

Auf dem diesjährigen „Leibniztag“ (28.06.14) der Berlin-Brandenburgischen Akademie, auf dem die Akademie ihre wichtigsten Auszeichnungen verleiht, hat ihr Präsident Prof. Dr. Günter Stock seine Grußansprache für grundlegende wissenschaftspolitische Überlegungen genutzt.

Er setzt sich dabei mit der aktuellen Debatte über Autonomie und Demokratisierung der Wissenschaft auseinander. Dabei werden insbesondere der Entwurf des aktuellen nordrhein-westfälischen Hochschulgesetzes und das Konzept einer „transformativen Wissenschaft“ kritisiert.

Die Schärfe des gewählten Tons ist eindrucksvoll. So heißt es zur Demokratisierung:

„Nein, mit der „Demokratisierung von Wissenschaft“ ist hingegen etwas ganz anderes gemeint, nämlich dass die Gewährung von Forschungsmitteln und die Definition von Forschungszielen sehr viel stärker an einem wie auch immer gearteten gesellschaftlichen Interesse ausgerichtet werden soll. (….) Im 20. Jahrhundert haben wir in Deutschland zweimal auf bittere Weise erfahren, was es bedeutet, wenn Forschung und Wissenschaft ausschließlich in den Dienst sogenannter gesellschaftlicher Interessen gestellt werden.“

Und unter Bezugnahme auf die Debatte um eine „transformative Wissenschaft“ sowie die aktuelle Diskussion über eine stärkere zivilgesellschaftliche Beteiligung an den Wissenschaftsprozessen heißt es dann:

„Diejenigen, die eine „Demokratisierung der Wissenschaft“ einfordern, sind jedoch bestrebt, Partikularinteressen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen durch Einflussnahme auf die öffentliche Meinung und mittels partizipativer Strukturen in den Entscheidungsgremien durchzusetzen. Plakativ formuliert könnte folgendes eintreten: Gesellschaftlich relevante Gruppen halten Einzug in den Hauptausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft, um dort – u.a. im Rhythmus von Landtagswahlen – Forschungsziele zu definieren. Immerhin gibt es für diese Art der Definition von Forschung schon eine akademische Debatte und auch Begrifflichkeiten: So sprechen wir von „transformativer Wissenschaft“ sowie von „Solutionismus“. – Grund genug, sorgfältig aufzupassen.“

Es ist bemerkenswert, dass sich Spitzenvertreter des deutschen Wissenschaftssystems mit solchen Tönen in die Diskussion um das angemessene Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft in der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts einbringen. Statt einer offenen Auseinandersetzung damit, dass es heute natürlich schon erhebliche Einflussnahmen – gerade bei der Forschungsprogrammgestaltung – von zumeist ökonomischen Partikularinteressen im Wissenschaftssystem gibt, und dass der Umgang ganzer Fachdisziplinen wie den Wirtschaftswissenschaften mit den aktuellen gesellschaftlichen Umbruchssituationen als sehr ernüchternd wahrgenommen wird, wird die Diskussion über eine pluralisierte Form der Wissenschaftssteuerung in die Nähe nationalsozialistischer Einflussnahme auf das Wissenschaftssystem gerückt. Gleichzeitig erklärt Stock den „Hauptausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft“ quasi zur unantastbaren Heiligenstätte der wissenschaftlichen Autonomie. Auch das überrascht angesichts der Debatte über den Reformbedarf innerhalb der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die derzeit geführt wird.

 

Weiterführende Links:

Buch „Transformative Wissenschaft“ in 2. verbesserter und aktualisierter Auflage erschienen

Innerhalb eines Jahres war die 1. Auflage des Buches „Transformative Wissenschaft – Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem“ vergriffen. Das Buch liegt jetzt in einer 2. verbesserten und aktualisierten Auflage vor. In die neue Auflage fanden u.a.  im letzten Jahr erschienene Studien zur Wissenschafts-Governance und aktuelle Entwicklungen bei den Vorreiter-Institutionen einer transformativen Wissenschaft Eingang.

Wir freuen uns darüber, dass sich das Buch im deutschsprachigen Raum als Referenzwerk für die Diskussion über eine gesellschafts- und nachhaltigkeitsorientierte Wissenschaft etabliert hat.

