Wichtiger Sprung nach vorne – eine erste Bewertung des vom Wissenschaftsrat beschlossenen Positionspapieres „Zum wissenschaftspolitischen Diskurs über Große Gesellschaftliche Herausforderungen“

Nach zweijähriger Vorbereitung durch eine Arbeitsgruppe und über einjähriger Beratung im Rat selber hat der Wissenschaftsrat am 25.04.2015 das Positionspapier „zum wissenschaftspolitischen Diskurs über Große Gesellschaftliche Herausforderungen“ beschlossen. Der Aufwand hat sich gelohnt. Entstanden ist ein Papier, das die Debatte über die Rolle Großer gesellschaftlicher Herausforderungen für das Wissenschaftssystem nach vorne bringt. Jetzt sind Wissenschaft, Politik und Gesellschaft aufgefordert den Ball aufzunehmen.

Differenzierte Einordnung der Debatte über große gesellschaftliche Herausforderungen in der Wissenschaftspolitik

Die Diskussion über die Bedeutung „Großer gesellschaftlicher Herausforderungen“ ist in den letzten Jahren teilweise zu einem Kampffeld geworden, in dem sich grundsätzliche wissenschaftstheoretische, methodische, allgemein- und institutionen-politische Positionen miteinander vermischten. Die große Leistung des vorliegenden Positionspapieres ist die Abgrenzung und Einordnung dieser Dimensionen in der Debatte über die „Großen gesellschaftlichen Herausforderungen“. Das Positionspapier leistet das in mehrfacher Hinsicht:

(1) Es liefert eine umfassende historische Einordnung der Diskussion (S. 7 ff.) – beginnend mit dem Klimadiskurs seit Ende der 80er-Jahre, der Debatte über Modus-2-Forschung und Transdisziplinarität in den 90er-Jahren sowie den richtungsweisenden Arbeiten der ERA-Expertengruppe auf Europäischer Ebene im Jahr 2008, die die Grundlagen für das an „Grand Challenges“ orientierte EU-Forschungsrahmenprogramm „Horizon 2020“ schuf.

(2) Vor dem Hintergrund dieses historischen Abrisses nähert sich das Positionspapier dem unscharf verwendeten Begriff der „Großen Herausforderungen“ durch die Herausarbeitung zentraler Charakteristika (S. 15 f.): Jenseits geläufiger Aufzählungen einzelner Herausforderungen sind es insbesondere formale (hohe Komplexität, Vernetztheit, Zielpluralität, Unschärfe) und inhaltliche Kriterien (globale und transnationale Verortung, soziale Innovationen neben Produkt- und Prozessinnovationen, umfassender Begriff des Gemeinwohls, gleichzeitiges Gefordertsein von Natur-, Ingenieurs-, Lebens- und Sozial- und Kultur- incl. der normativen Wissenschaften), über die sich „Große gesellschaftliche Herausforderungen“ kennzeichnen lassen. Der Wissenschaftsrat verzichtet im Positionspapier bewusst auf eine explizite Definition. Er fordert vielmehr dazu auf, „die wissenschaftspolitische und alltagssprachliche Begriffsverwendung kritisch zu hinterfragen“ und  „einen nachvollziehbaren Umgang mit dem Begriff (…) zu entwickeln“ (S. 17).

(3) Damit löst er ein, was in der Position vorher überzeugend herausgearbeitet wurde: Große gesellschaftliche Herausforderungen zeichnen sich aus durch „wechselseitige Abhängigkeiten zwischen Lösungsversuchen und Problemdefinitionen sowie (dem) Einfluss (streitiger und sich ändernder) normativer Wertungen auf das Verständnis und Lösung dieser Probleme.“ (S. 16). Große gesellschaftliche Herausforderungen sind Moving Targets, mit denen nur durch „Vielfalt und Selbstkorrekturfähigkeit des Wissenschaftssystems“ (S. 25 f.) adäquat umgegangen werden kann.

Wissenschaftsrat verschiebt seine Empfehlungen zur Bedeutung großer gesellschaftlicher Herausforderungen für das Wissenschaftssystem ein weiteres Mal – ein Kommentar

Eigentlich hatte der Wissenschaftsrat für heute, den 2.2.2015 zur Pressekonferenz geladen, um über die Ergebnisse seiner Wintersitzung am 29./30.01.2015 zu berichten. Diese Pressekonferenz wurde kurzfristig abgesagt. Ein Grund dafür: Ein weiteres Mal gelang es dem Gremium nicht, das Positionspapier „Große gesellschaftliche Herausforderungen als wissenschaftspolitisches Leitbild“ zu verabschieden.

Das Positionspapier hat inzwischen eine lange Vorgeschichte. Im Juli 2012 setzte der Wissenschaftsrat eine Arbeitsgruppe ein, um sich mit dem Thema „Bedeutung großer gesellschaftlicher Herausforderungen für das Wissenschaftssystem“ zu beschäftigen. Die Arbeitsgruppe legte unter Leitung des damaligen Wissenschaftsratsvorsitzenden Wolfgang Marquardt einen umfassenden Empfehlungsentwurf vor. Dieser wurde vom Wissenschaftsrat im April 2014 erstmalig diskutiert und an die Geschäftsstelle des Wissenschaftsrates zur Überarbeitung zurückverwiesen. Es entstand eine erheblich verkürzte Fassung, die ursprünglich für die Sitzung des Wissenschaftsrates im Herbst 2014 vorgesehen war, endgültig auf der jetzt gerade stattgefundenen Januar 2015-Sitzung diskutiert wurde. Hier fiel die Entscheidung zu einer weiteren Vertagung auf den April 2015. (Vgl. zum Papier und seinen Hintergrund auch den Bericht in der aktuellen Ausgabe der Deutschen Universitätszeitung (DUZ): http://www.duz.de/duz-magazin/2015/02/experten-entwerfen-leitbild-fuer-berater/294).

Vermutlich ist die Verschiebung sogar eine gute Nachricht. Sie zeigt, dass die Diskussion darüber, wie sich Wissenschaft gegenüber den gesellschaftlichen Schlüsselherausforderungen des 21. Jahrhunderts positionieren soll, einen Nerv trifft. Wenn selbst der Wissenschaftsrat, der häufig schon zukunftsweisender Impulsgeber für die Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems in den letzten Jahrzehnten war, hier keinen gemeinsamen Nenner findet, wird deutlich, wie tief die Diskussion über das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft das Wissenschaftssystem und seine aktuelle Aufstellung herausfordert.

Die fehlende „weise“ Empfehlung des Wissenschaftsrates schafft Raum, diese Debatte in der nötigen Intensität zu führen. Sie ist eine Einladung an die vielen Akteure und gesellschaftlichen Gruppen, die sich längst in diese wissenschaftspolitische Debatte eingemischt haben, sich weiterhin intensiv einzubringen. Sie ist auch eine Aufforderung an Vorreiter-Einrichtungen – ob Institute, Hochschulen, Citizen-Science-Organisationen, Stiftungen oder Forschungsförderer-  einer gesellschaftsorientierten Wissenschaft, noch plastischer werden zu lassen, wie eine inter- und transdisziplinäre Wissenschaft aussehen muss, die sich in ein produktives Verhältnis zu großen gesellschaftlichen Herausforderungen stellt.

Und egal wie die Position des Wissenschaftsrates im April 2015 – oder wann immer sie kommt – aussehen wird, durch die vielen Verschiebungen ist eine intensive Diskussion über diese Position sicher.

Die Debatte um eine transformative Wissenschaft gewinnt an Schärfe – Prof. Dr. Günter Stock warnt vor den Gefahren einer „transformativen Wissenschaft“ auf dem Leibniztag

Auf dem diesjährigen „Leibniztag“ (28.06.14) der Berlin-Brandenburgischen Akademie, auf dem die Akademie ihre wichtigsten Auszeichnungen verleiht, hat ihr Präsident Prof. Dr. Günter Stock seine Grußansprache für grundlegende wissenschaftspolitische Überlegungen genutzt.

Er setzt sich dabei mit der aktuellen Debatte über Autonomie und Demokratisierung der Wissenschaft auseinander. Dabei werden insbesondere der Entwurf des aktuellen nordrhein-westfälischen Hochschulgesetzes und das Konzept einer „transformativen Wissenschaft“ kritisiert.

