Anhörung „Forschung und Innovation in Deutschland“: Stand der Hightech-Strategie am 6. Juli im Bundestag

Am Mittwoch, den 6. Juli fand um 9.30h eine öffentliche Sitzung des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgen-abschätzung zum Thema „Forschung und Innovation in Deutschland: Stand und Perspektiven – einschließlich Zwischenbilanz der Hightech-Strategie“ statt.

Es waren sieben Experten zur Anhörung eingeladen, darunter Dirk Messner, Vorsitzender des WBGU, der in seiner Stellungnahme eine stärkere Ausrichtung der Forschungspolitik auf globale und gesellschaftliche Herausforderungen, insbesondere auf eine Transformation zur Nachhaltigkeit fordert. Er kritisiert an der aktuellen Hightech-Strategie die starke Ausrichtung auf ökonomische Aspekte, und bemängelt das Fehlen einer systemischen Perspektive. Der WBGU sieht daher eine Weiterentwicklung notwendig, die:

„(1) der Dringlichkeit der Transformation zur Nachhaltigkeit Rechnung trägt, die
(2) systemischen statt isolierten technologischen Innovationen Raum schafft und die
(3) auch die nötigen institutionellen und gesellschaftlich-kulturellen Innovationen umfasst.“

Auch die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) sieht soziale Innovationen bisher kaum gefördert. Daher sollten aus öffentlichen Mitteln geförderte Innovationen künftig vor allem dem Gemeinwohl statt wirtschaftlicher Interessen dienen. Dazu ist aus Sicht des WGBU eine breite gesellschaftliche Beteiligung notwendig, um die gesellschaftliche Relevanz und Akzeptanz der strategischen Ziele zu gewährleisten.

Daher schlägt Messner vor, die Hightech-Strategie neben einer inhaltlichen Neuausrichtung an Nachhaltigkeitsaspekten auch durch einen neuen Namen „Forschungsstrategie für Wohlfahrt, Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit in Deutschland“ zu reformieren. Eine Orientierung an den Globalen Nachhaltigkeitszielen der 2030 Agenda, und der derzeit entstehenden neuen Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung würde die Bestrebungen dabei sinnvoll miteinander verküpfen.

Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat dazu im Juni einen Antrag mit dem Titel „Innovationspolitik neu ausrichten – Forschen für den Wandel befördern“ in den Bundestag eingebracht, in welchem die Fraktion die Bundesregierung unter anderem dazu auffordert, eine Neuausrichtung der Innovationsstrategie an Nachhaltigkeitskriterien vorzunehmen und dabei auf sukkzessive Beteiligung der Zivilgesellschaft und Reallaborforschung zu setzen. Kleine Fächer und Kleinforschungsprojekte sollen ebenfalls stärker gefördert werden. Eine Steuererleichterung um 15% für Forschungs- und Entwicklungsvorhaben von Unternehmen unter 249 Mitarbeitenden soll das auch auf wirtschaftlicher Seite ermöglichen.

Ein Vorbericht zur Anhörung in der taz von Manfred Ronzheimer ist hier zu lesen.

Eine Aufzeichnung der Debatte kann in der Mediathek des Deutschen Bundestages angesehen werden.
Eine kurze Zusammenfassung der Sitzung finden Sie hier.

 

Dossier „Wissenschaft für eine nachhaltige Gesellschaft“ des oekom Verlages

Der oekom Verlag hat ein Dossier zum Thema „Transformation der Wissenschaft“ mit Artikeln aus den Zeitschriften politische ökologie, GAIA – Ecological Perspectives for Science and Society, Ökologisches Wirtschaften und umwelt aktuell zusammengestellt und auf seiner Webseite veröffentlicht.

Das Dossier schafft eine Übersicht der Debattenbeiträge zu einer transformativen Wissenschaft und darüber hinaus, welche seit Ende 2012 in den Zeitschriften des oekom Verlages erschienen sind. Darunter Ausgabe 140 der politischen Ökologie, welche das Thema zusammen mit citizen science aufgreift, ebenso wie die kontroverse Diskussion in GAIA, deren Beiträge auch bereits hier auf dem Blog vorgestellt wurden.

Was fehlt sind die Debattenbeiträge aus anderen Zeitschriften. Wer etwa die Fundamentalkritik von Strohschneider vermisst, der sollte hier weiterlesen.

Die einzelnen Artikel des Dossiers können Sie über die Verlinkungen auf der Überblickseite abrufen.

Andreas Freytag in der Wirtschaftswoche: „Soll Wissenschaft gesellschaftlich gesteuert werden?“

In seiner „Freytags-Frage“ stellt sich Wirtschaftswoche-Kolumnist Andreas Freytag dem Thema gesellschaftlicher Einflussnahme auf Wissenschaft.

