Exzellenzinitiative und Nachhaltigkeit

Die Exzellenzinitiative hat das deutsche Wissenschaftssystem in den vergangenen Jahren entscheidend geprägt. Eine transdisziplinär organisierte Nachhaltigkeitswissenschaft fand darin bisher nur marginal Beachtung, u.a. weil die Auswahlkriterien der Exzellenzinitiative sehr disziplinär angelegt waren. In der letzten Runde der Exzellenzinitiative gab es dagegen Anknüpfungspunkte für eine Verbindung disziplinärer und transdisziplinärer Forschung, wie es die Studie Transformative Wissenschaft zeigt.

„Ein Blick auf diese ausgewählten Graduiertenschulen und Exzellenzcluster zeigt, dass gerade Umwelt- und Nachhaltigkeitsperspektiven aus sehr unterschiedlichen disziplinären Perspektiven angesprochen werden. Es gibt einzelne explizit umweltwissenschaftliche Cluster, in anderen sind entsprechende Fragen und Teilaspekte relevant. Doch alle ausgewählten Cluster und Graduiertenschulen verharren letztlich in einer disziplinären und eng interdisziplinären Logik. (…) Wenn es gelingt, diese Cluster transdisziplinär weiterzuentwickeln, wird deutlich werden, wie hervorragend disziplinäre und interdisziplinäre Exzellenz mit dem Anspruch einer auf Transformation zielenden transdisziplinären Wissenschaftspraxis in Einklang stehen. Die Elitestandorte sind die idealen Orte, diese Komplementarität zu entwickeln.“ (S. 188f.)

Eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Kontroverse um Nachhaltigkeit in der Exzellenzinitiative findet sich im Buch auf den Seiten 183-194.

Das Buch „Transformative Wissenschaft“ und die begleitende Diskussion zur Weiterentwicklung des deutschen Wissenschaftssystems – eine Übersicht

Link zum Buch beim Metropolis-Verlag, bei FairBuch.

Humboldt-Universität tritt mit THESys (The Great Transformations of Human-Environmental Systems) zur Exzellenzinitiative an

Zum 01. September mussten die Vollanträge der in der Vorauswahl erfolgreichen Universitäten zur Exzellenzinitiative bei DFG und Wissenschaftsrat eingereicht werden. Aus der Perspektive transdiszplinärer Nachhaltigkeitswissenschaften waren nur wenige Beiträge dabei. Eine erfreuliche Ausnahme ist die Humboldt-Universität mit dem in ihrem Zukunftskonzept vorgesehenen Integrated Research Institute (IRI) THESys (The Great Transformations of Human-Environmental Systems). Dieses IRI ist eines von drei IRI an der Humboldt-Universität und widmet sich dem Themenkomplex Nachhaltigkeit, Landnutzung und Globalisierung. Es ist verknüpft mit einem der zehn Graduiertenschool-Anträge der Humboldt-Universität, der von Prof. Patrick Hostert koordinierten FutureLand Graduate School – Wege zu einer nachhaltigen Landnutzung (http://hu-berlin.de/futureland). Auch wenn diese Bereiche der Nachhaltigkeitsforschung nur einen kleinen Teil des Gesamtforschungsspektrums der Humboldt-Universität darstellen, so ist es doch ein sehr erfreuliches Signal, dass an dem symbolträchtigen Flagschiff der deutschen Universitätslandschaft die Nachhaltigkeitswissenschaft einen festen Platz hat.

Exzellenz und Nachhaltigkeit – eine kleine Nachlese der Vorentscheidung der dritten Runde der Exzellenzinitiative

Die Universität Hamburg konnte sich mit ihrem Zukunftskonzept der Nachhaltigen Universität in der Exzellenzinitiative leider nicht durchsetzen. Der Blick auf die sonstigen Entscheidungen der ersten Auswahlrunde der Exzellenzinitiative am 02.03.2011 läßt aber einzelne Ansätze einer an Transdisziplinarität und Nachhaltigkeit ausgerichteten Forschung erkennen.
Insbesondere zeigt es sich, dass Themen wie Ressourcenknappheit, Global Governance und Klimawandel vor den Türen der Universitäten nicht Halt machen.