Die Schärfe des gewählten Tons ist eindrucksvoll. So heißt es zur Demokratisierung:

„Nein, mit der „Demokratisierung von Wissenschaft“ ist hingegen etwas ganz anderes gemeint, nämlich dass die Gewährung von Forschungsmitteln und die Definition von Forschungszielen sehr viel stärker an einem wie auch immer gearteten gesellschaftlichen Interesse ausgerichtet werden soll. (….) Im 20. Jahrhundert haben wir in Deutschland zweimal auf bittere Weise erfahren, was es bedeutet, wenn Forschung und Wissenschaft ausschließlich in den Dienst sogenannter gesellschaftlicher Interessen gestellt werden.“

Und unter Bezugnahme auf die Debatte um eine „transformative Wissenschaft“ sowie die aktuelle Diskussion über eine stärkere zivilgesellschaftliche Beteiligung an den Wissenschaftsprozessen heißt es dann:

„Diejenigen, die eine „Demokratisierung der Wissenschaft“ einfordern, sind jedoch bestrebt, Partikularinteressen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen durch Einflussnahme auf die öffentliche Meinung und mittels partizipativer Strukturen in den Entscheidungsgremien durchzusetzen. Plakativ formuliert könnte folgendes eintreten: Gesellschaftlich relevante Gruppen halten Einzug in den Hauptausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft, um dort – u.a. im Rhythmus von Landtagswahlen – Forschungsziele zu definieren. Immerhin gibt es für diese Art der Definition von Forschung schon eine akademische Debatte und auch Begrifflichkeiten: So sprechen wir von „transformativer Wissenschaft“ sowie von „Solutionismus“. – Grund genug, sorgfältig aufzupassen.“

Es ist bemerkenswert, dass sich Spitzenvertreter des deutschen Wissenschaftssystems mit solchen Tönen in die Diskussion um das angemessene Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft in der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts einbringen. Statt einer offenen Auseinandersetzung damit, dass es heute natürlich schon erhebliche Einflussnahmen – gerade bei der Forschungsprogrammgestaltung – von zumeist ökonomischen Partikularinteressen im Wissenschaftssystem gibt, und dass der Umgang ganzer Fachdisziplinen wie den Wirtschaftswissenschaften mit den aktuellen gesellschaftlichen Umbruchssituationen als sehr ernüchternd wahrgenommen wird, wird die Diskussion über eine pluralisierte Form der Wissenschaftssteuerung in die Nähe nationalsozialistischer Einflussnahme auf das Wissenschaftssystem gerückt. Gleichzeitig erklärt Stock den „Hauptausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft“ quasi zur unantastbaren Heiligenstätte der wissenschaftlichen Autonomie. Auch das überrascht angesichts der Debatte über den Reformbedarf innerhalb der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die derzeit geführt wird.

 

Weiterführende Links:

Buch „Transformative Wissenschaft“ in 2. verbesserter und aktualisierter Auflage erschienen

Innerhalb eines Jahres war die 1. Auflage des Buches „Transformative Wissenschaft – Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem“ vergriffen. Das Buch liegt jetzt in einer 2. verbesserten und aktualisierten Auflage vor. In die neue Auflage fanden u.a.  im letzten Jahr erschienene Studien zur Wissenschafts-Governance und aktuelle Entwicklungen bei den Vorreiter-Institutionen einer transformativen Wissenschaft Eingang.

Wir freuen uns darüber, dass sich das Buch im deutschsprachigen Raum als Referenzwerk für die Diskussion über eine gesellschafts- und nachhaltigkeitsorientierte Wissenschaft etabliert hat.

Dabei gibt es einerseits viele Rückmeldungen zu den konzeptionellen Aspekten des Buches wie der Bedeutung der Wissenschaft in der Reflexiven Moderne (S. 77 f.), insbesondere jedoch zu den Überlegungen zum Stellenwert von Autonomie von Wissenschaft und Hochschulen und einer möglichen „Autonomiefalle“ (S. 53 f.) – gerade im Zuge der Diskussion um das aktuelle nordrhein-westfälische Hochschulgesetz.

Die schon in der 1. Auflage umfassend dargestellte neue Rolle der Zivilgesellschaft in der Wissenschaftspolitik (S. 306 ff.) hat sich ähnlich dynamisch entwickelt wie die im Buch diskutierten Möglichkeiten auf der Ebene der Bundesländer mit besonderer Berücksichtigung der Entwicklungen in Nordrhein-Westfalen, Baden Württemberg und Niedersachsen.

Die Betonung der Rolle der Lehre und insbesondere des studentischen Engagements (S. 282 ff.) für eine transformative Hochschulentwicklung hat sich im letzten Jahr ebenfalls bestätigt. Inzwischen wird die weitere Vertreitung des studentischen Engagements u.a. aktiv vom Bundesbildungs- und Forschungsministerium (BMBF) unterstützt.

Die kompakte Diskussion der „12 Fehlwahrnehmungen einer transformativen Wissenschaft“ (S. 377 f.) – Von „1. Transformative Wissenschaft verdrängt Grundlagenforschung“ über „4. Staatliche Steuerung behindert Wissenschaft“ und „7. Wissenschaftliche Politikberatung braucht die eine bündelnde Stimme“ bis zu „12. Das Wissenschaftssystem ist unterfinanziert“ – hat einige Kontroversen ausgelöst und uns darin bestätigt, die richtigen Themen adressiert zu haben.

Wir danken für das zahlreiche Feedback und freuen uns auf die weiteren Debatten!

Schneidewind, Uwe/Singer-Brodowski, Mandy
Transformative Wissenschaft
– Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem
2. verbesserte und aktualisierte Auflage
Metropolis-Verlag, Marburg 2014

Lesetipp: Citizen Science – das unterschätzte Wissen der Laien von Peter Finke

Peter Finke, emeritierter Wissenschaftstheoretiker der Universität Bielefeld, hat mit seinem gerade im oekom-Verlag erschienenen Buch „Citizen Science – Das unterschätzte Wissen der Laien“ einen inspirierenden Beitrag zur Diskussion über das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft vorgelegt. Die bisherige Reformdebatte konzentriert sich insbesondere auf Veränderungen im etablierten Wissenschaftssystem sowie die Beteiligung von Zivilgesellschaft an den bestehenden wissenschaftlichen Strukturen. Mit dem Buch von Peter Finke wird mit vielen Beispielen und in Fortsetzung der Ideen von Paul Feyerabend ein viel breiterer Blick eröffnet: Von Bürgern betriebene Wissenschaft, die die Grenzen und Strukturen der etablierten Wissenschaft herausfordert. Ein sehr lesenswertes Buch!
Link zum Buch mit „Search inside“ und ersten Rezensionen.

Zwei informative Interviews mit Peter Finke zum Buch und zum Thema finden sich unter:
und

Wissenschaftsrat legt „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“ vor – aus Sicht einer gesellschaftsorientierten Wissenschaft eine Enttäuschung

Der Wissenschaftsrat hat am heutigen Montag offiziell seine Empfehlungen zu den „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“ vorgestellt. Sie waren vom Wissenschaftsrat am Freitag in Braunschweig nach einem langen Diskussionsprozess verabschiedet worden. Hochschulrektorenkonferenz und Leibniz-Gemeinschaft begrüßen das „gelungene Ensemble gut abgestimmter Maßnahmen, die das deutsche Wissenschaftssystem insgesamt stärken werden“ und fühlen sich durch die Empfehlungen „bestätigt und gestärkt“.

Aus der Sicht einer gesellschafts-orientierten Wissenschaft enttäuschen die Empfehlungen. Zwar werden im Analyseteil mit dem Titel „Wissenschaft im Kontext des beginnenden 21. Jahrhunderts“ neben der „Globalisierung“, der „Beschleunigung“,  der „Demographie“, der „Innovationsfähigkeit“ und dem „Investitionsbedarf“ unter dem Punkt „Komplexität“ (S. 20) auch die „großen gesellschaftlichen Herausforderungen“ und die Bedeutung der Wissenschaft zur ihrer Bewältigung angesprochen. In den weiteren Empfehlungen findet dies aber keinen Niederschlag.

