Nachhaltige Wissenschaft messen? – Ansatzpunkte für eine Operationalisierung

Wie lässt sich der Stand einer Nachhaltigkeitswissenschaft im deutschen Wissenschaftssystem feststellen? Wie läßt sich beobachten, ob einzelne Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen Fortschritte auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeitsorientierung machen? Dies sind bisher weitgehend unbeantwortete Fragen, da die Darstellung nachhaltigkeitsbezogener Forschung und Lehre selbst in den Nachhaltigkeitsberichten der Pionierinstitutionen nur qualitativ und anekdotenhaft anhand einzelner Beispiele erfolgt.

Das hat mehrere Gründe:
o Die Unklarheit darüber, wie „Nachhaltige Forschung“ und „Nachhaltige Lehre“ überhaupt abgegrenzt werden können. Je unterschiedlicher die Abgrenzungen, desto schwieriger verbindliche Operationalisierungen.
o Das Fehlen von Berichtssystemen und Kennzahlen, die Forschung und Lehre aus der spezifischen Perspektive der Nachhaltigkeit wahrnehmen.
o Eine grundsätzliche Zurückhaltung, die Forderung nach einer qualitativ neuen Ausrichtung von Forschung und Lehre in quantitativen Dimensionen zu fassen

Im folgenden werden drei Thesen formuliert, die für eine Quantifizierung des Nachhaltigkeitsstandes in einzelnen Wissenschaftsinstitutionen sowie dem Wissenschaftssystem insgesamt plädieren:

1. Ohne Quantifizierung keine Fortschrittskontrolle. Auch Unternehmen sind in ihren Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichten mit anekdotenhaften Berichten über erfolgreiche Prozess- und Produktinnovationen gestartet und dafür zurecht kritisiert worden. Nur über die Definition von Indikatoren ist im Zeitablauf feststellbar, ob sich nachhaltige Forschungs und Lehransätze wirklich in wissenschaftlichen Einrichtungen ausbreiten. Die hochschulinterne Diskussion über konkrete Indikatoren hilft zudem, sich differenziert über das Nachhaltigkeitsverständnis der eigenen Institution zu verständigen.

2. Sowohl für den Bereich Forschung als auch für den Bereich Lehre sind solche Indikatoren zu definieren – sowohl absolute als auch relative Indikatoren. In der Forschung liegen dazu gute Vorschläge vor. Gerade die Festlegung solcher Indikatoren ist ein guter Weg, um sich über das Nachhaltigkeitsverständnis der eigenen Institution bewusst zu werden.

3. Die Erfassungs- und Controllingssysteme in den meisten Wissenschaftseinrichtungen sind auf die entsprechenden Indikatoren hin noch nicht ausgerichtet. Dieses ist jedoch mit relativ einfachen Anpassungen möglich.

In einem studentischen Projekt im Rahmen des Masterstudienganges „Sustainability Economics and Management“ an der Universität Oldenburg werden aktuell entsprechende Indikatoren für Nachhaltigkeits- Forschung und Lehre entwickelt und implementiert. Die dort gemachten Erfahrungen sollen anderen Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen Anregungen für eine Übertragung geben. Die dort entwickelten Indikatoren werden im Laufe des Februars auf dem Weblog vor- und zur Diskussion gestellt.

Der grüne Weg zu mehr Profil – Schwerpunktthema in der DUZ 1/2010

In ihrer Januarausgabe (1/2010) stellt die Deutsche Universitätszeitung (DUZ) unter dem Titel „Der grüne Weg zu mehr Profil“ die umweltorientierten Profilbildungsstrategien mittelgroßer Universitäten vor. Konkret werden die Universitäten Kassel, Lüneburg und Oldenburg porträtiert. Der Beitrag zeigt auf, warum im Umwelt- und Nachhaltigkeitsthema gerade für mittelgrosse Universitäten ein besonderes strategisches Potenzial steckt. Die Beiträge des Schwerpunktes zum Download als pdf finden Sie hier:

Greening the University – Nachhaltige Entwicklung der Universität Tübingen

Greening the University ist nicht nur programmatisches Ziel, sondern auch der Name einer Studierendeninitative an der Universität Tübingen, die mit einer „bottom-up“-Strategie daran arbeitet, die Universität zu einem Ort in nachhaltiger Entwicklung zu machen. Sie soll dabei sowohl als Lebens- und Arbeitsraum wie auch als Ort für Lehren, Lernen und Forschen wahrgenommen werden. Zum einen initiierte und begleitet die Initiative das universitäre Umweltmanagement und die Validierung nach EMAS. Zum anderen organisieren die Aktiven das „Studium Oecologicum“, ein Seminar- und Vorlesungsangebot für Bildung für nachhaltige Entwicklung. Für ihr Engagement wurde die Initiative als offizielles Projekt der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgezeichnet und informierte über ihr Vorgehen mit Vorträgen und Diskussionen bei Initiativen an anderen Hochschulen. Im Folgenden berichten die Studierenden über ihre Erfahrungen:

Greening the University – der Start
Gegründet im Herbst 2007 auf Initiative des damaligen AStA-Umweltreferenten widmeten wir uns zunächst der inhaltlichen Arbeit, die schließlich im Juni 2008 in ein Symposium „Perspektiven für eine nachhaltige Hochschule“ an der Universität Tübingen [1] mündete, die – allein organisiert von der Studierendeninitiative – den weiteren Nachhaltigkeitsprozess anstieß.
Auf dem Symposium wurden zwei Themenfelder definiert, die in dieser Form bis jetzt unser Engagement und damit auch das der Universität prägen: Zum einen wurden umweltgerechtes Handeln und Umweltmanagementsysteme thematisiert, zum anderen Bildung für nachhaltige Entwicklung als Querschnittsthema des universitären Lehrens und Lernens diskutiert.

Nach inhaltlichen Inputvorträgen wurden in verschiedenen Workshops die Leitideen für das zukünftige Vorgehen in Tübingen entwickelt. Als ReferentInnen waren ExpertInnen von der HIS (Hochschul-Informations-System GmbH) sowie von Hochschulen in Bremen, Lüneburg, Dresden und Nürtingen anwesend. Gezielt wurde darauf geachtet, neben Studierenden und DozentInnen auch die universitäre Verwaltung und Interessierte aus der Region einzubinden – dieser partizipative Charakter bildete einen Grundstein des späteren Engagements. Zusätzlich trugen PolitikerInnen, angefangen beim Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer über die Landesumweltministerin Tanja Gönner bis hin zum ehemaligem Direktor des UNEP und Bundesumweltminister a.D., Prof. Dr. Klaus Töpfer, mit Vorträgen zu dem Symposium und vor allem zur Öffnung für ein breites (auch außeruniversitäres) Publikum bei. Die Inhalte und Ergebnisse des Symposiums wurden als Buch veröffentlicht [2], das für uns inhaltlich zur Grundlage unseres Engagements wurde.

EMAS-validiertes Umweltmanagementsystem
Im Verlauf des Symposiums verkündete der Rektor der Universität, Prof. Dr. Engler, den Beschluss zur Einführung eines EMAS-validierten Umweltmanagementsystems [3]. In Folge des Symposiums wurde die Stelle einer Umweltkoordinatorin geschaffen, die als zentrale Ansprechpartnerin für das universitäre Umweltmanagementsystem fungiert. Die notwendige Umweltbilanzierung der Universität wurde erstmalig seit Jahren wieder durchgeführt; die Umweltleitlinien [4] in Zusammenarbeit zwischen Rektorat und Studierendeninitiative entworfen.
Im Juli 2009 startete der EMAS-Validierungsprozess offiziell, der in der Anlaufphase auch vom Landesumweltministerium finanziell unterstützt wird [5]. Inzwischen ist die Phase der ersten internen Umweltbegutachtung im Rahmen der EMAS-Validierung abgeschlossen. Nach der externen Begutachtung steht aus unserer Sicht dem EMAS-Prozess mit seinem Zyklus aus Umweltprüfung, Setzung von Zielen, konkretem Umweltmanagement, dem öffentlichen Umweltbericht und externer Begutachtung nichts mehr im Wege. Die Studierendeninitiative versteht sich hier als Teil dieses dauerhaften und kontinuierlichen Prozesses, der zum einen darauf achtet, die Ziele innerhalb des EMAS-Prozesses ambitioniert zu gestalten, und zum zweiten dazu beiträgt, die Bekanntheit und Akzeptanz des Umweltmanagements an der Universität Tübingen zu verstärken.