Dabei gibt es einerseits viele Rückmeldungen zu den konzeptionellen Aspekten des Buches wie der Bedeutung der Wissenschaft in der Reflexiven Moderne (S. 77 f.), insbesondere jedoch zu den Überlegungen zum Stellenwert von Autonomie von Wissenschaft und Hochschulen und einer möglichen „Autonomiefalle“ (S. 53 f.) – gerade im Zuge der Diskussion um das aktuelle nordrhein-westfälische Hochschulgesetz.

Die schon in der 1. Auflage umfassend dargestellte neue Rolle der Zivilgesellschaft in der Wissenschaftspolitik (S. 306 ff.) hat sich ähnlich dynamisch entwickelt wie die im Buch diskutierten Möglichkeiten auf der Ebene der Bundesländer mit besonderer Berücksichtigung der Entwicklungen in Nordrhein-Westfalen, Baden Württemberg und Niedersachsen.

Die Betonung der Rolle der Lehre und insbesondere des studentischen Engagements (S. 282 ff.) für eine transformative Hochschulentwicklung hat sich im letzten Jahr ebenfalls bestätigt. Inzwischen wird die weitere Vertreitung des studentischen Engagements u.a. aktiv vom Bundesbildungs- und Forschungsministerium (BMBF) unterstützt.

Die kompakte Diskussion der „12 Fehlwahrnehmungen einer transformativen Wissenschaft“ (S. 377 f.) – Von „1. Transformative Wissenschaft verdrängt Grundlagenforschung“ über „4. Staatliche Steuerung behindert Wissenschaft“ und „7. Wissenschaftliche Politikberatung braucht die eine bündelnde Stimme“ bis zu „12. Das Wissenschaftssystem ist unterfinanziert“ – hat einige Kontroversen ausgelöst und uns darin bestätigt, die richtigen Themen adressiert zu haben.

Wir danken für das zahlreiche Feedback und freuen uns auf die weiteren Debatten!

Schneidewind, Uwe/Singer-Brodowski, Mandy
Transformative Wissenschaft
– Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem
2. verbesserte und aktualisierte Auflage
Metropolis-Verlag, Marburg 2014

Lesetipp: Citizen Science – das unterschätzte Wissen der Laien von Peter Finke

Peter Finke, emeritierter Wissenschaftstheoretiker der Universität Bielefeld, hat mit seinem gerade im oekom-Verlag erschienenen Buch „Citizen Science – Das unterschätzte Wissen der Laien“ einen inspirierenden Beitrag zur Diskussion über das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft vorgelegt. Die bisherige Reformdebatte konzentriert sich insbesondere auf Veränderungen im etablierten Wissenschaftssystem sowie die Beteiligung von Zivilgesellschaft an den bestehenden wissenschaftlichen Strukturen. Mit dem Buch von Peter Finke wird mit vielen Beispielen und in Fortsetzung der Ideen von Paul Feyerabend ein viel breiterer Blick eröffnet: Von Bürgern betriebene Wissenschaft, die die Grenzen und Strukturen der etablierten Wissenschaft herausfordert. Ein sehr lesenswertes Buch!
Link zum Buch mit „Search inside“ und ersten Rezensionen.

Zwei informative Interviews mit Peter Finke zum Buch und zum Thema finden sich unter:
und

Wissenschaftsrat legt „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“ vor – aus Sicht einer gesellschaftsorientierten Wissenschaft eine Enttäuschung

Der Wissenschaftsrat hat am heutigen Montag offiziell seine Empfehlungen zu den „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“ vorgestellt. Sie waren vom Wissenschaftsrat am Freitag in Braunschweig nach einem langen Diskussionsprozess verabschiedet worden. Hochschulrektorenkonferenz und Leibniz-Gemeinschaft begrüßen das „gelungene Ensemble gut abgestimmter Maßnahmen, die das deutsche Wissenschaftssystem insgesamt stärken werden“ und fühlen sich durch die Empfehlungen „bestätigt und gestärkt“.