Letztlich sind die Empfehlungen durch ein reines „Weiter so!“ geprägt – eben nur auf möglichst besserer finanzieller Basis. Dies gilt insbesondere für die beiden neuen vorgeschlagenen Förderinstrumente: (1) die Merian-Professuren und (2) die Liebig-Zentren. Merian-Professuren sollen 200-250 besonders gut ausgestattete (ca. 1 Mio. Euro pro Jahr) Professuren sein, die Schwerpunktbereiche in Universitäten stützen. Liebig-Zentren sollen ein neues Instrument der strukturellen Schwerpunktbildung werden. Gedacht ist an rund 50 Liebig-Zentren, die mit durchschnittlich 8 Mio. Euro pro Jahr gefördert werden sollen.

Hinter diesen Instrumenten verbergen sich faktisch nur Ansätze zur Verstetigung der Finanzierungen aus der Exzellenzinitiative. Die Chance, mit der Einrichtung dieser Förderansätze auch wissenschaftspolitisch neue Akzente auszulösen, wird in den Empfehlungen nicht angenommen. So würde sich das Instrument der Merian-Professuren geradezu anbieten, eine bestimmte Zahl gezielt transdisziplinär forschender Professorinnen und Professoren prominent an Hochschulen zu verankern. Ähnliches gilt für Liebig-Zentren. Hier sollten eine Reihe von Liebig-Zentren aufgesetzt werden, die transdisziplinäre, gesellschaftsorientierte Ansätze in vorbildlicher Weise umsetzen.

Neben der Perspektiven-Arbeitsgruppe hat der Wissenschaftsrat im Jahr 2012 auch eine Arbeitsgruppe zur Frage der „Bedeutung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen“ für das Wissenschaftssystem eingesetzt. Sie wird voraussichtlich Ende des Jahres 2013 ihre Empfehlungen vorlegen. Es ist zu hoffen, dass mit den Ergebnissen dieser Arbeitsgruppe die „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“ etwas weiter gedacht werden als im am Freitag verabschiedeten Perspektivpapier.

Einführung in das Buch „Transformative Wissenschaft“

Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Institutes für Klima, Umwelt, Energie, erläutert im Film die Idee und den Inhalt des im April 2013 im Metropolis-Verlag erschienenen Buches „Transformative Wissenschaft. Klimawandel im deutschen Hochschul- und Wissenschaftssystem'“.

Er geht dabei insbesondere auf den Bezug des Buches zur Forschung im Wuppertal Institut ein.

Wissenschaft für Nachhaltigkeit braucht eine kritische Orientierung – Beitrag von Thomas Jahn in der aktuellen GAIA

In einem aktuellen Beitrag in der Zeitschrift GAIA 1/2013 beleuchtet Thomas Jahn die notwendige kritische Funktion einer Wissenschaft für Nachhaltigkeit.

Seine Analyse zeigt auf, dass das Wissenschaftssystem bisher kaum bereit ist, sich auf die tiefgreifenden inhaltlichen und strukturellen Veränderungen und Herausforderungen einzulassen, die sich ergeben, wenn die Orientierung am Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung nicht nur aus der Wissenschaft an andere gesellschaftliche Bereiche adressiert wird, sondern auch an die Wissenschaft selbst. Es sei notwendig, die Frage zu stellen, was in den Wissenschaften erhalten und was verändert werden muss, damit sie zukunftsfähig bleiben.

Jahn entwickelt im Beitrag 9 Thesen zur kritischen Funktion einer Wissenschaft für Nachhaltigkeit. Er versteht die Thesen als ein Diskussionsbeitrag zur Klärung der Gegenstände einer nachhaltigen Wissenschaft sowie der Frage, wie Forschungsprozesse angelegt sein sollten, die sowohl die Forderungen nach wissenschaftlicher Exzellenz als auch die nach gesellschaftlicher Nützlichkeit ernst nehmen, ohne in Beliebigkeit zu verfallen.

Der Beitrag ist aktuell im Volltext online verfügbar unter: http://www.oekom.de/fileadmin/zeitschriften/gaia_leseproben/GAIA_1_2013_Jahn.pdf

Veranstaltungsreihe „Transformatives Wissen schaffen“ ab sofort auf Twitter folgen

Ab sofort können Sie aktuelle Informationen über die Reihe „Transformatives Wissen“ sowie über das Themenfeld „Nachhaltige Wissenschaft“ über Twitter verfolgen. Der Twitter-Account lautet http://www.twitter.com/TransformWissen. In der Navigationsspalte rechts können Sie den Twitter-Button direkt anklicken.

WBGU-Hauptgutachten zur „großen Transformation“ jetzt im Volltext verfügbar – eine erste Einschätzung der wissenschaftspolitischen Analyse

Seit dieser Woche liegt die Vollfassung des WBGU (Wissenschaftlicher Beirat für Globale Umweltveränderungen)-Hauptutachtens „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ vor. Anfang April hatte der WBGU die Entscheiderzusammenfassung präsentiert und der Bundesregierung (Forschungsministerin Schavan und Umweltminister Röttgen) übergeben. Schon dort waren insbesondere die wissenschaftspolitischen Empfehlungen und die Forderung nach einer verstärkten „Transformationsforschung“ sowie einer „transformativen Forschung“ bemerkenswert (vgl. den Blogeintrag vom 09.04.11). Im Hauptgutachten umfassen die wissenschaftspolitschen Forderungen rund 40 Seiten (S. 342 ff.) und gehen in Analyse und abgeleiteten Konsequenzen nochmals über die Ansätze in der Zusammenfassung hinaus. In dieser Deutlichkeit wurden bisher von keinem umwelt- und nachhaltigkeitspolitischen Beratergremium der Bundesregierung wissenschaftspolitische Konsequenzen eingefordert.

Im folgenden findet sich eine Zusammenfassung zentraler Inhalte des wissenschaftspolitischen Teils des WBGU-Gutachtens:

Neuer Vertrag zwischen Wissenschaft und Gesellschaft
Wie erstmals im „Potsdam Memorandum“ 2007 formuliert, fordert auch das WBGU-Gutachten einen neuen „Vertrag zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“: „Ein solcher Vertrag hätte eine stärkere Verzahnung zwischen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten und dem gesellschaftlich formulierten Bedarf an Wissen für eine Transformation in Richtung klimaverträgliche Gesellschaft zur Folge.“ (S. 342 des Gutachtens). Ausgangspunkt für diese Forderung ist die umfassende Analyse bestehender europäischer und insbesonderer deutscher Forschungsprogramme (S. 360 ff.), die zeigt, dass diese notwendige Verzahnung bisher nicht existiert. Dabei macht der WBGU deutlich, dass die Forderung nach transformativer Forschung nicht die Grundlagenforschung und die klassische disziplinäre Forschung oder gar die Wissenschaftsfreiheit ablösen soll. Jedoch ist in seinen Augen eine stärkere Ausrichtung künftiger Forschung auf die bestehenden gesellschaftlichen Herausforderungen notwendig (S. 345).

Kriterienraster für eine künftige transformative Forschung – klare Anforderungen an Ziele, Struktur und Ergebnisse von guter transformativer Forschung
Der WBGU formuliert klare Kriterien für die notwendige transformative Forschung (vgl. Tab. 8.1.2 auf S. 361 des Gutachtens). Diese umfassen die Ziele (Klimaverträglichkeit als Ziel der Forschung? Einbettung in einen umfassenderen Nachhaltigkeitskontext?), die Struktur (Interdisziplinarität, gesellschaftliche Relevanz, Transdisziplinarität, Beschleunigung, internationale Reichweite) sowie die Ergebnisse (Technologische und soziale Innovationen, Verbreitungsbedingungen von Innovationen, Politische Strategien).

Bisherige Forschungsprogramme auf EU- und Bundesebene lösen die Anforderungen an eine transformative Forschung nur unreichend ein – zu disziplinär, zu technologie-orientiert
Das Gutachten analysiert auf der Grundlage des o.g. Kriterienrasters sehr umfassend die Forschungsprogramme auf EU-Ebene (Grünbuch 2007 des Europäischen Forschungsraumes, Kooperationsprogramm im 7. EU Forschungsrahmenprogramm, das Joint Programming, die Joint Technology Initiatives sowie das European Institute of Technology EIT mit seinen Knowledge Innovation Clustern (KICs)) sowie auf Bundesebene (Übergreifende Programme wie die Hightec-Strategie der Bundesregierung, die Nationale Forschungsstrategie Bioökonomie, das Rahmenprogramm Forschung für eine Nachhaltige Entwicklung (FONA), die sozial-ökologische Forschung und den Pakt für Forschung und Innovation sowie spezifische Forschungsprogramme in den Bereichen Energie, Urbanisierung und Landnutzung).

