Verdrängt eine transformative Wissenschaft die Grundlagenforschung?

Die Diskussion über eine „transformative Wissenschaft“ löst in Diskussionen immer wieder eine Reihe von Sorgen und Bedenken sowie Fehlwahrnehmungen aus. 12 der wichtigsten Fehlwahrnehmungen greifen wir auf dem Blog sowie im Buch „Transformative Wissenschaft“ (S. 377 f.) auf:

„Eine große Sorge vieler Akteure im Wissenschaftssystem ist die Verdrängung von Grundlagenforschung durch die Forderung nach mehr Gesellschaftsorientierung im Wissenschaftssystem. Je nach Schätzung sind in Deutschland und Europa nur rund 10%-15% aller Forschung Grundlagenforschung im eigentlichen Sinne. Die Bewältigung vieler „großer Herausforderungen“ bedarf daher eher einer Ausdehnung von Grundlagenforschung als einer Reduktion. Deswegen hat z.B. die Max-Planck-Gesellschaft als die zentrale deutsche Organisation für Grundlagenforschung erst vor kurzem ein neues „Institut für chemische Energiekonversion“ gegründet, um damit einen Beitrag zur Begleitung der Energiewende zu leisten.

Das Programm einer „transformativen Wissenschaft“ zielt nicht auf eine Rückführung von Grundlagenforschung, es fragt vielmehr nach der Ausrichtung der bestehenden problembezogenen Forschung: Wer ist wie in die Definition anwendungsorientierter Forschungsprogramme einbezogen? Wie lassen sich neben wirtschaftlichen auch weitergehende gesellschaftliche Interessen berücksichtigen? Gibt es das richtige Gleichgewicht von technologischen und nicht-technologischen Lösungsperspektiven? Liegen die geeigneten Ansätze der Wissensintegration vor – zwischen Disziplinen, zwischen Grundlagen- und problembezogener Forschung, zwischen wissenschaftlichem und Akteurswissen? (Vgl. zur vertieften Betrachtung dieser Überlegungen im Buch Transformative Wissenschaft insbesondere die Ausführungen zur „disziplinierten Interdisziplinarität in transdisziplinären Prozessen“ auf S. 46 ff. sowie zur Max-Planck-Gesellschaft auf den Seiten 180 ff.)“ (S. 377/378).

Weitere der 12 Fehwahrnehmungen finden Sie im Buch „Transformative Wissenschaft“ auf den Seiten 377 ff.

Das Buch „Transformative Wissenschaft“ und die begleitende Diskussion zur Weiterentwicklung des deutschen Wissenschaftssystems – eine Übersicht

Link zum Buch beim Metropolis-Verlag, bei FairBuch.

Wohin geht eigentlich unsere Forschungsförderung?

Deutschland investierte 2012 insgesamt ca. 70 Milliarden Euro (2,82% seines Bruttoinlandsprodukt) in die Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen. Die Studie Transformative Wissenschaft zeigt, wie diese Gelder verteilt werden und welche Rolle darin eine Forschung für Nachhaltigkeit einnimmt.

„Rund zwei Drittel der Aufwendungen werden in Forschungsprojekten innerhalb der deutschen Industrie erbracht und davon rund 77% in den Sektoren Fahrzeugbau (37% der gesamten Industrie- F&E-Aufwendungen), der Elektroindustrie, der Chemie, der Pharmaindustrie und des Maschinenbaus. Der zentrale Anteil der Forschungsanstrengungen in Deutschland ist daher unmittelbare technologische Forschung in den deutschen Schlüsselindustriesektoren.“ (S. 141)

Eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Verteilung der Forschungsförderung findet sich im Buch auf den Seiten 139-166.

Das Buch „Transformative Wissenschaft“ und die begleitende Diskussion zur Weiterentwicklung des deutschen Wissenschaftssystems – eine Übersicht

Link zum Buch beim Metropolis-Verlag, bei FairBuch.

Kann man nachhaltige Entwicklung durch Forschung fördern? Thesen zu Rolle und Aufgaben der Forschungsförderung – Beitrag von Peter Moll

Auf der SAGUF-Tagung „Welche Forschung führt aus der Krise“ am 07.06.2011 in Bern hat Peter Moll einen Vortrag zu Rolle und Aufgaben der Forschungsförderung im Kontext Nachhaltiger Entwicklung gehalten. Der Vortrag findet sich zum Download am Ende dieses Beitrages.

Peter Moll koordiniert die EU-Initiative RD4SD (Research and Development for Sustainable Development), in der derzeit die nachhaltigkeitsorientierten Förderanstrengungen von Wissenschaftsministerien in insgesamt 18 europäischen Ländern diskutiert und Perspektiven für künftige Förderstrategien entwickelt werden.

In der Diskussion spielt dabei zunehmend die Forderung nach einem „3-Säulen-Modell“ eine zentrale Rolle. Neben die beiden Pole „Grundlagenforschung“ und „Anwendungsforschung“ sollte konsequent eine Ziel-orientierte Forschung gestellt werden (vgl. die Abbildung zum 3-Säulen-Modell).

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Abb: 3-Säulenmodell der Forschungsförderung. Quelle: Moll 2011

Neben eine „Forschung über“ tritt eine „Forschung für“ (in diesem Fall für Nachhaltige Entwicklung). Damit greift Moll Forderungen auf, wie Sie auch der WBGU in seinem aktuellen Hauptgutachten formuliert hat. Eine solche 3. Säule könnte vermeiden, dass entsprechende transdisziplinäre Forschungsansätze weiterhin zwischen dem Raster von „Grundlagenforschung“ einerseits und „Anwendungsforschung“ andererseits hindurchfallen, handelt es sich bei vielen der hier beschriebenen Forschungsansätze (wie z.B. bei der vom WBGU eingeforderten „Transformationsforschung“) häufig um eine „anwendungsorientierte Grundlagenforschung“.

Peter Moll ist für Rückfragen und Kommentare unter der E-Mail-Adresse moll@science-development.de zu erreichen.

Die Folien zum Vortrag von Peter Moll stehen hier zum Download bereit:

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