Reformvorschlag 18: Studentisches Nachhaltigkeits-Engagement anerkennen

Im Buch „Transformative Wissenschaft“ bieten über 30 Reformvorschläge Impulse, wie ein Umsteuern im Wissenschaftssystem möglich ist. Diese werden im Laufe der kommenden Wochen hier vorgestellt. Bei den Reformvorschlägen, die bereits in dem Buch „Nachhaltige Wissenschaft“ 2009 publiziert wurden, werden die Entwicklungen der vergangenen vier Jahre nachgezeichnet.

Studentisches Nachhaltigkeits-Engagement anerkennen

In vielen Veranstaltungen wird studentisches Engagement bereits mit ECTS/Kreditpunkten honoriert – z.B. wenn Studierende im Rahmen von Service-Learning-Veranstaltungen in sozialen Einrichtungen mit- arbeiten. Dieses Modell kann weiter ausgedehnt und damit die Aner- kennung studentischen Engagements gefördert werden, sowie die erworbenen informellen Kompetenzen für den Studienabschluss nutzbar gemacht werden. Die offizielle Anrechnung studentischen (Nachhaltigkeits-) Engagements insbesondere in General-Studies Mo- dulen oder Angeboten des Service-Learnings ist für immer mehr Hoch- schulen ein erfolgreicher Weg der Anerkennung informell erworbener Kompetenzen. Beispielsweise hat die Universität des Saarlandes im Sommer 2011 in ihrer Prüfungsordnung eine Anerkennung studentischen Engagements in Gremien etc. in Form von ECTS-Punkten verankert. Diese Ansätze gilt es bundesweit zu stärken.

Weitere der 31 Reformvorschläge und deren Entwicklung seit 2009 finden Sie im Buch „Transformative Wissenschaft“.

Das Buch „Transformative Wissenschaft“ und die begleitende Diskussion zur Weiterentwicklung des deutschen Wissenschaftssystems – eine Übersicht

Link zum Buch beim Metropolis-Verlag, bei FairBuch.

Heute Petition gestartet zum Forderungspapier: Für eine nachhaltige Hochschullandschaft (Netzwerk studentische Nachhaltigkeitsinitiativen)

Liebe Leserinnen und Leser,

im letzten Dezember haben sich in Berlin verschiedene studentische Nachhaltigkeitsinitiativen mit Unterstützung der AG Hochschule und der UNESCO getroffen, um dort über „Hochschulen und Nachhaltigkeit“ zu diskutieren und daraus Forderungen und Wünsche abzuleiten.
Das Ergebnis ist ein Forderungskatalog, der auszugsweise am darauffolgenden Tag auch bei der Tagung „Hochschulen für nachhaltige Entwicklung“ vorgestellt wurde.

Nun liegt er final zum download vor.
Weiterhin haben wir nun die Projektwebseite www.nachhaltige-hochschulen.de eingerichtet, auf der wir ab heute zum Unterzeichnen einer Petition zum Forderungspapier aufrufen. Die Form der „Petition“ hat unter anderem zum Ziel, zu zeigen, wie viele Menschen und welche Zielgruppen sich für eine nachhaltige Entwicklung an Hochschulen interessieren/diese unterstützen.

Wir hoffen, dass auch Sie, liebe LeserInnen dieses Blogs, den Wunsch nach größerem Engagement für eine nachhaltigere Hochschulandschaft teilen und deshalb unsere Petition zeichnen.

Herzlichen Dank im Namen der Nachhaltigkeitsinitiativen

Steffi Wölfle von der Initiative für Nachhaltigkeit

Greening the University – Nachhaltige Entwicklung der Universität Tübingen

Greening the University ist nicht nur programmatisches Ziel, sondern auch der Name einer Studierendeninitative an der Universität Tübingen, die mit einer „bottom-up“-Strategie daran arbeitet, die Universität zu einem Ort in nachhaltiger Entwicklung zu machen. Sie soll dabei sowohl als Lebens- und Arbeitsraum wie auch als Ort für Lehren, Lernen und Forschen wahrgenommen werden. Zum einen initiierte und begleitet die Initiative das universitäre Umweltmanagement und die Validierung nach EMAS. Zum anderen organisieren die Aktiven das „Studium Oecologicum“, ein Seminar- und Vorlesungsangebot für Bildung für nachhaltige Entwicklung. Für ihr Engagement wurde die Initiative als offizielles Projekt der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgezeichnet und informierte über ihr Vorgehen mit Vorträgen und Diskussionen bei Initiativen an anderen Hochschulen. Im Folgenden berichten die Studierenden über ihre Erfahrungen:

Greening the University – der Start
Gegründet im Herbst 2007 auf Initiative des damaligen AStA-Umweltreferenten widmeten wir uns zunächst der inhaltlichen Arbeit, die schließlich im Juni 2008 in ein Symposium „Perspektiven für eine nachhaltige Hochschule“ an der Universität Tübingen [1] mündete, die – allein organisiert von der Studierendeninitiative – den weiteren Nachhaltigkeitsprozess anstieß.
Auf dem Symposium wurden zwei Themenfelder definiert, die in dieser Form bis jetzt unser Engagement und damit auch das der Universität prägen: Zum einen wurden umweltgerechtes Handeln und Umweltmanagementsysteme thematisiert, zum anderen Bildung für nachhaltige Entwicklung als Querschnittsthema des universitären Lehrens und Lernens diskutiert.

Nach inhaltlichen Inputvorträgen wurden in verschiedenen Workshops die Leitideen für das zukünftige Vorgehen in Tübingen entwickelt. Als ReferentInnen waren ExpertInnen von der HIS (Hochschul-Informations-System GmbH) sowie von Hochschulen in Bremen, Lüneburg, Dresden und Nürtingen anwesend. Gezielt wurde darauf geachtet, neben Studierenden und DozentInnen auch die universitäre Verwaltung und Interessierte aus der Region einzubinden – dieser partizipative Charakter bildete einen Grundstein des späteren Engagements. Zusätzlich trugen PolitikerInnen, angefangen beim Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer über die Landesumweltministerin Tanja Gönner bis hin zum ehemaligem Direktor des UNEP und Bundesumweltminister a.D., Prof. Dr. Klaus Töpfer, mit Vorträgen zu dem Symposium und vor allem zur Öffnung für ein breites (auch außeruniversitäres) Publikum bei. Die Inhalte und Ergebnisse des Symposiums wurden als Buch veröffentlicht [2], das für uns inhaltlich zur Grundlage unseres Engagements wurde.

EMAS-validiertes Umweltmanagementsystem
Im Verlauf des Symposiums verkündete der Rektor der Universität, Prof. Dr. Engler, den Beschluss zur Einführung eines EMAS-validierten Umweltmanagementsystems [3]. In Folge des Symposiums wurde die Stelle einer Umweltkoordinatorin geschaffen, die als zentrale Ansprechpartnerin für das universitäre Umweltmanagementsystem fungiert. Die notwendige Umweltbilanzierung der Universität wurde erstmalig seit Jahren wieder durchgeführt; die Umweltleitlinien [4] in Zusammenarbeit zwischen Rektorat und Studierendeninitiative entworfen.
Im Juli 2009 startete der EMAS-Validierungsprozess offiziell, der in der Anlaufphase auch vom Landesumweltministerium finanziell unterstützt wird [5]. Inzwischen ist die Phase der ersten internen Umweltbegutachtung im Rahmen der EMAS-Validierung abgeschlossen. Nach der externen Begutachtung steht aus unserer Sicht dem EMAS-Prozess mit seinem Zyklus aus Umweltprüfung, Setzung von Zielen, konkretem Umweltmanagement, dem öffentlichen Umweltbericht und externer Begutachtung nichts mehr im Wege. Die Studierendeninitiative versteht sich hier als Teil dieses dauerhaften und kontinuierlichen Prozesses, der zum einen darauf achtet, die Ziele innerhalb des EMAS-Prozesses ambitioniert zu gestalten, und zum zweiten dazu beiträgt, die Bekanntheit und Akzeptanz des Umweltmanagements an der Universität Tübingen zu verstärken.