Das Ergebnis der Analyse fällt fast überall ähnlich aus (vgl. auch Gesamtfazit S. 370 f.): Klimaverträglichkeit ist häufig ein Ziel, steht aber nur nebenrangig neben ökonomischen Zielen. Interdisziplinarität wird in vielen Programmen proklamiert, aber nur selten systematisch eingelöst. Fast alle Programme bleiben stark technologisch orientiert, soziale und kulturelle Innovationen spielen kaum eine Rolle. Die wenigen wirklichen transformativen Forschungsprogramme (z.B. in der Stadtforschung oder der sozial-ökologischen Forschung) sind im Vergleich zu anderen Programmen äußerst gering finanziell ausgestattet.

Ableitung eines umfassenden Maßnahmenkataloges
Aus seiner Analyse leitet der WBGU eine große Zahl an Empfehlungen für die künftige Wissenschaftspolitik ab (S. 380f.). Diese umfassen sowohl Forderungen an neue Forschungsprogramme als auch viele interessante institutionelle Vorschläge (wie z.B. die Einrichtung einer Transformations-Bundesuniversität, mehr partizipative Forschungsformen, die Einrichtung von „Low Carbon Business Schools“ (S. 382), von transformationsrelevanten Sabbaticals oder der Einführung eines freiwilligen Gesellschaftsjahres „Bildung und Wissenschaft“). Viele dieser im Gutachten nur kurz skizzierten Vorschläge bieten ein interessantes Potenzial für die konkrete wissenschaftspolitische Gestaltung.

Viele weitere bemerkenswerte Elemente im Gutachten: Anreizsysteme im Wissenschaftssystem, partizipative Wissenschaft, …
Die Lektüre des Wissenschaftsteils im WBGU-Gutachten lohnt auch aufgrund vieler weiterer interessanter Analysebausteine: z.B. die klare Analyse „falsch ausgerichteter Anreizsysteme“ im Wissenschaftssystem (S. 373), die das inter- und transdisziplinäre Arbeiten für Wissenschaftler sehr erschwert. Die Skizze der bestehenden Beispiele einer „partizipativen Forschung“ ist ebenfalls äußerst lesenswert (S. 378 ff.). Hier werden Beispiele wie die Projekte „Reef Check“ oder das „Evoluation Megalab“ dargestellt, die heute schon deutlich machen, wie die Zivilgesellschaft aktiv in Wissenschaftsprozesse eingebunden werden kann.

Fazit: Die „große Transformation“ erfordert auch eine Transformation des Forschungs- und Wissenschaftssystems. Diese muss langfristig ausgelegt sein (S. 344) und „Experimentierräume“ (S. 342) auch für eine neue Forschung schaffen. Wie dies aussehen kann, dafür legt der WBGU einen umfassenden Maßnahmenkatalog vor. Es ist zu hoffen, dass dieser von der Wissenschaftspolitik auf europäischer, nationaler und Länderebene aktiv aufgenommen wird.


Starkes Plädoyer für eine transformative Forschung im neuen WBGU-Gutachten zur „Großen Transformation“

Am 07. April hat der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung (WBGU) sein Hauptgutachten „Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation“ der Bundesregierung überreicht sowie auf einer Tagung in der Akademie Tutzing umfassend vorgestellt und diskutiert. Bisher liegt nur die knapp 30-seitige „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ vor (Download hier). Die Vollfasssung des Gutachtens (die ursprünglich für den 22.03.2011 geplant war) wird aufgrund der Ereignisse und politischen Entscheidungen in Folge der Reaktorkatastrophe in Fukushima erst in einigen Wochen verfügbar sein.

Das Gutachten zeichnet insgesamt die Epochenherausforderung der Transformation zu einer globalen Nachhaltigen Gesellschaft eindrucksvoll nach und übersetzt diese in differenzierte Strategien. Dabei gefällt die sozial- und kulturwissenschaftlich aufgeklärte Herangehensweise, in die die technologischen, politischen und ökonomischen Transformationspfade eingebettet sind.

Aus der Perspektive einer „Nachhaltigen Wissenschaft“ ist besonders bemerkenswert, welch starker Stellenwert einer Veränderung im Wissenschaftssystem beigemessen wird, um die anstehenden Transformationsaufgaben zu bewältigen (vgl. S. 22 f. der Zusammenfassung). Der WBGU fordert ein „transformatives Quartett“ der Wissensgesellschaft.

WBGU-transformatives-Quartett

Das „transformative Quartett der Wissensgesellschaft“
Quelle: WBGU (2011), S. 23 (Zusammenfassung des Hauptgutachtens)

Dabei geht es ihm sowohl um eine Transformationsforschung, das heißt eine Forschung, die Zusammenhänge von umfassenden gesellschaftlichen Transformationsprozessen versteht als auch um eine transformative Forschung, d.h. eine Forschung die transformative Prozesse aktiv befördert. Faktisch wird hier das Programm einer transdisziplinären Nachhaltigkeitswissenschaft skizziert. Im Hauptgutachten werden diese Forderungen für einzelne Disziplinen (wie z.B. die Rechtswissenschaften) durchdekliniert.

Der WBGU macht zudem konkrete institutionelle Vorschläge: Neben einer systematischen Evaluation der bisherigen Forschungsprogramme empfiehlt er u.a. die Einrichtung einer Bundesuniversität (S. 26), die „schwerpunktmäßig Forschung und Bildung für die Transformation zur Nachhaltigkeit betreibt“ sowie eine Runde der Exzellenzinitiative, „vollständig zum Thema Forschung im Kontext der Transformation für eine Ressourcen schonende, nachhaltige und lebenswerte Gesellschaft auszuschreiben“.

Kick-Off-Meeting des Global TraPs-Projektes an der ETH Zürich

Am 31.03. und 01.04. fand das Kick-Off-Meeting des bis zum Jahr 2015 dauernden Global TraPs-Projektes an der ETH Zürich statt. Ziel des Projektes ist die Entwicklung der nötigen Wissensbasis und von Steuerungsansätzen für eine nachhaltige Gestaltung des globalen Phosphor-Kreislaufes. Das von Prof. Dr. Roland Scholz an der ETH initiierte Projekt findet im Verbund von über 40 internationalen Partnerinstitutionen aus Wissenschaft und Praxis statt. Es ist durch seinen globalen Anspruch das derzeit vermutlich ambitionierteste transdisziplinäre Projekt in den Nachhaltigkeitswissenschaften und baut auf den fast 20-jährigen Erfahrungen der Gruppe um Roland Scholz mit transdisziplinären Fallstudien auf.

Aufbruchstimmung beim Workshop „Eine neue Forschungsagenda für Nachhaltige Entwicklung“

Mit dem gestrigen Workshop „Eine neue Forschungsagenda für nachhaltige Entwicklung“ in Berlin hat sich ein gesellschaftspolitisches Bündnis für eine nachhaltigkeits-orientierte Forschungspolitik konstituiert. Zu dem Hintergrundworkshop hatten die beiden Umweltverbände Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Naturschutzbund Deutschland (NABU) zusammen mit der Vereinigung deutscher Wissenschaftler (VDW) und dem Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) eingeladen. Rund 40 Teilnehmer diskutieren über Anforderungen an eine künftige nachhaltigkeits-orientierte Forschungspolitik und konzentrierten sich dabei insbesondere auf die Felder der Energiepolitik sowie den Bereich Agrarforschung/Bio-Ökonomie. Es wurden Bausteine für ein forschungspolitisches Programm und konkrete Maßnahmen zusammengetragen. Auf dieser Grundlage soll die koordinierte Arbeit der Verbände in dem von Ihnen bisher kaum bearbeiteten Feld der Wissenschafts- und Forschungspolitik fortgesetzt werden.

