Unternehmen kritisieren die Hightech-Strategie der Bundesregierung

Die Kritik an der milliardenschweren Forschungsstrategie der Bundesregierung „Hightech-Strategie“ kursiert schon länger in den Kreisen von WissenschaftlerInnen und ExpertInnen aus der Zivilgesellschaft. Jetzt äußern sich auch Unternehmen  öffentlich und prangern die Innovationsfeindlichkeit der Hightech-Strategie an.

Die Hightech-Strategie der Bundesregierung soll Deutschland als Vorreiter bei der Lösung der globalen Herausforderungen der Zeit etablieren. Mit zehn Zukunftsprojekten von der „CO2-neutralen, energieeffizienten und klimaangepassten Stadt“ bis zur „nachhaltigen Mobilität“ sollen in Kooperation mit Unternehmen Forschungs- und Entwicklungsprojekte stimuliert und gefördert – kurzum nachhaltige Innovationen generiert – werden.

Ein Artikel im Spiegel, der zeitgleich zur Hightech-Strategie Konferenz „Wohlstand durch Forschung und Innovation“ am 23.04. veröffentlicht wurde, zeigt die Schattenseiten der Hightech-Strategie, wie sie vor allem von zunehmend mehr UnternehmerInnen gesehen werden. Kritisiert wird vor allem die Intransparenz der möglichen Förderungen für klein- und mittelständische Unternehmen und die Konzentration der geförderten Projekte auf ohnehin schon forschungsstarke Konzerne. Auch die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIDK) bemängelt die Unkenntnis und das schlechte Image, das die Hightech-Strategie bei den meisten der deutschen Unternehmen habe. Die bisher erzielten Ergebnisse der Hightech-Strategie geben keinen Anlass zur Selbstzufriedenheit.

Der komplette Spiegel-Artikel kann hier eingesehen werden.
Eine Debatte im Bundestag über die Hightech-Strategie vom März 2013 findet sich hier.

Nachhaltigkeit braucht strukturelle Veränderungen im Wissenschaftssystem – Erklärung des Ecornet anlässlich des Symposiums „Sustainability in Science“

Wie muss Wissenschaft gestaltet werden, damit sie wesentliche Beiträge zur nachhaltigen Entwicklung leisten kann? Das Ecological Research Network (Ecornet) betont anlässlich des vom BMBF veranstalteten Symposiums „Sustainability in Science“ am 23.04.2013 in Berlin, dass neben den inhaltlichen Fragen der Nachhaltigkeitsforschung notwendige strukturelle Veränderungen im Wissenschaftssystem ein besonderes Augenmerk verdienen.

Eine der großen Aufgaben des 21. Jahrhunderts ist die Gestaltung von Übergängen in eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung. Vor diesem Hintergrund begrüßt das Forschungsnetzwerk Ecornet das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) veranstaltete Symposium „Sustainability in Science“ am 23. April 2013 in Berlin. Das Forschungsministerium will mit dieser Veranstaltung den im Wissenschaftsjahr 2012 ins Leben gerufenen Prozess „Zukunftsprojekt Erde“ fortsetzen. Zugleich ist das Symposium Startschuss für die „Sustainability in Science Initiative“, die die Umsetzung von Nachhaltigkeit in der Forschung stärken soll.

Dr. Thomas Jahn betont, dass neben den inhaltlichen Fragen der Nachhaltigkeitsforschung notwendige strukturelle Veränderungen im Wissenschaftssystem ein besonderes Augenmerk verdienen. Es seien weitergehende Anpassungen des Wissenschaftssystems als bisher unerlässlich. Jahn ist Sprecher der Institutsleitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung und war Mitglied des Programmbeirates des Symposiums. Er verantwortet im Rahmen der Veranstaltung den Workshop „Nachhaltigkeit in Forschungsprozessen“.

Eine weitere wichtige Aufgabe sei die Intensivierung der Kooperationen von Hochschulen mit staatlichen und unabhängigen außeruniversitären Forschungseinrichtungen – sowohl in der Verbundforschung als auch in der Hochschulbildung, sagt Thomas Korbun, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und einer der Ecornet-Sprecher. Ziel müsse es sein, die Durchlässigkeit zwischen den Sektoren zu verbessern. Die unabhängigen außeruniversitären Institute, und insbesondere die Mitgliedsinstitute des Ecornet, bringen hier langjährige Erfahrungen in der inter- und transdisziplinären Forschung mit. Gerade diese Erfahrungen sollten in der Forschung wie auch in der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses zukünftig verstärkt gefordert werden. Und schließlich sollte die Zusammenarbeit zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften einerseits und die Kooperation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft andererseits im Rahmen von inter- und transdisziplinären Kooperationen stärker als bisher in die Forschungs- und Nachwuchsförderung aufgenommen werden. Damit Karrierepfade am Ende nicht wieder in disziplinären Strukturen enden, bedarf es zudem verstärkt der Einrichtung von Lehrstühlen und Fakultäten mit einer transdisziplinären Ausrichtung.

Die Erklärung und weitere Informationen zum Ecornet können Sie hier lesen.

Wissenschaft für Nachhaltigkeit braucht eine kritische Orientierung – Beitrag von Thomas Jahn in der aktuellen GAIA

In einem aktuellen Beitrag in der Zeitschrift GAIA 1/2013 beleuchtet Thomas Jahn die notwendige kritische Funktion einer Wissenschaft für Nachhaltigkeit.

Seine Analyse zeigt auf, dass das Wissenschaftssystem bisher kaum bereit ist, sich auf die tiefgreifenden inhaltlichen und strukturellen Veränderungen und Herausforderungen einzulassen, die sich ergeben, wenn die Orientierung am Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung nicht nur aus der Wissenschaft an andere gesellschaftliche Bereiche adressiert wird, sondern auch an die Wissenschaft selbst. Es sei notwendig, die Frage zu stellen, was in den Wissenschaften erhalten und was verändert werden muss, damit sie zukunftsfähig bleiben.

Jahn entwickelt im Beitrag 9 Thesen zur kritischen Funktion einer Wissenschaft für Nachhaltigkeit. Er versteht die Thesen als ein Diskussionsbeitrag zur Klärung der Gegenstände einer nachhaltigen Wissenschaft sowie der Frage, wie Forschungsprozesse angelegt sein sollten, die sowohl die Forderungen nach wissenschaftlicher Exzellenz als auch die nach gesellschaftlicher Nützlichkeit ernst nehmen, ohne in Beliebigkeit zu verfallen.

Der Beitrag ist aktuell im Volltext online verfügbar unter: http://www.oekom.de/fileadmin/zeitschriften/gaia_leseproben/GAIA_1_2013_Jahn.pdf

Uwe Schneidewind im Interview zum Thema „Nachhaltige Wissenschaft“ in der Osnabrücker Universitätszeitung unizeit

Prof. Dr. Uwe Schneidewind Prof. Dr. Uwe Schneidewind

Wuppertal Institut für Klima, Energie und Umwelt

In einem Interview mit der Osnabrücker Universitätszeitschrift „unizeit“ äußert sich Uwe Schneidewind zu den Perspektiven einer „Nachhaltigen Wissenschaft“. Er geht darauf ein, was sich hinter der Idee einer „Nachhaltigen Wissenschaft“ verbirgt und warum die Beteiligung der Zivilgesellschaft dabei eine so wichtige Rolle spielt. Uwe Schneidewind zeigt konkrete Beispiele zur Umsetzung in Forschung und Lehre. Aufgrund der hohen Bedeutung des E-Learnings an der Universität Osnabrück spielen die Potenziale von E-Learning und Web 2.0 für eine „Nachhaltige Wissenschaft“ im Gespräch eine besondere Rolle.

Das gesamte Interview kann hier heruntergeladen werden.

Nachhaltigkeitsaktivitäten der Universitäten in den USA

PeterSchmuck Prof. Dr. Peter Schmuck

Interdisziplinäres Zentrum für nachhaltige Entwicklung in Göttingen

Sustainability Activities at 11 Universities in California: Stanford University, University of Redlands and 9 Universities of California: Berkeley, Davis, Merced, Los Angeles, Irvine, Riverside, San Diego, Santa Cruz, Santa Barbara

Im März 2012 hat Prof. Dr. Peter Schmuck vom Interdisziplinären Zentrum für Nachhaltige Entwicklung der Uni Göttingen eine Forschungsreise zu führenden Standorten nachhaltigkeitsorientierter Wissenschaft in den USA, insbesondere an der Westküste unternommen. Da diese amerikanischen Aktivitäten bisher kaum in der deutschen Debatte wahrgenommen werden, veröffentlichen wir hier den Reisebericht von Peter Schmuck als Nachlese zum Wissenschaftsjahr 2012 „Nachhaltigkeit/ Zukunftsprojekt Erde“.

Veranlassung der Reise: Seit dem Jahr 2000 bin ich im Rahmen des Zentrums für Nachhaltige Entwicklung der Universität Göttingen (IZNE) in Aktionsforschungsprojekten zum Umbau der Energieversorgung Deutschlands hin zu dezentraler Versorgung mit erneuerbaren Energie aktiv. In den letzten Jahren entstand im Göttinger IZNE Team die Idee, die erfolgreichen Aktivitäten unseres Teams in Dörfern und Landkreisen Deutschlands auch für Lehre und Gestaltung nachhaltiger Lebensmuster innerhalb der Universität zur Verfügung zu stellen. Seit 2011 erfährt diese Idee durch die neue Präsidentin der Universität Göttingen Unterstützung. Sie empfahl, schon bestehende Kontakte zur UC Santa Barbara, an der auch E.U. von Weizsäcker einige Jahre tätig war, auszubauen. Von Paul Rowland, Leiter der Association for Advancement of Sustainability in Higher Education (AASHE.org), den ich 2011 in Korea kennenlernte, erfuhr ich, dass in den USA zahlreiche Universitäten Nachhaltigkeitsaspekte in die Lehre sowie Administration aufgenommen haben. So beschloss ich, aktuelle Erfahrungen in Deutschland mit unseren Nachhaltigkeits-Aktionsforschungsprojekten außerhalb von Universitäten in Kalifornien vorzustellen und dort gesammelte Erfahrungen mit Nachhaltigkeitsaktivitäten innerhalb von Universitäten aus erster Hand aufzugreifen, um sie ggf. für die weitere Entwicklung in Deutschland nutzbar zu machen.

Organisation der Reise: Im Januar 2012 habe ich den Nachhaltigkeitsverantwortlichen einer Reihe kalifornischer Universitäten angeboten, über die Projekte in Deutschland vorzutragen und über mögliche Kooperationen bei universtäts-internen Nachhaltigkeitsaktivitäten (Lehre und Administration) zu diskutieren. Kalifornien wurde gewählt, weil dort Nachhaltigkeitsaktivitäten, verglichen mit anderen Gebieten der Welt, am fortgeschrittensten scheinen und in höchster territorialer Dichte vorzufinden sind. Alle angeschriebenen Personen luden mich an die jeweilige Universität ein. An fünf Universitäten hielt ich einen Vortrag vor größerem Publikum, an den anderen Universitäten in Round-Table Gesprächen in kleinerem Kreis. Im Präsidium des UC Verbundes in Oakland fand ein Austausch mit den für alle 10 UCs Verantwortlichen für Nachhaltigkeit statt. Vorgestellt wurden die erfolgreichen Aktionsforschungsprojekte unseres Zentrums im Rahmen des „Göttinger Ansatzes der Nachhaltigkeitsforschung“ sowie die dahinterstehende psychologische Theorie, nach der Menschen das Potential zu Engagement für Nachhaltige Entwicklung aufweisen, dessen Nutzung und Entfaltung Gewinne für das Wohlbefinden bewirkt. Die besuchten Universitäts-VertreterInnen stellten mir wegweisende Projekte der einzelnen Unis auf Campus-Rundgängen vor. Die Hauptverantwortlichen für Nachhaltigkeit von jeder der Universitäten habe ich über ihre Sicht zur Geschichte dieser Aktivitäten, zum Nachhaltigkeitsverständnis, zur persönlichen Motivation, zu den Pionierprojekten in Forschung, Lehre, Administration sowie zu studentischen Initiativen befragt.

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Peter Schmuck in Santa Cruz

Ergebnisse der Reise bezüglich meiner Berichte: Die Ergebnisse der Aktionsforschungsprojekte des Göttinger Teams wurden mit Erstaunen und Begeisterung aufgenommen. Allerorten wurde Interesse am Fortgang der Arbeiten auf Landkreisebene sowie an aktuellen Publikationen, z.B. über die psychologischen Erfolgsfaktoren unserer Projekte, geäußert. An einigen Unis wurde der Wunsch geäußert, dass wir unsere Erfahrungen über internet-gestützte Lehrmethoden im Rahmen von „Webinars“ in laufende Kurse in Kalifornien (z.B. über Skype) einspeisen. Mit der Uni San Diego wurde eine solche Kooperation für das FS 2012 bereits vereinbart. Mein Angebot, bei Gegenbesuchen in Deutschland unsere Projekte vor Ort vorzustellen, wurde gern notiert.

Ergebnisse der Reise bezüglich der US Erfahrungen: Über die Kontakte mit Paul Rowland von AASHE wußte ich bereits, dass die Mehrzahl aller US amerikanischen Universitäten und Colleges Mitglied dieser Vereinigung sind, sich also zumindest formell zu einer Einführung von Nachhaltigkeitsthemen in Lehre und Alltag der Universitäten verpflichtet haben. Nun wollte ich herausfinden, welche Aktivitäten hierzu vor Ort an den besuchten Universitäten tatsächlich stattfinden und welches Nachhaltigkeitsverständnis vorherrscht. Die Aktivitäten lassen sich schwierig aufgliedern, da Universitäten als „living laboratories“ für nachhaltige Lebensstile betrachtet werden, also Lehre, Forschung und das studentische Leben im Campus als eng verwoben gesehen werden. Meinen folgenden Versuch einer Strukturierung bitte unter diesem Vorbehalt sehen.

Wissenschaft und Gesellschaft – die Debatte erreicht zum Ende des Wissenschaftsjahres „Nachhaltigkeit/Zukunftsprojekt Erde“ auch den Bundestag

Schon Ende Juni 2012 setzte sich der Wissenschaftsausschuss des Deutschen Bundestages mit der Bedeutung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen für das Wissenschaftssystem auseinander. Am 13.12.2012 gab es jetzt im Plenum des Bundestages eine Debatte zur Bedeutung zivilgesellschaftlicher Beteiligung im Wissenschaftssystem. Anlass war ein Antrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen „Partizipation an forschungsrelevanten Entscheidungen verbessern“. Die Redebeiträge der einzelnen Fraktionen waren aufschlussreich – anbei eine Zusammenfassung und Kommentierung

Das Jahr 2012 war als Wissenschaftsjahr „Nachhaltigkeit/Zukunftsprojekt Erde“ ausgerufen. Es hat zu einer für Wissenschaftsjahre ungewöhnlich intensiven wissenschaftspolitischen Debatte über die künftige Ausrichtung des Wissenschaftssystems geführt. Denn es wird immer deutlicher, dass für die Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen wie der einer „Nachhaltigen Entwicklung“ das Wissenschaftssystem nur sehr unzureichend aufgestellt ist. Auf Bundesländerebene sind diese Herausforderungen inzwischen aufgegriffen worden. Die Länder Baden-Württemberg (mit der Einrichtung einer eigenen Expertenkommission „Wissenschaft für Nachhaltigkeit“) und NRW (mit einem Forschungsrahmenprogramm „Fortschritt NRW“) übernehmen dabei eine Führungsrolle.

