Krisen öffnen Augen ? ein Blick auf den wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs in Indien: Perspektiven für eine nachhaltige Entwicklung in der Wissenschaft?

Die Länder der sog. Dritten Welt sind in besonderem Maße von den negativen Auswirkungen verantwortungsloser, wirtschaftlicher Verwertungslogik betroffen, die sich verstärkt auch im Bildungssektor bemerkbar macht. Zwar ist nicht abzustreiten, dass auch die hiesige Wissenschaft kritische Stimmen und Theorien zulässt und teils auch fördert, der Grundtenor von Effizienz und Verwertbarkeit ist jedoch nicht zu überhören.
Kaum verwunderlich dürfte daher sein, dass Länder, in denen dieses System die existenziellen Grenzen von Menschen antastet, der Diskurs über alternative, normative Prämissen umso stärker ausgeprägt ist.

Südamerika und Indien stellen hier wohl die prominentesten Vertreter dar, aber auch islamische Länder weisen ein grundsätzlich anderes Verständnis von Wissenschaft auf, wenn auch mit anderer Motivation. Vergessen sei an dieser Stelle aber nicht, dass auch in diesen Ländern viele Universitäten sich dem globalen, technologischen Innovationswettbewerb verschrieben haben.

Eine diskursive Trias von Sozialismus, islamischer Ökonomie und Neoliberalismus lässt sich gut in den verschiedenen Ausrichtungen der Wirtschaftswissenschaften in Indien beobachten. Einige Universitäten, insbesondere im Bundesstaat Kerala, aber bspw. auch die Jawaharlal University in Neu Delhi verfolgen eine stark sozialistisch geprägte Linie, Tendenzen zur islamischen Ökonomie finden sich besonders im Norden in Staaten mit einem hohen Anteil der muslimischen Bevölkerung. Das neoklassische Dogma der perfekten Berechenbarkeit findet insbesondere in den großen, international renommierten Universitäten seinen Platz. Und je nach dem welche normative Zielsetzung man zugrunde legt und die hierzu entsprechenden Zahlen benutzt, findet jede dieser Denkschulen ihre Legitimation.
Unter Berücksichtigung sozialer Kriterien wie Kindersterblichkeit, Lebenserwartung oder Bildungsgrad kann die sozialistisch orientierte Politik Keralas im landesweiten Vergleich eine sehr gute Bilanz ziehen. Die Neoklassiker sehen ihre Bestätigung in den hohen Wachstumsraten des BIP. Islamische Ökonomen berufen sich auf die Stabilität islamischer Finanzinstitutionen in der Finanzkrise.
Amartya Sen, der 1998 für seine Arbeiten zu Wohlfahrtsökonomie und seine Theorien zu wirtschaftlichen Entwicklung und zu Lebensstandard den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, mag wohl das bekannteste Beispiel dafür sein, wie wichtig ein Blick über die starren, disziplinären Grenzen einer Wissenschaft sein kann. Er studierte Wirtschaft und Philosophie und konnte die sozialen Realitäten in Indien bzw. Bangladesch hautnah miterleben. Dies alles mag seinen Beitrag dazu geleistet haben, dass er ein erweitertes Verständnis von Wirtschaft entwickelte, das eine tiefergehende Dimension als das Messen monetärer Werte umfasst. Maßgeblich wirkte er beispielsweise auch an der Erarbeitung des Human Development Index mit.

Im Hinblick auf die ?Nachhaltigkeit? in der Wissenschaft ist spannend, mit welcher Offenheit die Diskussion über diese Denkrichtungen und deren zugrunde liegenden normativen Prämissen geführt wird, da keine der ökonomischen Schulen in einem Monopolanspruch überzeugend ist.
In Ländern wie Indien stoßen die perfekt konstruierten, modellhaften Systeme unübersehbar an ihre Grenzen. Die islamische Ökonomie ist vielleicht sogar die nachhaltigste, da sie ihre Prämissen ständig neu von einer islamischen Rechtsinstanz bewerten lässt. Allgemeine Gültigkeit wird dies für den weit größeren Hindu-Anteil in der Bevölkerung jedoch kaum suggerieren. In Kerala geht es den Menschen zwar gut, aber nur so lange der Strom der Gelder gut gebildeter, keralischer Gastarbeiter in den Golfstaaten ins Land strömt. Global ?wettbewerbstauglich? sind die Keraler mit ihren starken Gewerkschaften nämlich kaum. Verfechter des freien Marktes sehen sich rekordverdächtigen Selbstmordstatistiken verarmter Bauern, einem verkümmernden Agrarsektor im Angesicht schwankender Weltmarktpreise und gesunkenen Reallöhnen gegenüber. Klima- und Ressourcenproblematik kommen hinzu. Derartige Bedingungen fördern auf natürliche Weise den Diskurs.