Studium Oecologicum – Veranstaltungen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung
Aus den Diskussionen auf dem Symposium heraus setzten wir uns ein weiteres langfristiges Ziel: Die Perspektive der nachhaltigen Entwicklung soll in alle (modularisierten) Studiengänge integriert werden. In einer kurzfristigeren Planung wurden für uns zwei zentrale Überlegungen leitend: Zum einen musste das Veranstaltungsangebot als Querschnittsthema Studierenden aller Fachrichtungen offen stehen und möglichst auch für das kurrikulare Studium verwendbar sein, zum anderen sollten auch freiere und diskursivere Lehr- und Lernformen Eingang finden und somit ein Beispiel für Bildung für Nachhaltige Entwicklung darstellen.
Als Anknüpfungspunkt an der Universität Tübingen bot sich vor diesem Hintergrund das Programm des „Studium Professionale“ [6] an, in dessen Rahmen Studierende aller Fachrichtungen Schlüsselqualifikationskurse absolvieren. Mit finanzieller Unterstützung des „Studium Professionale“ organisierten wir im Sommersemester 2009 vier Seminare inklusive einer Zukunftswerkstatt. Im Wintersemester 2009/10 wurde dieses Seminarangebot auf 9 Kurse ausgebaut [7]. In beiden Semestern wurden die Kurse sehr gut von den Studierenden angenommen; aufgrund überbuchter Kurse mussten sogar BewerberInnen abgewiesen werden.
Die Kursinhalte decken sowohl konzeptionelle Inhalte der nachhaltigen Entwicklung (z.B. „Bildung für nachhaltige Entwicklung“) und ihre dialogische Wechselwirkung mit Fachdisziplinen (z.B. „Literatur(wissenschaft) und Ökologie“) ab als auch kontextbezogene Anwendungsbereiche wie „Betriebliches Umweltmanagement von der Theorie in die Praxis“ oder „Klimawandel – die Prognosen verstehen“. Zentrales Element aller Kurse ist die Vermittlung von Orientierungswissen und Gestaltungskompetenz; das „Studium Oecologicum“ versteht sich dabei als Beitrag zu einer umfassenden Bildung, die die Studierenden zu eigenverantwortlichem und bewusstem Handeln in Unsicherheit und Komplexität befähigen will.
Als Ergänzung dieses Seminarprogramms organisieren wir im aktuellen Wintersemester 2009/10 die Ringvorlesung „Wissenschaften im Spiegel der Nachhaltigkeit – Nachhaltigkeit im Spiegel der Wissenschaften“ im Rahmen des „Studium Generale“ [8] an der Universität Tübingen. Die Vorlesungsreihe geht der Frage nach, wie nachhaltige Entwicklung einerseits als Leitbild in verschiedenen Wissenschaften fungiert, andererseits aber auch mit fachdisziplinären Perspektiven weiterentwickelt wird. Das Spektrum der vertretenen Disziplinen wurde dabei bewusst weit gewählt, neben den Disziplinen der Ethik, Ökologie und Ökonomie kommen unter anderen auch Vertreter der Literatur-, Politik- und Rechtswissenschaft zu Wort [9]. Mit der Reihe wollen wir zeigen, dass die Perspektive der nachhaltigen Entwicklung als echtes Querschnittsthema an der Universität verankert werden kann – die Dokumentation dieser Reihe wird im Laufe des Jahres 2010 in Buchform erscheinen.

