Der grüne Weg zu mehr Profil – Schwerpunktthema in der DUZ 1/2010

In ihrer Januarausgabe (1/2010) stellt die Deutsche Universitätszeitung (DUZ) unter dem Titel „Der grüne Weg zu mehr Profil“ die umweltorientierten Profilbildungsstrategien mittelgroßer Universitäten vor. Konkret werden die Universitäten Kassel, Lüneburg und Oldenburg porträtiert. Der Beitrag zeigt auf, warum im Umwelt- und Nachhaltigkeitsthema gerade für mittelgrosse Universitäten ein besonderes strategisches Potenzial steckt. Die Beiträge des Schwerpunktes zum Download als pdf finden Sie hier:

Autonomie als Pluralität der Abhängigkeiten

Die Forderung nach einer „Nachhaltigen Wissenschaft“, d.h. nach Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen, die sich den vielfältigen gesellschaftlichen Problemlagen verschreiben, ist immer wieder mit einem Vorwurf konfrontiert: Eine Universität, die sich in den Dienst gesellschaftlicher Anliegen stellt, gäbe die Idee der wissenschaftlichen Autonomie letztlich auf. Sie instrumentalisiere Wissenschaft, mache sie zum verlängerten Arm anderer gesellschaftlicher Anliegen.

In seinem Aufsatz „Autonomie der Universitäten in Europa und Nordamerika: Historische und Systematische Überlegungen“ (in Kaube, Jürgen (Hrsg.): Die Illusion der Exzellenz. Wagenbach 2009, S. 38-49) entwickelt Rudolf Stichweh einen in diesem Zusammenhang bemerkenswerten Gedankengang. Er macht deutlich, dass angesichts der strukturell nicht überwindbaren Abhängigkeit der Universität von Staat und Wirtschaft, die Autonomie der Hochschule letztlich nur in der „Pluralisierung (ihrer) Abhängigkeiten“ (S. 44) bestehen kann: „Die Maxime der erfolgreichen Universität wird deshalb immer sein: Steigere die Zahl und die Diversität der Abhängigkeiten, in denen die Institution steht.“ (S. 45).

In diesem Sinne verstanden ist die Forderung nach „Nachhaltiger Wissenschaft“ ein Plädoyer für genau eine solche Pluralisierung: Es gilt Wissenschaft auf die vielfältigen Anliegen und Anspruchsgruppen hin auszurichten, die mit der Herausforderung einer Nachhaltigen Entwicklung verbunden sind. Gerade angesichts der heute sehr geringen Diversität der Abhängigkeiten deutscher Universitäten ist das Programm einer Nachhaltigen Wissenschaft geradezu ein Königsweg zu mehr Autonomie!

Die Leitbilddebatte gewinnt an Schwung!

„Die Uni brennt!“ – ist das Leitmotiv der aktuellen fast flächendeckenden Studierendenproteste in Deutschland. Der Blick auf die Protestaktionen zeigt, dass es ein produktives Feuer ist, das da brennt. Dies erklärt auch, warum sich die meisten Hochschulleitungen und große Teile der Hochschulpolitik hinter die protestierenden Studierenden stellen.

Es scheint ein Knoten zu platzen. Endlich mischen sich die am unmittelbarsten von der Hochschulpolitik und den Hochschulstrategien Betroffenen in großer Zahl in die Diskussion um die zukünftige Ausrichtung ihrer Hochschulen ein. Die Forderungen der Studierenden sind konkret und differenziert: Sie zielen auf 1. die freiere Gestaltung des Studiums, 2. die Demokratisierung der Hochschulen, 3. den freien Zugang zu Bildung und 4. die Ausfinanzierung der Hochschulen (vgl. exemplarisch die Forderungen der Studierenden an der TU Berlin).

Seit einiger Zeit beteiligen sich auch andere Organisationen an der Leitbilddiskusion. So haben die Gewerkschaften unter Leitung der Hans-Böckler-Stiftung einen umfassenden Leitbild-Prozeß gestartet, in dem die Perspektiven einer „demokratischen Hochschule“ sondiert werden (vgl. das Interview mit Projektleiter Dr. Manfred Wannöffel in der der DUZ 11/2009 bzw. unter http://www.boeckler.de/455_91456.html). Es ist zu hoffen, dass ähnliche Prozesse von Kirchen, Umweltverbänden und weiteren gesellschaftlichen Gruppen folgen.

Die Diskussionen bereichern die häufig zu Recht bemängelte Leitbild-Einfalt der letzten Jahre, die einseitig auf die stärkere Professionalisierung, die Managementorientierung und die Forschungsexzellenz der Hochschulen zielte.

Genau solche engagiert und differenziert geführten Debatten sind der Institution Hochschule würdig. Das am Ende stehende Ergebnis wird hoffentlich ein buntes sein. Deutschland ist zu wünschen, dass in Zukunft erfolgreiche private Hochschulen neben solchen stehen, die die Idee einer demokratischen Hochschule auf ganz neue Weise umsetzen, dass Bundesländer mit differenzierten Studiengebührenmodellen neben solchen existieren, die bewusst auf Studienbeiträge verzichten, dass Studiengänge mit streng umgesetzter Modularisierung neben solchen angeboten werden, in denen wieder ein sehr viel freieres Studium möglich wird.