Krisen, wie die Finanz- und die androhende Klimakrise, sollten auch bei uns dazu beitragen, den Diskurs über normative Grundkonzeptionen von Wissenschaft neu zu eröffnen und nie wieder zu schließen. Aber wahrscheinlich ist das ein nur zu menschliches Phänomen: solange es gut läuft, hat die Wissenschaft recht und Kritiker werden müde belächelt.
Hier liegt die große Herausforderung einer wirklich nachhaltigen Wissenschaft: Stete Entwicklung durch immer wiederkehrenden kritische Reflexion des eigenen Tuns.
Ein Argument für mehr Ethik in den Wissenschaften!

Europäische „Innovationsunion“ konzentriert sich insbesondere auf Innovationsherausforderungen im Umwelt- und Nachhaltigkeitsbereich

Anfang Oktober hat die Europäische Kommission ihren Vorschlag einer „Innovationsunion“ als einen Baustein zur Umsetzung der Europa 2020-Strategie (in der ein „smart, sustainable and inclusive growth“ als Politikziel eine zentrale Rolle spielt) vorgelegt. Die Innovationsunion folgt der schon mit der Lissabon-Strategie eingeschlagenen Richtung, die künftige Forschungspolitik so auszurichten, dass aus der Forschung schneller marktfähige Produkte und Dienstleistungen und werden und so zur Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Europa beitragen. Interessant dabei ist jedoch, dass im Rahmen dieser Strategie ökologische Herausforderungen wie Klima, Energie, Wasser, Ressourcenknappheit, nachhaltige Landwirtschaft und intelligente Städte im Zentrum stehen (vgl. die Ankündigung der Kommission vom Oktober 2010). Es lohnt sich daher zu verfolgen, ob die Instrumente der Innovationsunion im ab 2013 anstehenden 8. Forschungsrahmenprogramm Ansätze für eine durchaus transdisziplinäre Nachhaltigkeitswissenschaft bieten.

Hochschulen Europas werden gemeinsam für nachhaltige Entwicklung aktiv: Die COPERNICUS Alliance

Die neu gegründete COPERNICUS Alliance vereint europäische Hochschulen in einem Netzwerk um gemeinsam Aktivitäten für nachhaltige Entwicklung zu setzen. Seit dem Startschuss im Rahmen des Kick-Off-Workshops im Juli in Graz ist das Netzwerk auf aktuell 15 Mitgliederinstitutionen aus 7 Nationen angewachsen.
Grundlegend für die Entstehung der COPERNICUS Alliance war die COPERNICUS Charta, die bereits 1993 von der Europäischen Hochschulrektorenkonferenz entwickelt und bis 2005 von 326 Universitäten unterzeichnet wurde. Eine der ersten Aktivitäten der aktuellen Mitglieder ist eine Überarbeitung der Charta, die dem Wandel der Zeit Rechnung trägt und die Grundlage für die Ziele des Netzwerks bilden kann. Die Vision der COPERNICUS Alliance ist es, eine nachhaltige Entwicklung im Rahmen des europäischen Hochschulsektors zu fördern, indem Bildung und Forschung gemeinsam mit gesellschaftlichen Akteuren entsprechend weiterentwickelt werden.
Die COPERNICUS Alliance ist Ergebnis und Reaktion auf die stetig wachsende Bedeutung von Hochschulaktivitäten im Horizont nachhaltiger Entwicklung weltweit und stellt auf europäischer Ebene ein ähnliches Netzwerk dar, wie etwa AASHE (Association for the Advancement of Sustainability in Higher Education) in Nordamerika oder ProSPER.Net (Network for the Promotion of Sustainability in Postgraduate Education and Research) im Asien-Pazifik-Raum.
Die die nächsten Schritte des wachsenden Netzwerkes zielen auf Aktivitäten innerhalb der bestehenden Arbeitsgruppen zu Themen wie „Innovative Teaching & Learning“, „Implementation of Sustainability in Universities“, „Students Involvement“, „Research“ sowie auf die Organisation von speziellen Veranstaltungen für COPERNICUS Alliance Mitglieder ab.

Nähere Informationen zum Netzwerk gibt es auf der Website www.copernicus-alliance.org

5. internationale Barcelona-Konferenz des „Global University Network on Innovation“ (GUNI) widmet sich dem Thema „Higher Education´s Commitment to Sustainability: from Understanding to Action“

Die 5. Barcelona-Konferenz des GUNI-Netzwerkes ist vom 23.-25.11.2010 dem Thema Nachhaltigkeit im Hochschulsektor gewidmet. Das GUNI-Netzwerk wurde 1999 von der UNESCO, der United Nations University (UNU) und der technischen Universität von Katalonien (UPC) im Jahr 1999 im Anschluss an die UNESCO-Weltkonferenz on „Higher Education“ im Jahr 1998 gegründet. Es setzt sich aus den weltweiten UNESCO-Lehrstühlen zusammen und umfasst 179 Institutionen aus 68 Ländern. Ziel des GUNI-Netzwerk ist es, die Rolle der Higher Education in der Gesellschaft zu stärken.

Die 5. Barcelona-Konferenz wird einen umfassenden Überblick über den Stand der Nachhhaltigkeitsorientierung im Hochschulsektor in allen Weltregionen geben und zukünftige Perspektiven aufzeigen.