Das weitere Engagement der Studierendeninitiative in diesem Bereich richtet sich vor allem auf die Verstetigung und Institutionalisierung dieses Kursprogramms. Unser spezielles Augenmerk gilt dabei der Qualitätssicherung und Verstärkung des Veranstaltungsangebots, die nur Hand in Hand den Ansprüchen eines starken Nachhaltigkeitsgedankens genügen können. Das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung muss in den Fachbereichen verankert werden, das übergreifende Veranstaltungsangebot auch konzeptionell weiterentwickelt werden. Darüber hinaus sind einzelne und einmalige Veranstaltungen und Workshops zu Themen rund um nachhaltige Entwicklung in Planung, die das regelmäßige Programm ergänzen sollen.

Studentisches Engagement an Universitäten – konkrete Erfahrungen
Das Engagement von Studierenden steht vor einem grundsätzlichen Dilemma: Einerseits geht es darum, Dinge grundsätzlich anders zu denken und zu gestalten, andererseits ist Umsetzung immer auch an vorhandene Strukturen gekoppelt, die mitgedacht werden müssen.
Einerseits lässt sich mit ideellen Forderungen, deren Umsetzung nicht mitgedacht wird, wenig bewegen. Andererseits kann es nicht Aufgabe einer Studierendeninitiative sein, der Universität dauerhaft organisatorische Aufgaben abzunehmen – allein die Mitgliederfluktuation durch kürzere Studienzeiten und Auslandsaufenthalte sowie die mangelnde finanzielle Grundausstattung machen ein solches Unterfangen unmöglich.
Unser Engagement zwischen den beiden Polen der Fundamentalkritik und des Einverleibtseins richtete sich deshalb bisher konkret an drei Begriffen aus: Kritische Begleitung, Innovation und Institutionalisierung. Wir verstehen uns als Motor der universitären Umgestaltung im Hinblick auf nachhaltige Entwicklung, kommentieren dabei sachlich vorhandene Bemühungen und zeigen mit Pilotprojekten Möglichkeiten auf. Dabei behalten wir jedoch stets die langfristige Einbindung unserer Projekte in vorhandene universitäre Strukturen im Blick, auch wenn damit unser eigener Gestaltungsspielraum eingeschränkt wird.
Die Kooperation und der Dialog mit Studierenden, DozentInnen und der Hochschulleitung sind dabei ebenso wichtig wie die Interaktion mit politischen Akteuren aus Kommunal-, Umwelt- und Bildungspolitik sowie der Presse. Studentisches Engagement steht hier aber immer vor dem Problem und der Chance, dass erst Kontaktpersonen gefunden und Vertrauen geschaffen werden muss, dass die Flexibilität und Basisdemokratie einer Studierendeninitiative auf gefestigte Strukturen in Verwaltung und Gesellschaft trifft. Unsere Ergebnisse sind unsere einzige Visitenkarte, auch wenn unsere Vision und die unzählbaren Stunden rein ehrenamtlicher Arbeit darin kaum sichtbar werden. Nachhaltige Entwicklung mit ihrer partizipativen und diskursiven Struktur nicht nur als Zielvorgabe zu begreifen, sondern auch in dem eigenen Vorgehen zu etablieren, zeigt sich vor diesem Hintergrund als notwendiges und gleichzeitig sehr anspruchsvolles Ziel.
Der Weg unserer Studierendeninitiative ist nur gangbar, weil sich viele Engagierte finden, die über Disziplinengrenzen und Weltvorstellungen hinweg mitgehen. Doch der Weg ist steinig – und diese Tatsache zeigt, wie weit es noch ist hin zu einer partizipativen, inter- und transdisziplinären, sozial- und umweltgerechten Universität – einer Universität in nachhaltiger Entwicklung.