Startschuss für eine nachhaltige Ausdifferenzierung – ein Kommentar zu den Entscheidungen in der Exzellenzinitiative

Seit Freitag ist klar, dass die Exzellenzinitiative auch in ihrer zweiten Runde ohne nachhaltigkeitsorientierte Gesamtkonzepte stattfinden wird. Der couragierte und äußerst differenzierte Zukunftskonzept-Entwurf der Universität Hamburg zur „Sustainable University“ hat keine Aufforderung zur Ausarbeitung eines endgültiges Antrages erhalten.

Damit wurde es verpasst, auch einer gesellschaftsorientierten Wissenschafts-Ausrichtung eine Chance im Rahmen der Exzellenzinitiative zu geben. Diese immer wichtiger werdende Ergänzung im deutschen Wissenschaftssystem muss mithin außerhalb der Exzellenzinitiativenkulisse stattfinden. Auf den ersten Blick ist das ernüchternd, auf den zweiten Blick stecken darin auch Chancen:

Einmal ist es eine unmittelbare Chance für die mittelgroßen Universitäten, die schon seit einiger Zeit auf ein Nachhaltigkeitsprofil in ihrer strategischen Ausrichtung setzen – vorne weg die Universitäten Lüneburg und Kassel. Ihre besondere Bedeutung für das Wissenschaftssystem wird durch die Entscheidungen vom Freitag wachsen. Durch eine intelligente Vernetzung ihrer Aktivitäten können sie ihre wissenschaftspolitische Wirkung noch stärken.

Es ist aber auch eine Chance für eine Reihe von Universitäten, die seit Freitag wissen, dass sie sich ab jetzt nicht mehr auf die Exzellenzinitiative konzentrieren müssen. Universitäten wie Duisburg-Essen, Dortmund, Osnabrück oder Wuppertal haben in den letzten Jahren viele interessante Elemente einer nachhaltigkeitsorientierten Wissenschaft entwickelt. Für sie könnte die Weiterentwicklung eines gesellschafts- und nachhaltigkeitsorientierten Wissenschaftsprofils eine interessante Differenzierungschance darstellen.

Die Entscheidung wirkt aber auch auf der Ebene ganzer Bundesländer zurück:

Das Land Hessen weiß seit Freitag, dass es auch künftig keine „Eliteuniversität“ beherbergen wird – trotz der eindrucksvollen Exzellenzcluster und Graduiertenkollegs-Leistungen seiner Universitäten Frankfurt, Darmstadt oder Gießen. Dies ist eine Gelegenheit, über die wissenschaftspolitische Positionierung des Landes nachzudenken. Und dabei auch über den Stellenwert von „Gesellschaftsorientierung“ – zumal das Land Hessen im Rahmen seiner Nachhaltigkeitsstrategie in den Hochschul-Zielvereinbarungen als erstes Land diese Dimension fest für alle Hochschulen verankert hat und zudem mit der Universität Kassel sowie Instituten wie dem Institut für sozial-ökologische Forschung über Vordenker-Organisationen im Feld verfügt.

Die neue Landesregierung in Hamburg ist nach den Entscheidungen des Wissenschaftsrates ebenfalls gefordert, ihre künftige Wissenschaftsstrategie zu überdenken. Als Umwelthauptsstadt Europas und vielen Ansatzpunkten für eine nachhaltige Metropole würde es Hamburg gut anstehen, wenn es seine Wissenschaftspotenziale noch stärker für eine entsprechende Positionierung nutzt. Es ist daher zu hoffen, dass die Universität Hamburg ihr wegweisendes Nachhaltigkeitskonzept auch außerhalb der Exzellenzinitiative weiter vorantreibt.

Nordrhein-Westfalen als größtes Bundesland hat die herausragende Chance, das Zusammenspiel von exzellenter Grundlagenforschung und nachhaltigkeitsorientierter Anwendungsforschung vorzuleben. Neben der RWTH-Aachen sind jetzt mit den Universitäten Köln und Bochum zwei weitere Eliteuniversitätskandidaten im Rennen. Schon heute klappt der Brückenschlag zwischen Grundlagenforschung und problemorientierter Anwendungsforschung in NRW in wichtigen Feldern wie der Energie- und Klimaforschung. Dies ließe sich intensivieren. Die Universitätsallianz Metropole Ruhr (UAMR) könnte dafür ein Versuchsort mit Vorbildcharakter sein. Hier treffen sich der „Elitekandidat“ Bochum mit den herausragenden inter- und transdisziplinären Potenzialen der Universitäten Duisburg-Essen und Dortmund (vgl. z.B. BMBF Spitzencluster „Effiziencluster LogistikRuhr“ oder Profilschwerpunkte wie den Urbanen Systemen in Duisburg-Essen), ergänzt um Leuchtturminstitutionen wie dem Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen, das mit seinen Arbeiten zur Klimakultur zentrale Akzente in der Umwelt- und Klimadebatte gesetzt hat. Und dies passiert in einem Umfeld mit idealtypischen „Realexperimentcharakter“ – wie z.B. der Innovation City Ruhr, bei der exemplarisch am Beispiel Bottrops eine CO2-Reduktion um 50% in 10 Jahren umgesetzt und als Muster zusammen mit vielen weiteren Ruhrgebietsstädten entwickelt werden soll.

Es ist zu hoffen, dass die Standorte, die seit Freitag wissen, dass sie Ihre Zukunftsplanung künftig befreit vom Blick auf die Schlange „Exzellenzinitiative“ gestalten können, diese Chance für intelligente Differenzierungsstrategien nutzen.

Zukunftskonzept der Nachhaltigen Universität Hamburg leider nicht zur endgültigen Antragstellung in der Exzellenzinitiative aufgefordert

Die Universität Hamburg hatte in ihrer Antragsskizze für die 3. Linie der Exzellenzinitiative als erste große deutsche Universität konsequent auf das Konzept einer Nachhaltigen Universität gesetzt. Leider ist die Skizze in der heutigen Auswahlrunde von Wissenschaftsrat und DFG nicht zur endgültigen Antragsstellung aufgefordert worden. Obwohl das Konzept selber von den Gutachtern für visionär gehalten wurde, führte insbesondere Skepsis bzgl. des Entwicklung des Wissenschaftsstandortes Hamburg insgesamt dem Vernehmen nach zur Ablehnung (vgl. hierzu auch die Pressemeldung der Universität Hamburg sowie die Meldung des Nachhaltigkeitsrates). Es ist zu hoffen, dass die Universität Hamburg sich von dieser Entscheidung nicht entmutigen lässt und die Umsetzung des wegweisenden Konzeptes auch unter den anderen Randbedingungen weiter vorantreibt.

Stiftungsprofessur für „Nachhaltige Entwicklung“ an der Universität des Saarlandes gestartet

Seit dem 01.10.2010 ist die Stiftungsprofessur für Nachhaltige Entwicklung an der Universität des Saarlandes gestartet.Der Lehrstuhl wurde bereits im vergangenen Jahr von der Saar-Uni und der Europäische Akademie Otzenhausen gemeinsam mit der Bildungsinitiative „Mut zur Nachhaltigkeit“ eingerichtet und wird von der Asko-Europa-Stiftung gefördert. Lehrstuhlinhaber ist Prof. Dr. Olaf Kühne. Der Lehrstuhl soll Angebote zur Nachhaltigen Entwicklung in alle Fachbereiche der Universität Saarbrücken einbringen – eine hoch interessante Initiative, über deren Fortgang auf dem Blog weiter berichtet wird. Weitere Informationen finden Sie unter: http://bit.ly/92OICb

Fraunhofer-Gesellschaft startet umfassende Nachhaltigkeitsinitiative

Der Vorstand der Fraunhofer Gesellschaft hat ein internes Projekt mit über 1,1 Mio € zur Implementierung eines Nachhaltigkeitskonzeptes in der Fraunhofer-Gesellschaft bewilligt. Das Konzept baut auf den Aktivitäten des im Dezember 2009 offiziell gegründeten „Fraunhofer Netzwerkes Nachhaltigkeit“, dem insgesamt 18 Fraunhofer-Institute angeschlossen sind, auf. Das jetzt vom Vorstand bewilligte interne Projekt „Strategie Nachhaltigkeit“ startet im November 2010 und läuft bis zum Oktober 2011. Seine Ziele sind:
o die Fraunhofer-Gesellschaft an den Zielen einer »Nachhaltigen Entwicklung« zu orientieren,
o die Fraunhofer-Gesellschaft durch konkrete Handlungsstrategien und daraus resultierende Innovationsprozesse zu stärken,
o die Fraunhofer-Gesellschaft als Dienstleisterin für Nachhaltigkeitsstrategien von Industrie, Politik und Gesellschaft zu positionieren sowie
o Zukunftsthemen -auch mit Blick auf Entwicklungs- und Schwellenländer- für die Fraunhofer Gesellschaft zu identifizieren, die neue Beiträge zu einer »Nachhaltigen Entwicklung« liefern.