Ein interessantes Konzept verfolgt die TU München, die mit der Idee einer Graduiertenschule für „Risk and Security“ antritt, die sich bewusst einer disziplinären Eingrenzung entzieht. Für ein tiefgreifendes Verständnis des komplexen Phänomens des Risikos sei es unumgänglich aus jedem Blickwinkel die einzelnen Facetten der Thematik zu betrachten. Das Graduiertenkolleg soll Doktoranden und Wissenschaftlern aller Fachrichtungen als Ansprechpartner für Fragen der Risikoforschung dienen. Hierbei wird auch explizit eine thematische Brücke der Bedeutung eines tiefgehenden Verständnisses von Risiko im Rahmen nachhaltiger Forschung geschlagen.

Rein inhaltlich dürfte auch die angestrebte Graduate School of Social Science der Universität Bamberg für eine nachhaltige Wissenschaft von hohem Interesse sein. Sie widmet sich der Erforschung des Wandels von Governancestrukturen, der Herausbildung von Institutionen und der Ausprägung individuellen bürgerlichen Engagements im transnationalen Kontext widmet.

Bereits im Titel spiegelt sich der Nachhaltigkeitsbezug eines Graduiertenprogramms der HU Berlin wieder: „FutureLand Graduate School – The Transformation of Land Use to Sustainability“. In einer interdisziplinären Forschung von Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften sollen Lösungsstrategien für globale Herausforderungen im Angesicht von Klimawandel, abnehmender Biodiversität und zunehmender Landnutzungsintensität gefunden werden.

Nicht nur bei den Graduiertenschulen, sondern auch bei den in der ersten Runde erfolgreichen Exzellenzcluster finden sich vielversprechende Ansätze. So tritt die Universität Mainz mit einem Cluster an, der sich der Erforschung des „Anthropozän“ als neuem Erdzeitalter widmet. Es geht um die Untersuchung natürlicher Elementzyklen und geologischer Prozesse unter der Einflussnahme des Menschen.

Den Governance-Veränderungen im globalen Kontext widmet die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt Oder ein Exzellenzcluster: Unter dem Titel „B/ODERS IN MOTION“ solle eine Forschung etabliert werden, die sich den sozial-, kultur-, wirtschafts- und rechtswissenschaftlichen Implikationen der zunehmenden Diffusion nationaler Grenzen widmet. Diese Programm dürfte interessant sein hinsichtlich globalpolitischer Steuerungsmöglichkeiten zur Bekämpfung von nachhaltigkeitsrelevanten Krisen.

Auch bei den Exzellenzclustern bewegt sich die TU München im Themenfeld Nachhaltigkeit: Electro Mobility beyond 2020 ist ein multi- und interdisziplinäres Forschungskonzept, das den Herausforderungen einer zukunftstauglichen Mobilität begegnet: technologisch orientierte Forschung elektrischer Antriebe und neuer Speichertechnologien, jedoch mit dem Fokus auf die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, die Problemen von Stromnetzwerken und Speicherbegrenzungen auch auf nicht-technischem Wege begegnen.

„Resarch – Relevance – Responsibility“ heißt die Idee mit der die Universität Tübingen als Anwärter auf den Rang einer künftigen Eliteuniversität verbleibt. Durch die Einrichtung eines Zentrums für angewandte Wissenschaften soll der Bezug der Wissenschaften zur Realität bestärkt werden. Forschung und Lehre sollen auf diese Weise dahin gelenkt werden, dass sie Absolventen den verantwortungsbewussten und vor allen Dingen weltbezogenen Umgang mit ihrem Wissen vermitteln.

All dies sind Entwicklungen, die hoffnungsfroh stimmen könnten: Realitätsbezüge, Verantwortung und Zusammenarbeit jenseits disziplinärer Grenzen scheinen in der kommenden Runde der Exzellenzinitiative möglich zu sein.

Workshop „Vorausschauen. Neue Leitbilder für die Hochschulen“ der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen am 12.03.2011 in Berlin

Am 12.03.2011 diskutierten auf einem ganztägigen Workshop „Vorausschauen. Neue Leitbilder für die Hochschulen“ rund 60 Teilnehmer -darunter zahlreiche Vertreter(innen) deutscher Hochschulleitungen- im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages die Chancen und Risiken des laufenden Ausdifferenzierungsprozesses. Zentrale Fragen der Veranstaltung waren: Welche Aufgaben sollen die Hochschulen für die Gesellschaft und das Wissenschaftssystem, für Wirtschaft und Region, aber auch für die Hochschulangehörigen selbst erfüllen? Ist ein harmonischer Ausgleich zwischen Spitzenforschung und Breitenausbildung möglich? Welche Aufgaben fallen der Politik beim Ausdifferenzierungsprozess zu?