Auch der Bundestag hatte sich im Wissenschaftsausschuss am 27.06.2012 dem Thema mit einem Fachgespräch „Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung“ angenommen. Zum Ende des Jahres hat nun die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen einen Antrag „Partizipation an forschungsrelevanten Entscheidungen verbessern“ in den Bundestag eingebracht. Dieser wurde am 13.12.2012 im Plenum behandelt. Kern des Antrages ist ein zentraler Aspekt der Diskussion über das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft: die stärkere Beteiligung der Zivilgesellschaft an wissenschaftsrelevanten Prozessen.

Die Ausgestaltung wissenschaftlicher Fragestellungen und Schwerpunkte hat erheblichen Einfluss auf gesellschaftlich und politisch diskutierte Zukunftsentwürfe. Viele zivilgesellschaftliche Organisationen wie Umweltverbände, Kirchen und Gewerkschaften kritisieren eine einseitig technologisch und an wirtschaftlichen Verwertungsinteressen ausgerichtete Wissenschaftspolitik der letzten Jahre (vgl. z.B. die im Februar 2012 erschienen wissenschaftspolitische Position des Umweltverbandes BUND).

Daher erhebt die Zivilgesellschaft die Forderung, an so genannten Agendasettingprozessen stärker beteiligt zu werden, um damit Einfluss auf Forschungsthemen und -schwerpunkte zu nehmen. Andere Forderungen zielen auf mehr Bürgerdialoge und Bottom-up-Verfahren. Und schließlich geht es auch um die Frage, wie nichtwissenschaftliche Akteure und nichtwissenschaftliches Wissen bei konkreten Forschungsprojekten stärker integriert werden könnten. Für die Umsetzung dieser Forderungen bedarf es in jedem Fall mehr Transparenz über Inhalte, Ziele, Beteiligte und Höhe der Mittel von öffentlich geförderten Forschungsprojekten. Eine solche Beteiligung wäre auch eine Wiederbelebung der in den letzten 20 Jahren verloren gegangene Pluralität im Wissenschaftssystem – letztlich ein Garant für die Umsetzung einer wirklichen „Wissenschaftsfreiheit“ im Wissenschaftssystem.

Genau diese Aspekte griff der Bundestagsantrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen auf und fordert die Möglichkeiten einer zivilgesellschaftlichen Beteiligung in den Wissenschaftsprozessen systematisch zu sondieren und konsequent umzusetzen. Die Hintergründe und Ziele des Antrages erläuterte die forschungspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in ihrem Redebeitrag für den 13.12.12 im Bundestag.

In der Debatte am 13.12. erfolgten zudem Beiträge von Florian Hahn (CDU/CSU), René Röspel (SPD), Martin Neumann (FDP) und Petra Sitte (Die Linke) , alle Mitglieder im Ausschuss für „Bildung, Forschung und Technologiefolgenabschätzung“.

Die CDU/CSU-Fraktion sieht in der zivilgesellschaftlichen Beteiligung „nichts Geringeres als ein Ende der uns bekannten Forschungsfreiheit.“ (Hahn). Es wird befürchtet, dass „im Vorfeld von Forschungsvorhaben (…) von nun an Runde Tische veranstaltet werden, bei denen nichtwissenschaftliche Akteure ideologiegeleitetes Agendasetting betreiben können.“ Die Tatsache, dass heute Forschungsprogramme in enger Abstimmung zwischen Industrie, Wissenschaft und Wissenschaftspolitik vereinbart werden (vgl. z.B. zuletzt rund eine Mrd. Forschungsmittel für Elektromobilität), bleibt in der Analyse ausgeblendet. Genau in solchen Prozessen zur einer breiteren Beteiligung zu kommen, ist die Grundidee einer stärkeren zivilgesellschaftlichen Einbindung.

Interview mit Fazit zum Wissenschaftsjahr mit Uwe Schneidewind

Prof. Dr. Uwe Schneidewind

Prof. Dr. Uwe Schneidewind


Wuppertal Institut für Klima, Energie und Umwelt


Diskussionbeiträge zur Reihe Transformatives Wissen schaffen


In einem Interview von Heike Holdinghausen zieht Prof. Dr. Uwe Schneidewind ein Fazit aus dem Wissenschaftsjahr Nachhaltigkeit des BMBF. Er geht dabei darauf ein, dass inzwischen auch die großen Forschungsorganisationen angeregt worden sind sich mit der „Nachhaltigkeit als Kompass“ zu befassen.
Erschienen ist der Artikel am 14.12. bei taz.de unter der Titel: ÖKONOM ÜBER WISSENSCHAFTSJAHR „Nachhaltigkeit als Kompass“

Experten fordern nachhaltigen Wandel der Wissenschaft

1500 Teilnehmer an Veranstaltungsreihe „Transformatives Wissen schaffen“ im Wissenschaftsjahr Zukunftsprojekt Erde

Damit die Erde auch in Zukunft noch lebenswert bleibt, muss die Wissenschaft aktiver als bisher mit Wissen und Lösungen zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen. Diese Forderung stellten Experten aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft auf dem Kongress „Schafft Wissenschaft die große Transformation?“, der gestern in Berlin stattfand. Die Veranstaltung, an der rund 200 Personen teilnahmen, bildete den Abschluss der Veranstaltungsreihe „Transformatives Wissen schaffen“ im Rahmen des bundesweiten Wissenschaftsjahres „Zukunftsprojekt Erde“. Der Verbund für Nachhaltige Wissenschaft (NaWis) und das Ecological Research Network (Ecornet) hatten die Reihe gestartet, um die deutsche Wissenschaft angesichts der drängenden Herausforderungen aufzufordern mehr und aktiver als bisher den notwendigen gesellschaftlichen Wandel zu thematisieren.

10122012 Podium 2
v.l.n.r.: Prof. Dr. Ernst-Ludwig von Thadden, Ullrich Petschow, Prof. Dr. Angelika Zahrnt, Jan-Martin Wiarda, Dominic Egger, Prof. Dr. Lambert Koch. Foto: Michael Miethe

Vorreiter: Baden-Württemberg und NRW
An der Initiative beteiligten sich die Wissenschaftsministerinnen der Länder Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, Theresia Bauer und Svenja Schulze. Beide Länder haben im Jahr 2012 umfassende Initiativen für eine Wissenschaft für Nachhaltigkeit initiiert. Baden-Württemberg hat eine eigene Expertengruppe „Wissenschaft für Nachhaltigkeit“ eingerichtet und Nordrhein-Westfalen plant unter dem Titel „Fortschritt NRW“, die Forschungspolitik des Landes neu auszurichten. Professor Uwe Schneidewind, Sprecher des Nawis-Verbundes, zog ein positives Fazit der Veranstaltungsreihe: „Es ist bemerkenswert, wie viele Prozesse für eine Umorientierung des Wissenschaftssystems im Wissenschaftsjahr angestoßen werden konnten: Der Wissenschaftsrat, die großen Akademien und die Wissenschaftsreinrichtungen haben begonnen, sich des Themas Nachhaltigkeit intensiver anzunehmen. Mit Baden-Württemberg und NRW gibt es zwei Vorreiterländer für die Initiative.“

10122012 Ministerin BW NRW
(links) Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (NRW) und (rechts) Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Baden-Württemberg), (mitte) Moderation: Christiane Grefe (ZEIT) Foto: Michael Miethe

„Transformatives Wissen schaffen“: 16 Tagungen, über 1500 Teilnehmer

Die Veranstaltungsreihe „Transformatives Wissen schaffen“ wurde von Pionierinstitutionen der Nachhaltigkeitsforschung in Deutschland ins Leben gerufen. Sie hatte im Wissenschaftsjahr „Zukunftsprojekt Erde“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgerufen worden war, für große Aufmerksamkeit gesorgt. Auf 16 Tagungen diskutieren insgesamt über 1500 Experten über den Beitrag der Wissenschaft für Nachhaltigkeit. „Wir werden weiterhin Impulse für die Transformation der Wissenschaft setzen“, so die Sprecher des Ecornet-Netzwerks Andreas Kraemer und Thomas Korbun. „So wollen wir erreichen, dass aus der Wissenschaft mehr Impulse zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Klimawandel, Biodiversität, Nachhaltigkeit in Produktion und Konsum oder sozialer Gerechtigkeit kommen. Wissenschaft und Forschungspolitik müssen dafür mehr tun.“

Aktive Wissenschaft versus Wissenschaftsfreiheit

Deutlich wurde, dass die Wirtschaftswissenschaften eine Disziplin sind, in der besonders hoher Handlungsbedarf besteht. Umwelt und Nachhaltigkeit müssten eine größere Rolle spielen, so die Experten. Kontroversen gab es um die Frage, wie sich eine aktive und mitgestaltende Rolle der Wissenschaft mit dem Grundprinzip der Wissenschaftsfreiheit verträgt. Professor Peter Weingart von der Universität Bielefeld betonte, dass das deutsche Modell der Wissenschaftsfreiheit historisch gewachsen und institutionell veraltet sei. Eine Wissenschaft für Nachhaltigkeit und die Freiheit der Wissenschaft seien daher keine Gegensätze – so der Experte.

Forschung für die und mit der Gesellschaft

Der NaWis-Verbund und Ecornet begrüßen, dass sich im Wissenschaftsjahr erstmals auch Umweltverbände, Gewerkschaften, Kirchen und weitere Verbände in die wissenschaftspolitische Debatte einbrachten. Mit der Gründung der „Zivilgesellschaftlichen Plattform Forschungswende“ wollen sich die Organisationen in Zukunft für mehr Transparenz und Beteiligung in der Wissenschaftspolitik einsetzen. Außerdem fordern sie mehr Forschung und Lehre zu Nachhaltigkeitsthemen. Damit stellen sie sich auch einer Entwicklung entgegen, bei der Schwerpunkte der öffentlichen Forschungsförderung zunehmend alleine von Wirtschaft und Politik definiert werden.

Links zu Berichten über die Veranstaltung:

Schafft Wissenschaft die große Transformation? Das Wissenschaftsjahr „Zukunftsprojekt Erde/Nachhaltigkeit“ – ein Fazit

Montag, 10.12.2012
Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund
Tiergartenstr. 15, 10785 Berlin

Mit dem kalendarischen Jahr 2012 neigt sich ein Wissenschaftsjahr zum Ende, das die Bundesregierung der Forschung für die Nachhaltigkeit gewidmet hat. Unter dem Titel „Zukunftsprojekt Erde“ wurde der Beitrag der Wissenschaft für eine nachhaltige Entwicklung von Wirtschaft, Technik und Gesellschaft thematisiert.

Die Veranstaltungsreihe „Transformatives Wissen schaffen“, koordiniert von der Runde für Nachhaltige Wissenschaft (NaWis-Runde), dem Ecological Research Network (Ecornet) und anderen wissenschaftlichen Vorreitereinrichtungen der Nachhaltigkeitsforschung, hat über das Jahr hinweg in einer Reihe von Veranstaltungen über die künftige Forschungs- und Innovationspolitik im Feld der Nachhaltigkeit diskutiert.

Zu einer Bilanz der Veranstaltungsreihe lädt das Land BadenWürttemberg in Kooperation mit dem Land Nordrhein-Westfalen und den Veranstaltern der Reihe in die Berliner Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund ein.

10:30 Eröffnung

Wissenschaftsministerin des Landes Baden-Württemberg Theresia Bauer
„Wissenschaft für Nachhaltigkeit in Baden-Württemberg“

Wissenschaftsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen Svenja Schulze
Grußwort „Forschungsstrategie >Fortschritt NRW
Begrüßung und Moderation: Prof. Uwe Schneidewind, Präsident Wuppertal Institut

11:00 Zwischen Forschungsfreiheit und großer Transformation
_____Keynote
mit anschließender Podiumsdiskussion

Prof. em. Dr. Peter Weingart, Universität Bielefeld

  • Prof. em. Dr. Peter Weingart, Universität Bielefeld
  • Prof. Dr. Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft
  • Prof. Dr. Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg
  • Dr. Rainer Grießhammer, Mitglied der Geschäftsführung des Öko-Instituts
  • Dr. Brigitte Dahlbender, BUND-Landesvorsitzende Baden-Württemberg
    Moderation: Jan-Martin Wiarda (ZEIT)

    12.40 Qualitätssicherung in der Nachhaltigkeitsforschung – Kurzpräsentation eines
    _____BMU/UBA Projektes
    – Dr. Thomas Jahn, ISOE

    12.45 Mittagspause

    13.45 Rückblick auf das Wissenschaftsjahr 2012 ? Interview
    _____Prof. Dr. Uwe Schneidewind & anderer Vertreter der Nawis Runde mit Christiane Grefe
    _____(ZEIT)

    14.00 Der Beitrag der Wissenschaft zur Lösung großer Zukunftsfragen:
    guiiihiDas Beispiel Wirtschaftswissenschaften – Podiumsdiskussion

    • Prof. Dr. Ernst-Ludwig von Thadden, Rektor der Universität Mannheim
    • Ullrich Petschow, Leiter der Abteilung Umweltökonomie und Umweltpolitik, Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW)
    • Dominic Egger, Arbeitskreis Real World Economics und Student der Universität Heidelberg
    • Prof. Dr. Lambert Koch, Rektor der Universität Wuppertal
    • Prof. Dr. Angelika Zahrnt, Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung
      Moderation: Jan-Martin Wiarda (ZEIT)

    15.30 Perspektiven 2013 ? wie weiter nach dem Wissenschaftsjahr?
    _____Interview mit den Ministerinnen Theresia Bauer und Svenja Schulze
    _____Fragen stellt Christiane Grefe (ZEIT)

    & Abschlussdiskussion

    16.30 Empfang

    Anmeldung erbeten unter: wissenschaftsjahr2012@wupperinst.org
    Programm:
    121115 Programm Abschlussveranstaltung

    „Helmholtz 2020 – Zukunftsgestaltung durch Partnerschaft“ – die Helmholtz-Gemeinschaft legt ein kontroverses Positionspapier vor

    Ein Kommentar von Uwe Schneidewind

    Die Diskussion um die Weiterentwicklung der deutschen Wissenschaftslandschaft nach dem Jahr 2017 ist in vollem Gange. 2017 ist das Jahr, in dem die jetzige Exzellenzinitiative ausläuft und in den kommenden zwei bis drei Jahren wird entschieden, wie mögliche milliardenschwere Nachfolgeprogramme des Bundes ausgestaltet werden. Zu dieser Diskussion hat jetzt die Helmholtz-Gemeinschaft als die größte der nationalen Wissenschaftsgemeinschaften einen bemerkenswerten Beitrag vorgelegt. Sie versteht ihr Positionspapier „Helmholtz 2020 – Zukunftsgestaltung durch Partnerschaft“ als einen „Beitrag der Helmholtz-Gemeinschaft zur Weiterentwicklung des Wissenschaftsstandortes Deutschland.“ Dabei reklamiert sie im künftigen Wissenschaftssystem einen zentralen Führungsanspruch (S. 26/27), der schon in der ersten Reaktion von den anderen Wissenschaftsorganisationen in Deutschland kontrovers aufgenommen wurde (TAZ-Artikel).