Das Projekt teilt sich in drei Teilprojekte „Leitbild und Strategie“ (Koordination Fraunhofer IGB/Stuttgart ; Prof. Dr. Thomas Hirth, Dr. Johanna Leissner), „Nachhaltige Forschungs- und Geschäftsprozesse“ (Fraunhofer UMSICHT/Oberhausen, Jürgen Bertling, Markus Hiebel) und „Forschung für Nachhaltigkeit“ (Fraunhofer ISI/Karlsruhe, PD Dr. Rainer Walz).

Weitere Informationen zur Initative und zum Netzwerk gibt es hier oder bei: Johanna.leissner@zv.fraunhofer.de

Damit positioniert sich die erste der großen nationalen Wissenschaftsgemeinschaften prominent im Themenfeld Nachhaltigkeit – ein weiterer wichtiger Impuls zur Entwicklung der Wissenschaftslandschaft in Deutschland.

GAIA-Beitrag „Ein institutionelles Reformprogramm zur Förderung transdisziplinärer Nachhaltigkeitsforschung“

In der aktuellen GAIA 2/2010 findet sich der Beitrag „Ein institutionelles Reformprogramm zur Förderung transdisziplinärer Nachhaltigkeitsforschung“. Er gibt einen systematischen Überblick über Gestaltungsempfehlungen für eine Nachhaltige Wissenschaft im deutschen Wissenschaftssystem.

Europäischer Think Tank Bruegel fordert mehr Investitionen für Nachhaltigkeitsforschung

In einem Research-Paper des Brüsseler Think Tanks Bruegel fordern die Harvard-Forscher Philippe Aigon und David Hemous sowie die Professorin an der KULeuven Reinhilde Veugelers einen erheblichen Ausbau der nachhaltigkeits-orientierten Forschungs- und Entwicklungsausgaben. Sie stellen fest: „Public R&D spending for the environment and energy efficiency constitutes a very minor share of total public R&D spending.“ Insbesondere argumentieren Sie in dem Beitrag gegen die Annahme, alleine hohe CO2-Preise würden die nötigen Innovationen befördern: „Current approaches to green growth are oversimplified, and largely disregard the innovation factor.“ Das Papier ist damit auch ein interessanter Beitrag zu der von Hans Werner Sinn angestossenen Debatte über das „Grüne Paradoxon“ – auch wenn das Papier letztlich einem sehr technologischem Innovationsverständnis verhaftet bleibt. Download auf der Homepage von Bruegel.

Autonomie als Pluralität der Abhängigkeiten

Die Forderung nach einer „Nachhaltigen Wissenschaft“, d.h. nach Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen, die sich den vielfältigen gesellschaftlichen Problemlagen verschreiben, ist immer wieder mit einem Vorwurf konfrontiert: Eine Universität, die sich in den Dienst gesellschaftlicher Anliegen stellt, gäbe die Idee der wissenschaftlichen Autonomie letztlich auf. Sie instrumentalisiere Wissenschaft, mache sie zum verlängerten Arm anderer gesellschaftlicher Anliegen.

In seinem Aufsatz „Autonomie der Universitäten in Europa und Nordamerika: Historische und Systematische Überlegungen“ (in Kaube, Jürgen (Hrsg.): Die Illusion der Exzellenz. Wagenbach 2009, S. 38-49) entwickelt Rudolf Stichweh einen in diesem Zusammenhang bemerkenswerten Gedankengang. Er macht deutlich, dass angesichts der strukturell nicht überwindbaren Abhängigkeit der Universität von Staat und Wirtschaft, die Autonomie der Hochschule letztlich nur in der „Pluralisierung (ihrer) Abhängigkeiten“ (S. 44) bestehen kann: „Die Maxime der erfolgreichen Universität wird deshalb immer sein: Steigere die Zahl und die Diversität der Abhängigkeiten, in denen die Institution steht.“ (S. 45).

In diesem Sinne verstanden ist die Forderung nach „Nachhaltiger Wissenschaft“ ein Plädoyer für genau eine solche Pluralisierung: Es gilt Wissenschaft auf die vielfältigen Anliegen und Anspruchsgruppen hin auszurichten, die mit der Herausforderung einer Nachhaltigen Entwicklung verbunden sind. Gerade angesichts der heute sehr geringen Diversität der Abhängigkeiten deutscher Universitäten ist das Programm einer Nachhaltigen Wissenschaft geradezu ein Königsweg zu mehr Autonomie!

Die Leitbilddebatte gewinnt an Schwung!

„Die Uni brennt!“ – ist das Leitmotiv der aktuellen fast flächendeckenden Studierendenproteste in Deutschland. Der Blick auf die Protestaktionen zeigt, dass es ein produktives Feuer ist, das da brennt. Dies erklärt auch, warum sich die meisten Hochschulleitungen und große Teile der Hochschulpolitik hinter die protestierenden Studierenden stellen.

Es scheint ein Knoten zu platzen. Endlich mischen sich die am unmittelbarsten von der Hochschulpolitik und den Hochschulstrategien Betroffenen in großer Zahl in die Diskussion um die zukünftige Ausrichtung ihrer Hochschulen ein. Die Forderungen der Studierenden sind konkret und differenziert: Sie zielen auf 1. die freiere Gestaltung des Studiums, 2. die Demokratisierung der Hochschulen, 3. den freien Zugang zu Bildung und 4. die Ausfinanzierung der Hochschulen (vgl. exemplarisch die Forderungen der Studierenden an der TU Berlin).

Seit einiger Zeit beteiligen sich auch andere Organisationen an der Leitbilddiskusion. So haben die Gewerkschaften unter Leitung der Hans-Böckler-Stiftung einen umfassenden Leitbild-Prozeß gestartet, in dem die Perspektiven einer „demokratischen Hochschule“ sondiert werden (vgl. das Interview mit Projektleiter Dr. Manfred Wannöffel in der der DUZ 11/2009 bzw. unter http://www.boeckler.de/455_91456.html). Es ist zu hoffen, dass ähnliche Prozesse von Kirchen, Umweltverbänden und weiteren gesellschaftlichen Gruppen folgen.

Die Diskussionen bereichern die häufig zu Recht bemängelte Leitbild-Einfalt der letzten Jahre, die einseitig auf die stärkere Professionalisierung, die Managementorientierung und die Forschungsexzellenz der Hochschulen zielte.

Genau solche engagiert und differenziert geführten Debatten sind der Institution Hochschule würdig. Das am Ende stehende Ergebnis wird hoffentlich ein buntes sein. Deutschland ist zu wünschen, dass in Zukunft erfolgreiche private Hochschulen neben solchen stehen, die die Idee einer demokratischen Hochschule auf ganz neue Weise umsetzen, dass Bundesländer mit differenzierten Studiengebührenmodellen neben solchen existieren, die bewusst auf Studienbeiträge verzichten, dass Studiengänge mit streng umgesetzter Modularisierung neben solchen angeboten werden, in denen wieder ein sehr viel freieres Studium möglich wird.

Für die Umsetzung des Leitbildes einer „Nachhaltigen Hochschule“ eröffnet die aktuelle Umbruchssituation vielfältige Chancen. Denn der Charme der Diskussion über „Nachhaltigkeit“ ist, dass sie einerseits eine breite Beteiligung und ständige kritische Reflexion benötigt. Auf der anderen Seite eröffnen die Herausforderungen wie der Klimawandel vielfältige persönliche und berufliche Perspektiven in Politik, Unternehmen, im Bildungssystem sowie in Nichtregierungsorganisationen. Deswegen wäre es nicht verwunderlich, wenn wir in zehn Jahren sowohl „Nachhaltige“ öffentliche Hochschulen mit umfassender demokratischer Partizipation neben ersten privaten Hochschulen haben, die sich der Herausforderung annehmen und ihre inter- und transdisziplinäre Ausbildung für die gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vollständig im „Bildungsmarkt“ refinanzieren.