Aus der Sicht einer gesellschafts-orientierten Wissenschaft enttäuschen die Empfehlungen. Zwar werden im Analyseteil mit dem Titel „Wissenschaft im Kontext des beginnenden 21. Jahrhunderts“ neben der „Globalisierung“, der „Beschleunigung“,  der „Demographie“, der „Innovationsfähigkeit“ und dem „Investitionsbedarf“ unter dem Punkt „Komplexität“ (S. 20) auch die „großen gesellschaftlichen Herausforderungen“ und die Bedeutung der Wissenschaft zur ihrer Bewältigung angesprochen. In den weiteren Empfehlungen findet dies aber keinen Niederschlag.

Letztlich sind die Empfehlungen durch ein reines „Weiter so!“ geprägt – eben nur auf möglichst besserer finanzieller Basis. Dies gilt insbesondere für die beiden neuen vorgeschlagenen Förderinstrumente: (1) die Merian-Professuren und (2) die Liebig-Zentren. Merian-Professuren sollen 200-250 besonders gut ausgestattete (ca. 1 Mio. Euro pro Jahr) Professuren sein, die Schwerpunktbereiche in Universitäten stützen. Liebig-Zentren sollen ein neues Instrument der strukturellen Schwerpunktbildung werden. Gedacht ist an rund 50 Liebig-Zentren, die mit durchschnittlich 8 Mio. Euro pro Jahr gefördert werden sollen.

Hinter diesen Instrumenten verbergen sich faktisch nur Ansätze zur Verstetigung der Finanzierungen aus der Exzellenzinitiative. Die Chance, mit der Einrichtung dieser Förderansätze auch wissenschaftspolitisch neue Akzente auszulösen, wird in den Empfehlungen nicht angenommen. So würde sich das Instrument der Merian-Professuren geradezu anbieten, eine bestimmte Zahl gezielt transdisziplinär forschender Professorinnen und Professoren prominent an Hochschulen zu verankern. Ähnliches gilt für Liebig-Zentren. Hier sollten eine Reihe von Liebig-Zentren aufgesetzt werden, die transdisziplinäre, gesellschaftsorientierte Ansätze in vorbildlicher Weise umsetzen.

Neben der Perspektiven-Arbeitsgruppe hat der Wissenschaftsrat im Jahr 2012 auch eine Arbeitsgruppe zur Frage der „Bedeutung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen“ für das Wissenschaftssystem eingesetzt. Sie wird voraussichtlich Ende des Jahres 2013 ihre Empfehlungen vorlegen. Es ist zu hoffen, dass mit den Ergebnissen dieser Arbeitsgruppe die „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“ etwas weiter gedacht werden als im am Freitag verabschiedeten Perspektivpapier.

Einführung in das Buch „Transformative Wissenschaft“

Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Institutes für Klima, Umwelt, Energie, erläutert im Film die Idee und den Inhalt des im April 2013 im Metropolis-Verlag erschienenen Buches „Transformative Wissenschaft. Klimawandel im deutschen Hochschul- und Wissenschaftssystem'“.

Er geht dabei insbesondere auf den Bezug des Buches zur Forschung im Wuppertal Institut ein.

Wissenschaft für Nachhaltigkeit braucht eine kritische Orientierung – Beitrag von Thomas Jahn in der aktuellen GAIA

In einem aktuellen Beitrag in der Zeitschrift GAIA 1/2013 beleuchtet Thomas Jahn die notwendige kritische Funktion einer Wissenschaft für Nachhaltigkeit.

Seine Analyse zeigt auf, dass das Wissenschaftssystem bisher kaum bereit ist, sich auf die tiefgreifenden inhaltlichen und strukturellen Veränderungen und Herausforderungen einzulassen, die sich ergeben, wenn die Orientierung am Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung nicht nur aus der Wissenschaft an andere gesellschaftliche Bereiche adressiert wird, sondern auch an die Wissenschaft selbst. Es sei notwendig, die Frage zu stellen, was in den Wissenschaften erhalten und was verändert werden muss, damit sie zukunftsfähig bleiben.