    Das Papier der Helmholtz-Gemeinschaft leistet dabei einen durchaus wichtigen Beitrag für die Debatte über die künftige Wissenschaftspolitik: Es sensibilisiert für die Bedeutung, die die großen gesellschaftlichen Herausforderungen für die künftige Weiterentwicklung des Wissenschaftssystem haben sollten.

    Und dabei geht es nicht darum, Grundlagenforschung durch gesellschaftsbezogene Anwendungsforschung zu ersetzen. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, die Forschung in ihren unterschiedlichen Ausprägungsformen so auf gesellschaftliche Herausforderungen beziehen zu können, dass ein breites Spektrum von Lösungsmöglichkeiten in Politik und Gesellschaft entsteht. An die Seite des heute im deutschen Wissenschaftssystem relevant ausgeprägten „Science Impacts“ sollte ein stärkerer „Societal Impact“ treten. Für diese Aufgabe reklamiert die Helmholtz-Gemeinschaft einen zentralen Koordinationsanspruch für sich. Die Helmholtz-Gemeinschaft sieht sich im künftigen Wissenschaftssystem als „Architekt und Koordinator“ für diese Form der Forschung (S. 15.)

    Und genau hier liegt das Problem des Helmholtz-Anspruches: Die Helmholtz-Gemeinschaft erforscht „Systeme hoher Komplexität unter Einsatz von Großgeräten und wissenschaftlichen Infrastrukturen gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern.“ (Mission der Helmholtz-Gemeinschaft, S. 4). Damit ist die Forschungsperspektive der Helmholtz-Gemeinschaft immer in einer bestimmten Form geprägt: Wenn sich die Helmholtz-Gemeinschaft „Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft“ annimmt, dann tut sie dies aus der Perspektive technologischer und insbesondere großtechnologischer Forschung. Viele der kommenden gesellschaftlichen Herausforderungen sind jedoch sozialer und institutioneller Natur. Sie sind zunehmend auf soziale denn alleine auf technologische Innovationen angewiesen. Das macht es so sensibel, wenn die Helmholtz-Gemeinschaft einen Führungsanspruch für die Forschung zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen für sich proklamiert. Es verengt die Lösungsräume für Politik und Gesellschaft.

    Deswegen ist es von so zentraler Bedeutung, dass die Forschung zu den zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen möglichst plural organisiert wird. Es braucht eine Vielfalt von Forschungsperspektiven und eine Einbindung der Zivilgesellschaft, die über Akzeptanzbeschaffung für neue technologische Lösungen hinausgeht. Es bedarf einer wirklichen Einbindung der Zivilgesellschaft beim „Co-Design“ (d.h. bei der Definition von Problemen und Forschungsfragen) sowie bei der „Co-Production“ von Forschungsprozessen. In ihrem Papier zielt die Helmholtz-Gemeinschaft lediglich auf „Gesellschaftliche Akzeptanz als Forschungsgrundlage“, dies ist weit von einer wirklichen Beteiligung entfernt.

    Hier kommen die Hochschulen und insbesondere auch die nicht in den Großforschungsgemeinschaften organisierten außeruniversitären Forschungseinrichtungen ins Spiel. Gerade sie können eine solche Pluralität gewährleisten. Aber die Hochschulen müssen dafür die Herausforderung einer gesellschaftsorientierten Forschung noch stärker als heute annehmen.

    Die Helmholtz-Gemeinschaft versteht ihr Positionspapier explizit als Einladung zum Dialog und ermuntert andere Akteure im Wissenschaftssystem zu einer ähnlich selbstbewussten Positionierung (S. 3). Dies ist zu begrüßen, sie sollte wahrgenommen werden – nicht nur von den Hochschulen und den anderen Wissenschaftsorganisationen, sondern auch von möglichst vielen Akteuren in der Zivilgesellschaft. Denn die anstehenden Neuorientierungen im Wissenschaftssystem eröffnen die Chance, Wissenschaft näher an die großen gesellschaftlichen Herausforderungen heranzuführen statt bestehende Forschungstraditionen nur zu verlängern.

    Quellen:

    Die Beteiligung der organisierten Zivilgesellschaft am Wissenschaftsprozess – neue Anforderung an das Wissenschaftsmanagement?

    Bild Mandy Singer-Brodowski
    Wuppertal Institut für Klima, Energie und Umwelt
    bild Dr. Steffi Ober
    Projektleiterin „Forschungswende“ für die
    Vereinigung der Deutschen Wissenschaftler e.V.
    Schneidewind Prof. Dr. Uwe Schneidewind
    Wuppertal Institut für Klima, Energie und Umwelt
    Diskussionbeiträge zur Reihe Transformatives Wissen schaffen

    Wissenschaft im 21. Jahrhundert differenziert sich zunehmend aus. Sie erforscht komplexer werdende gesellschaftliche und naturwissenschaftliche Phänomene und ist aufgerufen, entscheidend zur Lösung großer Herausforderungen wie dem Klimawandel oder der Sicherstellung der Ernährung von 9 Milliarden Menschen beizutragen.

    Durch diese Orientierung an gesellschaftlichen Herausforderungen gewinnen neue Wissensformen an Bedeutung: Neben „Systemwissen“ gewinnt „Zielwissen“ und kontextspezifisches „Transformationswissen“ an Bedeutung. Ein solches „transdisziplinäres“ Wissen lässt sich nicht mehr allein im wissenschaftlichen Elfenbeinturm erzeugen. Es erfordert die enge Einbeziehung der Akteure, die Veränderungsprozesse mitgestalten.

    Aus diesem Grund gewinnt die Partizipation zivilgesellschaftlicher Akteure im Wissenschaftssystem eine besondere Bedeutung. Die Diskussion über die Energiewende zeigt dies deutlich deutlich: Technologische Innovationen mit einer nachgeschalteten Akzeptanzforschung alleine reichen nicht aus, um diese Transformation zum Erfolg zu bringen. Es gilt hier technologisches und sozialwissenschaftliches Transformationswissen zur Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderungen zu generieren.

    Deswegen fordern zivilgesellschaftliche Verbände die Beteiligung in wissenschaftspolitischen Entscheidungsprozessen zunehmend ein (Vgl. z.B. BUND-Position). Die Breite der interessierten Akteure zeigt die neu gegründete Plattform „Wissenschaftspolitik“ aus Vertretern der Kirchen, Umweltverbänden, Verbraucherschutzorganisationen und Gewerkschaften, die in den kommenden Jahren unter dem Dach der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW e.V.) organisiert wird. Der Ausschuss für Forschung und Technologieentwicklung sowie einzelne Parteien haben die Diskussion über die Beteiligung der Zivilgesellschaft im Wissenschaftssystem aufgenommen, wie ein Fachgespräch im Bundestag am 27.06. 2012 deutlich zeigte. Eine Frage bleibt jedoch: Wie wird diese Beteiligung zivilgesellschaftlicher Akteure in Wissenschaftspolitik und -praxis organisiert? Welche Anforderungen erwachsen darauf für das Wissenschaftsmanagement und für die Politik?

    Wohlwissend, dass sich hinter der „Zivilgesellschaft“ ein breites Spektrum an Organisationen und Initiativen verbringt, scheint es wichtig, sich diesen neuen Beteiligungsformen zu stellen. Dabei ist sowohl die einzelne Forscherin und Forscher gefragt als auch Wissenschaftsorganisationen als Ganzes und die Wissenschaftspolitik. Konkrete Aufgaben sind dabei z.B.:

    • die Entwicklung und Umsetzung neuer Qualitätsstandards für eine partizipative Forschung,
    • die Konzipierung gemeinsamer Forschungsdesigns,
    • die Moderation der Kommunikationsprozesse von wissenschaftlichen Partnern unterschiedlicher Disziplinen und außerwissenschaftlichen Partnern,
    • die Integration partizipativer Forschungsdesigns in der Lehre.

    Hier entsteht ein wichtiges neues Aufgabenfeld für das Wissenschaftsmanagement an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, das künftig an Bedeutung gewinnen wird.

    Transdisziplinarität zwischen Mainstream und Marginalisierung: Aufsatz in Ecological Economics von Thomas Jahn, Matthias Bergmann und Florian Keil

    Thomas Jahn, Matthias Bergmann und Florian Keil vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) sind Autoren des Artikels „Transdisciplinarity: Between mainstreaming and marginalization“ in der aktuellen Ausgabe von Ecological Economics (Volume 79, Juli 2012, S. 1–10). Das Ziel des Artikels ist es, Gemeinsamkeiten im transdisziplinären Diskurs zu finden. Basierend auf einer Analyse der wissenschaftlichen Literatur identifizierten die Autoren zunächst die Hauptmerkmale eines sich herausbildenden, geteilten Rahmenkonzepts der Transdisziplinarität. Aufbauend auf diesem Rahmenkonzept präsentieren sie ein konzeptionelles Modell, das von Wissenschaft und Wissenschaftspolitik genutzt werden kann, um verschiedene Typen von Transdisziplinarität und deren Bedarf an Integration zu charakterisieren. Zusammenfassend schlagen die Autoren eine allgemeine Definition von Transdisziplinarität vor. Der Artikel macht das die Transdisziplinaritätsdebatte seit einigen Jahren prägende ISOE-Modell für die internationale Diskussion verfügbar.

    Weitere Informationen über: Dr. Thomas Jahn/ISOE 

    Der Artikel ist erschienen in: Thomas Jahn, Matthias Bergmann, Florian Keil (2012); Transdisciplinarity: Between meinstreaming and marginalization. Ecological Economics, 79, 1-10

    Rio+20 und die Wissenschaft

    Mandy Singer-Brodowski

    Mandy Singer-Brodowski


    Wuppertal Institut für Klima, Energie und Umwelt


    Diskussionbeiträge zur Reihe Transformatives Wissen schaffen

    Die Konferenz in Rio de Janeiro vom 20. bis 22. Juni 2012 hat hunderte Delegierte aus der ganzen Welt zusammengeführt und dennoch zu wenig konkreten Ergebnissen geführt, so die einhellige Meinung von Experte_innen. Die Verabschiedung des Ergebnis-Dokumentes „Die Zukunft, die wir wollen“ wurde – im Gegenzug zu vorherigen internationalen (Klima-) Konferenzen- vorab forciert.

    Die gemeinsamen Vereinbarungen der internationalen Staatengemeinschaft im Abschlussdokument bilden den kleinsten gemeinsamen Nenner der unterschiedlichen nationalstaatlichen Interessen und umfassen im Wesentlichen:

    • die moderate Stärkung des UN-Umweltprogramms (UNEP)
    • die Formulierung von wenig konkreten Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development Goals) bis 2015 sowie ein
    • gemeinsames Bekenntnis der Staatengemeinschaft zu einem grünen Wachstum (Green Economy)

    Insbesondere am letzten Punkt hatte es bereits vor der Konferenz massive Kritik gegeben. Die zu starke Fokussierung auf das Konzept der Green Economy als scheinbar einzig mögliche Strategie zu einer global nachhaltigen Entwicklung erstickt die Diskussion um Konzepte wie Gemeingüter, Suffizienz und den Wandel von Konsum- und Lebensstilen im Keim.

    Die unzureichende Suche nach alternativen Konzepten zu einer klassischen Mainstream-Ökonomie, sowie die geringe Konkretion und Verbindlichkeit der Verhandlungsergebnisse lassen Rio+20 in den Augen vieler Expert_innen als ein Scheitern globaler Verhandlungen auf höchstem Niveau erscheinen. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU) erklärt in einer Presseerklärung, dass die internationale Staatengemeinschaft aktuell scheinbar nicht in der Lage sei „die dringend notwendige Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft in der gebotenen Geschwindigkeit und Verbindlichkeit voranzutreiben.“

    Öffentlichkeit für Pioniere des Wandels

    Trotz der ernüchternden Nachrichten aus Brasilien hat die Tatsache des 20jährigen „Jubilläums“ der Rio Konferenz von 1992 eine massive Öffentlichkeit für die Debatte über die Umgangsweisen mit globalen Herausforderungen geschaffen. Allein in Deutschland hat das Zeitfenster der Konferenz im Juni einige Ereignisse gerahmt, deren Dramaturgie für die Transformation hin zu einer Nachhaltigen Entwicklung beachtlich ist. Zentral sind dabei vor allem nicht-staatliche Akteure, die als Pioniere des Wandels selbst Impulse für die anstehenden Transformationen setzen:

    Mit dem Transformationskongress des DBG, des Deutschen Naturschutzrings und der Evangelischen Kirche am 08./09.06. in Berlin haben drei zivilgesellschaftliche Hauptakteure nach 20 Jahren parallelen Diskussionen erneut zu gemeinsamen Positionen gefunden. Soziale Gerechtigkeit und ein alternatives Wachstum waren dabei verbindende Forderungen, die auch herkömmliche Differenzen zwischen den Verbänden überbrücken konnten.

    Auf dem Stiftungstag des Bundesverbands Deutscher Stiftungen mit dem Schwerpunktthema Nachhaltigkeit vom 20.-22.06. in Erfurt sprachen sich führende Vertreter_innen großer Stiftungen für ein besonderes Engagement der Stiftung im Bereich Klimaschutz und Nachhaltigkeit aus. Diese Signale für eine noch stärkere Öffnung der Stiftungen können NGOs und Wissenschaftsprojekten aus dem Feld Mut machen, die eigenen Themen finanziell unterstützen zu lassen.

    Entscheidungen der Exzellenzinitiative am 15.06.2012 – eine erste Einschätzung aus Sicht einer gesellschaftsorientierten Wissenschaft

    Prof. Dr. Uwe Schneidewind

    Prof. Dr. Uwe Schneidewind


    Wuppertal Institut für Klima, Energie und Umwelt


    Diskussionbeiträge zur Reihe Transformatives Wissen schaffen

    Dieser Artikel als PDF

    Am
    15. Juni sind die Entscheidungen für die dritte und vermutlich letzte Runde der Exzellenzinitiative gefallen. In dieser Runde wurden 43 Exzellenzcluster, 45 Graduiertenschulen und 11 Zukunftskonzepte (gleichbedeutend mit dem umgangssprachlichen Ausweis als „Eliteuniversität“) ausgezeichnet. Bei den Auszeichnungen handelte es sich einerseits um die Verlängerung schon bestehender Cluster, Graduiertenschulen und Zukunftskonzepte als auch um Neubewilligungen. Insgesamt fließen den Gewinner-Hochschulen in den kommenden fünf Jahren insgesamt 2,7 Milliarden Euro zu.