Unter Bezug auf die Debatte über eine transformative Wissenschaft warnt Freytag vor der Idee von Bürgeruniversitäten und dem normativen Impetus der entsprechenden Debatten. Eindrucksvoll und erfreulich ist, dass diese wissenschaftspolitische Diskussion inzwischen auch in einem führenden Wirtschaftsmagazin Resonanz findet – da die Debatte über transformative Wissenschaft gerade auch auf Defizite der aktuellen Wirtschaftswissenschaft zielt.

Der Beitrag von Andreas Freytag kann hier abgerufen werden.

Beitrag im Merton Magazin von Prof. Uwe Schneidewind: „Die ‚Co-Benefits‘ einer transformativen Wissenschaft“

Im Rahmen seiner Kolumne im Merton-Magazin des Stifterverbands diskutiert Prof. Dr. Uwe Schneidewind die Vorteile einer „transformativen Wissenschaft“ vor dem Hintergrund der kürzlich angekündigten Details der nächsten Exzellenzinitiative.

In seinem Beitrag geht er auf die Vorzüge eines erweiterten Methodenkanons für Lehre und Forschung ein und betont die verbesserten Chancen für den transdisziplinär ausgebildeten wissenschaftlichen Nachwuchs auch jenseits der klassischen Karrierepfade. Auch im internationalen Austausch spricht er sich für eine verbesserte Kultur des gegenseitigen Lernens auf Augenhöhe aus.

Den Beitrag können Sie hier lesen.

WBGU-Städtegutachen und SRU-Gutachten mit wissenschaftspolitischen Impulsen

WBGU

Der Wissenschaftliche Beirat für Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat ein neues Hauptgutachten zu Urbanisierung herausgegeben.

In der Studie, die sich den Herausforderungen der „großen Transformation“ (WBGU 2011) anschließt und diese auf den Kontext der Urbanisierung überträgt, gibt das Gutachten Handlungsanweisungen für eine urbane Transformation, die zu Städten führen soll, die „die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten, die Teilhabe gewährleisten und Eigenart ermöglichen“.

Das Gutachten enthält auch einen umfassenden forschungspolitischen Empfehlungsteil, der hier abrufbar ist. In seiner Analyse nimmt der WBGU eine Bewertung der bestehenden nationalen und internationalen Stadtforschung vor und empfiehlt u.a. die Einrichtung eines „Max Planck Institutes für urbane Transformationsforschung“ sowie unter der Formel „50 urbane Reallabore auf 50 Jahre“ den internationalen Ausbau langfristiger Reallabore für die Erforschung urbaner Transformationsforschung.

Ein Kommentar von Manfred Ronzheimer zur Übersicht ist unter diesem Link in der taz erschienen.

Die Kurzfassung und Empfehlungen des Gutachtens finden Sie hier, die Langfassung ist ab Juni unter dem gleichen Link erhältlich.

SRU

Ebenso hat der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) sein neues Umweltgutachten zu den Haupthandlungsfeldern einer ökologischen Transformation herausgebracht.

Im Gutachten thematisiert der SRU aufgeteilt in sechs Handlungsfelder mögliche Politikstrategien für die intraministerielle Zusammenarbeit für integrativen Umweltschutz in den Problemfeldern der Rolle staatlicher Steuerung, Umweltschutz und Wettbewerbsfähigkeit, Umwelt- und Sozialpolitik der Energiewende, Flächenverbrauch und demographischer Wandel, Raum für Wildnis sowie Schutz der Biodiversität vor dem Hintergrund steigenden Einsatzes von Pestiziden.

Eine wichtige Rolle spielen aber auch die für die Umsetzung relevanten wissenschaftspolitischen Empfehlungen (vgl. S. 64-74). Dort sind die wichtigsten Forderungen um öffentliche Forschungsförderung auf nachhaltige Entwicklungspfade hin auszurichten:

  1. Demokratische Erneuerung: Stärkung von Transparenz und Beteiligung in der Forschungsgovernance
  2. Differenzierte Forschung: Stärkung der Forschung zu sozio-ökonomischen Transformationsbedingungen
  3. Akteure im Rahmen von Technologieentwicklung stärker sozialwissenschaftlich und partizipativ begleiten.
  4. Gemeinsame Zielsetzung: Verbesserung der Ressortszusammenarbeit und Definition langfristiger Forschungsprioritäten
  5. Beendigung der Förderung nicht mehr zeitgemäßer Forschungsbereiche wie bsp. der Extraktion fossiler Ressourcen und Priorisierung relevanter Forschungsfelder.

Vorrangige Aufgabe der Umweltpolitik soll es werden, die Idee einer umfassenden ökologischen Transformation im Sinne eines erweiterten Innovationsverständnisses auf kulturellen, gesellschaftlichen und institutionellen Wandel weiterzuentwickeln und integrativ in die bestehenden Politikfelder einzubinden.

