„Der inkonsequente Reformer“ – Diskussion über Bürgerwissenschaft und Bürgeruniversität in der Deutschen Universitätszeitung (DUZ)

In der August-Ausgabe der Deutschen Universitätszeitung reagierte Uwe Schneidewind mit einem „Plädoyer für eine Bürgeruniversität“ auf die im Sommer erschienenen Empfehlungen des Wissenschaftsrates zu den „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“. Grundtenor des Beitrages: Hochschulen müssen sich in einer ganz neuen Form gegenüber der Gesellschaft öffnen. Dies hat massive methodische und institutionelle Konsequenzen – in Forschung und Lehre.

Peter Finke, Wissenschaftstheoretiker aus Bielefeld, antwortet in der Januarausgabe der Deutschen Universitätszeitung auf den Beitrag vom August. In seiner Kritik „Der inkonsequente Reformer“ macht er deutlich, dass die Idee einer „Bürgeruniversität“ letztlich noch viel zu eng gedacht ist. Es bedarf vielmehr einer „Bürgerwissenschaft“, die sich heute schon an vielen Orten zeigt und auch über die Ansätze einer „Citizen Science“ hinausweist.

Die DUZ will mit den veröffentlichten Beiträgen eine Plattform für eine breitere Diskussion über „Citizen Science“ schaffen.

Diskussionsbeitrag: Plädoyer für eine Bürgeruniversität – Beitrag von Uwe Schneidewind in der Deutschen Universitätszeitung

Prof. Dr. Uwe Schneidewind

Prof. Dr. Uwe Schneidewind

Wuppertal Institut für Klima, Energie und Umwelt

Genauso wie die Gesellschaft differenziert sich auch das Wissenschaftssystem weiter aus. Dabei brauchen gerade moderne Gesellschaften den Blick auf das Ganze mehr denn je. Die Idee der „Bürgeruniversität“ könnte nicht nur die gesellschaftliche Entwicklung, sondern auch die künftige Wissensproduktion beleben.

Der Wissenschaftsrat hat in diesen Tagen seine Empfehlungen zu den „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“ vorgelegt. Ausdifferenzierung spielt dabei eine wichtige Rolle. Diese Differenzierung ist längst in vollem Gange. Die Hochschulrektorenkonferenz zerfällt immer mehr in eine Sammlung von Subgruppen, die großen Wissenschaftsgemeinschaften bringen sich mit jeweils individuellen Profilen in die anstehenden Verteilungskämpfe für die Wissenschaftsetats ein.

Was hier im Wissenschaftssystem passiert, hat seine Parallelen in der gesellschaftlichen Entwicklung: Immer höhere Spezialisierung von Wirtschaft, Politik und Medien führt zu deren vermeintlich höherer Produktivität, lässt sie aber in ihrer Eigenlogik erstarren: Wirtschaftskrisen, Politikverdrossenheit und Medienverarmung sind die Folge. Die gesellschaftliche Systemtheorie suggeriert uns, es könne nicht anders sein. Aufgeklärte Gesellschaftsentwürfe setzen dem die Vision einer „Bürgergesellschaft“ (Ulrich Beck u.a.) entgegen: Reintegration der Gesellschaft durch verstärktes bürgerschaftliches Engagement.

Gerade die Universität könnte der zentrale Ort einer solchen Bürgergesellschaft sein. Sie könnte Gesellschaft, Wissenschaft und Politik in neuer Weise aufeinander beziehen. Sie könnte die „Reflexive“ in sich einer zunehmend fragmentierenden und orientierungslos werdenden Gesellschaft sein. Doch von solchen Visionen ist wenig zu spüren in der aktuellen hochschulpolitischen Debatte. Es dominiert das Schachern um Anteile des Kuchens von Exzellenz- und Studierenden-Aufwuchsmitteln und das Ringen um möglichst hohe Anerkennung in den wissenschaftsinternen Reputationssystemen.

Die Unzufriedenheit mit den Hochschulen nimmt daher zu: von engagierten Studierenden, die keine Antworten auf die Fragen bekommen, die sie in die Hochschule geführt haben; von zivilgesellschaftlichen Organisationen, die den Eindruck haben, Wissenschaft kümmere sich nur um selbst gesteckte Fragen und um die mit Drittmitteln ausgestatteten Themen der Wirtschaft. Und selbst die Politik wird unruhig – erste Landesregierungen wie in Baden Württemberg oder in Nordrhein Westfalen verordnen nach einer langen Phase der Autonomievergrößerung dem Wissenschaftssystem eine stärkere Ausrichtung an den großen gesellschaftlichen Fragen.