Veranstaltet wurde die Tagung von der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Neben den wissenschafts- und hochschulpolitischen Vertretern der Bundestagsfraktion waren fast alle hochschul- und wissenschaftspolitischen Sprecher(innen) der grünen Landtagsfraktionen anwesend.

Grundlage der Diskussionen bildeten dabei u.a. das aktuelle Gutachten des Wissenschaftsrates zur Differenzierung der Deutschen Hochschulen (Vortrag von Dr. Sabine Behrenbeck vom Wissenschaftsrat), die Erfahrungen von Unileitungen mit innovativen Differenzierungsstrategien (u.a. Rektor Prof. Dr. Ulrich Radtke/Uni Duisburg-Essen) sowie die Ergebnisse der ersten Auswertungen der Exzellenzinitiative (u.a. mit Prof. Dr. Stephan Leibfried, Sprecher der Arbeitsgruppe Exzellenzinitiative).

Das Leitbild einer nachhaltigen Hochschule spielte in den Diskussionen eine zentrale Rolle und fließt derzeit durchaus auch in die aktuellen Landtags-Wahlkämpfe ein (vgl. z.B. das Wahlprogramm der Grünen in Baden Württemberg, das dem Thema „Nachhaltige Hochschulen – Nachhaltige Wissenschaft – Nachhaltige Lehre“ drei Seiten widmet (S. 133 ff.).

Die Dokumentation der Gesamtveranstaltung findet sich hier.

Startschuss für eine nachhaltige Ausdifferenzierung – ein Kommentar zu den Entscheidungen in der Exzellenzinitiative

Seit Freitag ist klar, dass die Exzellenzinitiative auch in ihrer zweiten Runde ohne nachhaltigkeitsorientierte Gesamtkonzepte stattfinden wird. Der couragierte und äußerst differenzierte Zukunftskonzept-Entwurf der Universität Hamburg zur „Sustainable University“ hat keine Aufforderung zur Ausarbeitung eines endgültiges Antrages erhalten.

Damit wurde es verpasst, auch einer gesellschaftsorientierten Wissenschafts-Ausrichtung eine Chance im Rahmen der Exzellenzinitiative zu geben. Diese immer wichtiger werdende Ergänzung im deutschen Wissenschaftssystem muss mithin außerhalb der Exzellenzinitiativenkulisse stattfinden. Auf den ersten Blick ist das ernüchternd, auf den zweiten Blick stecken darin auch Chancen:

Einmal ist es eine unmittelbare Chance für die mittelgroßen Universitäten, die schon seit einiger Zeit auf ein Nachhaltigkeitsprofil in ihrer strategischen Ausrichtung setzen – vorne weg die Universitäten Lüneburg und Kassel. Ihre besondere Bedeutung für das Wissenschaftssystem wird durch die Entscheidungen vom Freitag wachsen. Durch eine intelligente Vernetzung ihrer Aktivitäten können sie ihre wissenschaftspolitische Wirkung noch stärken.

Es ist aber auch eine Chance für eine Reihe von Universitäten, die seit Freitag wissen, dass sie sich ab jetzt nicht mehr auf die Exzellenzinitiative konzentrieren müssen. Universitäten wie Duisburg-Essen, Dortmund, Osnabrück oder Wuppertal haben in den letzten Jahren viele interessante Elemente einer nachhaltigkeitsorientierten Wissenschaft entwickelt. Für sie könnte die Weiterentwicklung eines gesellschafts- und nachhaltigkeitsorientierten Wissenschaftsprofils eine interessante Differenzierungschance darstellen.

Die Entscheidung wirkt aber auch auf der Ebene ganzer Bundesländer zurück:

Das Land Hessen weiß seit Freitag, dass es auch künftig keine „Eliteuniversität“ beherbergen wird – trotz der eindrucksvollen Exzellenzcluster und Graduiertenkollegs-Leistungen seiner Universitäten Frankfurt, Darmstadt oder Gießen. Dies ist eine Gelegenheit, über die wissenschaftspolitische Positionierung des Landes nachzudenken. Und dabei auch über den Stellenwert von „Gesellschaftsorientierung“ – zumal das Land Hessen im Rahmen seiner Nachhaltigkeitsstrategie in den Hochschul-Zielvereinbarungen als erstes Land diese Dimension fest für alle Hochschulen verankert hat und zudem mit der Universität Kassel sowie Instituten wie dem Institut für sozial-ökologische Forschung über Vordenker-Organisationen im Feld verfügt.