Informationsquellen:
[1] Kurzbericht über das Symposium „Greening the University“: http://www.greening-the-university.de/index.php/symposium-2008
[2] Studierendeninitiative Greening the University e.V., 2009: „Greening the University – Perspektiven für eine nachhaltige Hochschule“, oekom, München, ISBN: 3865811329
[3] Informationsseite des Umweltgutachterausschusses des BMU: http://www.emas.de
[4] Umweltleitlinien der Universität Tübingen (veröffentlicht in den Amtlichen Bekanntmachungen Nr. 8/2009 vom 10.08.2009): http://www.uni-tuebingen.de/uploads/media/UmweltleitlinienUniversit%C3%A4tT%C3%BCbingen.pdf
[5] Pressemitteilung der Universität Tübingen zur Einführung des Umweltmanagementsystems nach EMAS (15.07.2009): http://www.uni-tuebingen.de/uploads/media/09-07-15EMAS_Umweltmanagement.pdf
[6] Webseite des Studium Professionales in Tübingen: http://www.uni-tuebingen.de/einrichtungen/zentrale-einrichtungen/akademisches-beratungszentrum-abz/career-service/studium-professionale-kurse.html
[7] Zusammenfassungsseite des Seminarprogramms „Studium Oecologicum“: http://www.greening-the-university.de/index.php/studium-oecologicum
[8] Übersichtsseite zu dem Ringvorlesungsangebot Studium Generale an der Universität Tübingen: http://www.uni-tuebingen.de/aktuell/studium-generale.html
[9] Zusammenfassungsseite der Ringvorlesungsreihe „Wissenschaften im Spiegel der Nachhaltigkeit – Nachhaltigkeit im Spiegel der Wissenschaften“: http://www.greening-the-university.de/index.php/studium-generale

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Nachhaltigkeits-Prozess an der Hochschule Fulda gestartet

Mit einer Auftaktveranstaltung „Die Hochschule Fulda – nachhaltig“ hat die Hochschule Fulda unter Leitung von Vizepräsident Prof. Dr. Christian Schrader einen Nachhaltigkeitsprozess für die Hochschule gestartet. Dem Auftakt werden in den kommenden Monaten weitere Veranstaltungen folgen. Informationen zum Prozess gibt es über Vizepräsident Prof. Dr. Christian Schrader (Christian.Schrader@sk.hs-fulda.de).

Nachhaltigkeitsbericht der Uni Graz

Die Beschäftigung mit dem Thema Nachhaltigkeit führt zunehmend auch zu sehr praktischen Umsetzungen im Hochschulbereich. So hat die Karl-Franzens-Universität Graz bereits 2005 ihren ersten Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht.

Auch der aktuelle Bericht von 2008 kann durchaus als Vorbild für andere Universitäten gelten. Er zeichnet sich besonders durch den breiten Ansatz aus, der die gesamte Universität umfasst und alle Bereiche aktiv miteinbezieht. So haben zum Beispiel die einzelnen Fakultäten jeweils ihren Zugang zum Leitbild der Nachhaltigkeit definiert. Dabei wird deutlich, welch umfassenden Organisations-Entwicklungsprozess eine gesamt-universitäre Nachhaltigkeitsorientierung darstellt. Ein hohes Maß an Überzeugung und Kooperationsbereitschaft ist von allen Beteiligten gefragt.

Insgesamt ist die Uni Graz dabei auf einem eindrucksvollen und sehr erfolgreichen Weg. Sie erhielt bei der Verleihung des Sustainability Award 2008 durch das österreichische Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung gleich mehrere Preise für ihr Engagement beim Thema Nachhaltigkeit.