Das Gutachten in Kurz- und Langfassung finden Sie hier zum Download.

Wilfried Hinsch in der FAZ: „Die Freiheit der Forschung“

In einem neuen Beitrag zur Wissenschaftsfreiheit und der Legitimität politischer Steuerung von Forschungsprozessen diskutiert Wilfried Hinsch das Konzept und die Forderungen nach einer transformativen Wissenschaft vor dem Hintergrund der Theorie von „Organisationen“ und „spontanen Ordnungen“ (von Hayek).

Während Wissenschaft klassische Organisationseinheiten voraussetze, dürfe der Prozess wissenschaftlichen Erkennens nicht als organisierter Prozess verstanden werden sondern müsse als „kooperatives kollektives Unternehmen“ verstanden werden, „dessen Ziel ein systematischer gemeinsamer Erkenntnisgewinn ist, auch wenn vorab nicht zu sehen ist, welche Form dieser Gewinn annehmen wird“.

Dies schließe die politische Vorgabe „großer gesellschaftlicher Herausforderungen“ nicht aus. Es schließe aber aus, die wissenschaftliche Auseinandersetzung im Detail zu steuern, da politische Steuerung voraussetze, dass wir wissen, was genau wir erreichen wollen.

Den vollständigen Beitrag können Sie hier lesen.

EFI zu sozialen Innovationen

Die Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI) betont nach Veröffentlichung ihres Jahresgutachtens 2016 in einer ergänzenden Pressemitteilung nochmals ausdrücklich die Bedeutung sozialer Innovationen in der Forschungs- und Innovationsförderung.

Die EFI äußert sich damit auch zu der Kritik, ein zu enges soziales Innovationsverständnis zu bedienen, wie sie u.a. von Dirk Messner und Uwe Schneidewind geäußert wurde (siehe Kolumne des DIE).
EFI-Mitglied Prof. Böhringer macht in der Pressemitteilung deutlich: „Wir haben die Sorge, durch die Fokussierung auf ein technologisches Innovationsverständnis in der Förderpolitik wichtige soziale Innovationspotenziale zu vernachlässigen“. Die Expertenkommission fordert daher „von der Bundesregierung nun mutige Schritte ein, um mit neuen Formaten der Partizipation und mit neuen Förderinstrumenten zu experimentieren“.

Die Kommission verweist für eine zukünftige Förderung auf Preisgeld-Wettbewerbe oder Vorreiter-Beispiele wie die Reallaborförderung in Baden-Württemberg.

Die vollständige Pressemitteilung finden Sie hier.

Interview „The knowledge of 7.4 Billion“ mit Uwe Schneidewind

Für die Ausgabe #17 „Sharing“ der Zeitschrift Digital Development Debates hat Prof. Dr. Uwe Schneidewind ein Interview zum Thema „The knowledge of 7.4 Billion“  gegeben.

Im Interview diskutiert Prof. Schneidewind den Stand der wissenschaftspolitischen Debatte in Deutschland und beleuchtet die Möglichkeiten transformativer Wissenschaft für eine nachhaltige Entwicklung in Afrika, Asien und Südamerika.

Den vollständigen englischsprachigen Artikel können Sie hier lesen.
Eine deutsche Kurzinformation zur Ausgabe finden Sie hier.

Rudolph Stichweh über „Große gesellschaftliche Herausforderungen“

Anlässlich der Konferenz ‚Die Freiheit und Relevanz der Wissenschaft‘, im Februar 2016 an der Universität zu Köln hat Rudolph Stichweh einen Beitrag über „Große gesellschaftliche Herausforderungen“, zum Papier des Wissenschaftsrats und zur Theorie des Wissenschaftssystems veröffentlicht.

In seinem Beitrag setzt sich Stichweh kritisch mit der Rolle der Subjekte des Wissenschaftssystem auseinander: Er fragt nach der Verortung der Definitionsmacht darüber, was gesellschaftliche Probleme sind und wer deren Auswahl steuert. Dabei identifiziert er sechs Schwierigkeiten und Gefahren im Positionspapier des Wissenschaftsrat.

Den Beitrag können Sie hier lesen.

Neue Kolumne „Transformative Wissenschaft“ auf dem Online Magazin MERTON des Stifterverbandes

In seinem Online-Magazin MERTON hat der Stifterverband eine eigene Kolumne „Transformative Wissenschaft“ eingerichtet.
Der erste Beitrag zur Kolumne  „Was ist und warum provoziert Transformative Wissenschaft?“ ist gerade erschienen. In dem Beitrag setzt sich Uwe Schneidewind mit dem Anliegen „Transformativer Wissenschaft“ und den Gründen für die kontroverse Diskussion über das Thema auseinander.

Der Beitrag kann hier abgerufen werden.