    Der 15.06.2012 als Wegscheide eines knapp zehnjährigen Prozesses im deutschen Wissenschaftssystem

    Der 15. Juni markiert eine wichtige Wegscheide in der Entwicklung des deutschen Wissenschaftssystems. Die Exzellenzinitiative hat in den letzten knapp zehn Jahren seit Ihrem Start die strategische Ausrichtung des deutschen Wissenschafts- und Forschungssystem entscheidend geprägt. Sie hat die Konzentration auf internationale Forschungsexzellenz an den Hochschulstandorten vorangetrieben. Dabei hat sich erfreulicherweise gezeigt, dass sich solche Exzellenz über ein breites Spektrum natur-, ingenieur-, sozial- und kulturwissenschaftlicher Fächer erstreckt und Exzellenz auf viele Standorte in Deutschland verteilt ist (Insgesamt werden 39 Universitäten gefördert).
    Gleichzeitig war das hinter dem Wettbewerb liegende Exzellenzverständnis letztlich disziplinär und eng interdisziplinär geprägt – denn nur Anträge mit dieser Logik folgenden langjährigen DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft)-Erfolgen hatten überhaupt eine Chance zur Teilnahme.
    Dass darunter die verbesserte Ausrichtung des Forschungssystems an den großen gesellschaftlichen Herausforderungen litt, ist in den letzten Jahren mehrfach prominent kritisiert worden (Vgl. z.B. die Kritik des Wissenschaftlichen Beirats für Globale Umweltveränderungen WBGU). Der beabsichtigte Profilwettbewerb hat nicht zu der erhofften Ausdifferenzierung, sondern zu einer überraschenden Gleichförmigkeit der Profilierungstrategien geführt – wie eine in diesen Tagen vom Wissenschaftszentrum Berlin veröffentlichte Studie zeigt.

    Drei zentrale Herausforderungen für die kommende wissenschaftspolitische Phase: (1) Binnenentwicklung der Elitestandorte, (2) Start einer wirklichen Ausdifferenzierung, (3) Diskussion über Finanzierungsperspektiven ab 2017 mit Weitblick

    Mit dem 16.06.2012 tritt das deutsche Wissenschaftssystem in eine neue Phase ein. Diese gilt es für eine Weiterentwicklung zu nutzen, die das Wissenschaftssystem noch stärker in eine Vorreiterrolle bei der Auseinandersetzung mit den großen gesellschaftlichen Herausforderungen bringt. Drei Ansatzpunkte sind dabei zentral:

    Transformationsanalyse zum deutschen Wissenschaftssystem im Journal for Environmental Innovation and Societal Transitions

    Der in den letzten Jahren in den Niederlanden entwickelte Transition Management-Ansatz ist in den letzten Jahren angewendet worden, um Transformationsprozesse zu mehr Nachhaltigkeit in Sektoren wie dem Energie-, Agrar- oder Mobilitätssektor zu untersuchen. Uwe Schneidewind und Karoline Augenstein zeigen in einem aktuell im Journal for Environmental Innovation and Societal Transitions erschienen Beitrag auf, dass der Ansatz auch geeignet ist, die aktuellen Veränderungsprozesse zu einer nachhaltigkeitsorientierten Wissenschaft im deutschen Wissenschaftssystem zu verstehen und daraus Ansatzpunkte für künftige Strategien abzuleiten.

    Wer entscheidet über unsere Zukunft? Zur Mittelvergabe in der Forschungs- und Investitionspolitik

    Dr. Steffi Ober Dr. Steffi Ober

    NABU

    Diskussionbeiträge zur Reihe Transformatives Wissen schaffen

    Das verfassungsrechtliche Recht des Abgeordneten umfasst nicht nur das Recht im Deutschen Bundestag abzustimmen (zu beschließen vgl. Art 42, Abs:2 GG) sondern auch das Recht zu beraten (zu verhandeln vgl. Art 42.Abs.1.GG). Grundlage einer sinnvollen Beratung muss dabei eine hinreichende Information des Abgeordneten über den Beratungsgegenstand sein (vgl. BVerfGE 70, 324). Der Grundsatz der Parlamentsöffentlichkeit ist ein wesentliches Element des demokratischen Parlamentarismus. Er ermöglicht dem Bürger die Wahrnehmung seiner Kontrollfunktion gegenüber dem Parlament.1
    Meine These lautet, dass Zielsetzung und Ausrichtung der Forschungs- und Innovationspolitik der Bundesregierung ohne ausreichende Beteiligung und unter Verletzung der formalen Entscheidungswege getroffen werden.

    Eine ausreichende Beteiligung des Bundestages wäre dann gewährleistet, wenn die Abgeordneten im Vorfeld der Entscheidungen über die Ausrichtung der Forschungs- und Innovationspolitik der Bundesregierung in einen grundsätzlichen Diskurs mit einbezogen würden, wenn die Überlegungen und Konzepte des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) dem zuständigen Ausschuss zur Verfügung stünden, bevor die entsprechenden Rahmenprogramme aufgelegt werden. Ebenso gehört dazu, dass die Abgeordneten in der Lage sind, die Erfolge oder Misserfolge der Forschungsprogramme zu bewerten. Dazu müsste das BMBF eine Evaluation der Programme vornehmen und den Abgeordneten diese Daten zur Verfügung stellen. Wie soll das Parlament die Regierung kontrollieren, wenn diese keinerlei Daten zur Verfügung stellt? Eine hinreichende Information der Abgeordneten wird durch die gängige Praxis des BMBF, bildreiche und textarme Broschüren2 vorzulegen, nicht gewährleistet.

    „Skrupellose Akquise von Drittmitteln“

    Dr.WolfgangWodarg Dr. Wolfgang Wodarg

    Vorstandsmitglied 
    Transparency International

    Diskussionbeiträge zur Reihe „Transformatives Wissen schaffen“

    Mit besonderer Schärfe greift Dr. Wolfgang Wodarg in einem TAZ-Beitrag die aktuellen Entwicklungen im Wissenschaftssystem an. Eine Langfassung dieses Artikels findet sich in seinem Buch „Solidarische Bildung. Crossover: Experimente selbstorganisierter Wissensproduktion“.

    Freier Online-Zugang zur Zeitschrift GAIA

    20 Jahre GAIA – und noch immer undiszipliniert! Die umweltwissenschaftliche Zeitschrift GAIA feiert ihr 20jähriges Bestehen. Sie hat ihre Teenagerjahre hinter sich gelassen, schert sich aber noch immer nicht um disziplinäre Schranken, wenn es darum geht, nach Lösungen für Umwelt- und Nachhaltigkeitsprobleme zu suchen.

    Das Jubiläum möchte GAIA mit allen Freunden feiern und schaltet deshalb bis zum 30. April 2012 ihr gesamtes Onlineangebot auf IngentaConnect frei: alle Artikel seit der ersten Ausgabe 1992 können kostenlos heruntergeladen werden!
    http://www.ingentaconnect.com/content/oekom/gaia

    Das aktuelle erste Jubiläumsheft widmet sich dem Erbe des Erdgipfels von Rio de Janeiro: Miranda A. Schreurs, Daniel Wachter, Beate Jessel und Ulrich Brand blicken zurück und diskutieren Anforderungen an die Folgekonferenz Rio+20. Das Rio-Special „Rio+20: 20 Jahre nach dem Erdgipfel“  können Sie in der aktuellen Ausgabe von GAIA und online lesen:
    http://www.oekom.de/nc/zeitschriften/gaia/aktuelles-heft.html

    GAIA ist ISI-Zeitschrift: GAIA wird im Social Science Citation Index (SSCI) und in Current Contents/Social & Behavioral Science geführt. GAIAs aktueller Journal Impact Factor liegt bei 0,894.

    „Hochschulen für eine nachhaltige Entwicklung“ – Eine Broschüre gibt Orientierungshilfe –

    In Deutschland beginnen jedes Jahr knapp 400.000 neue Studierende an 400 Universitäten, Hochschulen und Fachhochschulen ihr Studium. Ein Ziel der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ist es, ihre Lehrpläne dauerhaft um das Konzept der Nachhaltigkeit zu bereichern.Einige Studien- und Promotionsprogramme existieren bereits. Forschung, Lehre und Betrieb der Hochschule müssen jedoch Hand in Hand gehen, wenn das Konzept ganzheitlich umgesetzt werden soll.

    Die neue Broschüre der AG „Hochschule und Nachhaltigkeit“ der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung zeigt deshalb nicht nur die akademische Leistungsfähigkeit verschiedener Initiativen auf, sondern nennt auch hilfreiche Quellen, Netzwerke und Beispiele aus dem Alltag, etwa in den Bereichen Energieeffizienz und Klimaneutralität.

    Sie bietet außerdem eine Checkliste, die es erleichtert, eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie in Hochschulen zu implementieren: Wie viele Schritte auf dem Weg zu einer verantwortungsbewussten und nachhaltigeren Hochschule wurden schon zurückgelegt? Welche weiteren Schritte können gegangen werden? Wie kann das Nachhaltigkeitsengagement sichtbarer gemacht werden?


    Ein kleiner Einblick aus der Broschüre:

    STUDIERENDE FÜR NACHHALTIGKEIT AN HOCHSCHULEN

    Für eine Hochschullandschaft in nachhaltiger Entwicklung!

    Forderungspapier des Netzwerks studentischer Nachhaltigkeitsinitiativen


    FORSCHUNG FÜR EINE NACHHALTIGE ENTWICKLUNG

    Nachhaltigkeitsforschung: Was können Hochschulen tun?


    LEHRE FÜR EINE NACHHALTIGE ENTWICKLUNG

    Ansatzpunkte in Studium und Lehre


    Die Virtuelle Akademie Nachhaltigkeit

    Ein Angebot innovativer Lehrveranstaltungen für eine nachhaltige Entwicklung


    GEMEINSAME ERKLÄRUNG

    Hochschulen für nachhaltige Entwicklung ?
    Erklärung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) zur Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung


    BETRIEB DER HOCHSCHULE

    Nachhaltige Entwicklung im Betrieb der Hochschulen


    NACHHALTIGE WISSENSCHAFT IM NETZ

    Blog Nachhaltige Wissenschaft


    PROFILBILDUNG UND NETZWERKE FÜR EINE NACHHALTIGE ENTWICKLUNG

    Heraus aus der Nische ? 
    Profilbildung und Netzwerke als Katalysatoren für die Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems


    EIN BUNDESLAND UNTERSTÜTZT SEINE HOCHSCHULEN

    Hochschulen als Antreiber für nachhaltige Entwicklung


    TRANSDISZIPLINÄRE FORSCHUNG

    Hochschulen und nachhaltige Entwicklung in der Region


    NACHHALTIGKEITSBEWERTUNG

    Nachhaltigkeitsbewertung von Hochschulen


    NACHHALTIGKEITSSELBSTTEST

    Nachhaltigkeit in der Hochschule: Ein Konzept für die interne Selbstüberprüfung

    Skizzenblätter für den ersten Selbsttest

     

    BUND legt wissenschaftspolitisches Positionspapier vor – Forderung nach einer „Nachhaltigkeitsmilliarde“

    Der größte deutsche Umweltverband BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) hat heute in Berlin ein wissenschaftspolitisches Positionspapier vorgelegt. Passend zum Wissenschaftsjahr „Nachhaltigkeit/Zukunftsprojekt Erde“ bringen sich damit die Umweltverbände aktiv in die Debatte über die künftige Forschungs- und Wissenschaftspolitik ein.

    Seine Forderung bringt der BUND dabei auf die prägnante Formel einer „Nachhaltigkeitsmilliarde“, d.h. das Ziel, eine Milliarde Euro für eine gesellschaftsorientierte Forschung zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsfragen umzuwidmen. Der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger griff in der heutigen Pressekonferenz die Engführung im Wissenschaftssystem durch die zu starke Drittmittel-, Technik- und disziplinäre Exzellenzorientierung auf und machte deutlich, dass es hier eine konsequente Umsteuerung braucht.

    Das Positionspapier des BUND ist in mehrfacher Hinsicht beachtenswert:

    o Es liefert eine sehr gute Analyse der aktuellen Defizite im Wissenschaftssystem und schließt dabei u.a. an die bestehenden Kritiken z.B. des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen (WBGU) aus dem letzten Jahr an.

    o Mit diesem Schritt des BUND tritt ein weiterer wichtiger zivilgesellschaftlicher Akteur in der wissenschaftspolitischen Debatte auf. Dies nährt die Hoffnung einer künftig breiteren und pluralistischer getragenen Wissenschaftspolitik.

    o Die Formel der „Nachhaltigkeitsmilliarde“ ist im Positionspapier mit eine Reihe an innovativen Vorschlägen hinterlegt. Es wird deutlich, dass die auf den ersten Blick ehrgeizig wirkende Größenordnung durchaus erreichbar ist.

    Die Pressemeldung des BUND findet sich hier.

    Das Positionspapier des BUND kann heruntergeladen werden unter: www.bund.net/pdf/nachhaltige_wissenschaft

    Sammelband „Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung!“ erschienen

    Mit dem Buch „Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung! – Multiperspektivische Beiträge zu einer verantwortungsbewussten Wissenschaft“ möchte die StudierendenInitiative Greening the University e.V. den Diskurs über die Rolle und Bedeutung von Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung weiter voranbringen.

    Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung! – Dieser Ausruf soll Zweifaches bedeuten: Mit Bezug auf das normative Leitbild der nachhaltigen Entwicklung werden die Wissenschaften in die Pflicht genommen und aufgefordert, sich gemäß den Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung auszurichten. Zugleich drückt dieser Ausruf aus, dass die Wissenschaften selbst aktiv ihre Verantwortung wahrnehmen und ihren Beitrag zur Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung leisten wollen.

    Der Sammelband setzt hierbei drei Schwerpunkte. Die Beiträge tragen erstens zum Verständnis des Leitbildes der nachhaltigen Entwicklung bei. Zweitens fragen sie, wie sich das Wissenschaftssystem verändern muss, um auf die Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung antworten zu können. Drittens wird aus der Perspektive verschiedener Disziplinen thematisiert, welchen Beitrag Hochschulen in Lehre und Forschung zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten können.


    Herausgegeben von der
    StudierendenInitiative Greening the University e.V., Tübingen
    Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung!
    Multiperspektivische Beiträge zu einer verantwortungsbewussten Wissenschaft

    447 Seiten | 29,80 EUR
    978-3-89518-823-7 (Dezember 2011)
    http://www.metropolis-verlag.de/Wissenschaft-fuer-nachhaltige-Entwicklung!/823/book.do

    Europäische Geistes- und Sozialwissenschaftler fordern in offenen Brief an Forschungskommissarin Maire Geoghegan-Quinn eine stärkere Berücksichtigung der Sozialwissenschaften im 8. Forschungsrahmenprogramm

    In einem offenen Brief an Forschungskommissarin Maire Geoghegan-Quinn fordern über 20.000 europäische Geistes- und Sozialwissenschafter(innen) eine stärkere Berücksichtigung der Geistes- und Sozialwissenschaften im kommenden 8. Forschungsrahmenprogramm. So waren im 7. Rahmenprogramm vom Gesamtvolumen von 55 Mrd. Euro nur ein gutes Prozent (600 Mio. Euro) für die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung vorgesehen. Gerade wenn die „Grand Challenges“ (d.h. die großen gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts wie Klimawandel, Energieversorgung, Gesundheit, …) neben der Exzellenzforschung sowie der Förderung von Schlüsseltechnologien im 8. Forschungsrahmenbprogramm die zentrale dritte Säule der Förderung darstellen, so ist dies ohne eine umfassende Berücksichtigung sozial- und geisteswissenschaftlicher Forschung nicht möglich.