Studium Oecologicum – Veranstaltungen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung
Aus den Diskussionen auf dem Symposium heraus setzten wir uns ein weiteres langfristiges Ziel: Die Perspektive der nachhaltigen Entwicklung soll in alle (modularisierten) Studiengänge integriert werden. In einer kurzfristigeren Planung wurden für uns zwei zentrale Überlegungen leitend: Zum einen musste das Veranstaltungsangebot als Querschnittsthema Studierenden aller Fachrichtungen offen stehen und möglichst auch für das kurrikulare Studium verwendbar sein, zum anderen sollten auch freiere und diskursivere Lehr- und Lernformen Eingang finden und somit ein Beispiel für Bildung für Nachhaltige Entwicklung darstellen.
Als Anknüpfungspunkt an der Universität Tübingen bot sich vor diesem Hintergrund das Programm des „Studium Professionale“ [6] an, in dessen Rahmen Studierende aller Fachrichtungen Schlüsselqualifikationskurse absolvieren. Mit finanzieller Unterstützung des „Studium Professionale“ organisierten wir im Sommersemester 2009 vier Seminare inklusive einer Zukunftswerkstatt. Im Wintersemester 2009/10 wurde dieses Seminarangebot auf 9 Kurse ausgebaut [7]. In beiden Semestern wurden die Kurse sehr gut von den Studierenden angenommen; aufgrund überbuchter Kurse mussten sogar BewerberInnen abgewiesen werden.
Die Kursinhalte decken sowohl konzeptionelle Inhalte der nachhaltigen Entwicklung (z.B. „Bildung für nachhaltige Entwicklung“) und ihre dialogische Wechselwirkung mit Fachdisziplinen (z.B. „Literatur(wissenschaft) und Ökologie“) ab als auch kontextbezogene Anwendungsbereiche wie „Betriebliches Umweltmanagement von der Theorie in die Praxis“ oder „Klimawandel – die Prognosen verstehen“. Zentrales Element aller Kurse ist die Vermittlung von Orientierungswissen und Gestaltungskompetenz; das „Studium Oecologicum“ versteht sich dabei als Beitrag zu einer umfassenden Bildung, die die Studierenden zu eigenverantwortlichem und bewusstem Handeln in Unsicherheit und Komplexität befähigen will.
Als Ergänzung dieses Seminarprogramms organisieren wir im aktuellen Wintersemester 2009/10 die Ringvorlesung „Wissenschaften im Spiegel der Nachhaltigkeit – Nachhaltigkeit im Spiegel der Wissenschaften“ im Rahmen des „Studium Generale“ [8] an der Universität Tübingen. Die Vorlesungsreihe geht der Frage nach, wie nachhaltige Entwicklung einerseits als Leitbild in verschiedenen Wissenschaften fungiert, andererseits aber auch mit fachdisziplinären Perspektiven weiterentwickelt wird. Das Spektrum der vertretenen Disziplinen wurde dabei bewusst weit gewählt, neben den Disziplinen der Ethik, Ökologie und Ökonomie kommen unter anderen auch Vertreter der Literatur-, Politik- und Rechtswissenschaft zu Wort [9]. Mit der Reihe wollen wir zeigen, dass die Perspektive der nachhaltigen Entwicklung als echtes Querschnittsthema an der Universität verankert werden kann – die Dokumentation dieser Reihe wird im Laufe des Jahres 2010 in Buchform erscheinen.

Das weitere Engagement der Studierendeninitiative in diesem Bereich richtet sich vor allem auf die Verstetigung und Institutionalisierung dieses Kursprogramms. Unser spezielles Augenmerk gilt dabei der Qualitätssicherung und Verstärkung des Veranstaltungsangebots, die nur Hand in Hand den Ansprüchen eines starken Nachhaltigkeitsgedankens genügen können. Das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung muss in den Fachbereichen verankert werden, das übergreifende Veranstaltungsangebot auch konzeptionell weiterentwickelt werden. Darüber hinaus sind einzelne und einmalige Veranstaltungen und Workshops zu Themen rund um nachhaltige Entwicklung in Planung, die das regelmäßige Programm ergänzen sollen.