ICSU/ISSC-Bericht: Grand Challenges in Global Sustainability Research: A Systems Approach to Research Priorities for the Decade

Der International Council for Science (ICSU) hat mit dem International Social Science Council (ISSC) einen umfassenden Visioning-Prozeß zur Ermittlung der zentralen Herausforderungen einer zukünftigen Nachhaltigkeitsforschung initiiert. Der Endbericht „Grand Challenges in Global Sustainability Research: A Systems Approach to Research Priorities for the Decade“ liegt seit Sommer vor und zeichnet einen Outline für die künftige Sustainability-Forschung.

Fünf zentrale Challenges werden dabei identifiziert:
Challenge 1: Forecasting
Challenge 2: Observations
Challenge 3: Thresholds
Challenge 4: Responses
Challenge 5: Innovation

Die Herausforderungen 4 und 5 widmen sich dabei den konkreten Übergangsprozessen zu nachhaltigen Gesellschaften.
Die ICSU und ISSC-Initiative bildet auch eine wichtige Rahmung für die künftige deutsche Nachhaltigkeitsforschung

COPERNICUS Alliance Workshop vom 02.-03.07.2010 in Graz

Vom 02.-03.07.2010 findet an der Universität Graz ein COPERNICUS Alliance-Workshop statt. Er soll die mit der COPERNICUS-Charta initiierte Idee europäischer Nachhaltigkeitshochschulen in einem Kreis engagierter Vorreiterhochschulen auf neue Beine stellen.

Zentrale Elemente des internationalen Workshops werden sein:
„- to inform about the aims, vision, opportunities and recent development of the COPERNICUS Alliance
– to work on an update of the COPERNICUS Charta to adopt it according to actual and future requirements of the European Higher Education area and
– to establish European working groups in various fields of Higher Education for Sustainable Development like for example: European higher education policy, student entrepreneurship, funding strategies etc.“

Das Programm des Workshops kann hier heruntergeladen werden.

Weitere Informationen sind erhältlich über die E-Mail-Adresse office@copernicus-alliance.org

Europäischer Think Tank Bruegel fordert mehr Investitionen für Nachhaltigkeitsforschung

In einem Research-Paper des Brüsseler Think Tanks Bruegel fordern die Harvard-Forscher Philippe Aigon und David Hemous sowie die Professorin an der KULeuven Reinhilde Veugelers einen erheblichen Ausbau der nachhaltigkeits-orientierten Forschungs- und Entwicklungsausgaben. Sie stellen fest: „Public R&D spending for the environment and energy efficiency constitutes a very minor share of total public R&D spending.“ Insbesondere argumentieren Sie in dem Beitrag gegen die Annahme, alleine hohe CO2-Preise würden die nötigen Innovationen befördern: „Current approaches to green growth are oversimplified, and largely disregard the innovation factor.“ Das Papier ist damit auch ein interessanter Beitrag zu der von Hans Werner Sinn angestossenen Debatte über das „Grüne Paradoxon“ – auch wenn das Papier letztlich einem sehr technologischem Innovationsverständnis verhaftet bleibt. Download auf der Homepage von Bruegel.

„European Sustainability Science Group“ (ESSG) – Motor für eine ambitionierte Nachhaltigkeitswissenschaft auf europäischer Ebene

Mit der „European Sustainability Science Group“ (www.essg.eu) hat sich dieses Jahr eine Initiative auf europäischer Ebene gegründet, die auf die stärkere Verbreitung und Verankerung einer transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung im europäischen Wissenschaftssystem zielt. Die Mitglieder der ESSG stammen aus führenden Nachhaltigkeits-Forschungseinrichtungen und -Universitäten u.a. aus den Niederlanden, der Schweiz, Schweden, England und Deutschland. Mit ihren Themen und Aktivitäten zielt die ESSG auf Veränderungen im europäischen Wissenschafts- und Fördersystem, die die Spielräume für eine transdisziplinäre Nachhaltigkeitswissenschafts erweitern.

Weissbuch „Zukunft Bildung Schweiz“ der schweizerischen Akademien der Wissenschaften

Die schweizerischen Akademien der Wissenschaften haben gerade das Weissbuch „Zukunft Bildung Schweiz“ vorgelegt und entwickeln darin eine Vision 2030 für das schweizerische Bildungssystem und eine Roadmap zur Erreichung dieser Vision (Download des Weissbuches). Eindrucksvoll ist neben dem integrierten Charakter des Ansatzes, der alle Bildungsstufen von der Vorschule bis zur Hochschule umfasst, die Tatsache, dass auch das Leitbild „Nachhaltigkeit“ sowohl bei den Randbedingungen (S. 8/9) als auch beim Szenario 2030 (S. 17/18) eine wichtige Rolle spielt. Die Entwicklung eines solchen Weissbuches für Deutschland wäre eine interessante Herausforderung – stellt sich die Frage, wer angesichts der föderalen Zuständigkeit Autor eines solchen Denkanstosses sein könnte/sein sollte.