    Weitere Informationen zum offenen Brief und der Liste der Unterzeichner(innen) sowie der den Brief unterstützenden Netzwerke finden sich unter: http://www.eash.eu

    Heute Petition gestartet zum Forderungspapier: Für eine nachhaltige Hochschullandschaft (Netzwerk studentische Nachhaltigkeitsinitiativen)

    Liebe Leserinnen und Leser,

    im letzten Dezember haben sich in Berlin verschiedene studentische Nachhaltigkeitsinitiativen mit Unterstützung der AG Hochschule und der UNESCO getroffen, um dort über „Hochschulen und Nachhaltigkeit“ zu diskutieren und daraus Forderungen und Wünsche abzuleiten.
    Das Ergebnis ist ein Forderungskatalog, der auszugsweise am darauffolgenden Tag auch bei der Tagung „Hochschulen für nachhaltige Entwicklung“ vorgestellt wurde.

    Nun liegt er final zum download vor.
    Weiterhin haben wir nun die Projektwebseite www.nachhaltige-hochschulen.de eingerichtet, auf der wir ab heute zum Unterzeichnen einer Petition zum Forderungspapier aufrufen. Die Form der „Petition“ hat unter anderem zum Ziel, zu zeigen, wie viele Menschen und welche Zielgruppen sich für eine nachhaltige Entwicklung an Hochschulen interessieren/diese unterstützen.

    Wir hoffen, dass auch Sie, liebe LeserInnen dieses Blogs, den Wunsch nach größerem Engagement für eine nachhaltigere Hochschulandschaft teilen und deshalb unsere Petition zeichnen.

    Herzlichen Dank im Namen der Nachhaltigkeitsinitiativen

    Steffi Wölfle von der Initiative für Nachhaltigkeit

    Für die „große Transformation“ muss sich das Wissenschaftssystem neu aufstellen – Beitrag von Uwe Schneidewind

    In der „aktuellen Kolumne“ des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) liefert Uwe Schneidewind unter dem Titel „Für die „große Transformation“ muss sich das Wissenschaftssystem neu aufstellen“ eine Analyse der wissenschaftspolitischen Konsequenzen aus dem aktuellen Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates für Globale Umweltveränderungen (WBGU).

    Kann man nachhaltige Entwicklung durch Forschung fördern? Thesen zu Rolle und Aufgaben der Forschungsförderung – Beitrag von Peter Moll

    Auf der SAGUF-Tagung „Welche Forschung führt aus der Krise“ am 07.06.2011 in Bern hat Peter Moll einen Vortrag zu Rolle und Aufgaben der Forschungsförderung im Kontext Nachhaltiger Entwicklung gehalten. Der Vortrag findet sich zum Download am Ende dieses Beitrages.

    Peter Moll koordiniert die EU-Initiative RD4SD (Research and Development for Sustainable Development), in der derzeit die nachhaltigkeitsorientierten Förderanstrengungen von Wissenschaftsministerien in insgesamt 18 europäischen Ländern diskutiert und Perspektiven für künftige Förderstrategien entwickelt werden.

    In der Diskussion spielt dabei zunehmend die Forderung nach einem „3-Säulen-Modell“ eine zentrale Rolle. Neben die beiden Pole „Grundlagenforschung“ und „Anwendungsforschung“ sollte konsequent eine Ziel-orientierte Forschung gestellt werden (vgl. die Abbildung zum 3-Säulen-Modell).

    110706-Moll-Saeulenmodell

    Abb: 3-Säulenmodell der Forschungsförderung. Quelle: Moll 2011

    Neben eine „Forschung über“ tritt eine „Forschung für“ (in diesem Fall für Nachhaltige Entwicklung). Damit greift Moll Forderungen auf, wie Sie auch der WBGU in seinem aktuellen Hauptgutachten formuliert hat. Eine solche 3. Säule könnte vermeiden, dass entsprechende transdisziplinäre Forschungsansätze weiterhin zwischen dem Raster von „Grundlagenforschung“ einerseits und „Anwendungsforschung“ andererseits hindurchfallen, handelt es sich bei vielen der hier beschriebenen Forschungsansätze (wie z.B. bei der vom WBGU eingeforderten „Transformationsforschung“) häufig um eine „anwendungsorientierte Grundlagenforschung“.

    Peter Moll ist für Rückfragen und Kommentare unter der E-Mail-Adresse moll@science-development.de zu erreichen.

    Die Folien zum Vortrag von Peter Moll stehen hier zum Download bereit:

    110607-SAGUF-Vortrag-Moll

    Institutionen für eine transformative Forschung – GAIA-Beitrag zur Konstituierung der NaWis-Runde

    In der aktuellen Ausgabe 2/2011 der Zeitschrift GAIA ist der Beitrag (Download siehe unten) „Institutionen für eine transformative Forschung – zur Gründung der NaWis-Runde“ von Uwe Schneidewind, Andreas Ernst und Daniel Lang erschienen. Der Beitrag zeigt die Notwendigkeit institutioneller Veränderungen im Wissenschaftssystem auf, um den Anforderungen einer Nachhaltigen Entwicklung gerecht zu werden – ähnlich wie dies gerade der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) in seinem aktuellen Hauptgutachten eingefordert hat. Mit der NaWis-Runde, die von den Universitäten Kassel und Lüneburg sowie dem Wuppertal Institut initiiert wurde und die seit 2011 der deutsche Träger der Zeitschrift GAIA ist, soll dazu ein Beitrag geleistet werden.

    Der GAIA-Beitrag steht hier zum Download bereit: 110614-GAIA-NaWis-definitiv mit Titelblatt

    WBGU-Hauptgutachten zur „großen Transformation“ jetzt im Volltext verfügbar – eine erste Einschätzung der wissenschaftspolitischen Analyse

    Seit dieser Woche liegt die Vollfassung des WBGU (Wissenschaftlicher Beirat für Globale Umweltveränderungen)-Hauptutachtens „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ vor. Anfang April hatte der WBGU die Entscheiderzusammenfassung präsentiert und der Bundesregierung (Forschungsministerin Schavan und Umweltminister Röttgen) übergeben. Schon dort waren insbesondere die wissenschaftspolitischen Empfehlungen und die Forderung nach einer verstärkten „Transformationsforschung“ sowie einer „transformativen Forschung“ bemerkenswert (vgl. den Blogeintrag vom 09.04.11). Im Hauptgutachten umfassen die wissenschaftspolitschen Forderungen rund 40 Seiten (S. 342 ff.) und gehen in Analyse und abgeleiteten Konsequenzen nochmals über die Ansätze in der Zusammenfassung hinaus. In dieser Deutlichkeit wurden bisher von keinem umwelt- und nachhaltigkeitspolitischen Beratergremium der Bundesregierung wissenschaftspolitische Konsequenzen eingefordert.

    Im folgenden findet sich eine Zusammenfassung zentraler Inhalte des wissenschaftspolitischen Teils des WBGU-Gutachtens:

    Neuer Vertrag zwischen Wissenschaft und Gesellschaft
    Wie erstmals im „Potsdam Memorandum“ 2007 formuliert, fordert auch das WBGU-Gutachten einen neuen „Vertrag zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“: „Ein solcher Vertrag hätte eine stärkere Verzahnung zwischen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten und dem gesellschaftlich formulierten Bedarf an Wissen für eine Transformation in Richtung klimaverträgliche Gesellschaft zur Folge.“ (S. 342 des Gutachtens). Ausgangspunkt für diese Forderung ist die umfassende Analyse bestehender europäischer und insbesonderer deutscher Forschungsprogramme (S. 360 ff.), die zeigt, dass diese notwendige Verzahnung bisher nicht existiert. Dabei macht der WBGU deutlich, dass die Forderung nach transformativer Forschung nicht die Grundlagenforschung und die klassische disziplinäre Forschung oder gar die Wissenschaftsfreiheit ablösen soll. Jedoch ist in seinen Augen eine stärkere Ausrichtung künftiger Forschung auf die bestehenden gesellschaftlichen Herausforderungen notwendig (S. 345).

    Kriterienraster für eine künftige transformative Forschung – klare Anforderungen an Ziele, Struktur und Ergebnisse von guter transformativer Forschung
    Der WBGU formuliert klare Kriterien für die notwendige transformative Forschung (vgl. Tab. 8.1.2 auf S. 361 des Gutachtens). Diese umfassen die Ziele (Klimaverträglichkeit als Ziel der Forschung? Einbettung in einen umfassenderen Nachhaltigkeitskontext?), die Struktur (Interdisziplinarität, gesellschaftliche Relevanz, Transdisziplinarität, Beschleunigung, internationale Reichweite) sowie die Ergebnisse (Technologische und soziale Innovationen, Verbreitungsbedingungen von Innovationen, Politische Strategien).

    Bisherige Forschungsprogramme auf EU- und Bundesebene lösen die Anforderungen an eine transformative Forschung nur unreichend ein – zu disziplinär, zu technologie-orientiert
    Das Gutachten analysiert auf der Grundlage des o.g. Kriterienrasters sehr umfassend die Forschungsprogramme auf EU-Ebene (Grünbuch 2007 des Europäischen Forschungsraumes, Kooperationsprogramm im 7. EU Forschungsrahmenprogramm, das Joint Programming, die Joint Technology Initiatives sowie das European Institute of Technology EIT mit seinen Knowledge Innovation Clustern (KICs)) sowie auf Bundesebene (Übergreifende Programme wie die Hightec-Strategie der Bundesregierung, die Nationale Forschungsstrategie Bioökonomie, das Rahmenprogramm Forschung für eine Nachhaltige Entwicklung (FONA), die sozial-ökologische Forschung und den Pakt für Forschung und Innovation sowie spezifische Forschungsprogramme in den Bereichen Energie, Urbanisierung und Landnutzung).

    Das Ergebnis der Analyse fällt fast überall ähnlich aus (vgl. auch Gesamtfazit S. 370 f.): Klimaverträglichkeit ist häufig ein Ziel, steht aber nur nebenrangig neben ökonomischen Zielen. Interdisziplinarität wird in vielen Programmen proklamiert, aber nur selten systematisch eingelöst. Fast alle Programme bleiben stark technologisch orientiert, soziale und kulturelle Innovationen spielen kaum eine Rolle. Die wenigen wirklichen transformativen Forschungsprogramme (z.B. in der Stadtforschung oder der sozial-ökologischen Forschung) sind im Vergleich zu anderen Programmen äußerst gering finanziell ausgestattet.

    Ableitung eines umfassenden Maßnahmenkataloges
    Aus seiner Analyse leitet der WBGU eine große Zahl an Empfehlungen für die künftige Wissenschaftspolitik ab (S. 380f.). Diese umfassen sowohl Forderungen an neue Forschungsprogramme als auch viele interessante institutionelle Vorschläge (wie z.B. die Einrichtung einer Transformations-Bundesuniversität, mehr partizipative Forschungsformen, die Einrichtung von „Low Carbon Business Schools“ (S. 382), von transformationsrelevanten Sabbaticals oder der Einführung eines freiwilligen Gesellschaftsjahres „Bildung und Wissenschaft“). Viele dieser im Gutachten nur kurz skizzierten Vorschläge bieten ein interessantes Potenzial für die konkrete wissenschaftspolitische Gestaltung.

    Viele weitere bemerkenswerte Elemente im Gutachten: Anreizsysteme im Wissenschaftssystem, partizipative Wissenschaft, …
    Die Lektüre des Wissenschaftsteils im WBGU-Gutachten lohnt auch aufgrund vieler weiterer interessanter Analysebausteine: z.B. die klare Analyse „falsch ausgerichteter Anreizsysteme“ im Wissenschaftssystem (S. 373), die das inter- und transdisziplinäre Arbeiten für Wissenschaftler sehr erschwert. Die Skizze der bestehenden Beispiele einer „partizipativen Forschung“ ist ebenfalls äußerst lesenswert (S. 378 ff.). Hier werden Beispiele wie die Projekte „Reef Check“ oder das „Evoluation Megalab“ dargestellt, die heute schon deutlich machen, wie die Zivilgesellschaft aktiv in Wissenschaftsprozesse eingebunden werden kann.

    Fazit: Die „große Transformation“ erfordert auch eine Transformation des Forschungs- und Wissenschaftssystems. Diese muss langfristig ausgelegt sein (S. 344) und „Experimentierräume“ (S. 342) auch für eine neue Forschung schaffen. Wie dies aussehen kann, dafür legt der WBGU einen umfassenden Maßnahmenkatalog vor. Es ist zu hoffen, dass dieser von der Wissenschaftspolitik auf europäischer, nationaler und Länderebene aktiv aufgenommen wird.


    Starkes Plädoyer für eine transformative Forschung im neuen WBGU-Gutachten zur „Großen Transformation“

    Am 07. April hat der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung (WBGU) sein Hauptgutachten „Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation“ der Bundesregierung überreicht sowie auf einer Tagung in der Akademie Tutzing umfassend vorgestellt und diskutiert. Bisher liegt nur die knapp 30-seitige „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ vor (Download hier). Die Vollfasssung des Gutachtens (die ursprünglich für den 22.03.2011 geplant war) wird aufgrund der Ereignisse und politischen Entscheidungen in Folge der Reaktorkatastrophe in Fukushima erst in einigen Wochen verfügbar sein.

    Das Gutachten zeichnet insgesamt die Epochenherausforderung der Transformation zu einer globalen Nachhaltigen Gesellschaft eindrucksvoll nach und übersetzt diese in differenzierte Strategien. Dabei gefällt die sozial- und kulturwissenschaftlich aufgeklärte Herangehensweise, in die die technologischen, politischen und ökonomischen Transformationspfade eingebettet sind.

    Aus der Perspektive einer „Nachhaltigen Wissenschaft“ ist besonders bemerkenswert, welch starker Stellenwert einer Veränderung im Wissenschaftssystem beigemessen wird, um die anstehenden Transformationsaufgaben zu bewältigen (vgl. S. 22 f. der Zusammenfassung). Der WBGU fordert ein „transformatives Quartett“ der Wissensgesellschaft.

    WBGU-transformatives-Quartett

    Das „transformative Quartett der Wissensgesellschaft“
    Quelle: WBGU (2011), S. 23 (Zusammenfassung des Hauptgutachtens)

    Dabei geht es ihm sowohl um eine Transformationsforschung, das heißt eine Forschung, die Zusammenhänge von umfassenden gesellschaftlichen Transformationsprozessen versteht als auch um eine transformative Forschung, d.h. eine Forschung die transformative Prozesse aktiv befördert. Faktisch wird hier das Programm einer transdisziplinären Nachhaltigkeitswissenschaft skizziert. Im Hauptgutachten werden diese Forderungen für einzelne Disziplinen (wie z.B. die Rechtswissenschaften) durchdekliniert.

    Der WBGU macht zudem konkrete institutionelle Vorschläge: Neben einer systematischen Evaluation der bisherigen Forschungsprogramme empfiehlt er u.a. die Einrichtung einer Bundesuniversität (S. 26), die „schwerpunktmäßig Forschung und Bildung für die Transformation zur Nachhaltigkeit betreibt“ sowie eine Runde der Exzellenzinitiative, „vollständig zum Thema Forschung im Kontext der Transformation für eine Ressourcen schonende, nachhaltige und lebenswerte Gesellschaft auszuschreiben“.