Die Nachhaltigkeitsberichte der Uni Graz können auf der folgenden Website heruntergeladen werden:
http://www.uni-graz.at/en/geo2www/geo2www_nachaltigkeitsberichte.htm

„Neue Leitbilder für die Hochschule“ – 100 Teilnehmer diskutieren in der Böll-Stiftung über die Potenziale einer „Nachhaltigen Wissenschaft“ für die deutschen Hochschulen

Die am Dienstag (27.10.09) Abend von der Böll-Stiftung und der Vereinigung für ökologische Wirtschaftsforschung (VÖW) ausgerichtete Veranstaltung „Neue Leitbilder für die Hochschule. Nachhaltigkeit als Chance für die deutsche Wissenschaft?“ ist auf eine erfreuliche Resonanz gestoßen. Rund 100 Teilnehmer fanden den Weg in die Böll-Stiftung, um nach einem Eingangsstatement von Prof. Dr. Uwe Schneidewind (Autor der Studie „Nachhaltige Wissenschaft) mit Prof. Dr. Sascha Spoun (Präsident der Leuphana-Universität Lüneburg), Krista Sager (Stellvertretende Bundestags-Fraktionsvorsitzende der Grünen und ehemalige Hamburger Wissenschaftssenatorin), Dr. Thorsten Wilhelmy (Wissenschaftsrat) und Dr. Thomas Jahn (Leiter des Instituts für sozial-ökologische Forschung) unter Moderation von Thomas Korbun (Geschäftsführer des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und Vorstandsmitglied der VÖW) zu diskutieren.

Vier Leitfragen standen im Vordergrund der Debatte:
• Ist das Leitbild „Nachhaltige Wissenschaft“ bzw. einer „Nachhaltigen Hochschule“ wirklich eine Perspektive für deutsche Hochschulen? Oder greifen inhaltlich ausgerichtete Leitbilder für ganze Hochschulen zu kurz?
• Ist das Leitbild einer „Nachhaltigen Hochschule“ eher eine gezielte Nischenstrategie für wenige Hochschulen oder kann es prägenden Charakter für größere Teile des Wissenschaftssystems haben?
• Was bedeutet die thematische Orientierung für die Führung einer Hochschule oder Wissenschaftseinrichtung? Mit welchen Konflikten hat man zu rechnen?
• Wie lässt sich die Ausdifferenzierung der Leitbilder politisch flankieren?

Zu allen Fragen wurde auf dem Podium und mit dem Publikum kontrovers diskutiert:

Vorsicht vor der Kompensationsfalle
Nachhaltigkeit ist ein interessantes Profilierungsthemen für Hochschulen – es eröffnet die Chance zu wissenschaftlichen Antworten auf die großen Transformationsherausforderungen unserer Gesellschaft, es ist als Dach offen genug und daher anschlussfähig an andere Debatten (z.B. die regionale Ausrichtung von Hochschulen, eine Gender-Orientierung, eine stärker entwicklungspolitische Ausrichtung). Nachhaltigkeitsorientierung hat dabei Potenziale sowohl in der Forschung und der Lehre ….

In dieser Hinsicht waren sich die Podiumsteilnehmer einig. Kontroversen gab es aber über die Reichweite einer solchen Ausrichtung im deutschen Hochschulsystem. Im schlechten Fall wird die Nachhaltigkeitsorientierung zum Profilfeld einiger weniger Nischenhochschulen. Und dann droht die „Kompensationsfalle“ (Wilhelmy): eine oder einige wenige Hochschulen übernehmen die Abdeckung des Feldes und entlasten damit alle anderen, die sich nicht mehr um die Fragestellung zu kümmern brauchen. Eine Entwicklung, die sich z.B. im Bereich der Weiterbildung und des lebenslangen Lernens in anderen Wissenschaftssystemen beobachten lässt: eine spezialisierte Hochschule übernimmt die Funktion, die anderen fühlen sich nicht mehr betroffen.

