Nachhaltige Wissenschaft messen? – Ansatzpunkte für eine Operationalisierung

Wie lässt sich der Stand einer Nachhaltigkeitswissenschaft im deutschen Wissenschaftssystem feststellen? Wie läßt sich beobachten, ob einzelne Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen Fortschritte auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeitsorientierung machen? Dies sind bisher weitgehend unbeantwortete Fragen, da die Darstellung nachhaltigkeitsbezogener Forschung und Lehre selbst in den Nachhaltigkeitsberichten der Pionierinstitutionen nur qualitativ und anekdotenhaft anhand einzelner Beispiele erfolgt.

Das hat mehrere Gründe:
o Die Unklarheit darüber, wie „Nachhaltige Forschung“ und „Nachhaltige Lehre“ überhaupt abgegrenzt werden können. Je unterschiedlicher die Abgrenzungen, desto schwieriger verbindliche Operationalisierungen.
o Das Fehlen von Berichtssystemen und Kennzahlen, die Forschung und Lehre aus der spezifischen Perspektive der Nachhaltigkeit wahrnehmen.
o Eine grundsätzliche Zurückhaltung, die Forderung nach einer qualitativ neuen Ausrichtung von Forschung und Lehre in quantitativen Dimensionen zu fassen

Im folgenden werden drei Thesen formuliert, die für eine Quantifizierung des Nachhaltigkeitsstandes in einzelnen Wissenschaftsinstitutionen sowie dem Wissenschaftssystem insgesamt plädieren:

1. Ohne Quantifizierung keine Fortschrittskontrolle. Auch Unternehmen sind in ihren Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichten mit anekdotenhaften Berichten über erfolgreiche Prozess- und Produktinnovationen gestartet und dafür zurecht kritisiert worden. Nur über die Definition von Indikatoren ist im Zeitablauf feststellbar, ob sich nachhaltige Forschungs und Lehransätze wirklich in wissenschaftlichen Einrichtungen ausbreiten. Die hochschulinterne Diskussion über konkrete Indikatoren hilft zudem, sich differenziert über das Nachhaltigkeitsverständnis der eigenen Institution zu verständigen.

2. Sowohl für den Bereich Forschung als auch für den Bereich Lehre sind solche Indikatoren zu definieren – sowohl absolute als auch relative Indikatoren. In der Forschung liegen dazu gute Vorschläge vor. Gerade die Festlegung solcher Indikatoren ist ein guter Weg, um sich über das Nachhaltigkeitsverständnis der eigenen Institution bewusst zu werden.

3. Die Erfassungs- und Controllingssysteme in den meisten Wissenschaftseinrichtungen sind auf die entsprechenden Indikatoren hin noch nicht ausgerichtet. Dieses ist jedoch mit relativ einfachen Anpassungen möglich.

In einem studentischen Projekt im Rahmen des Masterstudienganges „Sustainability Economics and Management“ an der Universität Oldenburg werden aktuell entsprechende Indikatoren für Nachhaltigkeits- Forschung und Lehre entwickelt und implementiert. Die dort gemachten Erfahrungen sollen anderen Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen Anregungen für eine Übertragung geben. Die dort entwickelten Indikatoren werden im Laufe des Februars auf dem Weblog vor- und zur Diskussion gestellt.

Der grüne Weg zu mehr Profil – Schwerpunktthema in der DUZ 1/2010

In ihrer Januarausgabe (1/2010) stellt die Deutsche Universitätszeitung (DUZ) unter dem Titel „Der grüne Weg zu mehr Profil“ die umweltorientierten Profilbildungsstrategien mittelgroßer Universitäten vor. Konkret werden die Universitäten Kassel, Lüneburg und Oldenburg porträtiert. Der Beitrag zeigt auf, warum im Umwelt- und Nachhaltigkeitsthema gerade für mittelgrosse Universitäten ein besonderes strategisches Potenzial steckt. Die Beiträge des Schwerpunktes zum Download als pdf finden Sie hier:

Niedersachsen: Federführende Rolle mit fehlender politischer Integration?

Niedersachsen kann aktuell als das Zentrum einer Nachhaltigkeitsorientierung im deutschen Wissenschaftssystem betrachtet werden. Es verfügt mit der Universität Oldenburg und insbesondere der Universität Lüneburg über zwei Universitäten, die sich in den letzten Jahren gezielt strategisch im Hinblick auf eine transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung hin ausgerichtet haben. Zudem bestehen umfassende Zentren einer interdisziplinären Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung auch an anderen Hochschulen wie der Universität Göttingen (Öko-Systemforschung, Klimafolgenforschung), der Universität Osnabrück (Umwelt-Systemanalyse), der TU Clausthal, der Universität Hannover (regenerative Energieforschung) oder der TU Braunschweig (Verkehrs- und Mobilitätsforschung).

Hinzu kommt, dass die Themenfelder „Regenerative Energien, insb. Windenergie“ sowie „Klimaschutz- und Anpassung“ für Niedersachsen als Küstenland von zentraler Bedeutung für die weitere (ökonomische) Landesentwicklung sind. Mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU, Osnabrück) und der VW-Stiftung (Hannover) ist Niedersachsen zudem Sitzland zwei der potentesten Wissenschaftsstiftungen, die gleichzeitig zentrale Schwerpunkte im Bereich der umweltbezogenen Forschungsförderung (insb. DBU) besitzen.

Trotz dieser herausragenden Ausgangsbedingungen ist die Nachhaltigkeitsorientierung kein dominantes Moment der niedersächsischen Wissenschaftsstrategie. Dabei würde gerade hierin eine gewaltige Positionierungschance gegenüber den wissenschafltlich und wirtschaftlich starken „Südländern“ liegen – getreu der Perspektive: der Norden forscht und lehrt schon fürs „Übermorgen“.

Im Kontext der unterschiedlichen politischen Klima- und Nachhaltigkeitsaktivitäten des Landes (Regierungskommission Klimaschutz, Nachhaltigkeitsallianz) ließe sich evtl. eine „Lower Saxony Sustainable Science Center“ initiieren, das die hervorragenden Potenziale des Landes noch besser koordiniert.

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