Deswegen gilt es die Debatten in den brennenden Hochschulen jetzt mit Elan und Offenheit zu führen.

Nachhaltigkeitsinitiative an der FH Jena

Die Zahl der Fachhochschulen, die sich aktuell im Feld der Nachhaltigkeit positionieren, nimmt zu. So hat die Fachhochschule Jena jetzt eine „Engineering Research School for Sustainability“ initiiert, in der 26 Professuren zusammengefasst sind. Diese ergänzt weitere Nachhaltigkeits-bezogene Aktivitäten an der Fachhochschule, wie z.B. Ringvorlesungen oder einen „Tag der Nachhaltigkeit“, an dem Studierende über die entsprechenden Lehrangebote der Fachhochschule informiert worden.

Weitere Informationen unter: http://www.fh-jena.de/index.php/page/231/5665

Transdisziplinäre Forschung – Quo vadis?

Für eine nachhaltige Wissenschaft spielt der Ansatz der „Transdisziplinarität“ eine zentrale methodische Rolle. Transdisziplinäre Forschung nimmt ihren Ausgangspunkt von gesellschaftlichen Problemen, bearbeitet sie disziplinenübergreifend und bezieht betroffene Akteure ein. Ergebnis ist ein „sozial robustes Wissen“ über Ziele, Systemzusammenhänge und insbesondere Transformationsprozesse. Im Kontext einer nachhaltigen Entwicklung sind solche gesellschaftlichen Transformations-herausforderungen von zentraler Bedeutung. Vom Umbau des Energiesystems über neue Mobilitätsstrukturen bis zur Neugestaltung urbaner Räume reichen die Gegenstände der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung.

Trotz der Bedeutung transdisziplinärer Forschung steht sie im Wissenschaftssystem erst am Anfang:

  • Es fehlen noch etablierte Qualitätskriterien und -sicherungsmechanismen für transdisziplinäre Forschung.
  • In den bestehenden disziplinären Scientific Communities gibt es wenig Anerkennung für transdisziplinäre Forschung.
  • Bei DFG-Begutachtungen -sowohl für Einzelanträge als auch für Forschergruppen, Graduiertenkollegs und Sonderforschungsbereiche fallen transdisziplinäre Anträge daher häufig durch die (diszplinären) Raster.
  • Bei den Ergebnissen der Exzellenzinitiative sah es ähnlich aus.
    Referierte Journals mit einer explizit transdisziplinären Ausrichtung existieren erst in geringer Zahl.

Im Schwerpunktthema des Monats Oktobers stehen daher Beiträge zur Zukunft der transdisziplinären Forschung in Deutschland im Zentrum des Weblogs. U.a. folgende Fragen sollen diskutiert werden:

1. Was sind „Best Practices“ transdisziplinärer Forschung in Deutschland? Wo haben wir Projekte, die die Ideen einer transdisziplinären Forschung in idealtypischer Weise umgesetzt haben und als Vorbild für andere dienen können?

2. Aktuell gibt es viele Forschungsförderinitiativen, die einen umfassenden Transformationsanspruch haben. Dazu gehören z.B. das Klimzug-Programm des BMBF (zur Entwicklung regionaler Klimaanpassungsstrategien), die Großprojekte zum Ausbau der Elektromobilität in Deutschland oder die neu entstehenden Knowledge Innovation Clusters (KICs) auf EU-Ebene. Trotz ihres inhärent transdisziplinären Charakters spielen transdisziplinäre Methoden in diesen Verbünden bisher keine wirkliche Rolle. Was kann getan werden, um diese Großforschungsverbünde zu Orten auch aktiver transdisziplinärer Methodenentwicklung und -anwendung zu machen?

3. Was sind die aktuell besten Orte und Umfelder für eine transdisziplinäre Forschung in Deutschland? An welchen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Forschungemeinschaften wird transdisziplinäre Forschung heute schon praktiziert und aktiv gefördert?

4. Wie messe und bewerte ich hochwertige transdiszipinäre Forschungsarbeit? Wo steht die Kriteriendebatte und Qualtitätssicherung? An welchen Publikationen und Beispielen läßt sich die Einhaltung entsprechender Kriterien besonders gut beobachten und erlernen?

Hinter jeder dieser Fragen steht ein kurzer Einleitungsbeitrag (Klicken Sie auf die rot hinterlegte Schrift). Sie sind herzlich eingeladen, diese Beiträge zu kommentieren und zu ergänzen. Auf diese Weise soll ein virtueller Kompass zur transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung in Deutschland unterstützt werden.

Bewertung hochwertiger transdisziplinärer Forschungsarbeit

Wie messe und bewerte ich hochwertige transdiszipinäre Forschungsarbeit? Wo steht die Kriteriendebatte und Qualtitätssicherung? An welchen Publikationen und Beispielen läßt sich die Einhaltung entsprechender Kriterien besonders gut beobachten und erlernen?

Nennen Sie uns unter „Kommentar schreiben“ Beispiele und Publikationen, die für Sie im Hinblick auf die Kriterien von transdisziplinärer Forschung von zentraler Bedeutung sind!

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Aktuell beste Orte und Umfelder für eine transdisziplinäre Forschung

Was sind die aktuell besten Orte und Umfelder für eine transdisziplinäre Forschung in Deutschland? An welchen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Forschungsgemeinschaften wird transdisziplinäre Forschung heute schon praktiziert und aktiv gefördert?

Nennen Sie unter „Kommentar schreiben“ Beispiele oder stellen Sie die Ansätze aus Ihrer eigenen Institution vor.

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Bestehende Grossforschungsvorhaben transdisziplinärer machen

Aktuell gibt es viele Forschungsförderinitiativen, die einen umfassenden Transformationsanspruch haben. Dazu gehören z.B. das Klimzug-Programm des BMBF (zur Entwicklung regionaler Klimaanpassungsstrategien), die Großprojekte zum Ausbau der Elektromobilität in Deutschland oder die neu entstehenden Knowledge Innovation Clusters (KICs) auf EU-Ebene. Trotz ihres inhärent transdisziplinären Charakters spielen transdisziplinäre Methoden in diesen Verbünden bisher keine wirkliche Rolle. Was kann getan werden, um diese Großforschungsverbünde zu Orten auch aktiver transdisziplinärer Methodenentwicklung und -anwendung zu machen? Wir freuen uns auf Kommentare zu unserer Einschätzung und Vorschlägen zu einer Verknüpfung dieser Großvorhaben mit Ansätzen transdisziplinärer Forschung.

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Best Practices transdisziplinärer Forschung in Deutschland

Was sind die besten Beispiele und Projekte transdisziplinärer Forschung in Deutschland? Auch wenn inzwischen eine Reihe von Fallbeispielen transdisziplinärer Forschung dokumentiert und analysiert sind, gibt es bisher wenig Austausch über beispielgebende Projekte. Geben Sie unter „Kommentare schreiben“ einen Hinweis auf ein aus ihrer Sicht vorbildliches, interessantes oder lehrreiches transdisziplinäres Projekt, von dem andere lernen können!

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Positionen der Parteien zu BNE

Das bne-portal, die offizielle deutsche BNE-Institution im Web, hat CDU/CSU, SPD, FDP, die Grünen und die Linke um ihre Positionen für eine „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ (BNE) gebeten. Insbesondere ging es um den Stellenwert der „UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung“ in den Wahlprogrammen der im Bundestag vertretenen Parteien. Die Antworten bleiben etwas abstrakt. Es wird deutlich, dass noch einiges an Vermittlungsarbeit geleistet werden muss, um die Bedeutung von BNE für das deutsche Bildungssystem griffig zu transportieren. Insbesondere der Hochschulbereich kommt kaum vor. Aber erfreulich ist, dass sich alle Parteien klar zu BNE bekennen.