Diese Gefahr wird nur zu überwinden sein, wenn deutlich wird, dass „Nachhaltigkeits-orientierung“ mehr ist als die Konzentration auf spezielle Themenfelder in Forschung und Lehre. Nur wenn erlebbar wird, dass transdisziplinäre Forschung und Lehre einen ganz neuen Modus der Wissensentwicklung bedeutet, der Hochschulen hilft, ihre Forschung und Lehre neu und breiter zu definieren, dann hat ein Leitbild Nachhaltigkeit eine umfassende Chance im deutschen Wissenschaftssystem. Um diese sicht- und erfahrbar zu machen, kann es sinnvoll sein, dass einige Hochschulen mit einer engagierten Nachhaltigkeitsausrichtung vorangehen und so Beispielgeber für das Gesamtsystem werden.


Zur doppelten Führungsfalle einer universitären Nachhaltigkeitsstrategie

Welche Herausforderungen es für eine Hochschulleitung bedeutet, eine Nachhaltigkeitsstrategie auf universitärer Ebene konsequent umzusetzen, das wurde in den Ausführungen von Sascha Spoun deutlich, der vor vier Jahren als neuer Präsident der Lüneburger Universität angetreten ist, um sie zu einer „Hochschule für die Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts“ zu entwickeln.

Thorsten Wilhelmy zeigte die zwei zentralen Hürden einer solchen Strategie auf:
1. Es gibt keine Tradition im deutschen Wissenschaftssystem, Hochschulen als institutionelle Akteure zu begreifen. Die gestärkte Macht und Autonomie der Hochschulleitungen, um gesamtuniversitäre Strategien zu befördern, ist mit einer unmittelbaren Einschränkung der Autonomie der einzelnen Hochschullehrerinnen und Fächer verbunden und wird daher als Bedrohung empfunden.
2. Es gibt eine zentrale Rolle der Disziplinarität im deutschen Wissenschaftssystem. Über die Disziplinen rekrutiert sich der Nachwuchs und entscheiden sich wissenschaftliche Karrieren. Isolierte Strategien einzelner Universitäten sind in Deutschland zusätzlich erschwert, weil der Hochschulwechsel für eine wissenschaftliche Karriere unabdingbar ist.

Wer als Hochschulleitung seine Hochschule als „Nachhaltigkeitshochschule“ positionieren will, kämpft damit gleich an doppelter Front: Er schränkt über eine institutionelle Strategie die Autonomie der Hochschullehrerinnen ein und bricht zudem mit dem Disziplinenprinzip.

Dies erfordert ein hohes Maß an Vision, Mut und Durchhaltekraft.

Umsteuern mit mehr als der „finanziellen Möhre“
Auch deswegen wurde intensiv darüber diskutiert, wie solche Prozesse in Hochschulen politisch unterstützt werden können.

Angesichts der Unterfinanzierung der deutschen Hochschulen ist Geld ein ganz zentrales Steuerungsmittel. Es erklärt auch, warum die deutschen Hochschulen so gleichgeschaltet der „finanziellen Möhre“ (Theresa Bauer) Exzellenzinitiative hinterhergelaufen sind. Krista Sager zeigte sich aus den eigenen Erfahrungen als Wissenschaftssenatorin optimistisch, dass Förderprogramme für mehr Nachhaltigkeitsforschung und Transdisziplinarität schnell entsprechendes Umdenken in Hochschulen auslösen können. Auch die bestehenden Steuerungsinstrumente (Zielvereinbarungen, indikatororientierte Mittelzuweisungen) ließen sich noch effektiver für eine entsprechende Umsteuerung in den Hochschulen nutzen.

Doch Geld wird angesichts der Überschuldung der öffentlichen Haushalte in den kommenden Jahren immer weniger vorhanden sein. Daher ist auch die Hoffnung auf entsprechende Bund-Länder-Programme unabhängig von den hohen Zustimmungshürden kaum realistisch. Auch vor dem Hintergrund gilt es einmal die nächste Runde der Exzellenzinitiative zu nutzen, die Türen für mehr transdisziplinäre Forschung zu öffnen (z.B. durch Einlösung der Transdisziplinaritätsanforderung an Graduiertenschulen, eine Lockerung des Standortprinzips und der Verpflichtung einer federführenden Hochschule sowie die Gewährleistung von Gutachterteams mit Erfahrung in transdisziplinärer Forschung).