Für die Umsetzung des Leitbildes einer „Nachhaltigen Hochschule“ eröffnet die aktuelle Umbruchssituation vielfältige Chancen. Denn der Charme der Diskussion über „Nachhaltigkeit“ ist, dass sie einerseits eine breite Beteiligung und ständige kritische Reflexion benötigt. Auf der anderen Seite eröffnen die Herausforderungen wie der Klimawandel vielfältige persönliche und berufliche Perspektiven in Politik, Unternehmen, im Bildungssystem sowie in Nichtregierungsorganisationen. Deswegen wäre es nicht verwunderlich, wenn wir in zehn Jahren sowohl „Nachhaltige“ öffentliche Hochschulen mit umfassender demokratischer Partizipation neben ersten privaten Hochschulen haben, die sich der Herausforderung annehmen und ihre inter- und transdisziplinäre Ausbildung für die gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vollständig im „Bildungsmarkt“ refinanzieren.

Deswegen gilt es die Debatten in den brennenden Hochschulen jetzt mit Elan und Offenheit zu führen.

Diskussionspapier „Die Universität zukunftsfähig gestalten“ von Rolf Kreibich

Rolf Kreibich, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin hat ein pointiertes Diskussionspapier „Die Universität zukunftsfähig gestalten“ vorgelegt. Rolf Kreibich ist Mitglied der „Gruppe 2004“ und Mit-Autor des Memorandums „Die Hochschule neu denken“ aus dem Jahr 2004. Mit seinem Diskussionsbeitrag entwickelt er einige der Ideen des Memorandums provokant weiter. Insbesondere seine Ideen zur (Re-) Demokratisierung der Hochschulen, um gesellschaftlichen Herausforderungen besser gerecht zu werden, sind lesens- und diskussionswert.

Schwerpunktthemen der Weblog-Diskussion

Hier findet sich eine Übersicht über die Schwerpunktthemen der Weblog-Diskussion „Nachhaltige Wissenschaft“ mit dem jeweiligen Datum ihrer Einstellung auf dem Weblog.

Zeitraum Thema Besonders angesprochene Adressaten
26.08.09 – 13.09.09 Kommentare zum Weblog, mögliche Funktionen, allgemeine Anregungen, Diskussion über die Reformvorschläge des Buches „Nachhaltige Wissenschaft“ Alle Empfänger der Erstankündigung
14.09.09 – 30.09.09 Nachhaltige Wissenschaft – ein Ländervergleich Hochschul- und hochschulpolitische Akteure unterschiedlicher Bundesländer
01.10.09 – 24.10.09 Transdisziplinäre Forschung – Quo vadis? Transdisziplinaritäts-Forscher
25.10.09-20.11.09 Nachhaltige Wissenschaftspolitik nach der Wahl (Perspektiven für die neue Bundesregierung) Vertreter Wissenschaftspolitik, insb. der Regierungsfraktionen
21.11.09 – 09.12.09 Leitbilder der hochschulpolitischen Debatte Vertreter der Studierenden, Kirchen, Umweltverbände, Gewerkschaften
10.12.09 – 13.01.10 Studentisches Engagement und Nachhaltige Lehre Vertreterinnen der nachhaltigen Studierenden-Organisationen
14.01.10 – 15.02.10 Nachhaltigkeit in den nationalen Wissenschaftsgemeinschaften (Helmholtz, Leibniz, Fraunhofer, Max-Planck) Vertreter Wissenschafts-gemeinschaften + Wissenschaftspolitik allgemein

 

Interessante Links zum Themenfeld Nachhaltige Wissenschaft

Bitte unter „Kommentar“ Verweise auf weitere interessante Quellen und Studien vermerken!

Internetplattformen

Das im August 2009 von mehreren Bonner (Wissenschafts-)Institutionen gestartete Bonn Sustainability Portal finden Sie hier.

International vergleichende Studien zu Nachhaltigkeit im Hochschulbereich:

  • Schröter, M. (2008): Setting a good example – good practice of sustainable development in institutions of higher education. Marladelen University Sweden. School of Sustainable Development of Society and Technology. På hållbar väg 2008:3, April 2008. (Studie zum Nachhaltigkeitsstand von 49 Universitäten in Deutschland und England)


Beiträge zu Hochschulleitbildern anderer gesellschaftlicher Gruppen sowie von Parteien:

  • Böckler-Stiftung (2009): Leitbild demokratische und soziale Hochschule. Düsseldorf 2009.
  • Positionspapier „Beitrag der Hochschul- und Forschungspolitik zu einer nachhaltigen Entwicklung – Positionspapier“ der Bundesarbeitsgemeinschaft WHT (Wissenschaft – Hochschule – Technologiepolitik)der Grünen vom April 2009.
  • Deutschlandprogramm der FDP zur Bundestagswahl 2009 (mit besonderer Betonung einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) – S. 43)
  • Aufruf „Fortschritt durch Wissenschaft“ der SPD im Bundestagswahlkampf 2009.