    Krisen öffnen Augen ? ein Blick auf den wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs in Indien: Perspektiven für eine nachhaltige Entwicklung in der Wissenschaft?

    Die Länder der sog. Dritten Welt sind in besonderem Maße von den negativen Auswirkungen verantwortungsloser, wirtschaftlicher Verwertungslogik betroffen, die sich verstärkt auch im Bildungssektor bemerkbar macht. Zwar ist nicht abzustreiten, dass auch die hiesige Wissenschaft kritische Stimmen und Theorien zulässt und teils auch fördert, der Grundtenor von Effizienz und Verwertbarkeit ist jedoch nicht zu überhören.
    Kaum verwunderlich dürfte daher sein, dass Länder, in denen dieses System die existenziellen Grenzen von Menschen antastet, der Diskurs über alternative, normative Prämissen umso stärker ausgeprägt ist.

    Südamerika und Indien stellen hier wohl die prominentesten Vertreter dar, aber auch islamische Länder weisen ein grundsätzlich anderes Verständnis von Wissenschaft auf, wenn auch mit anderer Motivation. Vergessen sei an dieser Stelle aber nicht, dass auch in diesen Ländern viele Universitäten sich dem globalen, technologischen Innovationswettbewerb verschrieben haben.

    Eine diskursive Trias von Sozialismus, islamischer Ökonomie und Neoliberalismus lässt sich gut in den verschiedenen Ausrichtungen der Wirtschaftswissenschaften in Indien beobachten. Einige Universitäten, insbesondere im Bundesstaat Kerala, aber bspw. auch die Jawaharlal University in Neu Delhi verfolgen eine stark sozialistisch geprägte Linie, Tendenzen zur islamischen Ökonomie finden sich besonders im Norden in Staaten mit einem hohen Anteil der muslimischen Bevölkerung. Das neoklassische Dogma der perfekten Berechenbarkeit findet insbesondere in den großen, international renommierten Universitäten seinen Platz. Und je nach dem welche normative Zielsetzung man zugrunde legt und die hierzu entsprechenden Zahlen benutzt, findet jede dieser Denkschulen ihre Legitimation.
    Unter Berücksichtigung sozialer Kriterien wie Kindersterblichkeit, Lebenserwartung oder Bildungsgrad kann die sozialistisch orientierte Politik Keralas im landesweiten Vergleich eine sehr gute Bilanz ziehen. Die Neoklassiker sehen ihre Bestätigung in den hohen Wachstumsraten des BIP. Islamische Ökonomen berufen sich auf die Stabilität islamischer Finanzinstitutionen in der Finanzkrise.
    Amartya Sen, der 1998 für seine Arbeiten zu Wohlfahrtsökonomie und seine Theorien zu wirtschaftlichen Entwicklung und zu Lebensstandard den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, mag wohl das bekannteste Beispiel dafür sein, wie wichtig ein Blick über die starren, disziplinären Grenzen einer Wissenschaft sein kann. Er studierte Wirtschaft und Philosophie und konnte die sozialen Realitäten in Indien bzw. Bangladesch hautnah miterleben. Dies alles mag seinen Beitrag dazu geleistet haben, dass er ein erweitertes Verständnis von Wirtschaft entwickelte, das eine tiefergehende Dimension als das Messen monetärer Werte umfasst. Maßgeblich wirkte er beispielsweise auch an der Erarbeitung des Human Development Index mit.

    Im Hinblick auf die ?Nachhaltigkeit? in der Wissenschaft ist spannend, mit welcher Offenheit die Diskussion über diese Denkrichtungen und deren zugrunde liegenden normativen Prämissen geführt wird, da keine der ökonomischen Schulen in einem Monopolanspruch überzeugend ist.
    In Ländern wie Indien stoßen die perfekt konstruierten, modellhaften Systeme unübersehbar an ihre Grenzen. Die islamische Ökonomie ist vielleicht sogar die nachhaltigste, da sie ihre Prämissen ständig neu von einer islamischen Rechtsinstanz bewerten lässt. Allgemeine Gültigkeit wird dies für den weit größeren Hindu-Anteil in der Bevölkerung jedoch kaum suggerieren. In Kerala geht es den Menschen zwar gut, aber nur so lange der Strom der Gelder gut gebildeter, keralischer Gastarbeiter in den Golfstaaten ins Land strömt. Global ?wettbewerbstauglich? sind die Keraler mit ihren starken Gewerkschaften nämlich kaum. Verfechter des freien Marktes sehen sich rekordverdächtigen Selbstmordstatistiken verarmter Bauern, einem verkümmernden Agrarsektor im Angesicht schwankender Weltmarktpreise und gesunkenen Reallöhnen gegenüber. Klima- und Ressourcenproblematik kommen hinzu. Derartige Bedingungen fördern auf natürliche Weise den Diskurs.

    Krisen, wie die Finanz- und die androhende Klimakrise, sollten auch bei uns dazu beitragen, den Diskurs über normative Grundkonzeptionen von Wissenschaft neu zu eröffnen und nie wieder zu schließen. Aber wahrscheinlich ist das ein nur zu menschliches Phänomen: solange es gut läuft, hat die Wissenschaft recht und Kritiker werden müde belächelt.
    Hier liegt die große Herausforderung einer wirklich nachhaltigen Wissenschaft: Stete Entwicklung durch immer wiederkehrenden kritische Reflexion des eigenen Tuns.
    Ein Argument für mehr Ethik in den Wissenschaften!

    Exzellenz und Nachhaltigkeit – eine kleine Nachlese der Vorentscheidung der dritten Runde der Exzellenzinitiative

    Die Universität Hamburg konnte sich mit ihrem Zukunftskonzept der Nachhaltigen Universität in der Exzellenzinitiative leider nicht durchsetzen. Der Blick auf die sonstigen Entscheidungen der ersten Auswahlrunde der Exzellenzinitiative am 02.03.2011 läßt aber einzelne Ansätze einer an Transdisziplinarität und Nachhaltigkeit ausgerichteten Forschung erkennen.
    Insbesondere zeigt es sich, dass Themen wie Ressourcenknappheit, Global Governance und Klimawandel vor den Türen der Universitäten nicht Halt machen.

    Ein interessantes Konzept verfolgt die TU München, die mit der Idee einer Graduiertenschule für „Risk and Security“ antritt, die sich bewusst einer disziplinären Eingrenzung entzieht. Für ein tiefgreifendes Verständnis des komplexen Phänomens des Risikos sei es unumgänglich aus jedem Blickwinkel die einzelnen Facetten der Thematik zu betrachten. Das Graduiertenkolleg soll Doktoranden und Wissenschaftlern aller Fachrichtungen als Ansprechpartner für Fragen der Risikoforschung dienen. Hierbei wird auch explizit eine thematische Brücke der Bedeutung eines tiefgehenden Verständnisses von Risiko im Rahmen nachhaltiger Forschung geschlagen.

    Rein inhaltlich dürfte auch die angestrebte Graduate School of Social Science der Universität Bamberg für eine nachhaltige Wissenschaft von hohem Interesse sein. Sie widmet sich der Erforschung des Wandels von Governancestrukturen, der Herausbildung von Institutionen und der Ausprägung individuellen bürgerlichen Engagements im transnationalen Kontext widmet.

    Bereits im Titel spiegelt sich der Nachhaltigkeitsbezug eines Graduiertenprogramms der HU Berlin wieder: „FutureLand Graduate School – The Transformation of Land Use to Sustainability“. In einer interdisziplinären Forschung von Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften sollen Lösungsstrategien für globale Herausforderungen im Angesicht von Klimawandel, abnehmender Biodiversität und zunehmender Landnutzungsintensität gefunden werden.

    Nicht nur bei den Graduiertenschulen, sondern auch bei den in der ersten Runde erfolgreichen Exzellenzcluster finden sich vielversprechende Ansätze. So tritt die Universität Mainz mit einem Cluster an, der sich der Erforschung des „Anthropozän“ als neuem Erdzeitalter widmet. Es geht um die Untersuchung natürlicher Elementzyklen und geologischer Prozesse unter der Einflussnahme des Menschen.

    Den Governance-Veränderungen im globalen Kontext widmet die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt Oder ein Exzellenzcluster: Unter dem Titel „B/ODERS IN MOTION“ solle eine Forschung etabliert werden, die sich den sozial-, kultur-, wirtschafts- und rechtswissenschaftlichen Implikationen der zunehmenden Diffusion nationaler Grenzen widmet. Diese Programm dürfte interessant sein hinsichtlich globalpolitischer Steuerungsmöglichkeiten zur Bekämpfung von nachhaltigkeitsrelevanten Krisen.

    Auch bei den Exzellenzclustern bewegt sich die TU München im Themenfeld Nachhaltigkeit: Electro Mobility beyond 2020 ist ein multi- und interdisziplinäres Forschungskonzept, das den Herausforderungen einer zukunftstauglichen Mobilität begegnet: technologisch orientierte Forschung elektrischer Antriebe und neuer Speichertechnologien, jedoch mit dem Fokus auf die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, die Problemen von Stromnetzwerken und Speicherbegrenzungen auch auf nicht-technischem Wege begegnen.

    „Resarch – Relevance – Responsibility“ heißt die Idee mit der die Universität Tübingen als Anwärter auf den Rang einer künftigen Eliteuniversität verbleibt. Durch die Einrichtung eines Zentrums für angewandte Wissenschaften soll der Bezug der Wissenschaften zur Realität bestärkt werden. Forschung und Lehre sollen auf diese Weise dahin gelenkt werden, dass sie Absolventen den verantwortungsbewussten und vor allen Dingen weltbezogenen Umgang mit ihrem Wissen vermitteln.

    All dies sind Entwicklungen, die hoffnungsfroh stimmen könnten: Realitätsbezüge, Verantwortung und Zusammenarbeit jenseits disziplinärer Grenzen scheinen in der kommenden Runde der Exzellenzinitiative möglich zu sein.

    „Hochschule und Nachhaltigkeit – Eine kritische Bestandsaufnahme“ – zu einem Beitrag von Maik Adomßent auf dem Treffen der AG Hochschule am 03.03.11 in Essen

    Mit Blick auf vielversprechende Bekenntnisse und Initiativen zu einer nachhaltigen Entwicklung (NE) in den vergangenen Jahren stellt berechtigterweise die Frage: Was hat sich getan im deutschen Hochschulwesen?

    Maik Adomßent, Mitglied im Institut für Umweltkommunikation an der Leuphana-Universität in Lüneburg, unterzog den Komplex „Hochschule und Nachhaltigkeit“ kritisch einer Bilanz.
    Ausgangspunkt stellte eine mittlerweile fünf Jahre alte Bestandsaufnahme dar. Für damals galt festzuhalten, dass sich nur sehr vereinzelt in der Bildungslandschaft innovative Beispiele in Forschung und Lehre finden ließen. Nach der Unesco-Weltkonferenz „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ vom Frühjahr 2009 und einer gemeinsamen Erklärung „Hochschulen für nachhaltige Entwicklung“ von der deutschen Unesco-Kommission und der Hochschulrektorenkonferenz bleibt zu fragen, wo diese Impulse Niederschlag im hiesigen Hochschulsystem gefunden haben.

    Maik Adomßent stellte erfolgreiche Beispiele aus der Praxis vor und leitete über in eine strategische Diskussion über, die sich Problemen und weiterem Vorgehen im Forcieren einer nachhaltigen Entwicklung (NE) im Hochschulsektor widmete.

    Postulierte Leitbilder klingen zwar beim ersten Hören nach viel, aber gilt es Hochschulen hinsichtlich einer NE zu bewerten, sollte man den Blick auf das Wirken in der Praxis lenken. Die Fachhochschule Eberswalde stellt ein gutes Beispiel dar, wie Wort und Tat in Einklang gebracht werden können. Sie benannte sich zur „Hochschule für nachhaltige Entwicklung“ um und übertrug dieses Prinzip auch konsequent auf das eigene Handeln. Tagungen in Berlin und Bremen im vergangenen Jahr zeugen davon, dass das Interesse an nachhaltiger Entwicklung im Hochschulsektor längst kein Nischendasein mehr führt. Auch Studierende werden verstärkt aktiv: so stellte ein Gruppe studentischer Nachhaltigkeitsinitiativen auf der Berliner Tagung im Dezember einen Forderungskatalog vor. Die Bewerbung der Universität Hamburg bei der Exzellenzinitiative mit dem Zukunftskonzept einer „Nachhaltigen Universität“, die wiederaufgenommenen Aktivitäten der COPERNICUS-Alliance sowie die zunehmende Resonanz des Webblogs „Nachhaltige Wissenschaft“ zeugen von dem Schwung, der in den vergangenen Jahren in die Debatte gekommen ist.
    Konstatieren lässt sich, dass die Entwicklungen im Bereich der Lehre durchaus mit vorsichtigem Optimismus zu beobachten sind. Nachdem die Lehre hier in kleinen Schritte vorangeht, verbleibt jedoch die Frage: Wo spiegelt sich dieser Trend in der Forschung wieder? Nur sehr vereinzelt finden sich hier Ansätze.
    Die Leuphana Universität in Lüneburg gilt wohl als prominentestes Beispiel für hochschulische Forschung im Bereich der Nachhaltigkeit. Weitere Beispiele nachhaltiger Forschung finden sich eher im außeruniversitären Sektor, wie beispielsweise am Potsdamer Institute for Advanced Sustainability Studies.

    Als roter Faden durch diese Debatten zieht sich die Frage, welche Rolle der Politik beim Fördern einer NE im Hochschulbereich spielen kann und wie die Akteure selbst politisch Einfluss nehmen können. Forderungskataloge großer Verbände stellen ein effizientes Mittel dar, um der Lobby der Nachhaltigen Wissenschaft den Rücken zu stärken. Akzente zu setzen, ist jedoch auch über Forschungsanträge, die ein entsprechendes Thema forcieren, möglich.
    Zwar mag auch der HRK politischer Einfluss attestiert werden, allerdings schien das Postulat „Hochschulen und Nachhaltigkeit“, in dem ein eindeutiges Bekenntnis zur Nachhaltigen Entwicklung zu erkennen war, im universitären Alltag kaum tiefgreifende Spuren zu hinterlassen; geschweige denn, dass es in der politischen Debatte Beachtung fand. Dies mag auch daran liegen, dass in Politik und Verwaltung oft ein eher abstraktes Bild von Qualität in der Forschung vorhanden ist. Was NE an Hochschulen in der Praxis zu bedeuten hat, ist für viele ein unbestimmter Begriff. Die Tatsache, dass Nachhaltigkeit nach wie vor als separate Zusatzqualifikation betrachtet wird, wirkt dem nicht entgegen. Der Schlüssel zu einer nachhaltigen Entwicklung könne nicht in verpflichtenden Zusatzvorlesungen für alle liegen, sondern müsse integraler Bestandteil eines jeden Studienganges werden. Forderungen nach einer jeweiligen Wissenschaftsethik stellen einen ersten Schritt dar. Auch in technischen Fächer ist eine selbstkritische Reflexion wichtiger denn je.