Zum anderen ist nach Wegen zu mehr Nachhaltigkeitsorientierung jenseits umfassender staatlicher Förderprogramme zu suchen. Durch die Zivilgesellschaft und private Stifter initiierte Institutionen wie ein „Centrum für Nachhaltige Hochschulentwicklung“ oder ein „Stifterverand für eine Nachhaltige Wissenschaft“ (so zwei Vorschläge aus der Studie „Nachhaltige Wissenschaft“) könnten hier Wege sein.

Genauso wichtig ist es aber, das intrinsische Potenzial von Lehrenden und Studierenden für eine Umorientierung zu transdisziplinärer Forschung und Lehre zu nutzen. Nachhaltigkeit bietet neue Perspektiven und Befriedigung durch wissenschaftliche Tätigkeit durch ihren partizipativen Charakter und die Möglichkeit, Beiträge zu relevanten gesellschaftlichen Herausforderungen zu liefern. Dies können Wege sein, die Freude an Hochschule und wissenschaflticher Tätigkeit auch in Zeit leerer Kassen zu erhalten.

Den Schwung von unten nutzen, Studierende besser einbinden

Die Suche nach diesen intrinsischen Potenzialen rief eine sehr berechtigte Kritik aus dem Plenum hervor: die viel zu geringe Einbindung von Studierenden in die Debatte und auch auf das Podium der Veranstaltung.

Die Diskussion über Umorientierung zu mehr Nachhaltigkeit wird heute noch zu stark forschungsorientiert und aus der Perspektive von Hochschulleitungen geführt. Dabei haben sich prägende Ansätze transdisziplinärer Wissenschaft und Forschung häufig aus innovativen Lehrkonzepten entwickelt. Die Transdisziplinaritätsforschung an der ETH Zürich ist ein Beispiel dafür. Es sind auch oft Studierendeninitiativen, die die Brücken zwischen Forschung und Lehre und ganz konkret praktizierter Nachhaltigkeit an den Hochschulen (z.B. im Rahmen von Energieeinspar- oder Unisolarprojekten) leisten.

Die Möglichkeiten studentischen Engagements gilt es noch intensiver zu nutzen und zu eruieren. Daher stand am Ende der Veranstaltung der feste Vorsatz, eine der nächsten Hochschuldebatten der Böll-Stiftung unter das Thema studentischer Potenziale für eine nachhaltige Hochschule zu stellen und dann ein Podium zusammenzustellen, das mindestens zur Hälfte aus Studierenden besteht.

Was waren Ihre Eindrücke von der Veranstaltung? Diskutieren Sie mit und kommentieren Sie!

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Aktuell beste Orte und Umfelder für eine transdisziplinäre Forschung

Was sind die aktuell besten Orte und Umfelder für eine transdisziplinäre Forschung in Deutschland? An welchen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Forschungsgemeinschaften wird transdisziplinäre Forschung heute schon praktiziert und aktiv gefördert?

Nennen Sie unter „Kommentar schreiben“ Beispiele oder stellen Sie die Ansätze aus Ihrer eigenen Institution vor.

Zurück zum Thema „Transdisziplinäre Forschung – Quo vadis?“ geht es hier.

Diskussionspapier „Die Universität zukunftsfähig gestalten“ von Rolf Kreibich

Rolf Kreibich, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin hat ein pointiertes Diskussionspapier „Die Universität zukunftsfähig gestalten“ vorgelegt. Rolf Kreibich ist Mitglied der „Gruppe 2004“ und Mit-Autor des Memorandums „Die Hochschule neu denken“ aus dem Jahr 2004. Mit seinem Diskussionsbeitrag entwickelt er einige der Ideen des Memorandums provokant weiter. Insbesondere seine Ideen zur (Re-) Demokratisierung der Hochschulen, um gesellschaftlichen Herausforderungen besser gerecht zu werden, sind lesens- und diskussionswert.