Jahn entwickelt im Beitrag 9 Thesen zur kritischen Funktion einer Wissenschaft für Nachhaltigkeit. Er versteht die Thesen als ein Diskussionsbeitrag zur Klärung der Gegenstände einer nachhaltigen Wissenschaft sowie der Frage, wie Forschungsprozesse angelegt sein sollten, die sowohl die Forderungen nach wissenschaftlicher Exzellenz als auch die nach gesellschaftlicher Nützlichkeit ernst nehmen, ohne in Beliebigkeit zu verfallen.

Der Beitrag ist aktuell im Volltext online verfügbar unter: http://www.oekom.de/fileadmin/zeitschriften/gaia_leseproben/GAIA_1_2013_Jahn.pdf

Veranstaltungsreihe „Transformatives Wissen schaffen“ ab sofort auf Twitter folgen

Ab sofort können Sie aktuelle Informationen über die Reihe „Transformatives Wissen“ sowie über das Themenfeld „Nachhaltige Wissenschaft“ über Twitter verfolgen. Der Twitter-Account lautet http://www.twitter.com/TransformWissen. In der Navigationsspalte rechts können Sie den Twitter-Button direkt anklicken.

WBGU-Hauptgutachten zur „großen Transformation“ jetzt im Volltext verfügbar – eine erste Einschätzung der wissenschaftspolitischen Analyse

Seit dieser Woche liegt die Vollfassung des WBGU (Wissenschaftlicher Beirat für Globale Umweltveränderungen)-Hauptutachtens „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ vor. Anfang April hatte der WBGU die Entscheiderzusammenfassung präsentiert und der Bundesregierung (Forschungsministerin Schavan und Umweltminister Röttgen) übergeben. Schon dort waren insbesondere die wissenschaftspolitischen Empfehlungen und die Forderung nach einer verstärkten „Transformationsforschung“ sowie einer „transformativen Forschung“ bemerkenswert (vgl. den Blogeintrag vom 09.04.11). Im Hauptgutachten umfassen die wissenschaftspolitschen Forderungen rund 40 Seiten (S. 342 ff.) und gehen in Analyse und abgeleiteten Konsequenzen nochmals über die Ansätze in der Zusammenfassung hinaus. In dieser Deutlichkeit wurden bisher von keinem umwelt- und nachhaltigkeitspolitischen Beratergremium der Bundesregierung wissenschaftspolitische Konsequenzen eingefordert.

Im folgenden findet sich eine Zusammenfassung zentraler Inhalte des wissenschaftspolitischen Teils des WBGU-Gutachtens:

Neuer Vertrag zwischen Wissenschaft und Gesellschaft
Wie erstmals im „Potsdam Memorandum“ 2007 formuliert, fordert auch das WBGU-Gutachten einen neuen „Vertrag zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“: „Ein solcher Vertrag hätte eine stärkere Verzahnung zwischen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten und dem gesellschaftlich formulierten Bedarf an Wissen für eine Transformation in Richtung klimaverträgliche Gesellschaft zur Folge.“ (S. 342 des Gutachtens). Ausgangspunkt für diese Forderung ist die umfassende Analyse bestehender europäischer und insbesonderer deutscher Forschungsprogramme (S. 360 ff.), die zeigt, dass diese notwendige Verzahnung bisher nicht existiert. Dabei macht der WBGU deutlich, dass die Forderung nach transformativer Forschung nicht die Grundlagenforschung und die klassische disziplinäre Forschung oder gar die Wissenschaftsfreiheit ablösen soll. Jedoch ist in seinen Augen eine stärkere Ausrichtung künftiger Forschung auf die bestehenden gesellschaftlichen Herausforderungen notwendig (S. 345).

Kriterienraster für eine künftige transformative Forschung – klare Anforderungen an Ziele, Struktur und Ergebnisse von guter transformativer Forschung
Der WBGU formuliert klare Kriterien für die notwendige transformative Forschung (vgl. Tab. 8.1.2 auf S. 361 des Gutachtens). Diese umfassen die Ziele (Klimaverträglichkeit als Ziel der Forschung? Einbettung in einen umfassenderen Nachhaltigkeitskontext?), die Struktur (Interdisziplinarität, gesellschaftliche Relevanz, Transdisziplinarität, Beschleunigung, internationale Reichweite) sowie die Ergebnisse (Technologische und soziale Innovationen, Verbreitungsbedingungen von Innovationen, Politische Strategien).