    Das Aus in der Exzellenzinitiative kann für viele Universitäten auch Anstoß zur grundlegenden Neukonzeption darstellen. Universitäten, die aus dem Rennen sind, müssen ihre Rolle neu definieren. Eine Profilierung im Bereich der Nachhaltigkeit bietet eine gute Chance.

    Abschließend lässt sich festhalten, dass für das Etablieren von NE nach wie vor eine Vielzahl der Akteure in der Pflicht ist. Es gilt, politisch Druck zu machen über Forderungskataloge. Auch die anstehenden Landtagswahlen sowie darauf folgenden Koalitionsverhandlungen stellen eine gute Bühne dar, um den Fuß in die Tür zu setzen. Hoffnung bleibt auch hinsichtlich kleiner und mittlerer Hochschulen, die ohne die Möglichkeit auf den Titel eine Eliteuni neue Profilierungsmöglichkeiten suchen.
    Fakt ist, dass Qualifizierungsangebot im Bereich der Nachhaltigkeit nur eine vorübergehende Lösung sind. Ziel sollte es sein, Verantwortungsbewusstsein und Nachhaltigkeit als unumgängliche, integrale Komponenten in jedem Studiengang zu verankern.

    Startschuss für eine nachhaltige Ausdifferenzierung – ein Kommentar zu den Entscheidungen in der Exzellenzinitiative

    Seit Freitag ist klar, dass die Exzellenzinitiative auch in ihrer zweiten Runde ohne nachhaltigkeitsorientierte Gesamtkonzepte stattfinden wird. Der couragierte und äußerst differenzierte Zukunftskonzept-Entwurf der Universität Hamburg zur „Sustainable University“ hat keine Aufforderung zur Ausarbeitung eines endgültiges Antrages erhalten.

    Damit wurde es verpasst, auch einer gesellschaftsorientierten Wissenschafts-Ausrichtung eine Chance im Rahmen der Exzellenzinitiative zu geben. Diese immer wichtiger werdende Ergänzung im deutschen Wissenschaftssystem muss mithin außerhalb der Exzellenzinitiativenkulisse stattfinden. Auf den ersten Blick ist das ernüchternd, auf den zweiten Blick stecken darin auch Chancen:

    Einmal ist es eine unmittelbare Chance für die mittelgroßen Universitäten, die schon seit einiger Zeit auf ein Nachhaltigkeitsprofil in ihrer strategischen Ausrichtung setzen – vorne weg die Universitäten Lüneburg und Kassel. Ihre besondere Bedeutung für das Wissenschaftssystem wird durch die Entscheidungen vom Freitag wachsen. Durch eine intelligente Vernetzung ihrer Aktivitäten können sie ihre wissenschaftspolitische Wirkung noch stärken.

    Es ist aber auch eine Chance für eine Reihe von Universitäten, die seit Freitag wissen, dass sie sich ab jetzt nicht mehr auf die Exzellenzinitiative konzentrieren müssen. Universitäten wie Duisburg-Essen, Dortmund, Osnabrück oder Wuppertal haben in den letzten Jahren viele interessante Elemente einer nachhaltigkeitsorientierten Wissenschaft entwickelt. Für sie könnte die Weiterentwicklung eines gesellschafts- und nachhaltigkeitsorientierten Wissenschaftsprofils eine interessante Differenzierungschance darstellen.

    Die Entscheidung wirkt aber auch auf der Ebene ganzer Bundesländer zurück:

    Das Land Hessen weiß seit Freitag, dass es auch künftig keine „Eliteuniversität“ beherbergen wird – trotz der eindrucksvollen Exzellenzcluster und Graduiertenkollegs-Leistungen seiner Universitäten Frankfurt, Darmstadt oder Gießen. Dies ist eine Gelegenheit, über die wissenschaftspolitische Positionierung des Landes nachzudenken. Und dabei auch über den Stellenwert von „Gesellschaftsorientierung“ – zumal das Land Hessen im Rahmen seiner Nachhaltigkeitsstrategie in den Hochschul-Zielvereinbarungen als erstes Land diese Dimension fest für alle Hochschulen verankert hat und zudem mit der Universität Kassel sowie Instituten wie dem Institut für sozial-ökologische Forschung über Vordenker-Organisationen im Feld verfügt.

    Die neue Landesregierung in Hamburg ist nach den Entscheidungen des Wissenschaftsrates ebenfalls gefordert, ihre künftige Wissenschaftsstrategie zu überdenken. Als Umwelthauptsstadt Europas und vielen Ansatzpunkten für eine nachhaltige Metropole würde es Hamburg gut anstehen, wenn es seine Wissenschaftspotenziale noch stärker für eine entsprechende Positionierung nutzt. Es ist daher zu hoffen, dass die Universität Hamburg ihr wegweisendes Nachhaltigkeitskonzept auch außerhalb der Exzellenzinitiative weiter vorantreibt.

    Nordrhein-Westfalen als größtes Bundesland hat die herausragende Chance, das Zusammenspiel von exzellenter Grundlagenforschung und nachhaltigkeitsorientierter Anwendungsforschung vorzuleben. Neben der RWTH-Aachen sind jetzt mit den Universitäten Köln und Bochum zwei weitere Eliteuniversitätskandidaten im Rennen. Schon heute klappt der Brückenschlag zwischen Grundlagenforschung und problemorientierter Anwendungsforschung in NRW in wichtigen Feldern wie der Energie- und Klimaforschung. Dies ließe sich intensivieren. Die Universitätsallianz Metropole Ruhr (UAMR) könnte dafür ein Versuchsort mit Vorbildcharakter sein. Hier treffen sich der „Elitekandidat“ Bochum mit den herausragenden inter- und transdisziplinären Potenzialen der Universitäten Duisburg-Essen und Dortmund (vgl. z.B. BMBF Spitzencluster „Effiziencluster LogistikRuhr“ oder Profilschwerpunkte wie den Urbanen Systemen in Duisburg-Essen), ergänzt um Leuchtturminstitutionen wie dem Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen, das mit seinen Arbeiten zur Klimakultur zentrale Akzente in der Umwelt- und Klimadebatte gesetzt hat. Und dies passiert in einem Umfeld mit idealtypischen „Realexperimentcharakter“ – wie z.B. der Innovation City Ruhr, bei der exemplarisch am Beispiel Bottrops eine CO2-Reduktion um 50% in 10 Jahren umgesetzt und als Muster zusammen mit vielen weiteren Ruhrgebietsstädten entwickelt werden soll.

    Es ist zu hoffen, dass die Standorte, die seit Freitag wissen, dass sie Ihre Zukunftsplanung künftig befreit vom Blick auf die Schlange „Exzellenzinitiative“ gestalten können, diese Chance für intelligente Differenzierungsstrategien nutzen.

    Wege und Irrwege in die Wissensgesellschaft – neue Publikation des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi)

    Einen kritischen Blick auf die aktuelle Wissenschafts- und Forschungspolitik wirft ein aktuelles Studienheft des des BdWi: „Kaum ein politisches Handlungs- und Entscheidungsfeld dürfte von der Mehrheit der Bevölkerung Deutschlands und Österreichs derartig unhinterfragt – wenn nicht gar desinteressiert – hingenommen werden wie die etablierte Forschungs- und Technologiepolitik (FuT). Diese inszeniert sich schließlich selbst als ein sachzwanglogisch-neutraler und damit unpolitischer Generator von Wirtschaftswachstum und künftigem Wohlstand….“. In 20 Beiträgen beleuchten Experten aus der Wissenschafts-, Forschungs- und Gesellschaftspolitik aktuelle Entwicklungen und Visionen für ein künftiges Wissenschaftssystem. Die Beiträge sind in vier Kapitel organisert: (1) Strukturveränderungen in Forschung und Hochschule, (2) Forschungs- und Technologiepolitische Weichenstellungen, (3) Neue Forschungsfelder und strategische Innovationen sowie (4) langfristige Grundsatzfragen. In vielen Beiträgen sind für eine Nachhaltige Wissenschaft hoch relevante Aspekte angesprochen. Das Studienheft kann direkt über den BdWi bestellt werden.

    VDW-Positionspapier „Für eine verantwortbare und zukunftsorientierte Forschungspolitik in Deutschland“

    • Die 1959 von Carl Friedrich von Weizsäcker gegründete Vereinigung deutscher Wissenschaftler (VDW) fordert in ihrem aktuellen Positionspapier „Für eine verantwortbare und zukunftsorientierte Forschungspolitik in Deutschland“ ein umfassendes wissenschafts- und forschungspolitisches Umdenken. Die Kritik der VDW setzt daran an, dass heute umfassende Forschungsgelder ohne öffentliche Diskussion in (technologischen) Großprojekten z.T. auf Jahrzehnte gebunden sind, andere gesellschaftliche Herausforderungen z.T. nur sehr ungenügend in der aktuellen Forschungspolitik abgebildet sind. Die VDW fordert daher u.a. dazu auf:
    • die Förderschwerpunkte einem systematischen Monitoring und Reporting zu unterziehen,
    • die Förderschwerpunkte im BMBF vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Fragen neu zu strukturieren,
    • die Verwendung der öffentlichen Mittel für Forschung & Entwicklung in den Gestaltungsraum der Politik zu bringen,
    • das Übergangsfeld zwischen Forschungsförderung und Markteinführung neu zu bestimmen,
    • einen wirklichen Dialog mit der Öffentlichkeit zu entwickeln,
    • Bürgerinnen und Bürgern sowie Nichtregierungsorganisatinen an forschungspolitischen Fragen zu beteiligen.

    Vermutlich am 10. März 2011 wird es eine Tagung der VDW geben, in der die Themen des Positionspapieres im Mittelpunkt stehen werden.

    „Übernehmt die Verantwortung“ – lesenswerter Denkanstoß im neuen duzMagazin

    In der neuesten Ausgabe des duzMAGAZIN (Deutsche Universitätszeitung 10/2010) findet sich ein sehr lesenswerter Denkanstoß von Volker Meyer-Guckel/stellvertretender Generalsekretär und Frank Stäudner/Leiter Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit vom Stifterververband der Deutschen Wissenschaft, der von der deutschen Wirtschaft getragenen Einrichtung zur Förderung von Wissenschaft und Forschung. Sie weisen in dem Beitrag auf die Breite der gesellschaftlichen Aufgaben von Hochschulen hin und bemängeln, dass durch die starke Autonomisierung der Hochschulen „nahezu alle Hochschulen im Wettbewerb auf das gleiche Pferd setzen: … jede Hochschule…definiert sich als exzellente Forschungsstätte“. Indem alle Hochschulen nach einer Rolle streben, verelende letztlich das gesamte System, löse das Hochschulsystem insgesamt seine vielfältigen gesellschaftlichen Funktionen nicht mehr ein.

    Diese Ausdifferenzierungsforderung ist in sich nicht neu. Was den Beitrag von Volker Meyer-Guckel und Frank Stäudner bemerkenswert macht, ist einmal die Breite der gesellschaftlichen Funktionen, die beide in ihrem Beitrag aufzeigen: dies reicht von der Vermittlung anspruchsvoller Bildung, die Förderung alternativer Hochschulzugänge und Weichenstellungen zum gesellschaftlichen Aufstieg über Forschung zur Lösung von Problemen in Wirtschaft und Gesellschaft bis zum Dialog mit der Gesellschaft. Zum anderen legen Meyer-Guckel und Stäudner konkrete Vorschläge zur künftigen Hochschulsteuerung vor, um die Funktionsfähigkeit des Gesamtsystems zu gewährleisten: eine konsequente Weiterentwicklung des Instrumentes der Zielvereinbarungen auf Landesebene, die dazu führen soll, dass in großen Flächenländern die Bandbreite der verschiedenen Hochschulfunktionen wirklich abgedeckt wird und auf Bundesebene die Forderung nach einer stärkeren Koordinationsfunktion der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), um die Funktionsfähigkeit auch über kleine Bundesländer hinweg zu gewährleisten.

    Gerade in den politischen Gestaltungsvorschlägen steckt provokanter Diskussionsstoff, weil sie eine Abkehr vom heutigen Verständnis von Hochschulautonomie bedeuten und die Hochschulen stärker in die gesellschaftliche Pflicht nehmen.

    Stifterverband wünscht sich in Studie stärkere gesellschaftliche Pluralisierung der Hochschulräte

    Der Stifterverband hat ein „Handbuch Hochschulräte“ vorgelegt, in dem er u.a. zu einer stärkeren Pluralisierung von Hochschulräten rät. In der begleitenden Pressemeldung heißt es wörtlich:
    „Nur wenn Hochschulräte vielfältig zusammengesetzt sind, können sie ihre Funktion als Orte des gesellschaftlichen Diskurses ausüben…. Derzeit kommt jedes zweite Hochschulratsmitglied aus der Wissenschaft. Aus der Wirtschaft stammt dagegen nur jedes dritte Mitglied. Von einer Dominanz der Unternehmen in Hochschulräten kann nicht gesprochen werden.“ Es ist zu erwarten, dass die Zurückdrängung von wissenschaftlichen Vertretern in den Hochschulräten zugunsten von mehr Vertretern aus gesellschaftlichen Gruppen zu Diskussionen geführt wird. Im Sinne einer nachhaltigkeits-orientierten Wissenschaft nehmen hoffentlich viele gesellschaftliche Gruppen aus Kirchen, Umweltverbänden, Gewerkschaften den Ball auf und signalieren die klare Bereitschaft zu Mitwirkung in Hochschulräten. Die Studie des Stifterverbandes liefert hierfür eine gute Vorlage.

    Campus.grün Lüneburg legt Positionspapier „Auf dem Weg zur Nachhaltigen Hochschule“ vor

    Die Studierenden-Initiative campus.grün Lüneburg (Link: www.leuphana.de/campusgruen) hat ein umfassendes Papier zur Nachhaltigkeitsstrategie an der Leuphana Universität Lüneburg vorgelegt.
    Sie zeigt darin Perspektiven auf, die über das ohnehin schon ergriffene Nachhaltigkeitsengagement der Leuphana hinausgehen. Es umfasst dabei die Bereiche der nachhaltigen Campus-Entwicklung genauso wie Forschung, Lehre sowie das Leben auf dem Campus.

    Das Papier kann unter folgendem Link als PDF heruntergeladen werden.

    Neue Publikation: Interdisziplinarität – Wissenschaft im Wandel; W.Lenz (Hg.)

    Werner Lenz (Hg.)
    Interdisziplinarität – Wissenschaft im Wandel
    Beiträge zur Entwicklung der Fakultät für Umwelt-, Regional-
    und Bildungswissenschaft

    Die Gesellschaft erwartet auf ihre Fragen und für ihre Probleme Antworten von der Wissenschaft. Die in Universitäten beheimatete Wissenschaft sieht sich aber einer weiteren sozialen Herausforderung gegenüber. Sie soll einer wachsenden Anzahl junger und zum Teil schon berufstätiger Menschen eine wissenschaftlich fundierte Bildung und Ausbildung ermöglichen, mit der sie in die moderne Arbeitswelt erfolgreich integriert werden.