Die neue Landesregierung in Hamburg ist nach den Entscheidungen des Wissenschaftsrates ebenfalls gefordert, ihre künftige Wissenschaftsstrategie zu überdenken. Als Umwelthauptsstadt Europas und vielen Ansatzpunkten für eine nachhaltige Metropole würde es Hamburg gut anstehen, wenn es seine Wissenschaftspotenziale noch stärker für eine entsprechende Positionierung nutzt. Es ist daher zu hoffen, dass die Universität Hamburg ihr wegweisendes Nachhaltigkeitskonzept auch außerhalb der Exzellenzinitiative weiter vorantreibt.

Nordrhein-Westfalen als größtes Bundesland hat die herausragende Chance, das Zusammenspiel von exzellenter Grundlagenforschung und nachhaltigkeitsorientierter Anwendungsforschung vorzuleben. Neben der RWTH-Aachen sind jetzt mit den Universitäten Köln und Bochum zwei weitere Eliteuniversitätskandidaten im Rennen. Schon heute klappt der Brückenschlag zwischen Grundlagenforschung und problemorientierter Anwendungsforschung in NRW in wichtigen Feldern wie der Energie- und Klimaforschung. Dies ließe sich intensivieren. Die Universitätsallianz Metropole Ruhr (UAMR) könnte dafür ein Versuchsort mit Vorbildcharakter sein. Hier treffen sich der „Elitekandidat“ Bochum mit den herausragenden inter- und transdisziplinären Potenzialen der Universitäten Duisburg-Essen und Dortmund (vgl. z.B. BMBF Spitzencluster „Effiziencluster LogistikRuhr“ oder Profilschwerpunkte wie den Urbanen Systemen in Duisburg-Essen), ergänzt um Leuchtturminstitutionen wie dem Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen, das mit seinen Arbeiten zur Klimakultur zentrale Akzente in der Umwelt- und Klimadebatte gesetzt hat. Und dies passiert in einem Umfeld mit idealtypischen „Realexperimentcharakter“ – wie z.B. der Innovation City Ruhr, bei der exemplarisch am Beispiel Bottrops eine CO2-Reduktion um 50% in 10 Jahren umgesetzt und als Muster zusammen mit vielen weiteren Ruhrgebietsstädten entwickelt werden soll.

Es ist zu hoffen, dass die Standorte, die seit Freitag wissen, dass sie Ihre Zukunftsplanung künftig befreit vom Blick auf die Schlange „Exzellenzinitiative“ gestalten können, diese Chance für intelligente Differenzierungsstrategien nutzen.

Zukunftskonzept der Nachhaltigen Universität Hamburg leider nicht zur endgültigen Antragstellung in der Exzellenzinitiative aufgefordert

Die Universität Hamburg hatte in ihrer Antragsskizze für die 3. Linie der Exzellenzinitiative als erste große deutsche Universität konsequent auf das Konzept einer Nachhaltigen Universität gesetzt. Leider ist die Skizze in der heutigen Auswahlrunde von Wissenschaftsrat und DFG nicht zur endgültigen Antragsstellung aufgefordert worden. Obwohl das Konzept selber von den Gutachtern für visionär gehalten wurde, führte insbesondere Skepsis bzgl. des Entwicklung des Wissenschaftsstandortes Hamburg insgesamt dem Vernehmen nach zur Ablehnung (vgl. hierzu auch die Pressemeldung der Universität Hamburg sowie die Meldung des Nachhaltigkeitsrates). Es ist zu hoffen, dass die Universität Hamburg sich von dieser Entscheidung nicht entmutigen lässt und die Umsetzung des wegweisenden Konzeptes auch unter den anderen Randbedingungen weiter vorantreibt.

Universität Hamburg geht mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ als Zukunftskonzept in die nächste Runde der Exzellenzinitiative

Die Universität Hamburg setzt mit ihrem Zukunftskonzept (3. Linie) in der Bewerbung für die kommende Runde der Exzellenzinitiative auf das Thema Nachhaltigkeit. Der Antrag für die 3. Förderlinie heißt „Zukunftskonzepte zum projektbezogenen Ausbau der universitären Spitzenforschung Universität Hamburg: Seeking Knowledge for a Sustainable Future“ und soll mit einem Partnernetzwerk deutscher und skandinavischer Universitäten umgesetzt werden. Dies verspricht spannende Impulse für die Diskussion um eine Nachhaltigkeitsausrichtung von Hochschulen in Deutschland.