Bisherige Forschungsprogramme auf EU- und Bundesebene lösen die Anforderungen an eine transformative Forschung nur unreichend ein – zu disziplinär, zu technologie-orientiert
Das Gutachten analysiert auf der Grundlage des o.g. Kriterienrasters sehr umfassend die Forschungsprogramme auf EU-Ebene (Grünbuch 2007 des Europäischen Forschungsraumes, Kooperationsprogramm im 7. EU Forschungsrahmenprogramm, das Joint Programming, die Joint Technology Initiatives sowie das European Institute of Technology EIT mit seinen Knowledge Innovation Clustern (KICs)) sowie auf Bundesebene (Übergreifende Programme wie die Hightec-Strategie der Bundesregierung, die Nationale Forschungsstrategie Bioökonomie, das Rahmenprogramm Forschung für eine Nachhaltige Entwicklung (FONA), die sozial-ökologische Forschung und den Pakt für Forschung und Innovation sowie spezifische Forschungsprogramme in den Bereichen Energie, Urbanisierung und Landnutzung).

Das Ergebnis der Analyse fällt fast überall ähnlich aus (vgl. auch Gesamtfazit S. 370 f.): Klimaverträglichkeit ist häufig ein Ziel, steht aber nur nebenrangig neben ökonomischen Zielen. Interdisziplinarität wird in vielen Programmen proklamiert, aber nur selten systematisch eingelöst. Fast alle Programme bleiben stark technologisch orientiert, soziale und kulturelle Innovationen spielen kaum eine Rolle. Die wenigen wirklichen transformativen Forschungsprogramme (z.B. in der Stadtforschung oder der sozial-ökologischen Forschung) sind im Vergleich zu anderen Programmen äußerst gering finanziell ausgestattet.

Ableitung eines umfassenden Maßnahmenkataloges
Aus seiner Analyse leitet der WBGU eine große Zahl an Empfehlungen für die künftige Wissenschaftspolitik ab (S. 380f.). Diese umfassen sowohl Forderungen an neue Forschungsprogramme als auch viele interessante institutionelle Vorschläge (wie z.B. die Einrichtung einer Transformations-Bundesuniversität, mehr partizipative Forschungsformen, die Einrichtung von „Low Carbon Business Schools“ (S. 382), von transformationsrelevanten Sabbaticals oder der Einführung eines freiwilligen Gesellschaftsjahres „Bildung und Wissenschaft“). Viele dieser im Gutachten nur kurz skizzierten Vorschläge bieten ein interessantes Potenzial für die konkrete wissenschaftspolitische Gestaltung.

Viele weitere bemerkenswerte Elemente im Gutachten: Anreizsysteme im Wissenschaftssystem, partizipative Wissenschaft, …
Die Lektüre des Wissenschaftsteils im WBGU-Gutachten lohnt auch aufgrund vieler weiterer interessanter Analysebausteine: z.B. die klare Analyse „falsch ausgerichteter Anreizsysteme“ im Wissenschaftssystem (S. 373), die das inter- und transdisziplinäre Arbeiten für Wissenschaftler sehr erschwert. Die Skizze der bestehenden Beispiele einer „partizipativen Forschung“ ist ebenfalls äußerst lesenswert (S. 378 ff.). Hier werden Beispiele wie die Projekte „Reef Check“ oder das „Evoluation Megalab“ dargestellt, die heute schon deutlich machen, wie die Zivilgesellschaft aktiv in Wissenschaftsprozesse eingebunden werden kann.

Fazit: Die „große Transformation“ erfordert auch eine Transformation des Forschungs- und Wissenschaftssystems. Diese muss langfristig ausgelegt sein (S. 344) und „Experimentierräume“ (S. 342) auch für eine neue Forschung schaffen. Wie dies aussehen kann, dafür legt der WBGU einen umfassenden Maßnahmenkatalog vor. Es ist zu hoffen, dass dieser von der Wissenschaftspolitik auf europäischer, nationaler und Länderebene aktiv aufgenommen wird.