    Die aktuellen sozialen Aufgaben der Wissenschaft, die Beschäftigung mit neuen komplexen Themen und die Vielfalt an Methoden des Erkenntnisgewinns erfordern eine neue Form der wissenschaftlichen Selbstorganisation. Sie ist inter- und transdisziplinär.
    Das Buch bietet Einblicke in die interdisziplinären Arbeitsgebiete der 2007 gegründeten Fakultät für Umwelt-, Regional- und Bildungswissenschaft (URBi) an der Universität Graz. Interdisziplinäre Wissenschaft und moderne Aufgaben der Universität werden reflektiert, Forschungsprojekte präsentiert, neu konzipierte Lehre diskutiert sowie die Aufgaben der Verwaltung vorgestellt.
    Das Buch richtet sich an ForscherInnen, Lehrende und Studierende im wissenschaftlichen Bildungssektor. Es ist interessant für Verantwortliche im Steuerungs- und bildungspolitischen Bereich Tertiärer Bildung. Es zeigt aber auch einer interessierten Öffentlichkeit, welche Entwicklungen in Forschung, Lehre und Verwaltung an der Universität zur Zeit vor sich gehen.

    Werner Lenz, geboren 1944 in Wien, ist seit 1984 Universitätsprofessor für Erziehungswissenschaft mit besonderer Berücksichtigung der Erwachsenenbildung an der Universität Graz. Seit 2007 leitet er als Dekan die neu gegründete Fakultät für Umwelt-, Regional- und Bildungswissenschaft.

    15,5 x 13,5 cm
    Hardcover mit Schutzumschlag
    365 Seiten
    € 29,80
    ISBN 978-3-85409-575-0
    Verlag:Löcker Verlag, Wien
    Link zum Buch: Löcker Verlag, Wien

    GAIA-Beitrag „Ein institutionelles Reformprogramm zur Förderung transdisziplinärer Nachhaltigkeitsforschung“

    In der aktuellen GAIA 2/2010 findet sich der Beitrag „Ein institutionelles Reformprogramm zur Förderung transdisziplinärer Nachhaltigkeitsforschung“. Er gibt einen systematischen Überblick über Gestaltungsempfehlungen für eine Nachhaltige Wissenschaft im deutschen Wissenschaftssystem.

    Buch „Methoden transdisziplinärer Forschung“ erschienen

    Ab sofort ist das Buch: Bergmann, M. u.a. (2010): Methoden transdisziplinärer Forschung. Ein Überblick mit Anwendungsbeispielen. Campus, Frankfurt a.M. 2010 erhältlich.

    Das Buch ist das Abschlußprodukt des vom BMBF im Rahmen der sozial-ökologischen Forschung geförderten td-prax (Stärkung der transdisziplinären Forschungspraxis)- Projektes.

    Das ist Buch liefert einen hervorragenden, empirisch gestützten Einblick in den Stand transdisziplinärer Forschungsmethoden. Es hat die vielen insb. im Rahmen der sozial-ökologischen Forschung durchgeführten transdisziplinären Projekte gescreent und auf die dort sich erfolgreich erwiesenen Methoden der Wissensintegration hin untersucht. Gerade die Integration unterschiedlicher Wissensbestände stellt die zentrale Herausforderung jeder transdisziplinären Forschung dar. Die unterschiedlichen Integrationsformen (vgl. insb. die Übersicht S. 287)

    • Integration durch Begriffsklärung und theoretische Rahmung,
    • Integration durch Forschungsfragen und Hypothesenbildung,
    • Integration durch Sichtung, Nutzung-, Weiter- und Neuentwicklung integrativ wirkender wissenschaftlicher Methoden,
    • Integration durch Bewertungsverfahren
    • Integration durch die Entwicklung und Anwendung von Modellen
    • Integration durch Artefakte, Dienstleistungen und Produkte als Boundary Objects
    • Integrative Verfahren der Forschungsorganisation

    werden hervorragend herausgearbeitet und an vielen Fallbeispielen illustriert. Damit entsteht ein Handbuch im besten Sinne für all diejenigen, die sich auf den Weg zu einer transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung machen. Man merkt dem Buch an, dass es von den führenden Vordenkern transdisziplinärer Projekte in Deutschland geschrieben und in mehreren Workshops innerhalb der einschlägigen Community validiert wurde. Sehr gute Abbildungen und Übersichten und eine hilfreiche Leserführung runden den Eindruck ab.

    Schwerpunktausgabe „Nachhaltigkeit und Universitäten“ im Journal of Cleaner Production

    Die Mai-Ausgabe des Journal of Cleaner Production (Volume 18, Issue 7, Pages 607-702 (May 2010)) widmet sich dem Schwerpunkt „Going beyond the rhetoric: system-wide changes in universities for sustainable societies“). In dem Heft findet sich eine Reihe guter empirischer und konzeptioneller Beiträge zur Ausleuchtung des Feldes.

    Gemeinsame Erklärung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) zur Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung

    Am 1. März 2010 haben die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und die Deutsche UNESCO-Kommission (DUK) eine gemeinsame Erklärung zur Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung öffentliche vorgestellt und damit ein wichtiges Signal für die Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit auch in Hochschulen gesetzt (zur Presseerklärung vom 01.03.2010). Am 15.04.2010 wird in Bremen eine eigene Veranstaltung zu der Erklärung stattfinden. Organisatoren sind die HRK, die DUK und die Universität Bremen.

    Der grüne Weg zu mehr Profil – Schwerpunktthema in der DUZ 1/2010

    In ihrer Januarausgabe (1/2010) stellt die Deutsche Universitätszeitung (DUZ) unter dem Titel „Der grüne Weg zu mehr Profil“ die umweltorientierten Profilbildungsstrategien mittelgroßer Universitäten vor. Konkret werden die Universitäten Kassel, Lüneburg und Oldenburg porträtiert. Der Beitrag zeigt auf, warum im Umwelt- und Nachhaltigkeitsthema gerade für mittelgrosse Universitäten ein besonderes strategisches Potenzial steckt. Die Beiträge des Schwerpunktes zum Download als pdf finden Sie hier:

    Autonomie als Pluralität der Abhängigkeiten

    Die Forderung nach einer „Nachhaltigen Wissenschaft“, d.h. nach Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen, die sich den vielfältigen gesellschaftlichen Problemlagen verschreiben, ist immer wieder mit einem Vorwurf konfrontiert: Eine Universität, die sich in den Dienst gesellschaftlicher Anliegen stellt, gäbe die Idee der wissenschaftlichen Autonomie letztlich auf. Sie instrumentalisiere Wissenschaft, mache sie zum verlängerten Arm anderer gesellschaftlicher Anliegen.

    In seinem Aufsatz „Autonomie der Universitäten in Europa und Nordamerika: Historische und Systematische Überlegungen“ (in Kaube, Jürgen (Hrsg.): Die Illusion der Exzellenz. Wagenbach 2009, S. 38-49) entwickelt Rudolf Stichweh einen in diesem Zusammenhang bemerkenswerten Gedankengang. Er macht deutlich, dass angesichts der strukturell nicht überwindbaren Abhängigkeit der Universität von Staat und Wirtschaft, die Autonomie der Hochschule letztlich nur in der „Pluralisierung (ihrer) Abhängigkeiten“ (S. 44) bestehen kann: „Die Maxime der erfolgreichen Universität wird deshalb immer sein: Steigere die Zahl und die Diversität der Abhängigkeiten, in denen die Institution steht.“ (S. 45).

    In diesem Sinne verstanden ist die Forderung nach „Nachhaltiger Wissenschaft“ ein Plädoyer für genau eine solche Pluralisierung: Es gilt Wissenschaft auf die vielfältigen Anliegen und Anspruchsgruppen hin auszurichten, die mit der Herausforderung einer Nachhaltigen Entwicklung verbunden sind. Gerade angesichts der heute sehr geringen Diversität der Abhängigkeiten deutscher Universitäten ist das Programm einer Nachhaltigen Wissenschaft geradezu ein Königsweg zu mehr Autonomie!

    Die Leitbilddebatte gewinnt an Schwung!

    „Die Uni brennt!“ – ist das Leitmotiv der aktuellen fast flächendeckenden Studierendenproteste in Deutschland. Der Blick auf die Protestaktionen zeigt, dass es ein produktives Feuer ist, das da brennt. Dies erklärt auch, warum sich die meisten Hochschulleitungen und große Teile der Hochschulpolitik hinter die protestierenden Studierenden stellen.

    Es scheint ein Knoten zu platzen. Endlich mischen sich die am unmittelbarsten von der Hochschulpolitik und den Hochschulstrategien Betroffenen in großer Zahl in die Diskussion um die zukünftige Ausrichtung ihrer Hochschulen ein. Die Forderungen der Studierenden sind konkret und differenziert: Sie zielen auf 1. die freiere Gestaltung des Studiums, 2. die Demokratisierung der Hochschulen, 3. den freien Zugang zu Bildung und 4. die Ausfinanzierung der Hochschulen (vgl. exemplarisch die Forderungen der Studierenden an der TU Berlin).

    Seit einiger Zeit beteiligen sich auch andere Organisationen an der Leitbilddiskusion. So haben die Gewerkschaften unter Leitung der Hans-Böckler-Stiftung einen umfassenden Leitbild-Prozeß gestartet, in dem die Perspektiven einer „demokratischen Hochschule“ sondiert werden (vgl. das Interview mit Projektleiter Dr. Manfred Wannöffel in der der DUZ 11/2009 bzw. unter http://www.boeckler.de/455_91456.html). Es ist zu hoffen, dass ähnliche Prozesse von Kirchen, Umweltverbänden und weiteren gesellschaftlichen Gruppen folgen.

    Die Diskussionen bereichern die häufig zu Recht bemängelte Leitbild-Einfalt der letzten Jahre, die einseitig auf die stärkere Professionalisierung, die Managementorientierung und die Forschungsexzellenz der Hochschulen zielte.

    Genau solche engagiert und differenziert geführten Debatten sind der Institution Hochschule würdig. Das am Ende stehende Ergebnis wird hoffentlich ein buntes sein. Deutschland ist zu wünschen, dass in Zukunft erfolgreiche private Hochschulen neben solchen stehen, die die Idee einer demokratischen Hochschule auf ganz neue Weise umsetzen, dass Bundesländer mit differenzierten Studiengebührenmodellen neben solchen existieren, die bewusst auf Studienbeiträge verzichten, dass Studiengänge mit streng umgesetzter Modularisierung neben solchen angeboten werden, in denen wieder ein sehr viel freieres Studium möglich wird.

    Für die Umsetzung des Leitbildes einer „Nachhaltigen Hochschule“ eröffnet die aktuelle Umbruchssituation vielfältige Chancen. Denn der Charme der Diskussion über „Nachhaltigkeit“ ist, dass sie einerseits eine breite Beteiligung und ständige kritische Reflexion benötigt. Auf der anderen Seite eröffnen die Herausforderungen wie der Klimawandel vielfältige persönliche und berufliche Perspektiven in Politik, Unternehmen, im Bildungssystem sowie in Nichtregierungsorganisationen. Deswegen wäre es nicht verwunderlich, wenn wir in zehn Jahren sowohl „Nachhaltige“ öffentliche Hochschulen mit umfassender demokratischer Partizipation neben ersten privaten Hochschulen haben, die sich der Herausforderung annehmen und ihre inter- und transdisziplinäre Ausbildung für die gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vollständig im „Bildungsmarkt“ refinanzieren.

    Deswegen gilt es die Debatten in den brennenden Hochschulen jetzt mit Elan und Offenheit zu führen.

    Diskussionspapier „Die Universität zukunftsfähig gestalten“ von Rolf Kreibich

    Rolf Kreibich, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin hat ein pointiertes Diskussionspapier „Die Universität zukunftsfähig gestalten“ vorgelegt. Rolf Kreibich ist Mitglied der „Gruppe 2004“ und Mit-Autor des Memorandums „Die Hochschule neu denken“ aus dem Jahr 2004. Mit seinem Diskussionsbeitrag entwickelt er einige der Ideen des Memorandums provokant weiter. Insbesondere seine Ideen zur (Re-) Demokratisierung der Hochschulen, um gesellschaftlichen Herausforderungen besser gerecht zu werden, sind lesens- und diskussionswert.

    Schwerpunktthemen der Weblog-Diskussion

    Hier findet sich eine Übersicht über die Schwerpunktthemen der Weblog-Diskussion „Nachhaltige Wissenschaft“ mit dem jeweiligen Datum ihrer Einstellung auf dem Weblog.

    Zeitraum Thema Besonders angesprochene Adressaten
    26.08.09 – 13.09.09 Kommentare zum Weblog, mögliche Funktionen, allgemeine Anregungen, Diskussion über die Reformvorschläge des Buches „Nachhaltige Wissenschaft“ Alle Empfänger der Erstankündigung
    14.09.09 – 30.09.09 Nachhaltige Wissenschaft – ein Ländervergleich Hochschul- und hochschulpolitische Akteure unterschiedlicher Bundesländer
    01.10.09 – 24.10.09 Transdisziplinäre Forschung – Quo vadis? Transdisziplinaritäts-Forscher
    25.10.09-20.11.09 Nachhaltige Wissenschaftspolitik nach der Wahl (Perspektiven für die neue Bundesregierung) Vertreter Wissenschaftspolitik, insb. der Regierungsfraktionen
    21.11.09 – 09.12.09 Leitbilder der hochschulpolitischen Debatte Vertreter der Studierenden, Kirchen, Umweltverbände, Gewerkschaften
    10.12.09 – 13.01.10 Studentisches Engagement und Nachhaltige Lehre Vertreterinnen der nachhaltigen Studierenden-Organisationen
    14.01.10 – 15.02.10 Nachhaltigkeit in den nationalen Wissenschaftsgemeinschaften (Helmholtz, Leibniz, Fraunhofer, Max-Planck) Vertreter Wissenschafts-gemeinschaften + Wissenschaftspolitik allgemein

     

    Interessante Links zum Themenfeld Nachhaltige Wissenschaft

    Bitte unter „Kommentar“ Verweise auf weitere interessante Quellen und Studien vermerken!

    Internetplattformen

    Das im August 2009 von mehreren Bonner (Wissenschafts-)Institutionen gestartete Bonn Sustainability Portal finden Sie hier.

    International vergleichende Studien zu Nachhaltigkeit im Hochschulbereich:

    • Schröter, M. (2008): Setting a good example – good practice of sustainable development in institutions of higher education. Marladelen University Sweden. School of Sustainable Development of Society and Technology. På hållbar väg 2008:3, April 2008. (Studie zum Nachhaltigkeitsstand von 49 Universitäten in Deutschland und England)


    Beiträge zu Hochschulleitbildern anderer gesellschaftlicher Gruppen sowie von Parteien:

    • Böckler-Stiftung (2009): Leitbild demokratische und soziale Hochschule. Düsseldorf 2009.
    • Positionspapier „Beitrag der Hochschul- und Forschungspolitik zu einer nachhaltigen Entwicklung – Positionspapier“ der Bundesarbeitsgemeinschaft WHT (Wissenschaft – Hochschule – Technologiepolitik)der Grünen vom April 2009.
    • Deutschlandprogramm der FDP zur Bundestagswahl 2009 (mit besonderer Betonung einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) – S. 43)
    • Aufruf „Fortschritt durch Wissenschaft“ der SPD im Bundestagswahlkampf 2009.