Diskussionsbeitrag: Wie weit muss die Reform des Wissenschaftssystems gehen? Uwe Schneidewind antwortet auf den Aufsatz von Jürgen Mittelstraß in der FAZ vom 22.09.2014

Prof. Dr. Uwe Schneidewind
von Prof. Dr. Uwe Schneidewind
Wuppertal Institut für Klima, Energie und Umwelt
In der FAZ vom 22.09.2014 hat Jürgen Mittelstraß zu einem radikalen Neudenken der institutionellen Struktur des deutschen Wissenschaftssystems aufgerufen. Unter Rückgriff auf die „Verhältnisse, die es zum Tanzen zu bringen“ gilt, scheut sich Jürgen Mittelstraß nicht vor radikalen Reformvorschlägen: die Auflösung der Leibniz-Gemeinschaft, die Verkleinerung der Universitäten, der massive Ausbau der Fachhochschulen sind nur einige seiner Forderungen. Uwe Schneidewind antwortet auf diesen Aufsatz und wirft Jürgen Mittelstraß vor, in seiner Kritik nicht weit genug zu gehen. Die komplette Replik lesen sie hier:„Die Wissenschaft braucht eine neue Melodie“ oder warum das Wissenschaftssystem nicht nur einer Struktur- sondern auch einer Orientierungsrevolution bedarf

In der FAZ vom 22.09.2014 hat Jürgen Mittelstraß zu einem radikalen Neudenken der institutionellen Struktur des deutschen Wissenschaftssystems aufgerufen. Unter Rückgriff auf die „Verhältnisse, die es zum Tanzen zu bringen“ gilt, scheut sich Jürgen Mittelstraß nicht vor radikalen Reformvorschlägen: Auflösung der Leibniz-Gemeinschaft, Verkleinerung der Universitäten, massiver Ausbau der Fachhochschulen sind nur einige seiner Forderungen.Jürgen Mittelstraß geht es im Kern darum, der „materialen Idee“ von Wissenschaft eine institutionelle Form zu geben, die ihr eine angemessene Entfaltung ermöglicht. Mittelstraß bemängelt die verengte institutionelle Selbstbeschäftigung von Hochschulen und Forschungsorganisationen. Er kritisiert zu Recht, dass selbst der Wissenschaftsrat in seinem jüngsten Empfehlungen zur Zukunft des Wissenschaftssystems nicht mehr als ein „Weiter-so“ mit nur marginalen Verbesserungsvorschlägen vorgelegt hat. Der Blick auf die oft bemüht wirkenden Abgrenzungsdebatten zwischen unterschiedlichen Hochschultypen in der Hochschulrektor-enkonferenz oder zwischen den großen außeruniversitären Forschungseinrichtungen legen ein beredtes Zeugnis davon ab.Wissenschaft ist mehr als Erkenntnisgewinn und WohlstandsmotorMittelstraß´ Philippika gegen die institutionelle Erstarrung trifft einen zentralen Schwachpunkt des Wissenschaftssystems. Aber sie greift zu kurz, weil sie sich zu wenig mit der „Melodie“ auseinandersetzt, nach der die Verhältnisse künftig tanzen sollen. Denn nicht nur im Hinblick auf die institutionelle Verfasstheit steht das Wissenschaftssystem vor einem Umbruch, sondern auch bei der dahinter liegenden materialen Idee.

Zwei grundlegende Ideen von Wissenschaft spielen bei Mittelstraß und der aktuellen Wissenschaftsdiskussion eine Rolle: Wissenschaft als Ort des Erkenntnisgewinns. Mittelstraß diesbezüglichen Vorschlägen zur Stärkung der Universitäten oder der Max-Planck-Gesell-schaft ist hier wenig hinzufügen.

Ein zweite materiale Idee adressiert Mittelstraß eher implizit: Wissenschaft als Motor zur Wohlstandsmehrung. In seinem Lob für die Fraunhofer-Gesellschaft kommt diese Mission zum Ausdruck. Die konsequente Ausrichtung von Wissenschaft an ökonomisch-technologischer Verwertung, wie sie in der Fraunhofer-Gesellschaft idealtypisch umgesetzt ist, treibt neben dem losgelösten Erkenntnisgewinn die Wissenschaftsentwicklung in den letzten rund 200 Jahren.