Studentisches Engagement an Universitäten – konkrete Erfahrungen
Das Engagement von Studierenden steht vor einem grundsätzlichen Dilemma: Einerseits geht es darum, Dinge grundsätzlich anders zu denken und zu gestalten, andererseits ist Umsetzung immer auch an vorhandene Strukturen gekoppelt, die mitgedacht werden müssen.
Einerseits lässt sich mit ideellen Forderungen, deren Umsetzung nicht mitgedacht wird, wenig bewegen. Andererseits kann es nicht Aufgabe einer Studierendeninitiative sein, der Universität dauerhaft organisatorische Aufgaben abzunehmen – allein die Mitgliederfluktuation durch kürzere Studienzeiten und Auslandsaufenthalte sowie die mangelnde finanzielle Grundausstattung machen ein solches Unterfangen unmöglich.
Unser Engagement zwischen den beiden Polen der Fundamentalkritik und des Einverleibtseins richtete sich deshalb bisher konkret an drei Begriffen aus: Kritische Begleitung, Innovation und Institutionalisierung. Wir verstehen uns als Motor der universitären Umgestaltung im Hinblick auf nachhaltige Entwicklung, kommentieren dabei sachlich vorhandene Bemühungen und zeigen mit Pilotprojekten Möglichkeiten auf. Dabei behalten wir jedoch stets die langfristige Einbindung unserer Projekte in vorhandene universitäre Strukturen im Blick, auch wenn damit unser eigener Gestaltungsspielraum eingeschränkt wird.
Die Kooperation und der Dialog mit Studierenden, DozentInnen und der Hochschulleitung sind dabei ebenso wichtig wie die Interaktion mit politischen Akteuren aus Kommunal-, Umwelt- und Bildungspolitik sowie der Presse. Studentisches Engagement steht hier aber immer vor dem Problem und der Chance, dass erst Kontaktpersonen gefunden und Vertrauen geschaffen werden muss, dass die Flexibilität und Basisdemokratie einer Studierendeninitiative auf gefestigte Strukturen in Verwaltung und Gesellschaft trifft. Unsere Ergebnisse sind unsere einzige Visitenkarte, auch wenn unsere Vision und die unzählbaren Stunden rein ehrenamtlicher Arbeit darin kaum sichtbar werden. Nachhaltige Entwicklung mit ihrer partizipativen und diskursiven Struktur nicht nur als Zielvorgabe zu begreifen, sondern auch in dem eigenen Vorgehen zu etablieren, zeigt sich vor diesem Hintergrund als notwendiges und gleichzeitig sehr anspruchsvolles Ziel.
Der Weg unserer Studierendeninitiative ist nur gangbar, weil sich viele Engagierte finden, die über Disziplinengrenzen und Weltvorstellungen hinweg mitgehen. Doch der Weg ist steinig – und diese Tatsache zeigt, wie weit es noch ist hin zu einer partizipativen, inter- und transdisziplinären, sozial- und umweltgerechten Universität – einer Universität in nachhaltiger Entwicklung.

Informationsquellen:
[1] Kurzbericht über das Symposium „Greening the University“: http://www.greening-the-university.de/index.php/symposium-2008
[2] Studierendeninitiative Greening the University e.V., 2009: „Greening the University – Perspektiven für eine nachhaltige Hochschule“, oekom, München, ISBN: 3865811329
[3] Informationsseite des Umweltgutachterausschusses des BMU: http://www.emas.de
[4] Umweltleitlinien der Universität Tübingen (veröffentlicht in den Amtlichen Bekanntmachungen Nr. 8/2009 vom 10.08.2009): http://www.uni-tuebingen.de/uploads/media/UmweltleitlinienUniversit%C3%A4tT%C3%BCbingen.pdf
[5] Pressemitteilung der Universität Tübingen zur Einführung des Umweltmanagementsystems nach EMAS (15.07.2009): http://www.uni-tuebingen.de/uploads/media/09-07-15EMAS_Umweltmanagement.pdf
[6] Webseite des Studium Professionales in Tübingen: http://www.uni-tuebingen.de/einrichtungen/zentrale-einrichtungen/akademisches-beratungszentrum-abz/career-service/studium-professionale-kurse.html
[7] Zusammenfassungsseite des Seminarprogramms „Studium Oecologicum“: http://www.greening-the-university.de/index.php/studium-oecologicum
[8] Übersichtsseite zu dem Ringvorlesungsangebot Studium Generale an der Universität Tübingen: http://www.uni-tuebingen.de/aktuell/studium-generale.html
[9] Zusammenfassungsseite der Ringvorlesungsreihe „Wissenschaften im Spiegel der Nachhaltigkeit – Nachhaltigkeit im Spiegel der Wissenschaften“: http://www.greening-the-university.de/index.php/studium-generale

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