Die Positionen finden sich unter: http://www.bne-portal.de/coremedia/generator/unesco/de/03__Aktuelles/12__Bundestagswahl/Bundestagswahl_202009.htm

CHE-Tagung „Corporate Governance – (k)ein Thema für Hochschulen?“

Am 16./17.11.09 führt das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) zusammen mit dem Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen eine Tagung zum Thema „Hochschul-Governance“ durch. In der Tagung geht es um die Frage, wie koordinierte Steuerungsmöglichkeiten für Hochschulen aussehen können, um zu gewährleisten, „dass möglichst positive und nachhaltige Wirkungen in die Gesellschaft erzielt werden“. Die Tagung erweitert damit den Blick auf die Steuerung von Hochschulen in interessanter Weise. Auch für die Frage, wie eigentlich die Governance einer „Nachhaltigen Hochschule“ aussehen kann, lassen sich aus der Tagung vermutlich interessante Anregungen ziehen. Ein interessanter Referent(inn)en-Kreis verspricht spannende Impulse. Weitere Informationen zur Veranstaltung unter http://www.che-concept.de/cms/?getObject=250&getLang=de&strAction=programm&PK_Veranstaltungen=208.

Diskussionspapier „Die Universität zukunftsfähig gestalten“ von Rolf Kreibich

Rolf Kreibich, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin hat ein pointiertes Diskussionspapier „Die Universität zukunftsfähig gestalten“ vorgelegt. Rolf Kreibich ist Mitglied der „Gruppe 2004“ und Mit-Autor des Memorandums „Die Hochschule neu denken“ aus dem Jahr 2004. Mit seinem Diskussionsbeitrag entwickelt er einige der Ideen des Memorandums provokant weiter. Insbesondere seine Ideen zur (Re-) Demokratisierung der Hochschulen, um gesellschaftlichen Herausforderungen besser gerecht zu werden, sind lesens- und diskussionswert.

Weissbuch „Zukunft Bildung Schweiz“ der schweizerischen Akademien der Wissenschaften

Die schweizerischen Akademien der Wissenschaften haben gerade das Weissbuch „Zukunft Bildung Schweiz“ vorgelegt und entwickeln darin eine Vision 2030 für das schweizerische Bildungssystem und eine Roadmap zur Erreichung dieser Vision (Download des Weissbuches). Eindrucksvoll ist neben dem integrierten Charakter des Ansatzes, der alle Bildungsstufen von der Vorschule bis zur Hochschule umfasst, die Tatsache, dass auch das Leitbild „Nachhaltigkeit“ sowohl bei den Randbedingungen (S. 8/9) als auch beim Szenario 2030 (S. 17/18) eine wichtige Rolle spielt. Die Entwicklung eines solchen Weissbuches für Deutschland wäre eine interessante Herausforderung – stellt sich die Frage, wer angesichts der föderalen Zuständigkeit Autor eines solchen Denkanstosses sein könnte/sein sollte.

Schwerpunktthemen der Weblog-Diskussion

Hier findet sich eine Übersicht über die Schwerpunktthemen der Weblog-Diskussion „Nachhaltige Wissenschaft“ mit dem jeweiligen Datum ihrer Einstellung auf dem Weblog.

Zeitraum Thema Besonders angesprochene Adressaten
26.08.09 – 13.09.09 Kommentare zum Weblog, mögliche Funktionen, allgemeine Anregungen, Diskussion über die Reformvorschläge des Buches „Nachhaltige Wissenschaft“ Alle Empfänger der Erstankündigung
14.09.09 – 30.09.09 Nachhaltige Wissenschaft – ein Ländervergleich Hochschul- und hochschulpolitische Akteure unterschiedlicher Bundesländer
01.10.09 – 24.10.09 Transdisziplinäre Forschung – Quo vadis? Transdisziplinaritäts-Forscher
25.10.09-20.11.09 Nachhaltige Wissenschaftspolitik nach der Wahl (Perspektiven für die neue Bundesregierung) Vertreter Wissenschaftspolitik, insb. der Regierungsfraktionen
21.11.09 – 09.12.09 Leitbilder der hochschulpolitischen Debatte Vertreter der Studierenden, Kirchen, Umweltverbände, Gewerkschaften
10.12.09 – 13.01.10 Studentisches Engagement und Nachhaltige Lehre Vertreterinnen der nachhaltigen Studierenden-Organisationen
14.01.10 – 15.02.10 Nachhaltigkeit in den nationalen Wissenschaftsgemeinschaften (Helmholtz, Leibniz, Fraunhofer, Max-Planck) Vertreter Wissenschafts-gemeinschaften + Wissenschaftspolitik allgemein

 

Interessante Links zum Themenfeld Nachhaltige Wissenschaft

Bitte unter „Kommentar“ Verweise auf weitere interessante Quellen und Studien vermerken!

Internetplattformen

Das im August 2009 von mehreren Bonner (Wissenschafts-)Institutionen gestartete Bonn Sustainability Portal finden Sie hier.

International vergleichende Studien zu Nachhaltigkeit im Hochschulbereich:

  • Schröter, M. (2008): Setting a good example – good practice of sustainable development in institutions of higher education. Marladelen University Sweden. School of Sustainable Development of Society and Technology. På hållbar väg 2008:3, April 2008. (Studie zum Nachhaltigkeitsstand von 49 Universitäten in Deutschland und England)


Beiträge zu Hochschulleitbildern anderer gesellschaftlicher Gruppen sowie von Parteien:

  • Böckler-Stiftung (2009): Leitbild demokratische und soziale Hochschule. Düsseldorf 2009.
  • Positionspapier „Beitrag der Hochschul- und Forschungspolitik zu einer nachhaltigen Entwicklung – Positionspapier“ der Bundesarbeitsgemeinschaft WHT (Wissenschaft – Hochschule – Technologiepolitik)der Grünen vom April 2009.
  • Deutschlandprogramm der FDP zur Bundestagswahl 2009 (mit besonderer Betonung einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) – S. 43)
  • Aufruf „Fortschritt durch Wissenschaft“ der SPD im Bundestagswahlkampf 2009.

Veranstaltung „Neue Leitbilder für die Hochschule“ am 27.10.2009 in Berlin

Neue Leitbilder für die Hochschule
Nachhaltigkeit als Chance für die deutsche Wissenschaft?

Dienstag, 27.10.2009, 19-21:30 Uhr
Beletage der Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstr. 8 in Berlin-Mitte
Eintritt frei.

Spätestens die Exzellenzinitiative hat Schluss gemacht mit der Vorstellung, dass alle Hochschulen in Deutschland gleich sein sollen und das Gleiche tun müssen. Doch wie können sich Hochschulen profilieren? Die Orientierung an disziplinärer Forschungsexzellenz alleine wird dazu nicht ausreichen. Gefragt sind neue und alternative Leitbilder. Jenseits der Idee von „Lehruniversitäten“ und der „unternehmerischen Hochschule“ finden sich bisher nur wenige ausgearbeitete Vorschläge.

Können thematische Ausrichtungen ganzer Hochschulen ein Weg zur Differenzierung des Wissenschaftssystems sein? Gerade „Nachhaltigkeit“ eröffnet interessante Perspektiven – sowohl inhaltlich angesichts der gesellschaftlichen Bedeutung der Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung als auch methodisch – durch den transdisziplinären Charakter von Nachhaltigkeitsforschung und -lehre.

• Welche Leitbilder für Hochschulen sind jenseits der disziplinären Exzellenz denkbar?
• Ist „Nachhaltigkeit“ eine echte Profilierungschance für ganze Hochschulen?
• Wo liegen die Grenzen themenorientierter Profilierungsstrategien für Hochschulen?
• Braucht die Politik mehr Mut im Bekenntnis zu Wissenschaftsleitbildern jenseits der aktuellen Exzellenzrhetorik?

Begrüßung:
Stephan Ertner, Referent Bildung und Wissenschaft, Heinrich-Böll-Stiftung

Input:
Prof. Dr. Uwe Schneidewind stellt zentrale Ergebnisse seiner gerade erschienenen Studie „Nachhaltige Wissenschaft“ vor.

Podiumsgespräch mit:
Krista Sager, MdB, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
Prof. Dr. Thomas Jahn, Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), Frankfurt
Dr. Thorsten Wilhelmy, Wissenschaftsrat
Prof. Dr. Sascha Spoun, Präsident der Leuphana Universität Lüneburg

Moderation:
Thomas Korbun, Geschäftsführer Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW)

Informationen: David Handwerker, T 030.285 34-236, handwerker@boell.de oder hier.

Eine Kooperation mit VÖW – Vereinigung für ökologische Wirtschaftsforschung e.V.